Elternabend – Die Vorstellungsrunde

Die Elternschaft an sich, bringt neben dem puren Glück die Kinder knuddeln zu dürfen, auch die Verpflichtungen mit sich, die Kleinen zu füttern, artgerecht zu kleiden und für eine gute Ausbildung zu sorgen. Diese Ausbildung soll dann dafür sorgen, dass diese Kinder gut und abgesichert durchs Leben kommen und wiederum sie in die Lage versetzen, selbst Kinder zu zeugen, die sie dann knuddeln, füttern und ausbilden lassen können.

Das ist was wir Eltern wollen, oder?

Ein Nebenprodukt dieses immerwährenden Kreislaufs ist das zweifelhafte Privileg der Teilnahme an Schulfesten, Schulausflügen und Elternabenden.

Wenn bei uns in der Vorstadt Elternabend-Woche ist, legen alle weiterführenden Schulen die Elternabende auf den gleichen Termin, was in etwa die logistischen Fähigkeiten des gesamten Lehrer- und Direktorenkollegiums in unserer Vorstadt wiederspiegelt. Hat man nämlich wie wir, oder auch ein paar unserer Freunde, mehrere Kinder auf unterschiedliche Schulen verteilt, müssten wir uns, um uns überall als engagierte Eltern zu präsentieren, klonen können.

Scotty kann uns nicht beamen

Können wir aber nicht und deshalb ließen wir entweder mal einen dieser unterhaltsamen Abende ausfallen, oder teilten uns auf und traten ohne unsere bessere Hälfte in die jeweilige Kampfarena.

Das brachte mir in der Schule, in der ich nicht antrat, den Ruf einer Rabenmutter ein und mein Mann heimste zeitgleich ein paar Flirtversuche von einigen der anwesenden Solomamis ein. Mein Solo in der anderen Schule brachte mir, die Welt ist ungerecht, leider keine Schäkereien ein. Mich bedachte man mit einem abschätzigen Wenn-Du-nicht-so-ein-Drachen-wärst-wäre-Dein Gatte-sicherlich-hier-Seitenblick. Ich kann hier leider nicht niederschreiben, was ich davon hielt, sonst müsste ich mir mit der Schreibhand den Mund mit Seife auswaschen.

Mein Apotheker hat auch Kinder auf diesen Schulen

Dieses eine Mal waren wir jedoch zusammen unterwegs gewesen. Gottseidank war ich auf diesen Abend gut vorbereitet. Mein Apotheker und ich hatten am Tag zuvor ein Überlebens-Kit zusammengestellt:
20 Kopfschmerztabletten 600 Gramm Ibuprofen Minimum, Rescue Tropfen (schaden können sie ja nicht), Knetball für die Führhand bei aufkeimender Aggression, Hühneraugenpflaster, weil mein Mann mir voraussichtlich mindestens drei Mal auf den Fuß treten wird, um mich ruhig zu stellen. 

Papis Prinzessin und was bekomme ich?

Da saßen wir nun alle, auf unbequemen Holzstühlen. Vor uns standen auf den verschmierten Tischen, Namensschilder, von unseren Kindern liebevoll bemalt. Auf meinem Schild stand in großen schwarzen Buchstaben MAUSI* und das „I“ war verziert mit lustigen Schielaugen. In der unteren, rechten Ecke hatte meine Tochter noch etwas mit Kugelschreiber dazugekritzelt: „Hände weg von meinen Heften, Mutter!!!!!“. Wie niedlich! Auf das Schild für meinen Mann hatte sie in Pink, mit Filzstift die Worte „Papas Prinzessin“ gemalt. Mein Mann schaute beglückt. Das Leben ist sooo ungerecht…

Neue Lehrer, neues Glück oder neue Probleme

Voller Ungeduld warteten wir auf unsere Programmmacher. Es sollte sich ein neues Lehrerteam präsentieren. Davon Einer komplett unerfahren, was das Klassenlehrerdasein betrifft, der Zweite hatte immerhin schon ein Jahr als Kopilot hinter sich. Man hatte ja bereits das eine oder andere, gerüchteweise, von den beiden gehört. Es dürfte spannend werden.

Da kamen sie durch die Tür, jung und dynamisch. Das Profi-Lehrerteam stellte sich vor. „N’Abääänd – mein Name ist Horst Drömldoof und ich bin ihr Lehrer… äh, also der von ihren Kindern. Am besten wir machen eine Vorstellungsrunde. Wer will denn mal anfangen?“ Und dann noch, viel zu spät, um noch höflich zu wirken: „Oh, ach ja, das ist mein Kollege Herr Straithforeward. “ (Anm. d. Red.: Den Original Wortlaut haben wir unkorrigiert beibehalten)
Der ganze Auftritt erinnerte ein wenig an den Ablauf in einer Selbsthilfegruppe …, „Ich bin der Mattis, ich bin ein anonymer Elternversteher….“

Freiwillig sagt hier Keiner was

Der Herr Drömeldoof hatte noch viel zu lernen. In eine Elternrunde so trocken hinein zu fragen, wer denn mal anfangen wolle, und auf Antwort zu hoffen, ist in etwa so erfolgversprechend, wie darauf zu hoffen, dass Donald Trump freiwillig auf die Präsidentschaft verzichtet. Oder anders ausgedrückt, eher würde sich eines unserer Kinder im Matheunterricht melden. Nach einer sehr peinlichen Pause, nahm dann Straightforeward das Ruder in seine Hände: „Also dann beginne ich mal hier vorn, dann geht es rechts rüber, da hinten links weiter, zur rechten Seite und dann so weiter. Bitteschön.“

Er zeigte mit dem Zeigefinger auf einen verdutzten Vater in der ersten Reihe und zeichnete dann zwei anschauliche Karajanbögen in die Luft. Mein Mann raunte mir augenblicklich zu: „Das machst Du!“ Na, danke auch, das Leben ist so … na, Ihr wisst schon. Da wir in Reihe drei saßen, hatten wir ausgiebig Zeit zu lauschen, was die anderen Eltern so sagten. Wenn Ihr mich fragt, es war entschieden zu viel. Es war allerdings schon spannend, welche Charaktere sich hier zusammengefunden hatten.

Der Jochen möchte das alles etwas schneller

Vater Nummer 1, der aus der ersten Reihe, kam gleich zum Punkt. „Ich bin Jochen, Benjamins Vater und ich wäre dankbar, wenn wir das hier kurz machen könnten und möglichst zügig zum Abarbeiten der Tagesordnungspunkte kommen könnten – (peinliche Stille) – äh, das war‘s schon.“ Wie drollig dachte ich bei mir, das war bestimmt sein erster Elternabend. Denn wir erfahrenen Eltern wussten, dass bisher noch jeder Versuch, so einen Elternabend zu beschleunigen, kläglich gescheitert war.

Oh, natürlich hochbegabt – was sonst

Die Vorstellungsrunde ging weiter und der Abend entwickelte sich irgendwie schräg. Es wurde mehr oder weniger eine Mischung aus Cabaret, Straßentheater und unfreiwilliger Situationskomik. Inzwischen waren wir in Reihe Zwei angekommen. Das Wort ergriff Ulrike: „Also wir sind die Eltern von Anna-Sophie, der Paul und ich. Die Anna-Sophie ist hochbegabt.“ Ich verdrehte die Augen. Bisher hatten wir noch in jeder Klasse, mindestens ein hochbegabtes Kind gehabt oder eines, dass seine Eltern dafür hielten. Zutreffend war es bisher nur ein einziges Mal gewesen. Doch lauschen wir Ulrike: „Wir glauben ohnehin, dass Anna-Sophie mindestens eine Klasse überspringen sollte.“ *augenroll Ich glaubte zu diesem Zeitpunkt fest daran, dass Anna-Sophie ihr Elternhaus schnellstens verlassen sollte, aus gesundheitlichen Gründen, aber mich fragt ja keiner.

Die Alleskönner, können sich einbringen – von mir aus

Es ging weiter. „Wir sind der Fritz und die Beate, uns gehört der Max. Also wenn Ihr hier bei irgendwelchen Festen mal Hilfe braucht, meine Frau bastelt und näht und kann klasse backen.“ Das mit dem Backen glaubte ich sofort, hatte der Fritz doch, links und rechts von der Hüfte, ein paar komfortable Extraröllchen angelagert. Was Beate jetzt noch nicht wusste war, dass ihr Mann ihr mit seiner Begeisterung für ihre Kreativität, den Vorsitz sämtlicher Back-, Bastel- und Festausschüsse in den kommenden zwei Jahren eingebrockt hatte.

Ich bin sicher: Das ist der Beginn einer wundervollen Freundschaft

Neben ihnen räusperte sich ein Mann, er war der Nächste. „Ich bin der Vater von Lucia, also auch der Vater, sozusagen der zweite Mann ihrer Mutter, der Anton, also der erste Mann, von Lucias Mama und ich, wir machen das zusammen, also alle drei, mit Lucia natürlich. Alles ganz unkompliziert.“ Irgendwie war mir diese Familie auf Anhieb sympathisch. Mensch, dachte ich spontan, die laden wir bald mal ein, alle.

Es bleibt einem aber auch nichts erspart

Dann kam Melissa, die Mama von Viola. Melissa kannte ich schon aus dem Kindergarten. Melissa kann alles und weiß alles. Sie kann Euch für jeden Fleck das entsprechende Fleckentferner-Prozedere herunterbeten und kennt sich als Bastelqueen mit Klebstoffen aller Art bestens aus. Ich hatte ja den Verdacht, dass sie damals an den Klebstofftuben auch ein wenig herumgeschnüffelt hatte. Viola wird natürlich nachhaltig, vegan ernährt, trinkt nur biologisch kontrolliertes Wasser und trägt Socken aus Merinowolle, die alle fair getradet sind und muss dreimal in der Woche zum Geigenunterricht, obwohl sie lieber Gitarre spielen lernen würde. 

Melissa reißt alles an sich, insbesondere die Erfolge anderer. Außerdem mischt sie sich gerne in Dinge ein, die sie überhaupt gar nichts angehen. Wenn Ihr jetzt den Eindruck gewonnen habt, ich würde Melissa nicht mögen – stimmt auffällig, sie ist ein falsches Aas. Juhuuuu, unsere Kinder sind wieder in einer Klasse, der Feind ist gesichtet – nicht die Mädchen, sondern wir Mütter. Aber das nur ganz nebenbei.

Das Bildungsbürgertum schlägt gnadenlos zu

Es folgten Martina, die sicherstellen wollte, dass ihr Sohnemann Tillmann, die im Kindergarten erworbenen Englischkenntnisse im Englischunterricht zum besten geben darf, damit man „ihn dort wissenstechnisch abholen“ könnte. Ihre Sitznachbarin Susanne wollte gerne wissen, ob es an der Schule eine ausgebildete Krankenschwester gäbe – wir sollten bald alle mitbekommen, warum das für sie wichtig war.

Safety first! Wie viele Alarmsorten braucht der Durchschnittsschüler

Fritjof war der Letzte vor mir und erkundigte sich, ob die Brandschutzvorschriften in unserer Schule eingehalten würden und ob es einen „Amokalarm“ gäbe, der sich vom gemeinen Feueralarm unterscheiden würde – ähja. Dann war ich dran. Ich lächelte ermüdet in die Runde und weil ich das Gefühl hatte, dass es Zeit für etwas Volkstümelei wurde, sagte ich, nur so zum Spaß: „Moooiiiiin. Wi sün Mausis Öllern und totaaal gessspannt, wie es hier weitergeht. Bietet die Schule eigentlich auch Plattdeutsch an?“ Mein Mann biss sich auf die Unterlippe und unterdrückte einen Lacher. In der Reihe hinter uns wurde gekichert.

Der perplexe Straightforeward notierte „Plattdeutsch?“ an der Tafel und murmelte etwas von einer Nachmittag-AG, sprach diesen Punkt während des restlichen Abends aber nicht mehr an. Als sich alle Eltern vorgestellt hatten, machte uns Herr Drömeldoof auf das Catering aufmerksam. „Also, wir haben ein paar Snacks auf den Tischen verteilt und an der Tafel gibt es Tee und Kaffee.“

Fortsetzung folgt

Ich blickte auf unseren Tisch … aber davon will ich Euch im nächsten Teil meiner Elternabend-Geschichten erzählen.

Kleiner Nachtrag:

Soeben erreicht mich die Mail eines befreundeten Anwalts, dem ich meine Geschichten manchmal vorab zum Lesen gebe. Er rät mir, den Namen von Lehrer Drömeldoof zu ändern. Nur für den unwahrscheinlichen Fall, dass die betreffende Person sich zu erkennen glaubt und not amused ist. Also ganz offiziell: Drömeldoof heißt ab sofort Drögeraus. So, netter werde ich nicht.

Demnächst auf diesem Blog: Elternabend – Das Klassenzimmer

Fesselspiele in der Vorstadt

Mein Mann und ich sind gute Eltern, wir haben alles im Griff … schon immer … na ja, meistens … wir geben uns Mühe …

Pubertät ist, wenn Eltern ständig alles missverstehen

Wir haben zwei Töchter, die unsere Eltern-Skills, seit sie auf der Welt sind, fast täglich auf die Probe stellen. Als unsere ältere Tochter, nennen wir sie Mausi im zarten Alter von zwölf Jahren verkündete, sie wolle ab sofort mehr Verantwortung übernehmen, hatte ich mich ehrlich gefreut. Bedeutete das, Pünktlichkeit, Fleiß ohne Druck, oder gar ein ordentlich aufgeräumtes Zimmer?

Mitnichten! Als ich vor meinem inneren Auge noch der Vision eines in Rosa getauchten, staubgesaugten Mädchentraums nachhing, eröffnete Mausi uns, sie wolle zukünftig die beiden Nachbarjungen babysitten. Schließlich wolle deren Mutter ja auch mal was für sich selbst tun und nicht immer nur die Kinder hüten.

Was für die Nachbarin gut ist, muss nicht gut sein für Mami

An dieser Stelle sei nur ganz, ganz kurz erwähnt, dass Mausi eine kleine Schwester hatte und sich eher hätte vierteilen lassen, als auch nur eine Minute auf ihr eigenes Fleisch und Blut zu achten. Das ich mich mal um mich selber kümmern wollen würde, kam ihr gar nicht in den Sinn. In ihren Augen hatte ich mit der Kinderbetreuung meine Berufung gefunden und sollte gefälligst meinen Pflichten nachkommen.

Kleiner Tipp: Wir machen alles anders als unsere Eltern – nicht gut …

Doch zurück zur Babysitter-Idee. Mein Mann und ich hatten doch einige Zweifel. War es klug, einer Zwölfjährigen die Aufsicht über zwei achtjährige, extrem aufgeweckte Zwillingsjungen zu übergeben? Mausi jedenfalls hielt das Ganze für eine Spitzenidee: „Das wird cool, und mein Taschengeld kann ich auch aufbessern.“ „Wie niedlich“, dachte ich noch, „sie will mit verdienen…“

Wir ließen sie gewähren, weil sie so zuversichtlich war und auch ein bisschen, weil wir nicht so spießig sein wollten, wie unsere eigenen Eltern…“ Kleiner Tipp für Neu-Eltern: Letzteres darf niemals … ich wiederhole, NIEMALS die Grundlage für eine eurer elterlichen Entscheidungen sein – glaubt mir.

Trotz der gemeinsamen Entscheidung, das flaue Gefühl bei mir im Magen blieb. Damals arbeitete ich noch zu festen Tagen bei einer Hamburger Tageszeitung. Ich saß in der Redaktion und hörte nichts von Zuhause. Aber wie heißt es so schön, keine Nachrichten sind gute Nachrichten – dachte ich jedenfalls.

Hatte er H a n d s c h e l l e n gesagt?

Als ich abends von der Arbeit kam, erwarteten mich eine kleinlaute Mausi. Mein Ehemann lief hektisch hin und her. Das war ungewöhnlich, denn meinen Mann kann so leicht nichts aus der Ruhe bringen.

Ich stand an der offenen Haustür, spitzte meine Lippen in Erwartung eines herzlichen Begrüßungsküsschens. Doch stattdessen rief mir mein Mann ohne weitere Erklärungen die Worte, „Keine Zeit, ich muss die Handschellen durchsägen“, zu. Ich blieb wie angewurzelt stehen. Hatte er soeben HANDSCHELLEN gesagt? Jahaaa, hatte er!!!!

Mausi wird ausgetrickst

Wie sich nun herausstellte, hatten die Zwillinge die Erziehungsversuche meiner Tochter schnell sattgehabt. „Und dann haben sie gesagt, sie wollen verkleiden spielen“, erzählte Mausi. Malte und Torben wollten Räuber und Polizei spielen. Mausi ließ sich nicht lange bitten, „brach“ ins Jugendzimmer ein, und klaute ein paar Playmo-Sachen.

Darauf hatte die Brut meiner Nachbarin offensichtlich nur gewartet. Mausi wurde überwältigt und verhaftet. Kompliziert wurde die Sache, weil sie dafür die echten Handschellen ihres Polizisten-Papis verwendet hatten. Der hatte die Handschellen, wohl als Souvenir bei seinen Jungs gelassen, als er die Mutter seiner Buben vor ein paar Monaten verlassen hatte. Kriegt man für sowas eigentlich den Pensionsanspruch gestrichen?

Wo ist dieser „EINE“ Polizist, wenn man ihn braucht?

Um die Sache für uns „Hinterbliebene“ noch spannender zu gestalten, war er dann nach Kiel gezogen, stand also zum Aufschließen der Fesseln nicht zur Verfügung.

Mein Mann hatte inzwischen sein Heimwerker-Werkzeug an den Handschellen stupfgesägt und stand erschöpft und schweißgebadet vor mir. Mausi blickte ihren Vater, den Helden ihrer Kindheit, an und sagte mit tränenerstickter Stimme: „Du willst jetzt doch wohl nicht aufgeben?“ Sein hilfloses Schulterzucken löste bei ihr einen Heulkrampf apokalyptischen Ausmaßes aus.

Mama macht das schon – nicht

Ich hatte das dringende Bedürfnis etwas Zuversicht zu versprühen und sagte mit meiner Mutti-macht-das-schon-Stimme: „Ich organisiere uns jetzt mal Hilfe.“ Ich schob das Kind aus dem Haus und sagte: „Mausi, wir gehen jetzt mal zu Hans, vielleicht hat der ja eine Idee, wie wir Dich befreien können.“ Doch Mausi sträubt sich: „Ne, kommt nicht in Frage. Das ist doch voll peinlich, wenn meine Freunde mich so sehen.“ Seufzend warf ich ihr eine Jacke über die gefesselten Hände und zerrte sie mit den Worten, „Du musst ihnen ja nicht zuwinken“, in die laue Abendluft. Und was macht sie? Richtig … sie winkt … und leise klötern die Handschellen im Abendwind …

Wer den Schaden hat braucht auf den Spott ….

Hans wohnt bei uns in der Straße und ist der Ehemann meiner Freundin Swantje. Was aber noch viel wichtiger ist, er ist tatsächlich … täterätätätätääää … Polizist.

Ich klingelte an seiner Haustür, Hans öffnete und freute sich, uns zu sehen. „Hey, na wie geht’s?“ Ich zog wortlos die Jacke zur Seite und was macht er? Hans brüllte vor Lachen: „Hahahaaaaa … ernstes Problem, … gurgelhääää … echte Hamburger Acht … …, chhh geh ma gucken, … hmmmpfffhahahaha …“ Drehte sich um und ging in den Keller. Mausi und ich setzten uns dann mal ins Wohnzimmer und warteten auf Befreiung.“

Wenig später kam Hans mit einer Pappschachtel aus dem Keller zurück. In dieser Schachtel lagen unzählige Schlüssel unterschiedlichster Grössen. „Da sind auch noch ein paar alte Schlüssel für Fesseln dabei“, erklärte er uns, „Vielleicht haben wir ja Glück und einer passt.“

Bange machen gilt … doch funktioniert

Hatten wir nicht! Hans riet uns zur nächsten Polizeiwache zu fahren und die Kollegen dort zu bitten, ihre Schlüssel an unseren Handschellen auszuprobieren. „Wenn das nicht klappt“, so Hans, „dann hilft nur noch die Feuerwehr mit ihrer Flex, … hmmmpfffhahahaaa …“ Ich fühlte, wie Mausis angstgeweitete Augen, Löcher in meinen Nacken brannten …

„Komm Mausi, wir versuchen noch Jemanden zu finden, der die Sch…dinger durchsägen kann“, versuchte ich meine Kleine zu beruhigen. Weil sich unser Mißgeschick in der Siedlung bereits herumgesprochen hatte, wartete hinter jeder Haustür, an der wir klingelten schon ein eifriger Heimwerker mit seinem persönlichen Super-Werkzeug.

Nachbarschafts-Werkzeug-Börse – sie lassen uns nicht im Stich

Nachdem nun unsere gesamte Siedlung mit ihren Laub-, Eisen- und Sonst- noch-irgendwas-Sägen an Mausis Armschmuck gescheitert waren und mein Nachbar Jens mit seiner Brechstange vor uns stand, warf Mausi mir ihren DAS-wirst-du-doch-nicht-zulassen-Mutti-Blick zu. Hab’ ich dann auch nicht – obwohl ich schwer in Versuchung war …

Hilft nix, hilft die Polizei

Also packten mein Mann und ich unsere kleine Gefangene ins Auto und fuhren auf das nächstgelegene Polizeirevier. Aus Sicht der diensttuenden Polizisten musste es wohl so ausgesehen haben: Zwei Erwachsene betreten die Wache, am Poppenbütteler Bahnhof in Begleitung einer minderjährigen Schutzbefohlenen. Die Schutzbefohlene zeigte auf Knopfdruck einen bemerkenswerten Hang zur Theatralik und bricht in Tränen aus. Die weibliche Begleitperson entblößt die Hände der Schutzbefohlenen. DAS KIND IST GEFESSELT!!!

BTK auf hamburgisch, da kennt unsere Polizei keine Gnade

Mann oh Mann, können Hamburger Polizisten schnell sein….

In einer Nanosekunde beamten sich zwei Beamte zwischen uns und Mausi.  Eine dritte Polizistin hockte sich vor mein Kind und sagte mitfühlend: „Du bist jetzt sicher. Wie ist das denn passiert?“ Mausi indes, genoss sichtlich die Aufmerksamkeit. Ist doch schön, wenn man elf Jahre alt ist und ernst genommen wird.

Zwischen der Abgabe herzzerreißender Schluchzer, gab sie zu Protokoll:“uääähh…..maxundmoritzhuäähhmichgefsseltunddannnichtwiederaufgeschlossen … heulschluchzhuähhhundMAMA-AUCH-NICHT!…*schneuzzufriedenguck.“ Na danke auch, Tochter!  Plötzlich war Mutti eine der Hauptverdächtigen…

Freundlichkeit bringt einen nicht immer weiter

„Schatzilein, kannst Du der netten Polizistin bitte vielleicht noch sagen, dass Mami für das alles gar nichts kann“, säuselte ich meinem Denunzianten-Kind zu. „SIE habe ich gar nicht gefragt“, donnerte mich die, eben noch so nette, Polizistin an. Ich erstarre, schaue mich vorsichtig um. Was wäre dachte ich, wenn ich jetzt einfach abhauen würde? Das Kind war in guten Händen, der Mann bleibt zum Verhaften vor Ort und ich fahre mit dem Bus nach Hause und kratze schon mal Mausis Taschengeld für die Kaution zusammen….

Mein Mann, mein Prinz, mein Retter

Endlich, die Stimme der Vernunft – mein Mann meldete sich zu Wort: „Bevor das hier aus dem Ruder läuft Herrschaften (hihihi, hat er echt gesagt), erzähle ich Ihnen mal was passiert ist. Also vorab, meine Frau hat uns bloß gefahren.“ Mein HELD!!! Dann reportierte er den Ablauf der Geschehnisse und Mausi nickte beflissen dazu. Ich verschob meine Flucht…

Humor haben sie ja

Die Stimmung im Revier änderte sich schlagartig. Nachdem die diensthabenden Beamten *gluckskicherbrüll ein paar Handyfotos von Familie Fesseldoof fürs nächste Polizei-Grill-Fest gemacht hatten, probierten nach und nach alle Polizisten ihre Handschellenschlüssel aus.

An dieser Stelle ist es wohl mal angebracht den Beamten der drei Schichten zwischen 19.00 Uhr und 2.30 Uhr für die liebevolle Versorgung mit Kaffee, Limo, Keksen und einem Daunenkissen für unsere kleine Delinquentin zu danken. Und mit dem letzten Schwung abgekämpfter Beamter kam er dann durch die Tür, der Schlüssel, der die Freiheit brachte … Klick, Aufatmen….

Das war ein harter Tag

Zuhause angekommen, fiel unsere Tochter todmüde ins Bett. Mausi hatte gelernt, dass man als Zwölfjährige zwar unglaublich cool ist, aber trotzdem von Achtjährigen überlistet werden kann.

Am nächsten Morgen überlegte ich, wie wir uns beim Revier unseres Vertrauens bedanken könnten. Ich schlug vor, ich könnte zwei bis drei Kuchen backen und dort vorbeibringen. „Nein bloß nicht“, riefen beide Töchter, „die sind doch so nett da!“ Tja, das mit dem Backen ist auch so ein Thema bei uns zu Hause.

Aber davon erzähle ich Euch vielleicht ein anderes Mal.

Glossar

Hamburger Acht: Handschellen, auch Handfesseln oder Handschließen, im früheren Polizei- und Vollzugsdienst als Fesselzange (für beidarmige Fesselung) bezeichnet, umgangssprachlich auch Acht oder Achter genannt.

Die im Dunkeln sieht man nicht…

Ich frage mich ja manchmal, was an den Konferenztischen mancher Werbeagenturen so abgeht, wenn neue Marketingstrategien entwickelt werden.

Insbesondere dann, wenn es darum geht, den Kundenkontakt im Einzelhandel zu verbessern, werden die Methoden immer … ja, wie soll man das nennen … offensiver. Wahrscheinlich fallen in den Konferenzen bedeutungsschwere Sätze wie, „Wir müssen den Kunden abholen, wo er gerade steht…“. Nach allem was ich in letzter Zeit erlebt habe, bedeutet das, schon vor der Tür abgeholt zu werden. Man wird regelrecht schanghait*, nur ohne Alkohol, na ja bis jetzt…

Brötchen-Coaching beim Nautik-Bäcker

Neulich beim Nautik-Bäcker wurde ich zum ersten Mal, nach neuem System bedient. Ich betrat den Verkaufsraum und erwartete das übliche, desinteressierte Gemurmel der Backwarenfachverkäuferin: „Wissen Sie schon, was Sie wollen?“ Aber dieses Mal stand ich vor so einer Art Vorturnerin, die den Azubis und Angestellten den richtigen Umgang mit den Kunden demonstrieren sollte.

Die Devise der neuen Marketingstrategie, das wurde sofort klar, lautete, forsch auf den Kunden zuzugehen, ohne Hemmungen, Feindosierung nicht nötig. „Ooooh, wie schööön, dass Sie zu uns gefunden haben“, rief die Vorturnerin und breitete ihre Arme in oscarreifer Manier, wie zwei Flügel aus. Mir wurde ganz flau im Magen, wollte sie mich etwa umarmen?

Neue Backrezepte … für mich???

Ich kam gar nicht dazu, weiter darüber nachzudenken, denn sie redete weiter: „Schauen sie doch mal wir haben neue Backrezepte ausprobiert, nur für SIE. Also da wäre die Schiffsschaukel mit und ohne Zucker, der Hansavollkornbrocken, das Krümelschiffchen und die Tornadodinkelstange. Da ist doch bestimmt was dabei für sie, oder?“

Alter Schwede, dachte ich bei mir, eine Brötchenverkäuferin auf Speed. Am liebsten hätte ich ausgerufen: „Ich nehme von allem etwas, aber tue mir bitte nichts.“ Die Vorturnerin hatte sich indessen dem netten, schüchternen Azubi neben sich zugewandt. „Also Finn, dann zeige mal was Du kannst. Verkaufe der Dame unsere Brötchen, so wie ich es vorgemacht habe.“

Ob das der Betriebsrat weiß?

Und der Finn holte tief Luft und lieferte ab, was das Zeug hielt. Ich kaufte die doppelte Menge Brötchen, brachte den Jungen kurz ins Schlingern, weil ich wissen wollte, ob man die Tornadodinkelstangen einfrieren könne und wollte dann einfach gehen. Da meldete sich die Ausbilderin noch mal zu Wort und trötete mir hinterher: „Viiielen Dank für ihren Einkauf. Wiiir wünschen ihnen noch einen erfolgreichen Tag im Büroooo!“ Ich nickte ihr irritiert zu und dachte, es ist Sonntag, schraub bloß mal Deine Dosis runter. Die Brötchen waren übrigens sehr lecker…

Edelshop mit Türsteher

Meine zweite Begegnung mit moderner Marketingstrategie, hatte ich im örtlichen Einkaufscenter, im Edelshop Hollister. Am Eingang wurden meine Tochter und ich von einer professionellen Türsteherin in Empfang genommen. Die Begrüßungsformel ließ den Schluss zu, dass der hippe, socialmediale Sprachgebrauch hier ins echte, analoge Leben eigeführt werden sollte. „Hey, what’s up?“, begrüsste mich eine Verkäuferin im Size-Zero-Format am Eingang des Edelshops. „Alles cool“, antworte ich irritiert.

Im gleichen Moment berieselte mich ein wohlriechender Schwall ätherischer Düfte von der Decke herab. Meine Frage, was das denn sei, beantwortete die XS-Türsteherin mit: „It makes you happy, gell?“ Ich nicke unsicher, holte tief Luft und wartete auf meine Glücksgefühle.

Denn die einen sind im Dunkeln und die andern sind im Licht und man siehet die im Lichte die im Dunkeln sieht man nicht. (Berthold Brecht)

Dann tauchte ich ab in Hollisters Welt. Das bedeutete zunächst einmal völlige Dunkelheit. Als meine Augen sich daran gewöhnt hatten, stand ich inmitten edler Holzregale, die mit schicken Klamotten bestückt waren. Aufgrund der mangelnden Beleuchtung konnte ich die Preise trotz Brille nicht lesen. Auch die Farben der Produkte waren nur zu erahnen. Ist der Sweater nun rot, grün oder pink? Da steckt doch System dahinter. Egal, meine Tochter hat Geburtstag und ist total scharf auf diese Klamotten. Gedankennotiz: Das nächste Mal, den Akku vom Handy aufladen, damit ich das Handylicht benutzen kann.

Leder-Lounge für Fuffziger

Dann eine weitere, recht angenehme Besonderheit in der Hollister-Marketing-Strategie: Mitten im Geschäft steht eine Insel, bestehend aus einer Gruppe englischer Clubsessel. Umgeben von künstlichen Palmen, lümmeln sich erschöpfte Menschen um die Fünfzig im Dämmerlicht. Ihr Nachwuchs ist derweil auf der Jagd nach einem neuen Outfit. Das war Ikea verkehrt: „Oma Käthe möchte aus dem Smaland abgeholt werden!“

Inzwischen überwand ich meine retrograde Rot-Grün-Sehschwäche, und entschied mich für einen rot/grün/pinken(?) Hoddie. Nachdem ich an der Kasse eine astronomische Summe hingeblättert hatte, ging ich erschöpft in Richtung Ausgang. Ich sah ihn schon von weitem.

See you … och ne…

Dort vor dem Ausgang stand ein dürrer Jüngling. Der professionelle Verabschieder. Aber dieses Mal war ich mental vorbereitet. „See you on Facebook“, säuselte der junge Mann. Ich sah ihm direkt in die Augen und schmettere ihm ein „Meet you in hell“ entgegen und ging zurück ins Licht…

Glossar:

Schanghait werden – Schanghaien bezeichnet in der Seemannssprache das gewaltsame Rekrutieren von Seeleuten für Kriegs- und Handelsschiffe. Diese Art der Freiheitsberaubung, auch Pressen genannt, wurde zeitweise auch für die Heeresergänzung angewandt.

Männer ohne Maß

Männer sind Macher

Männer sind Macher. Präzision ist ihr zweites Ich. Sie glauben ganz fest daran, dass sie alles im Blick haben. Dass ich nicht lache!

Nehmt Euch mal die Zeit und beobachtet manche Männer beim Heimwerken. Da dürfen bei uns Frauen schon mal berechtigte Zweifel am männlichen Können aufkeimen. Da wird über den Daumen gepeilt, was das Zeug hält, Abstände werden geschätzt und nicht etwa korrekt ausgemessen. Nachfragen, Verbesserungsvorschläge oder Hilfsangebote werden ganz souverän in den Wind geschlagen.

Das universelle Männermaß

Für das gute Gelingen jeglicher Heimwerkerprojekte schufen sich unsere Kerle vom Heimbau ein universell einsetzbares Männermaß: Schätzvermögen mal Augenwischerei, geteilt durch Realitätsverlust. Anwendbar ist es gleichermaßen auf Zeit, Raum, Entfernungen, Gewicht und Geschwindigkeit. Dieses Maß hat viele Namen. „Quasi“, „in etwa“, „zirka“ und „bald“ sind nur einige davon. Gemeint ist immer das gleiche: „Ich weiß es nicht, tue aber als ob ich es wüsste, habe aber überhaupt keine Lust, darüber nachzudenken. Also NERV MICH NICHT!“ Hier mal ein paar Beispiele.

„Macho, Machos ham wos los…“ (Rainhard Fendrich)

Neulich beobachtete ich unseren Nachbarn Carlos beim Zimmern eines Kanninchen-Doppelstock-Stalls mit direktem Zugang zu einem noch zu bauenden Außengehege. Ich war bei meiner Freundin Mareile, Carlos Frau, zum Kuchenessen eingeladen, und wurde somit Zeugin einer denkwürdigen, südamerikanischen Heimwerker Dokusoap, mit Namen „Iche-brauche-keine-Zollestocke“.

„Macho Macho konnst net lernen
Macho Macho muß ma sein…“ (Rainhard Fendrich)

Unsere Unterstützung lehnte der temperametvolle Argentinier Carlos rundweg ab: „Iste Määännärrarrbeite…“, hatte er gesagt. Woraufhin seine Kinder Geroniemo und Dakota die Kanninchen evakuierten und meine gute Mareile mit den Augen rollte und eine Flasche Grappa auf den Tisch stellte. Ich guckte etwas verwirrt, aber hey, wo steht denn geschrieben, dass der Erdbeerkuchen mit ein bisschen Sprit nicht besser verdaulich wäre.

„Macho Machos leben gefährlich
Macho Machos haben was los…“
(Reinhard Fendrig)

Carlos stand im Garten und wog seine Möglichkeiten ab. Er legte mit abgeschnittenen Ästen ein Rechteck auf dem Rasen aus, lächelte zu uns hoch und sagte: „Iste guter Platz fur den Freilaufgehege.“ Mareile setzte ihr Glas an und goss sich den ersten Grappa hinter die Binde.

Dann begann er den alten Kaninchenstall auseinanderzubauen, was keiner von uns anderen wirklich verstand, denn er hätte doch nur einen kleinen Steg zum Ausstieg bauen müssen. Aber hey, einem Mann und seiner Kreissäge, sollte man als Frau mit Überlebensinstinkt nicht dazwischen quatschen.

„Männer weinen heimlich
Männer brauchen viel Zärtlichkeit…“ (Herbert Grönemeyer)

Als Carlos nun vor den Trümmern seiner Abrissarbeiten stand, legte er die Bruchstücke wie bei einem 3D-Puzzle aneinander. Dabei murmelte er mit hochrotem Kopf ein paar Verwünschungen vor sich hin: „No, por favor … qué demonios … wo iste die Tur … qué mierda …“ Im gleichen Rhythmus kippte Mareile ihre Schnäpse runter.

Aber aus Carlos Sicht war dieses Chaos nichts, was man nicht mit einem Hammer, ein paar Nägeln, Leim und ein bisschen Farbe wieder hinbiegen könnte. Jetzt brauchte ich auch einen Grappa.

„Männer haben’s schwer, nehmen’s leicht…“ (Herbert Grönemeyer)

Am Ende stand der Stall schief auf dem Rasen und sah aus wie ein Hobbit-Haus aus Mittelerde. Der Zugang zum Freigehege führte auf direktem Weg ins mühsam angelegte Gemüsebeet, mindestens einen guten Meter vom ursprünglich ausgelegten Rechteck entfernt. Ein wahres Karnickelparadies.

Carlos stand neben seiner architektonischen Meisterleistung, die Hände in die Hüften gestemmt und sagte voller Stolz: „Siehste du Mareile, hab iche doche gesagte, kann iche alleine maken …“ Mareile, sicher schon mit ein paar Verzweiflung-Grappas zuviel intus, kicherte und antwortete: „Ja ne is klar, genau dafür habe ich das Gemüsebeet angelegt … hihihiiiiii … für so’n Karnickel-Selbstbedienungs-Feinkostladen … mmmpfff … nur dafür ….giggleprust…“

Offensichtlich bestand bei den Beiden, zumindest was den Humor betraf, kein Nord-Süd-Gefälle. Also biss ich noch einmal herzlich in mein Tortenstück und überließ die zwei Turtelbaumeister sich selbst.

Andere Frauen, andere Sitten

Andere Freundinnen sind da nicht so tolerant wie Mareile. Meine Freundin Carola ist da etwas, na sagen wir mal kürzer angebunden. Fritz, ihr letzter Lebensabschnittsgefährte nutzte das Männermaß für Zeitangaben. Korrekt gehende Uhren konnten ihn dabei aber nur wenig beeinflussen.

Aus Engelchen wird Teufelchen

Auf die Frage, wann er denn nach Hause käme, antwortete er regelmäßig: „Bald, mein Engel.“ Doch wie lange dauert „bald“? Irgendwann, ein paar verkochte Abendessen später, stellte Carola ihm entnervt die Koffer vor die Tür. Wie er jetzt nach Hause käme, fragte er verdutzt. „Ich habe dir ein Taxi gerufen. Das kommt bald…“, sagte sie süffisant und schloss die Haustür.

Meiner – im „Abwiegen“ ist er ein Naturtalent

Und mein Mann? Der kam neulich ganz stolz vom Einkaufen und übergab mir ein tolles Geschenk. Im Päckchen lag ein schickes Sommertop und – oh Wunder – es passte! „Wie hast du das denn hingekriegt?“, fragte ich verdutzt. „Ich habe der Verkäuferin gesagt, in etwa so groß“, erzählte er und bewegte seine Hände wie ein jonglierender Zirkusartist. Der Verkäuferin war die Geste offensichtlich präzise genug. Respekt!

Spam-Mail-Flut … Spam-Mail-Wut

Spam Mails Symbolbild
Foto: pixabay

Ich schiebe gerade riesigen Frust. Jeden Tag landen mal mehr und mal weniger nervende Mails in meinen Postfächern. Spam-Mails, da hat mein Mann eine klare Familiendirektive herausgegeben. Klicke keine Links an, öffne keine Dateien, lösche diese Mails sofort.

Mir reicht es!

Ich bin brav, klicke keine Links an, öffne keine Dateien und lösche die Mails sofort. Manchmal komme ich aber nicht umhin, manche von ihnen, sozusagen im Vorbeirauschen, zu lesen. Ihre Inhalte erstaunen mich immer wieder, manche schockieren, wieder andere ärgern mich.

Das Maß voll, ich habe es satt, genug vom Spam-Mail-Stalking. Bei mir ist das Bedürfnis gewachsen, einigen immer wiederkehrenden Adressaten zu antworten.

Wer fällt auf sowas bloß rein?

Da ist zum Beispiel ein gewisser Mr. McKenzie aus London, so ein Hedgefond-Fuzzi. Der möchte mir gerne – und jetzt Obacht! – 22.500.000.00 US-Dollar vor die Füße werfen.

Hey Mr. MCKenzie, eigentlich sind Sie die Antwort auf meinen bisher unbeantwortet gebliebenen Weihnachtswunschzettel von 1968. Sie ahnen sicher schon, nun kommt es – das große ABER.

Zu ihrem Umgangston Mr. McKenzie: Die Korrespondenz mit einer Ihnen unbekannten Frau, mit der maximalinversiven Formulierung „Verzeihen Sie mein Eindringen“ zu beginnen, ist nicht zielführend. ICH bin eine LADY.

Ich bin ja nicht kontaktscheu, aber…

Reden wir jetzt mal über Ursel, Darleen, Yvonne und Nadine. Alle aus meiner Nachbarschaft – so sagt die Mail. Offensichtlich sind die Vier ziemlich triebgesteuert und haben nichts anderes im Kopf, als mit mir ein gschlampertes Verhältnis anzufangen. Und zwar mindestens jeden zweiten Tag.

Mädels, lassen wir mal kurz außer Acht, dass das meine Kondition bei weitem übersteigen würde. Tut mir echt leid für Euch, aber Ihr habt einfach nicht die Ausstattung, auf die ich stehe. Ein wenig Sorgen machte es mir anfangs schon, dass etwa 85 Prozent dieser an mich gerichteten Hormon-Cheer-Up’s von Frauen versendet wurden.

Die Hetero-Variante

Aber da gab es ja gottseidank noch Joachim von der Firma LEVRITA. Auf dem Werbeplakat ist er zu sehen – etwa 50 Jahre alt, hager, graue Schläfen. Aus seinen leicht verquollenen Augen, wirft er mir einen wässerigen, traurigen Blick zu. Hat der etwa gerade geheult?

Und aus seinem Mund erwächst eine Sprechblase, in der steht: „Weil Selbstvertrauen auch eine Frage von Sexualität ist.“ Was zum Henker, soll DAS eigentlich in mir auslösen?

Erwarten die jetzt, dass ich auf der Stelle losfahre, mir ein kuscheliges Bärenfell kaufe, um mich dann zuhause, in Ermangelung eines Kamins, vor dem warmen, knisternden Backofen zu räkeln?

Joachim hat, so wie er aus dem Prospekt herausschaut, ganz sicher schon länger nicht mehr an seiner Sexualität arbeiten dürfen. Ich verspüre eher den unwiderstehlichen Drang, Joachim den Kontakt der Telefonseelsorge zuzusenden. Ach, ich will mal nicht so sein. Für Joachim: heuldoch-caritas-fuer-weicheier(at)…dotcom.

Ich bin gefragt im Handwerker-Universum

Die übrigen, männlichen Mailversender mögen es eher handfest. Bieten mir ein neues Vordach oder die regelmäßige Lieferung von extrem strapazierfähigen Sauberlaufmatten an. Hey Jungs, welche Romantikerin könnte da wohl nein sagen. Richard Klatt will mir besonders billige Hartschalenkoffer andrehen, während LED-Lichtberater Thomas mir schreibt, dass die IP65 Norm mehr Helligkeit und mehr Durchblick garantiert. Danke, aber mir ist schon ein Licht aufgegangen.

Digitales Betteln ist so unsexy

Vermeintlich ermutigende Mails über alleinstehende Mütter ohne Ausbildung, alte Omis in Bayern, Taiwan und Sonstnochwo, denen es gelingt so ganz neben Haushalt, Kindern und Wiederbelebungsversuchen, durch Heimarbeit ein monatliches Nettoeinkommen von nicht unter 3500,00 Euro einzufahren, wirken auf mich eher frustrierend. Diese Infos braucht kein Mensch!

Hier schmilzt nur der Kontostand

Eine Amanda aus Kalifornien schreibt: Achtung Männer und Frauen über 35 Jahren (*kicherhihihi), die sich um Jahre jünger fühlen (*Bin-Ich-Dabei) und auch so aussehen (*Bin-Ich-Wieder-Raus) wollen (*Ach-so-na-denn).

Und weiter verspricht die Werbung: Psychologe entdeckt Automatismus im menschlichen Gehirn, der völlig aufwands- und verzichtsfrei nerviges Hüftgold schmelzen lässt, wie Eis in der Sonne.

Okay, ganz kurz gerate ich ins Schwärmen. Wäre es nicht wundervoll diese Region im Hirn zu finden, zu aktivieren und am nächsten Tag mit einer geschmolzenen Körpermitte aufzuwachen? Hach, wie schööön.

Doch die Ernüchterung lässt nicht lange auf sich warten. Ein Donation-Button soll es mir leichter machen, die vom Gesundheitsamt noch nicht genehmigten Forschungen, mit nicht weniger als Tausend Euro zu unterstützen. Amanda, willst Du mich verar….., Du betrügerische, kleine Schlange … #*+#+*#++##+;-.,_’#+`&……

Ich geh lieber zu Fuss

Und nun zu guter Letzt ein gut gemeinter Rat an die zwei Firmen, die mir wöchentlich, zwei bis drei Angebote für barrierefreie Treppenlifte zukommen lassen.

Das ist eine Uuuunverschämtheit! Mit 50+ Jahren auf dem Buckel denke ich eher über die Anschaffung eines Cabrios oder über ein Trimmrad fürs Büro nach. Solltet Ihr es wagen, mir noch mal so ein Angebot zuzuschicken, suche ich Euch und werfe Euch meine Schnabeltasse an den Kopf.

Abkürzungen oder alle Wege führen nach Rom

Foto: Pixabay
Foto: Pixabay

Man sagt ja, alle Wege führen nach Rom. Diese Redensart meint in der Regel, dass alle Bemühungen, egal wie effizient, mühevoll oder ungewöhnlich sie sind, zum Ziel führen und darum auch Anerkennung verdienen.

Manchmal habe ich da meine Zweifel. Nämlich immer dann, wenn man den Satz beim eigentlichen Wortsinn nimmt, fällt mir auf, dass Frauen und Männer, in der Praxis, etwas ganz Unterschiedliches daraus machen.

Orientierungssinn, Dein Name ist „Mann“

Eine Sache, die Männer ja angeblich mit der Muttermilch eingesogen haben, ist ein untrüglicher Orientierungssinn. Das jedenfalls ist ihre feste Überzeugung, mein Mann ist da keine Ausnahme. Wann immer eine Autofahrt ansteht, und zwar auch wenn ich am Steuer sitze, übernimmt mein Musterexemplar, mit den Worten „Ich kenne da eine Abkürzung“ die Navigation. Der eigentlich simple Weg von A nach B führt bei ihm aus ungeklärten Gründen über X, Y und Z.

Das Wort Abkürzung scheint ein außerordentlich dehnbarer Begriff zu sein. Oder anders ausgedrückt, Männer und Frauen stellen sich unter einer „Abkürzung“ etwas vollkommen Unterschiedliches vor.

Vernunft, Dein Name ist „Frau“

Wir Frauen folgen vernünftiger Weise der eigentlichen Wortbedeutung. Das heißt schlicht, der Fahrweg soll verkürzt werden, Kilometer und vor allem Zeit sollen eingespart werden. Diese weibliche, sehr vernünftige Sichtweise sichert das Einhalten von Terminen und Verabredungen. Außerdem, warum die schöne Zeit für die Anfahrt verplempern? Ich genieße lieber jede Minute an meinem Wunschort.

Abkürzungen bedeuten Abenteuer

Mein Mann hingegen verblüfft mich jedes Mal wieder mit seinen Begründungen, dafür abstruse Schleichwege über Schotter oder Kopfsteinpflaster zu nutzen. Glaubt mir, wenn man auf dem Weg zum Strand, gefühlte 10 Kilometer, auf einem Sandweg, im Schritttempo hinter einem Güllewagen herfahren musste, kostete das fast mehr Selbstbeherrschung als der liebe Gott mir einst mitgegeben hatte.

Ich habe ihn dann freundlich auf seinen Irrtum angesprochen: „Wir wären wohl doch besser geradeaus gefahren.“ Einsicht wäre das gewesen, was die Situation entzerrt hätte. Einsicht? Pah, nicht von meinem Mann!

Bruder Grimm denkt sich was aus

Während der Güllegestank sich inzwischen durch unsere Klimaanlage gearbeitet hatte, sich in jeder unserer Poren festgesetzt hatte und unseren Ausflug auf eine ganz besondere Weise, zu einem sehr individuellen Erlebnis werden ließ, dozierte mein Gatte darüber, warum nun gerade diese Strecke die Beste und Kürzeste gewesen sei. Als ich ihm so zuhörte, fragte ich mich, ob er vielleicht der letzte Überlebende der Gebrüder Grimm sei, so märchenhaft waren seine Erzählungen.  

Es war ein mal ein Plan …

Sein erstes Argument aus Grimms Märchenkiste: „Auf den Hauptstraßen herrscht viel zu starker Verkehr. Dem sind wir erfolgreich ausgewichen.“ Erfolg ist wohl auch so ein Wort, dass beliebig interpretierbar ist, dachte ich bei mir. Die Wahrheit war, dass wir gar nicht wissen konnten, ob es um 7.00 Uhr morgens einen Stau auf unserer Autobahn gegeben hätte. Ich schätze mal, eher nicht. Unser Plan, schon früh am Strand zu sein, bevor die Touristen ihn überschwemmen, zerplatzte mit jeder wabernden Güllewolke wie eine bunte Seifenblase.

Die Parfumerie „Nature“ hat da was im Angebot

Sein zweites Argument aus Grimms Märchenkiste: „Was willst Du eigentlich? Diese Strecke ist landschaftlich viel schöner.“ Ich bin ja nun weit davon entfernt, ein Spielverderber zu sein. Aber das Fahren, zwischen zwei Maisfeldern, in einer meterhohen Wolke aufgewirbelten Sandes, eingehüllt vom betörenden Duft „Eau de Kuhdunk“, ist nicht sehr anregend oder gar schön.  Es war eher so, dass meine Sehnsucht nach frischer Seeluft ins Unermessliche wuchs, gefolgt von dem Bedürfnis nach einem Sauerstoffgerät.

Und wenn sie nicht gestorben sind …

Sein drittes Argument aus der Grimmschen Märchenkiste war dann mein absoluter Favorit: „Ich fahre immer so!“ Na wenn das so ist, da kann man wohl nichts machen. Ich weiß wann es Zeit ist, zu kapitulieren. Und wenn wir nicht gestorben sind, dann fahren wir wohl bald wieder hinter einem Güllewagen her …

Um es kurz zu machen

„Um es kurz zu machen“, das Buch von Autorin Meike Winnemuth, berichtet über das pralle Leben einer humorvollen, intelligenten Frau, Mitte der 50er, oder sagen wir lieber, mit Lebenserfahrung. Das Buch ist so lustig und frech geschrieben, dass ich es Euch nicht vorenthalten wollte.

Die Liebe zu Hunden habe ich mit Meike Winnemuth gemeinsam. Sie lebt mit einem Foxterrier namens Fiete zusammen und hat für das Hundemagazin Dogs die Kolumne „Vor uns die Welt“ verfasst.

In diesem Buch findet Ihr Meike Winnemuths Kolumnen, die in den letzten Jahren im Stern, dem SZ Magazin, Geo Saison, Myself und der Cosmopolitan erschienen sind. Über die Wirkung von behaarten Männer-Unterarmen, und warum fremder Müll im eigenen Fahrradkorb die Autorin innerlich detonieren lässt. Und endlich finden wir eine Antwort auf die drängende Frage, warum es in unserer Meckerkultur so wichtig ist zu loben – glückliche Kühe geben eben doch mehr Milch…

Mein Fazit zu diesem Buch: Unbedingt lesen, wenn man sarkastische Ausflüge in die kleinen Dinge des Lebens liebt. Wunderbare, selbstironische Schreibe. Es wird sicher schon bald weitere Bücher dieser Autorin in meinem Bücherregal geben.

Die Autorin: Meike Winnemuth, wurde 1960 in Schleswig-Holstein geboren und lebt in Hamburg und München. Sie ist freie Journalistin. Bei „Stern“, „Geo Saison“, „SZ Magazin“ und in vielen anderen Zeitschriften. Ihrem Reise-Blog „Vor mir die Welt“, folgten mehr als 200.000 Leser. Er wurde für den Grimme Online-Award 2012 nominiert und bei den Lead Awards 2012 ausgezeichnet. Weiter Blogs von Heike Winnemuth sind „Das Kleine Blaue“ und „Zurück auf Los“. Viel Spaß beim Lesen.