Heidi, ich habe leider keine Sendezeit mehr für Dich

Foto: pixaby / Zur Klarstellung: Die junge Dame auf dem Foto hat mit Heidi Klum und GNTM nichts zu tun.

Wer kennt ihn nicht den Satz: „Heute habe ich leider kein Foto für Dich. “Dieser Satz ist inzwischen genauso Legende geworden, wie etwa Arnold Schwarzeneggers Ausruf „I’ll be back“ in den Terminator-Filmen, bevor er irgendein Gewehr mit abgesägtem Lauf unter seiner Lederjacke hervorzieht, um dann innerhalb weniger Nanosekunden die halbe Bevölkerung Kaliforniens niederzumähen…

Der Effekt beider Sätze ist in etwa der gleiche: junge Frauen brechen unkontrolliert in Tränen aus, bekunden glaubhaft, ihr Leben sei vorbei, man werde die Eliminierte schmerzlich vermissen, ihr Verlust habe „ein Loch ins Herz gerissen“, auch wenn man sie erst seit einer Woche gekannt habe, alles sei umsonst gewesen, sie wüssten gar nicht, wie es jetzt weitergehen solle. Es folgen Haare raufen, tränenverschmierte Make-Up-Desaster, dahingeschluchzte Halbsätze unter Hauptschulniveau … kurzum, ein echtes Weltuntergangsszenario.

Ein Abschied aus der Tiefkühltruhe

Heidi Klum, die Verursacherin dieses Chaos thront derweil auf ihrem Jurorensessel und betrachtet das Ganze mit Amüsement. Sich kümmern oder trösten verbindet sie mit den Sätzen „Du bist ein tolles Mädchen“, „Du findest Deinen Weg“. Während sie das sagt, umgibt sie die Aura eines Bofrost-Tiefkühlgerichts und man gewinnt den Eindruck, als habe sie den Namen des geschassten Mädchens schon vergessen, noch bevor sie den Punkt hinter den gesprochenen Satz gemacht hat. 

Die Ausrangierte, geht dann in der Regel in den Backstage-Bereich, um sich trösten zu lassen. Dort wird sie von ihren Mitstreiterinnen wort- und tränenreich in Empfang genommen. Mit weit aufgerissenen Augen wird Ungläubigkeit geheuchelt … „Nee nä?“… „IstnichtdeinErnst“. Doch irgendwo, abgelegen, in der Ecke sitzend, hat Eine von ihnen den klumschen Killerinstinkt und bringt es augenrollend auf den Punkt und zischt: „Besser die als ich. Eine Konkurrentin weniger, ey.“ Mit heidiesker Kühle spricht dieses eine Mädchen aus, was alle anderen denken. „Ich bin nicht hier, um Freundinnen zu finden, ich will den Shit hier gewinnen, also GEHT MIR AUS DEM WEG.“

Einige Eltern am liebsten so: „Wir haben gar keine Tochter…“

Während die Eltern dieser Mädchen in den letzten siebzehn Jahren mühevoll versucht haben, ihren Töchtern Werte zu vermitteln und gutes Benehmen beizubringen, bringt diese Sendung binnen kürzester Zeit das Schlimmste ihres Innersten ans Licht. Da werden Intrigen gesponnen, gelogen, dass sich die Bäume biegen und gemobbt, dass sich die Macher von „Gossip Girl“ davon eine Scheibe abschneiden könnten. Und während ich vor dem Bildschirm sitze, drängen sich mir folgende Fragen auf: „Mädchen, ist es wirklich DAS, was ihr euch vom Leben erhofft? Ist es wirklich genug Lebensinhalt, sich hübsch anzuziehen und gut auszusehen, wenn man sich dafür so verbiegen muss? Ist Geld wirklich alles?“

Nun, ich wüsste wie meine Töchter diese Fragen beantworten würden. Wir haben nämlich zu verschiedenen Staffel-Zeiten darüber gesprochen. Als für uns die GNTM-Zeit anfing, waren sie Feuer und Flamme für den Catwalk. Die „krassen, fancy Klamotten“ und die Aussicht auf viel Glamour und Geld begeisterten sie. Meine Kritik wurde auf hardcore-pubertäre Weise zurückgewiesen.

Versuch im mobilen Pubertätslabor 

Ich habe einfach ein Spiel daraus gemacht. Ich suchte ein paar Klamotten zusammen … aus meinem Schrank und ein paar exquisite Stücke aus dem Altkleidersack. Folgenden Vorschlag, machte ich dann: „Wenn Ihr euch damit anzieht und danach einmal durch die Siedlung geht, auch da wo eure Freunde abhängen, verdoppele ich diesen Monat euer Taschengeld.“ Ich konnte sehen, wie es in ihnen arbeitete, der Taschengeld-Aspekt hatte bei zwei 13 und 14jährigen Mädchen durchaus Gewicht. Zögerlich suchten sie sich etwas aus und fingen an sich umzuziehen.

Sie standen kichernd vor dem Spiegel und sahen ein bisschen aus, wie die zwei Vogelscheuchen auf Bauer Stüffels Feld. Um der Sache noch ein wenig Würze zu geben, gab ich weitere Anweisungen, schließlich war ich ja Heidi und durfte den Rahmen der Handlung bestimmen. „So, jetzt setzt Du, Motte, noch diesen Hut auf und Du, Mausi, den Haarreifen. Dann knöpft ihr eure Blusen auf und macht kurz unterhalb der Brust einen festen Knoten. Bauchfrei wirkt das Ganze sehr viel besser.“

„Bist Du jetzt vollkommen irre“, fragte Mausi mich. „Aber komplett! Ich gehe doch nicht nackig durch die Siedlung“, pflichtete ihr Motte bei. „Ihr wollt also vertragsbrüchig werden“, sagte ich mit gespieltem Ernst. Ich machte recht deutlich, dass es das doppelte Taschengeld nur geben würde, wenn sie täten, was ich sagte. Und weiter: „Wenn Ihr als Model einen Auftrag bekommt, müsst ihr immer anziehen, was Euch vorgegeben wird, auch wenn es Euch nicht gefällt und auch, wenn ihr dabei fast nackt sein müsst. Sonst bekommt Ihr euer Honorar nicht.“

Um es kurz zu machen, bei meinen Mädchen änderte sich an diesem Tag die Sichtweise auf GNTM. Wir schauen es zwar noch ab und an und gönnen uns eine Portion Voyeurismus, aber der Zauber ist verflogen.

Ernst gemeinter Zwischenruf

Was mich in dieser Staffel von GNTM aber trotzdem richtig aufregte, ist der so offen zelebrierte Sexismus, offenbar ein neues Steckenpferd von Heidi Klum. Wir sind ja nun schon gewohnt, dass sich die Mädchen, in Tüll und Paillettenstoff gehüllt, nur an einem Seil befestigt, kopfüber aus 150 Meter hohen Bauruinen stürzen müssen. Natürlich, bitte im freien Fall Posen und lächeln, „biete dem Fotografen mal etwas mehr an, Mareike…“ Oder dass die Mädchen, deren tierische Erlebniswelten bisher nur Hamster, Hunde und Ponys enthielten, plötzlich mit einer Großfamilie Pytons behängt wurden. „Die fühlen sich gaaanz toll an, Lena … die tun Dir nichts … tu mal so, als würdest Du das liiiiieben, SteffiemitP…“

Auch dramatisches Umstylen und das berüchtigte Nacktshooting gehören zu den Standards und dieses Mal kam nun noch der Nackt-Catwalk dazu. Und da kommen wir langsam zu dem Punkt, warum ich diese Sendung ablehne. Überwiegend minderjährige und sehr junge Frauen werden fortwährend dazu genötigt, Dinge zu tun, die sie nicht wollen, die ihrer religiösen Einstellung widersprechen, die von ihrem kulturellen Umfeld verurteilt werden, die gefährlich sind, sie demütigen und deren seelische Auswirkungen die Mädchen noch gar nicht absehen können. Wer aufmuckt oder nein sagt, gilt als schwach, was mich regelmäßig die Wände hoch treibt vor Wut. Was bitte ist schwach daran, zu seinen Gefühlen und gesunden Instinkten zu stehen und NEIN zu dem Wahnsinn zu sagen? Richtig, NICHTS!

Ich möchte Heidis Brüste nicht sehen … bitte … gebt sie Tom

La Klum versuchte nun der Kritik an ihrer Sendung auf ihre eigene Weise entgegenzusteuern. Sie ließ keine Gelegenheit aus, selber viel Haut zu zeigen, hielt vor Beginn des Nacktwalks mit beiden Händen ihre „Bubis“ in die Kamera und fragte, „Na, hat er (gemeint war Thierry Mugler) die Zwei nicht wunderbar in Szene gesetzt?“. Klasse und guter Geschmack gehen anders. Wie ein drittklassiger Sportreporter kommentierte sie die Art der Mädchen zu gehen, ihre Hüftschwünge, ihre Augenaufschläge und das mit dem schwülstigen Stimmen-Timbre eines mauretanischen Slavenverkäufers aus dem Mittelalter: „Waaauow, die kann aber gucken, so Pauw! … Uiuiuiuiiii, guck mal was die mit ihren Hüften macht …“ Ihr meint, ich sei eifersüchtig, weil Heidi hübscher und reicher ist, als ich? Stimmt, das ist sie und ich bin auch sonst ganz anders als sie. Ich finde das macht alles andere wieder wett.

Omi-FKK auf Pro7

Als ob das nicht schon Unbehagen genug verursacht hätte, erwarteten Heidi und Mitjurorin Ellen von Unwerth die Mädchen beim Nacktwalk im Evakostüm. „Wir fragen die Mädchen ja nach nichts, was wir nicht selber tun würden“, gab Unwerth als Grund dafür an. Heidi Klum brach daraufhin in lautes Gelächter aus. Ein Schelm, der an dieser Stelle den Eindruck gewann, dass den beiden Bestagerdamen ihre Selbstinszenierung wichtiger war, als die Mädchen. Die süße Anna, die angab nicht einmal zuhause nackt herumzulaufen, man wisse ja nie ob der Postbote vorbeikäme (wtf???) jedenfalls, erbat beim lieben Gott Unterstützung für ihren Badeschaum-Nacktgang nach Kanossa. Ich wüste wirklich gern, wie dass am anderen Ende der Himmelsleiter angekommen ist.

Zu Alledem hat Heidi natürlich eine Meinung. Sie formulierte es in etwa so: „Dürfen sich Models schämen? Models dürfen sich nicht schämen, Models dürfen sich überhaupt nicht schämen.“ Anders ausgedrückt: WIR (Ellen und ich) machen uns nackig, also kann das ja nicht so schlimm sein. Folgte man dieser Philosophie, wäre es so, als würde man die Mafia tolerieren, Papa hat schon Leute erpresst, der Junior kommt ganz nach ihm …

Entscheidet Euch: Modewelt oder Varieté

Die Modeschöpfer, deren Kleider auf diese Weise präsentiert werden, sollte man fragen, ob ihre Kleider das wirklich nötig haben, diese innere Selbstverleugnung bei ihren jungen Models. Wenn ja, na dann meine Damen und Herren, wird es Zeit zurück ins Atelier zu gehen und Bekleidung zu entwerfen, die diese Demütigungen junger Frauen nicht mehr benötigen, um auf dem Weltmarkt zu bestehen.

Heute ist es nun wieder so weit. GNTM geht mit dem großen Umstyling on air. Drama Baby! Solange Pro7, die Kosmetikfirmen, die Modelables und auch prominente Frauen wie Heidi Klum ihr Verständnis von Würde und Respekt nicht ändern, werden wir wohl weiterhin so bedeutungsschwere Sätze wie „Wir dachten zuerst, dass sie eine mega starke Persönlichkeit hat, aber dann haben wir gesehen, die kann gar nicht Rollschuh fahren“ verkraften müssen. Ich versuche es mit Humor zu nehmen. Also Obacht liebe Anna, man weiß ja nie, wann der Postbote klingelt…

Die letzte Instanz – ich hoffe nicht!

Ich dachte wirklich, ich hätte mich verhört, als ich mir die Sendung „Die letzte Instanz“ vom 29.01.21 im WDR angesehen habe. Deshalb, damit mir keine Inhaltlichen Fehler unterlaufen, habe ich mir die Sendung immer wieder in der Mediathek des Senders angesehen. Was soll ich sagen … ich war entsetzt, wütend und in vielerlei Hinsicht tief enttäuscht über die Dinge, die dort gesagt wurden und über die Art, wie über gesellschaftlich relevante Themen hinweggestammtischt und stellenweise auch, ob nun bewußt oder unbewußt, gehetzt wurde.

Die Sendung, in der laut eigener Beschreibung des Senders mit „großem Herz und großer Klappe“, bestimmte Fragestellungen diskutiert werden sollen, beschäftigte sich am Freitag mit der Frage – ich zitiere – „Das Ende der Zigeunersauce: Ist das ein notwendiger Schritt?“ Die Diskutanten sollen dann ihre Meinung darlegen und am Ende mit einer grünen oder roten Karte abstimmen, ob man sich die Änderung des Namens nun hätte schenken können oder nicht.

Moderiert wurde die Sendung vom Journalisten Steffen Hallaschka, bekannt als Moderator von sternTV. Er begrüßte als Gäste den Sternkolumnisten und Autoren Micky Beisenherz, die Schauspielerin Janine Kunze, TV-Profi Thomas Gottschalk und Jürgen Milski, Ballermannsänger und Big-Brother-Urgestein. Was soll ich sagen? Am Ende der Sendung kam mir der Gedanke, dass außer großer Klappe und großem Herzen vielleicht auch etwas Hirn sachdienlich gewesen wäre.

Ich will mich hier gar nicht in die Diskussion versteigen, ob man das Wort „Zigeuner“ heute noch gebrauchen sollte. Sobald sich ein Mensch oder auch eine Gruppe von Menschen durch ein Wort oder eine Kategorisierung herabgewürdigt fühlt, benutze ich es nicht. Das versteht sich aus meiner Sicht von selbst. In meinem Artikel allerdings, tauchen einige dieser Wörter auf. Ich habe das gemacht, um die Ungeheuerlichkeit des Gesehenen deutlich zu machen und nicht durch ***Worte zu schmälern. Diese Begrifflichkeiten tauchen ausschließlich in Zitaten auf, oder sind in Versalien gesetzt.

Natürlich ging es weder in der Sendung, noch geht es hier im Artikel nur um den Begriff „Zigeunersoße“. Es ging auch um die Fähigkeit zu erkennen, dass dort ein gesellschaftlich und historisch relevantes Thema diskutiert werden sollte. Ein Thema, dass bei den beteiligten Diskutanten das Vorhandensein, eines gewissen Maßes an Bildung und geschichtlichem Hintergrundwissen erfordert hätte. Im Grunde geht es doch um den Umgang mit bestimmten Themen, um Respekt und Akzeptanz. Wenn es um Dikriminierung, Antisemitismus oder Antiziganismus geht, haben die Sender unseres Landes, die historische Verpflichtung, vorab zu überdenken: In welche Art von Sendungen gehören diese Themen und mit wem besprechen wir sie. In Der letzten Instanz haben die Verantwortlichen des WDR, so muss man wohl sagen, ihren Job nicht ausreichend gut gemacht.

Als Moderator Steffen Hallaschka den Zentralrat der Sinti und Roma zitieren wollte, ließen ihn seine Gäste kaum zu Wort kommen. Sie winkten ab und taten das, was da an Stellungnahme kommen sollte, mit ein paar verächtlichen Jaja’s und verächtlichem Gelächter ab. In diesem Statement stellte der Zentralrat der Sinti und Roma klar, dass der Begriff „Zigeuner“ in der Vergangenheit als diskriminierender Begriff genutzt und mißbraucht wurde und dass sie sich selber nie so bezeichnet hätten.

Der Zentralrat der Sinti und Roma hat zu dieser Sendung inzwischen Stellung genommen. Den vollständigen Text findet Ihr HIER.

Man hätte jetzt darüber sprechen können, dass der Missbrauch von Sprache schon immer der Anfang von Diskriminierung und Alltagsrassismus waren. Oder konkreter, welche Folgen es in unserem Land schon einmal gehabt hat, wenn man als „Zigeuner“ klassifiziert worden war. Stattdessen regte sich Janine Kunze darüber auf, dass sie ihr Schokobrötchen nicht mehr „Mohrenkopf“ nennen dürfe. Schließlich habe sich ja niemand was Böses dabei gedacht, als das Wort erfunden worden ist. Als ich das hörte, holte mein inneres Ooohhmmm die Klangschale aus dem Schrank und flüsterte leise: „Birgit, sie wissen ja nicht worüber sie da reden…“ Janine Kunze dozierte inzwischen weiter, man müsse ja nun nicht jedes Fass aufmachen und sich jeden Schuh anziehen. Und dann O-Ton Kunze: „Entschuldigung, hier sitzt eine blonde Frau mit relativ großer Brust. Was glaubst Du denn, was wir uns anhören…“ Das Ganze dann noch unterlegt mit den grenzdebilen „Jajaja-Genaus“ von Jürgen Milski. Leute, wenn es nicht so traurig wäre …

Spätestens jetzt wäre es, aus meiner Sicht, angebracht gewesen, das Testbild einzublenden und die Sendung zu unterbrechen oder die Teletubbys in Dauerschleife zu senden. Alles wäre besser gewesen, als das, was noch folgte. Zur Info Frau Kunze: Die Zahlen-Schätzungen, wieviele Sinti und Roma, der Massenvernichtungs-Maschinerie der Nazis zum Opfer gefallen sind, bewegen sich zwischen mindestens 100.000 und 500.000 Menschen. Ich will mich ja nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, aber ich könnte wetten, dass die Opferzahlen dickbrüstiger Blondinen da nicht heranreichen….

Und als ich glaubte, es könne nun nicht schlimmer werden, meldete sich Thomas Gottschalk zu Wort. Der große Showmaster vergangener Samstagabende hatte sich eigentlich noch nie, auch nicht zu seinen Glanzzeiten, durch politisches Bewusstsein oder durch reflektierte Aussagen zu sozialkritischen Themen ausgezeichnet. Ich fürchte, er ist nicht so klug, wie er als studierter Lehrer eigentlich sein müsste. „Wetten Das“ war auf jeden Fall die bessere Lösung für alle.

Aber mit dem, was er in dieser Sendung sagte, trat er nun wirklich in die Ur-Mutter aller Fettnäpfe. Im LA-Plauderton erzählte er, wie er einst, in Beverly Hills auf eine Kostümparty gegangen war. Aus tiefer Verehrung für den Künstler, hatte er sich als Jimi Hendrix verkleidet und um möglichst authentisch auszusehen (oder aus Ignoranz, wer weiß das schon genau) hatte er sich sein Gesicht geblackfaced. Auf dieser Party seien außer ihm nur weiße Banker gewesen. Das Ganze sei sein Erweckungserlebnis gewesen. Gottschalk O-Ton: „Zum ersten Mal wußte ich, wie Schwarze sich fühlen.“ Mein inneres OOOhhmmm packte seine Koffer, wild entschlossen, einen sehr langen Erholungsurlaub anzutreten.

Im ernst Herr Gottschalk, sie feiern Fasching und wissen seitdem wie dunkelhäutige Menschen sich fühlen? Ich erkläre Ihnen mal den Unterschied. Ein schwarzer Mensch verbringt ein ganzes Leben mit seiner Hautfarbe. Er trägt sie im Schnitt 80 lange Jahre durch glückliche Zeiten , aber auch durch Konflikte und durch schwierige, manchmal auch gefährliche Zeiten, ohne eine andere Alternative zu haben. Sie können, wenn es schwierig, gefährlich oder unbequem wird einfach ins Bad gehen und sich ihre schwarze Farbe abwaschen. Glauben Sie mir, das ist nicht vergleichbar. Ich bin sicher, Jimi Hendrix würde mir zustimmen. Und da sind wir beim nächsten Punkt.

Warum kommt in dieser Sendung nicht wenigsten eine Person zu Wort, die von Alltagsdiskriminierung betroffen ist. Pssst, Frau Kunze wir reden jetzt nicht über Oberweiten. Hätte die Ausgewogenheit der Sendung nicht davon profitiert, wenn ein Sinti oder ein dunkelhäutiger Mensch seine Erfahrungen eingebracht hätte. Es wäre doch interessant gewesen, zu sehen, was es mit Milkski, Kunze oder Gottschalk gemacht hätte, wenn ihnen mal jemand, der es wirklich erlebt hat, geschildert hätte, was es mit ihm macht, wenn jemand anderer „Zigeuner“ zu ihm sagt. Das würde ihnen vielleicht klar machen, dass ihr lautes Nix-darf-man-mehr-sagen-Gejammere nicht einmal annähernd den Kern des Themas trifft.

Ich habe schon mein halbes Leben hinter mir. Mir wurde schon als Kind gesagt, dass man gewisse Bezeichnungen nicht benutzen darf, weil es andere Menschen verletzen würde. Und um exakt diese Worte geht es immer noch. Das finde ich beschämend. Niemand sagt, dass die Änderung der Sprache den Rassismus komplett beendet, das sie derAnfang für Diskriminierung sein kann, das haben wir erlebt. Aber solange die Beleidigung einer Bevölkerungsgruppe so einfach und selbstverständlich geäußert wird, wie in dieser Sendung oder aber als Bezeichnung eines Lebensmittels sogar zur Marke wird, ist es unrealistisch zu glauben, dass die gleiche Bevölkerungsgruppe eine faire Chance auf gleichberechtigte Behandlung hat.

Ich finde, das weder der Sender, der Moderator Steffen Hallaschka, noch Janine Kunze, Thomas Gottschalk, Jürgen Milski oder Micky Beisenherz das in der Sendung Geschehene so stehen lassen sollten. Entschuldigungen vom WDR, Micky Beisenherz und Janine Kunze sind mittlerweile online. Aber ich persönlich finde, dass da etwas mehr, als eine geschriebene Entschuldigung fällig ist. Eine Sendung mit allen Beteiligten und eine Auge-in-Auge-Diskussion mit betroffenen Menschen wäre, wie ich finde, angemessen.

Liberty im Tal der Tränen

Nur um es noch einmal ganz deutlich zu machen. Der noch amtierende Exekutivchef der USA, Donald Trump, formiert einen nahezu unkontrollierbaren Mob, indem er fortwährend bewaffnete Zivilisten aufhetzt, die Legislative seines Landes anzugreifen, nur um sie daran zu hindern, ein demokratisch entstandenes Wahlergebnis zu bestätigen und so dem Mehrheitswillen „seines“ Volkes nachzukommen.

Zeitgleich verweigert er der Legislative den Schutz durch ihm unterstellter Sicherheitskräfte, nämlich der Nationalgarde, obwohl genau das die Aufgabe dieser Sicherheitskräfte wäre, nämlich das Parlament, das Capitol und damit die Demokratie zu schützen. Das Ergebnis sind bis jetzt vier Tote Menschen, Sprengsätze und Rohrbomben wurden gefunden, unzählige Mobster waren bewaffnet.

Wäre Ähnliches in Südamerika oder Afrika passiert, hätten wir kein Problem es als das zu bezeichnen, was es war, nämlich ein Putschversuch einer aufgebrachten Menge, hochgepuscht von einem scheidenden Präsidenten, der den Machtverlust nicht verkraftet. Die Art und Weise, wie die Amerikaner mit dieser Situation umgehen, wird Einfluss haben auf die Stabilität der Demokratien weltweit. Genauso wie Trumps Politik vier Jahre lang Schockwellen in die Welt gesendet hat und dazu beigetragen hat, dass mancher Orts Extremisten wieder salonfähig geworden sind.

Ich wünsche mir sehr, dass in den USA nun weise Entscheidungen getroffen werden. Joe Bidens Ansprache an das Volk in dieser Nacht lässt Hoffnung zu. Aber Angriffe wie diese, erfordern auch lückenlose Aufklärung und harte Konsequenzen im Rahmen der bestehenden Gesetze, ohne Rücksicht auf Ämter oder Bankkonto der Verantwortlichen.

Der unberechenbare Jahreswechsel

20fucking20 Jahresrückschau Teil 1

So eine Nachlese ist gar nicht so einfach, insbesondere wenn es um das Jahr 2020 geht. Es war ein ständiges Auf und Ab, ein stetiges Anlaufnehmen, in Fahrt kommen, Vollbremsungen einlegen, wieder vorsichtig losfahren, über Hürden springen, sich in den Gegenwind stemmen und das mit allergrößter Vorsicht. 

Die Blickwinkel dieses Jahr zu betrachten sind so vielfältig, dass ich meine Betrachtungen in mehrere Teile aufgeteilt habe, um diesem sehr besonderen Jahr gerecht zu werden. Manche Rückschau fällt humorvoll aus, manchmal wird es aber auch nachdenklich, auf jeden Fall aber ehrlich.

Und weil 2020 bei mir eigentlich schon 2019 angefangen hat, startet Teil 1 der Nachlese mit einem sehr persönlichen Rückblick auf das vorletzte Jahr. Keine Angst, ich habe mich kurz gefasst. 

Silvester 2019 oder das Omen

Mannohmann, was war ich optimistisch, am 31.12.2019…

Ich hatte ein wirklich hartes Jahr 2019 hinter mir. Im Januar mit Lungenentzündung und Lungenembolie auf die Intensivstation, einmal das volle Programm, beatmet werden, Kampf um jeden Atemzug. Betrieb dicht gemacht, weil Einzelunternehmen, Abschiedsbriefe geschrieben an die Kinder, den Mann und meine beste Freundin … dann den ganzen Scheiß überlebt, mit Hilfe engagierter Ärzte und Schwestern und meinem unerschütterlichen Optimismus, der mich ständig denken ließ, dass es noch nicht an der Zeit war zu gehen. 

Geduld, Geduld und noch mal Geduld

Zuhause in unserem Reihenhaus angekommen, habe ich dann schnell gemerkt, dass es, ich leihe mir mal meine Lieblings-Politikerfloskel aus, kein „Weiter so“ geben kann, sondern dass Rekonvaleszenz seine Zeit braucht. Der Job musste warten, der dritte Stock musste warten und die Hunderunden vorerst auch. Wie gut, dass ich eine Familie hatte, die das alles super abgefedert hat. Dafür noch mal Danke an dieser Stelle.

Auch wenn ich nach jedem Treppenaufstieg schnaufte wie das Walross aus Hagenbecks Tierpark, war ich mental gut drauf. Ich hatte ein Schweineglück gehabt. Mein kiffender Schutzengel hatte seinen Joint mal für ein paar lebensrettende Momente zur Seite gelegt, und mir stattdessen eine zweite Chance auf ein schönes Leben, bei seinem Chef ausgehandelt. Diese Chance wollte ich ergreifen und das Beste daraus machen. Ich fing an, meine Prioritäten neu zu sortieren.  Die Hundeschule war quasi tot, die Kunden über die lange Zeit verschwunden – dachte ich.

Irgendwie geht es immer weiter

Zuerst brachte ich meinen Hundeblog wieder zum Laufen. Das ging gut, weil es mir erst einmal keine körperliche Fitness abverlangte. Langsam, ganz langsam kam meine Fitness zurück und was mich besonders freute, auch meine Hundeschulkunden meldeten sich wieder und neue Kunden kamen dazu. Zwischen Spätsommer 2019 und Januar 2020 lief das Geschäft besser, als je zuvor. Im Januar gab es zwei Abschlussuntersuchungen und ich gelte seitdem als ausgeheilt. Anfang Februar hatte ich so viele Kunden, dass ich mir keine Sorgen mehr zu machen brauchte. An Silvester 2019 hatte ich einen guten Plan, wie ich dieses neue Jahr für mich nutzen wollte. 

2020 hatte einen anderen Plan

Dann kam Corona und fegte jeden meiner Pläne ohne mit der Wimper zu zucken vom Tisch. Dieser Virus veränderte unser aller Leben enorm. Im Februar noch, war es eher ein diffuses Gefühl, dass da etwas mit enormer, zerstörerischer Kraft auf uns zukam. Im März, wurde unsere Wirtschaft und unser soziales Gefüge heruntergefahren, um das Überleben derer zu sichern, die sich mit Corona infiziert hatten. Wir nannten das den Lockdown light, nur eine von vielen neuen Vokabeln, die wir unserem bisherigen Wortschatz hinzufügen mussten.

Das Virus zwang uns, uns zurückzunehmen, zu verzichten, mehr an andere zu denken, als an uns selbst. Die Spontanität ging ein wenig flöten, es wurde ein Leben mit angezogener Handbremse. Täglich gab es Neues zu lernen. Wir schlidderten aus einem Leben, in dem das Machen, Machen, Machen …, das immer Mehr, das Höher, Weiter und Schneller den Ton angegeben hatten und Erfolg oder Misserfolg gekennzeichnet hatten, in ein Dasein, in dem das Weniger, das Abstandhalten, gegenseitige Rücksichtnahme und das strikte Einhalten von Regeln, uns selbst und vielen anderen das Leben erhalten konnten. 

Übung macht die Meisterin

Spätestens zu diesem Zeitpunkt, hatte ich das Gefühl, dass das Schicksal mir 2019 eine Art Probedurchgang beschert hatte. Betrieb schließen, kein zweites Einkommen mehr, das alles kam mir bekannt vor. Ich war dieses Mal ruhiger, weil ich wusste, meine Kunden bleiben treu, es wird nach dem Lockdown weitergehen. Mit Freunden und Familie blieben wir via Skype und WhatsApp in Verbindung. Bei uns hat das gut geklappt, ich habe aber auch gehört, dass bei anderen so manche Freundschaft den Härtetest nicht bestanden hatte.

Und nun haben wir den zweiten Lockdown, mein persönlicher Durchgang Nummer 3. Ich habe ihn mehr oder weniger mit einem Schulterzucken empfangen. Habe meine Kunden angeschrieben und seitdem den Kontakt zu ihnen gehalten. Marketing lernt man so ganz nebenbei also auch noch. Langsam bin ich Profi im Startup upstarten.

Man lernt ja nie aus

Was ich sonst noch gelernt habe? Hier ein paar meiner Lockdown-Erkenntnisse:

1. Familie ist alles… Mehr Zeit für die Familie zu haben, war gut für die Beziehung und super gut für unser Verhältnis zu unseren Kindern. 

2. Unsere Familie hält zusammen und hält was aus, unterstützt sich gegenseitig, selbst wenn beim Kartenspielen jegliche Zurückhaltung fällt, wie ein staubiger Theatervorhang und die Fetzen fliegen … Alles etwas langsamer angehen zu lassen, steigert die Lebensqualität sehr.

3. Ich neige nicht zur Panik. Ja, ich habe manchmal Angst aber sie lähmt mich nicht. Meine Angst bringt mich nicht dazu, nach Schuldigen zu suchen, wo keine sein können. Sie macht mich nur vorsichtig und das ist gut so.

4. Es brauchte eine Pandemie, um meiner Mutter dazu zu bringen, zumindest vorübergehend zu erkennen, dass ich einen Wert für sie habe. Es brauchte einen tödlichen Virus, um ihr klar zu machen, dass sie sich auf mich verlassen kann. Eine Pandemie wird nicht ausreichen, um die neu entstandene Wertschätzung in gesunde Zeiten rüber zu retten … ich werde irgendwie damit klarkommen.

5. Die Erfahrungen und Erzählungen meiner Urgroßmutter und meiner Großeltern aus zwei Kriegen und der Zeit danach, haben geholfen, manche Sicht auf die Gegenwart geradezurücken. Die Vergangenheit ist mir wichtig. Bodenständigkeit, Realismus und eine gehörige Portion an Zuversicht, gehören offenbar zum Familienerbe.

6. Ich bin plötzlich ein Trendsetter. Ich arbeite nämlich schon seit Jahren im Homeoffice, mit kleinen Kindern, Pubertieren und jetzt mit jungen Erwachsenen.

7. Ich backe gar nicht mehr soooo schlecht …: „Ruhe da hinten!“

8. Ein norddeutsches Gemüt ist hilfreich. Wat mut, dat mut, es is, wie es is. Egal was ist, es geht immer irgendwie weiter. Manche Dinge kann man nicht ändern, man muss das akzeptieren und lernen, das auszuhalten.

9. Ich muss nicht weit reisen, um glücklich zu sein. Ich liebe meinen Garten und die Gartenarbeit, endlich habe ich Zeit dafür. Ja, ja, ich weiß, das ist für Manche der Inbegriff der Spießigkeit. Wisst Ihr was? Das ist mir sch…egal.

10. Einfach mal nichts tun, ist wie Kurzurlaub. Steht jetzt auf jeder Jahresagenda auf Platz EINS, dennKraft braucht eine Quelle zum Auftanken.

11. Mein Hund Finley ist wichtig für meine Seele. Er hat mich in dieser schweren Zeit stabilisiert. Ich habe die Gassirunden genossen, weil sie ohne Zeitdruck waren. Das werde ich uns auch in Zukunft erhalten.

Manche hat Corona hart getroffen

Wie unterschiedlich wir alle die letzten 12 Monate auch erlebt haben, dieses Jahr ist an niemandem spurlos vorbei gegangen. Wir sollten unseren Blick vor den Nöten der Anderen nicht verschließen. Ich denke mit Mitgefühl an alle Diejenigen, die es schwerer erwischt hat, als meine Familie und mich. Mir kommen die Tränen, wenn ich an die Familien denke, die Tote zu beklagen haben und in den letzten Stunden nicht bei ihren Angehörigen sein durften. Wie sollen sie das jemals verkraften?

Mein Herz wird schwer, wenn ich an die vielen Betriebe denke, die nach dem letzten Lockdown nicht wieder öffnen werden. Wie viele Unternehmer werden vor den Trümmern ihrer Lebensleistung stehen? Wie viele Künstler stehen am Rande ihrer Existenz? Wird sie jemals wiederkommen, die sogenannte Normalität? Unter diesen Umständen misstraue ich dem Jahreswechsel, der ja eigentlich immer ein Neuanfang sein soll. Ich glaube das Jahr 2020 wird seinen Schatten noch lange Jahre auf alles werfen, was wir planen. Klingt zu pessimistisch? Ach was – egal was ist, es wird immer irgendwie weitergehen.

Well … dann versuche ich es mal aufs Neue:

Kopf hoch, Leute! Ich wünsche Euch vor allem ein gesundes, neues Jahr 2021. Dann natürlich, der aktuellen Zeit angepasst, keine weiteren Lockdowns, berufliche Stabilität, mehr menschliche Nähe, Zuversicht, Stärke, wieder etwas mehr Lässigkeit, verantwortungsvolle Menschen in eurer Umgebung und stabile Freundschaften.

Dinner four 4, Weihnachten ohne Oma

Jetzt ist das Jahr 2020 schon fast um. In den kommenden Jahren wird es wohl das Corona-Jahr genannt werden … oder Lockdown-Jahr … oder #20fucking20isteinArschloch. Dieser Virus verändert alles, auch die Traditionen, die in unserer Familie seit Jahren gelebt werden. Eigentlich ist Weihnachten das Fest, an dem wir alle zusammenkommen, in die Kirche gehen, zusammen kochen, essen und uns traditionell auch ein bisschen auf den Keks gehen. Ich werde das dieses Jahr sehr vermissen.

Meine Mutter trifft eine Entscheidung

Vor einer Woche kam der Anruf meiner Mutter: „Birgit, ich möchte für Weihnachten absagen. Ich glaube, das ist sicherer für uns alle. Macht Euch bitte keine Sorgen um mich, ich komme damit klar. Am Ende werden wir uns wieder zum Grillen bei mir im Garten treffen, das weiß ich ganz genau.“ So hatte sie es für sich entschieden und ich bin ihr unendlich dankbar, dass sie mir diese Entscheidung abgenommen hatte. Auch wenn unser Verhältnis miteinander nicht immer einfach ist, hat diese Krise doch gezeigt, dass wir als Familien-Krisenteam gut funktionieren. 

Gutes Team in der Krise

Ich mache die Einkäufe für meine Mutter, stelle ihr die Einkaufstüten vor die Tür, alles mit Maske und Handschuhen. Meine Mutter holt sich das Ganze ins Haus, öffnet danach ein Fenster und wir reden ein paar Minuten miteinander. Wenn ich ehrlich sein soll, so selbstverständlich und entspannt war unser Füreinander selten. Es geht also … 

Eiserne Disziplin und die Fähigkeit zum Verzicht

Bei Licht betrachtet haben wir es in dieser Krise noch gut getroffen. Wir sind – noch – alle gesund. Meine Mutter hat es schön bei sich zuhause und leidet keine finanzielle Not. Sie ist körperlich und geistig für ihre 86 Jahre erstaunlich fit. So stellen sich uns viele Probleme, wie Betreuung oder Medizinische Versorgung sicher zu stellen, zurzeit nicht. Toi,Toi, Toi …

Die Herangehensweise meiner Mutter an diese Krise finde ich bewundernswert. Sie stellt sich den Herausforderungen mit eiserner Disziplin: „Es is wie es is, und wat mut, dat mut!“  Kein Gejammer, keine Unvernunft, ich muss mir da gar keine Sorgen machen.

Oma sag mal, wie war das damals…

Sie telefoniert regelmäßig mit meinen Töchtern und spricht mit Ihnen über Krisen, die sie in ihrem Leben schon bewältigen musste. Mit ihren Erfahrungen zeigt sie ihnen, dass es immer einen Ausweg gegeben hat. „Es wird wieder besser Deern, das kann ich Dir versprechen, dies ist nicht das Ende. Ihr müsst nur gesund da durchkommen.“  Sie erzählt, wie sie ihre Kindheit im Krieg erlebt hat und davon, wie ihre Eltern, meine Großeltern, im Leben zwei Mal ganz bei Null wieder anfangen mussten und es geschafft haben.

So ordnet sie ein, rückt Sichtweisen zurecht, ohne den Eindruck zu erwecken, dass sie die Sorgen meiner Kinder nicht ernst nehmen würde. Tja, wer hätte das gedacht. Ich habe viele dieser Geschichten schon von meiner Großmutter gehört und finde es sehr interessant, einiges davon aus der Perspektive meiner Mutter geschildert zu bekommen. Ich wusste von Klein auf, dass Kampfgeist, Disziplin und die Fähigkeit auch mal auf etwas verzichten zu können, Tugenden sind, die in meiner Familie fest verankert sind. Wenn es erforderlich war, wurde angepackt und fertig. 

Großeltern mit einem großen Herzen

Das alles leisteten meine Großeltern mit viel menschlicher Wärme und einem großen Verantwortungsgefühl für andere. Man half, man unterstützte, wenn es nötig war, einfach so. Eine Maske zu tragen, mitten in der einer todbringenden Pandemie? Sie hätten keine Sekunde gezögert. Haben sie übrigens auch nicht. Als 1918 die Spanische Grippe auch in Deutschland wütete, hat meine Urgroßmutter (Jahrgang 1880), mit der ich noch aufwachsen durfte, ihre gute Tischdecke zerschnitten und einen Mundschutz für sich und ihre Kinder genäht, alles von Hand, Nähmaschinen konnte man sich damals noch nicht leisten. Mein Großvater war damals 8 Jahre alt und der Älteste von drei Kindern. Mein Urgroßvater war 1917 gefallen und meine Urgroßmutter auf sich gestellt.

Die Angst frisst die Seele auf

Ich habe von meiner Familie schon frühzeitig gelernt, wie man mit Angst umgeht, dass man sich von ihr nicht überwältigen lassen sollte, weil das zu übereilten Entschlüssen und Handlungen führen kann. Mir wurde beigebracht den Blick von dem abzuwenden, was mich aus der Bahn werfen könnte und den Fokus auf das zu legen, was als Nächstes getan werden muss oder kann.

Vielleicht fällt es mir deshalb manchmal auch ein wenig schwerer, Verständnis für die sogenannten Querdenker und ihre abstrusen Theorien aufzubringen. Es bringt uns nicht weiter, kostet wertvolle Zeit, die besser investiert werden könnte. Ich wollte sie ja nur mal kurz erwähnen … *zwinker.

Mir bleibt an dieser Stelle nur, Euch trotz allem schöne Weihnachten zu wünschen.  Gott sei mit Euch. Bleibt gesund, passt auf Euch auf, denkt auch immer an die Anderen, tragt eure Masken, und trefft weise Entscheidungen.

Hacke … Knöchel …Hacke …, Winkewinke, uuuund Ghettofaust

Begrüßungskultur in Corona-Zeiten

Naaaa, heute schon irgend Jemandem die Faust gezeigt oder ans Bein getreten? Ihr könnt das ruhig zugeben, ist im Moment nämlich alles erlaubt. Futsch ist er, der schöne altmodische Händedruck. Futsch die Bussi-Bussi-Umarmung. Futsch über Jahrhunderte gewachsene, in Stein gemeißelte, soziale Interaktion. 

Plötzlich ist das gefragt, was früher eher mit einem Kopfschütteln bedacht wurde und zu einem Erziehungsgespräch mit Mutti geführt hatte: „Tillman, Du darfst andere Kinder nicht treten. Anne-Sophie, die Faust bleibt in der Jackentasche, das machen Mädchen nicht…“ Stattdessen, darf ich meiner heißgeliebten Nachbarin Frau Nörgel, die Ghettofaust völlig entspannt, über den Bonanza-Zaun entgegenrecken. Das Ganze begleitet von einem halbherzig-bedauernden Schulterzucken: „Wird alles wieder besser Frau Nörgel…“ Sie lächelt dann schief zurück und nickt.

Die Grenzen des guten Benehmens sind ins Wanken geraten

Neulich standen wir am Zaun, da kam meine Bekannte Christa, bepackt mit Einkaufstaschen um die Ecke. Ghettofaust ging nicht, also wollte sie Frau Nörgel mit einem formvollendeten Fußknöchelkick begrüßen. Frau Nörgel erschrak sich ein wenig, ob der Geste und wich aus. Die archaischen Reflexe sind stark in dieser da, dachte ich noch und sah dann, wie der gut gemeinte Tritt auf der, am nachbarlichen Knie baumelnden, Handtasche landete und eine dunkelbraune Schliere auf dem beigen Wildleder hinterließ.

Individuelle Lösungen bieten ganz neue Entfaltungsmöglichkeiten

Für MEINE MUTTER sind die Ghettofaust oder der Fußknöchelkick keine akzeptablen Alternativen zum verschwundenen Handshake. So ein Fußknöchelkick will mit jugendlichem Schwung ausgeführt sein, um noch irgendwie lässig und cool zu wirken. Das hinzubekommen, ist mit 86 Jahren auf dem Buckel, wirklich nicht so einfach. Genauso wenig beeindruckt es, wenn sich die alten, knochigen Finger meiner Mutter zu einer Faust zusammenballen. Außer mir weiß ja keiner, welche immense Kraft einmal hinter dieser geraden Linken gesteckt hat.

Aber meine Mutter hat eine gute Lösung gefunden, absolut zugeschnitten auf ihre Persönlichkeit. Sie hat den Queen-Elisabeth-Move für sich entdeckt. Wenn sie Jemanden grüßen möchte, hebt sie huldvoll die linke Hand, Handfläche nach außen gedreht und macht zwei nicht zu schnelle Bewegungen vor und zurück. Dazu neigt sie den Kopf leicht schräg und nickt unmerklich. Dann dreht sie ihren Untertanen …. ähm, ich meinte natürlich Nachbarn, Postboten, Passanten, vorbeifahrenden Autofahrern oder dem Bofrostlieferanten … ohne eine Reaktion abzuwarten den Rücken zu, und widmet sich wieder intensiv ihrer Gartenarbeit. 

Ich war Prinz Phillip … unfreiwillig aber überzeugend

Neulich ging ich zusammen mit ihr zum Friedhof, das Familiengrab winterfein machen. Es war in kurzer Zeit schon das dritte Mal, dass wir dorthin mussten und ich war ein wenig verwundert. Und dann fiel es mir auf. Meine Mutter hatte gar keine Gartenklamotten an, sie hatte sich fein gemacht. Sie schritt voran, der Gehweg war eng, ich folgte ihr in einem Meter Abstand. Während meine Mutter nun ihre Nachbarn auf der ganzen Strecke bis zum Friedhofstor, links und rechts mit Queen-Elisabeth-Moves bedachte, zog ich hinter ihr den Gartenwagen mit dem ganzen Arbeitskram hinterher. ICH WAR PRINZ PHILIPP, der beflissene Helfer, der die Sonne heller auf ihre Majestät scheinen ließ. Ich sag‘s Euch Leute, Adelheid Groth hat es drauf, sie hat es in vollen Zügen genossen.

Psssst! Ich verrate Euch was…

Ich bin ja eher ein winkender Freestyler vom beiläufigen, unverbindlichen Luftwischer, bis hin zur Ekstasy-Variante habe ich alle Stufen der heiteren Begrüßung drauf. Es kommt halt darauf an, wen ich treffe und wen ich begrüßen möchte, ob und wie heftig ich mich über das Zusammentreffen freue. 

Und damit sind wir bei meinem kleinen Geheimnis angelangt, psssst, kommt mal näher … also so nah, wie es „AHA“ erlaubt.

Es gibt Begrüßungsrituale, auf deren häufige, inflationäre Wiederanwendung ich auch nach Corona gut verzichten könnte. Gemeint sind diese, in der Vergangenheit, reflexhaft angewandten Ich-kenne-Dich-nicht-knutsch-Dich-aber-trotzdem-Umarmungen, weil man es eben so machte, um zu zeigen, ich bin cool, man kennt mich, ich gehöre dazu (wobei man das durchaus hinterfragen sollte).

Bussi Bussi mit Schwitzkasten

Ich bin da durch und durch norddeutsch. Ich brauche keine Bussi-Bussi-Schmatzer mit Schwitzkasten. Insofern hat Corona mir ein wenig geholfen, meinen Tanzabstand zu anderen wiederherzustellen. Aus meiner Sicht, verlieren meine Begrüßungen dadurch nicht ihre Herzlichkeit, sondern sind viel ehrlicher und einschätzbarer. So’n Büschen liegt diese Einstellung bei meiner Familie auch in den Genen. 

Meine Mutter zum Beispiel, würde eher ein Hygienezelt um sich herumbauen, als freiwillig fremde Leute in den Arm zu nehmen. Ich gebe Euch mal ein Beispiel. Kurz vor Corona, ist neben meiner Mutter eine junge Familie in eine schmucke, neugebaute Doppelhaushälfte eingezogen. Man stellte sich gegenseitig vor und gut war es. Dann aber kam die Mutter der jungen Frau zu Besuch und wollte helfen. 

Emotionsflexibilität ist nicht so Mamas Ding … jedenfalls nicht bei Anderen

Beim zweiten Zusammentreffen am Gartenzaun, wurde die gute Frau offenbar von ihren Gefühlen überwältigt. Ansatzlos riss sie meine Mutter an ihre Brust und sagte pathetisch: „Ach Mööönsch, komm mal her, ich sag‘ jetzt einfach Du zu Dir … ich heiße Evelyn!“ Sagte es, presste meine kleine Mutti an ihre opulente Brust und küsste sie auf den Scheitel.

Ihr werdet es vielleicht nicht verstehen, aber für mich stand die Welt für Sekunden still. Leute, das könnt Ihr mit Adelheid Groth nicht einfach so machen. Vorsorglich hatte ich meiner Mutter den Spaten aus der Hand genommen, man weiß ja nie. 

Im weg gehen hörte ich die gequälten Atemgeräusche meiner überrumpelten Mutter und einige Wortfetzen: „…äh, ja hallo … Adelheid …, kennen uns ja noch nicht so lange, … mir überlegen, … bei mir steht was auf dem Herd …“ Die eigentliche Botschaft, nämlich ‚Ich möchte das nicht‘, erstickte Evelyn in der Schraubstock-Umarmung an ihrer bebenden Brust. Die Folgen dieses Vorfalls sind ein höherer Gartenzaun, und meine Mutter sagte fortan, ohne es irgendwie zu rechtfertigen, konstant Evelyn und „Sie“ zur Mutter ihrer Nachbarin. 

Ganz so schlimm ist es bei mir nicht, denn bei guten Freunden und Menschen, die ich schon länger kenne, ist eine Begrüßungsumarmung etwas ganz Natürliches für mich. Was mir aber wirklich abgeht in diesen Zeiten ist ein freundlicher, kultivierter Händedruck und wenn ich mir etwas wünschen dürfte, wäre es dessen Wiederkehr, nachdem wir dieses verdammte Virus in den Griff bekommen haben.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann zählen sie noch heute …

Heute Nacht hatte ich einen schlimmen Traum, oder frei nach Martin Luther King: „I had a albdream!“. Wir schrieben das Jahr 2023 und der Auszählungsmarathon in den USA war immer noch nicht beendet. In den Auszählungszentren der Countys saßen Beamte der amerikanischen Wahlämter, mit Zottelmähne und Rauschebart und begannen ihren inzwischen 54ten Recount. 

Und erlöse uns von den Fanatikern…

Der neue Auszählungsmorgen in Georgia begann für die armen Menschen mit einem Gebet der Trump-Hohepriesterin Paula White (Klick hier): „I hear the sound of victory … I hear the sound of victory … God sais, it is done … God sais, it is done …”. In Reihe Eins der Auszählungstische fingen zwei der Auszähler hysterisch an zu kichern. „Racka shaka vikka rallaramba schuschulala …“, skandierte Predigerin Paula, die nach eigenem Bekunden auch in Zungen sprechen kann. Die Auszähler der gesamten letzten Tischreihe fingen an zu wimmern und begaben sich unter ihren Tischen in Embryohaltung. 

Journalisten am Limit

Weil Optimismus never dies, verkündete der CNN-Anchorman Chris Cuomo zum zigsten Mal einen Key Race Alert für Pennsylvania, Georgia, Nevada und Arizona. Er und sein Kollege George beteten zum wiederholten Male ihre Was-wäre-wenn-Rechnungen herunter, dem noch unerfahrenen George rannen ein paar Tränen über die Wangen. Durchsage aus dem Off: „George möchte jetzt endlich aus dem Bällebad abgeholt werden.“

Jake Tapper und Anderson Cooper, zwei Chefreporter von CNN erwartete eine Rüge von der Sendeleitung. Anderson Cooper hatte den noch amtierenden Präsidenten, mit einer auf dem Rücken liegenden, mit Armen und Beinen zappelnden Schildkröte verglichen und Jake war vor laufender Kamera fast in Tränen ausgebrochen, als er Donald J. Trump den Ignoranten beschuldigte, er würde die Demokratie in den USA mit Füßen treten.

Die Geduld des Polit-Urgesteins

Joe Biden, inzwischen 80 Jahre alt, hielt seine 123te Rede an die Nation, ermahnte die Bürger geduldig zu sein, „Democracy is working … every vote counts – again… the outcome is going to come soon…“. Die designierte Vizepräsidentin Kamala Harris wischte ihm derweil liebevoll die Spinnweben von der Schulter. Zeitgleich stand der älteste Sohn von El Ignorante, Donald J. jr. der Genpoolverkorkste vor dem Wahlamt in Georgia und zitierte Adolf Hitler. Er kündigte den „totalen Krieg gegen das Wahlergebnis an“, sofern das Ergebnis zur Abwahl seines Vaters führen würde. 

Wie heißt es doch? Mitgefangen, mitgehangen…

Der noch im Amt befindliche Vizepräsident Mike Pence zog mit dem Klingelbeutel durch die Lande und sammelte Geld für Klagen vor dem Surpreme Court ein. Denn eines war klar, kampflos würde die Donald-Fraktion das Weiße Haus nicht verlassen. Der Einwand der Demokraten, Trump der Ignorante habe für den von ihm angeprangerten, angeblichen Wahlbetrug keine Beweise vorgelegt, wurde von Familie Trump über Twitter lächerlich gemacht. Was sind schon Beweise, wenn Behauptungen von seinen Befürwortern als ausreichend erachtet wurden. Twitter belegte ihre Tweets daraufhin mit einem Warnhinweis.

Vom Präsidenten zum Hausbesetzer

Donald J. Trump der Ignorante, hatte sich inzwischen im Ovaloffice, hinter den schweren Eichentüren verschanzt. Er lag bäuchlings auf der Schreibtischplatte, vor der schon Roosevelt, Kennedy und alle Bush’s regiert hatten, umklammerte deren Außenränder mit Armen und Beinen und weigerte sich standhaft, das Gebäude zu verlassen. Er wetterte: „After all I did for you … so saaad … it’s a fraud … I will sew you … so baaaaad …”.

Familie ist manchmal alles, was bleibt

Vor ihm saß seine brave Tochter, Invanka die Willfährige, und fütterte ihn mit Pumkinpie. Der Papi soll ja nicht von den Füßen kommen. Währenddessen flüsterte sie ihrem Vater zu: „You did so much for woman, daddy … so much … I know you respect them … really …“ Seine Ehefrau, Melania die Profiteurin, saß derweil gelangweilt auf dem Sofa und widmete sich aufopferungsvoll ihrer Maniküre. Sie fragte den Chief of Staff: „Can we get this whole thing done, before I have to do another fucking Christmas-Deco?” Der Chief of Staff errötete über die Massen, wie man später feststellen würde, hatte er Fieber, weil er sich irgendeinen Virus eingefangen hatte.

Nightmare on Kurfürstendamm

Inzwischen hatte sich El Ignorante, zusammen mit seinem Handy, auf dem präsidialen Klo eingeschlossen und begann zu Twittern: „If Biden somehow manages to win this election, you won’t see me again, I‘ ll simply leave the Country!“ Im nächsten Moment, landete die Airforce One auf dem neuen Berliner Fughafen. Auf der Gangway stand El Ignorante, tanzte zu YMCA und begrüßte das konsternierte Flughafenpersonal mit den Worten: „I have the german in my blood … so true …“

Mit einem Schrei wachte ich schweißgebadet auf. Ich atmete tief durch. Ich sagte zu mir selbst: „Ganz ruhig … das war nur ein Traum … hier bist Du sicher … alles halb so wild … es ist alles ganz anders … das ist es doch … hallohooo … DAS IST ES DOCH, ODER?

Boohooo!!! In Hamburg gibts nix Saures für die Süßen

Immer wenn ich denke, der Kampf um die Meinungsvorherrschaft zum Thema Corona kann eigentlich nicht noch skurriler werden, dann macht irgendwo Jemand, vorzugsweise in einer Kommentarspalte im Internet, ein neues Empörungsfass auf. Das neue Fass heißt Halloween, ihr erinnert euch dieses auf uralten, überlieferten Traditionen fußende Fest, bei dem unsere sonst gut versorgten Kinder, an den Türen fremder Menschen betteln gehen müssen.

Kontakte reduzieren, da wäre es nicht sehr clever

von Tür zu Tür zu ziehen

Genau das hat der Hamburger Senat nun verboten. Auch Bundesfamilienministerin Franziska Giffey hatte den Gruselfesttag abgesagt. Es sei, so Giffey, nicht die richtige Zeit in Gruppen von Tür zu Tür zu laufen und Süßigkeiten einzusammeln. Angesichts der steigenden Infektionszahlen ist dieser Schritt aus meiner Sicht nachzuvollziehen.

Egoismus regiert das Netz

Die Reaktion der Community war, wie nicht anders zu erwarten war heftig. In dieser zu Drama-Baby-Drama neigenden Zeit gab es nur Schwarz oder Weiß. Während der eine Teil der Leserschaft ein ausgefallenes Halloween nicht als großen Verlust empfand, schrie die andere Seite weidwund auf: „Nein!!! Nehmt das unseren Kindern nicht auch noch weg! Ihr Babaren…“  Auf diesen Aufschrei folgte ein virtuelles Schulterzucken der Gegenseite. Ich gebe zu, ich habe mit den Augen gerollt. 

In den sozialen Medien häuften sich blumig formulierte Geringschätzungen, die von den Vertretern der unterschiedlichen Meinungen wie Tennisbälle über das Netz des guten Geschmacks geschlagen wurden. Ich kann davon in meinem Text nichts zitieren, schließlich hat mein Blog eine gute Erziehung genossen. Natürlich kann ich verstehen, dass die Kinder enttäuscht sind. Kindern gestehe ich dieses leicht ichbezogene „Ichwillabba“ zu, bei Erwachsenen wirkt es schlicht unreflektiert.

Halloween feiern gerade mal … wieviel Jahre?

Ich verstehe auch, dass Halloween für viele unserer Bürger einen ganz unterschiedlichen Stellenwert hat. Naja, sagen wir mal, ich nehme es zur Kenntnis. Aus den Erfahrungen der zwei vergangenen Jahre kann ich sagen, dass der Beliebtheitsgrad des Halloween-Brauchtums bei den Kindern hier in unserer Vorstadt, ohnehin auf dem absteigenden Ast sitzt. Letztes Jahr sind wir nämlich auf den optisch voll krassen, aber geschmacklich eher brechreizauslösenden Süßigkeiten, sitzen geblieben. 

Die Politik baut auf die Solidargemeinschaft

Für mich ist es verständlich, dass eine Bundesministerin und unser Senat Halloween aufgrund der aktuellen Corona-Lage verbieten. Die Gründe für das Verbot wurden ausreichend erklärt. Man baue auf die Solidarität und vertraue auf das Verständnis der Bürger, hört man aus der Politik. Aus Gründen, deren Nachvollziehung mir persönlich, angesichts der verbalen Auswüchse in den Kommentarspalten der sozialen Medien, immer schwerer fällt, bauen diese Ministerin und der Hamburger Senat immer noch auf den gesunden Menschenverstand in dieser Republik. Alleine dafür muss man sie mögen.

Wenn die Schüssel voll bleibt bin ich stolz auf meine Vorstadt

Meine Familie wird die Türen nicht öffnen, sollten doch noch Geister klingeln. Wir stellen eine Schüssel mit Süßigkeiten vor die Tür und lassen die Gespenster und ihre Erziehungsberechtigten selber entscheiden, ob sie ihrem Nachwuchs gestatten wollen, sich Schnabbelkroam aus einem Behältnis zu nehmen, durch das schon so viele Geisterhände gewuselt haben. Für die Nachbarskinder um uns herum haben wir kleine Tüten gepackt – natürlich unter Einhaltung alles nötigen Vorsichtsmaßnahmen – und werden die Tütchen vor deren Türen stellen. Ein kleiner nachbarschaftlicher Gruß von den gruseligen Nachbarn gegenüber. 

Die Tür bleibt heute ungeschmückt

An die Haustür wollten wir ein selbstgemaltes Schild malen. Wir sind uns nur über den Text noch nicht einig geworden. Meine Älteste schlug vor, einfach „Wir sind in Quarantäne“ auf einen ausgefransten Pappdeckel zu schreiben. Ihre Schwester stieg sofort auf den Vorschlag ein und schlug vor die Plakataufschrift noch durch ein aufmunterndes, „Wir sehen uns auf der anderen Seite…“, zu ergänzen. Meine Töchter … einen ganz kurzen Moment war ich ein bisschen stolz auf meine Brut. Meinen schwarzen Humor hatte ich offensichtlich weitergegeben. Letztlich war mir das aber doch ein wenig zu makaber, man sollte das Unheil ja nicht heraufbeschwören… Wir lassen einfach alles ungeschmückt.

Macht den Ausfall zu etwas ausgefallenem

Ich meine, wenn Halloween für viele Familien von so großer Bedeutung ist, muss der Familienspaß ja nicht ganz auf der Strecke bleiben. Denkt Euch etwas aus für Eure Kinder, werdet kreativ, lasst die Kleinen im Dunkeln Süßigkeiten suchen, erzählt ihnen Gruselgeschichten, grillt Mashmallows über dem Feuerkorb, irgendetwas wird schon gehen, auch unter diesen Voraussetzungen. Vielleicht erinnern sich eure Kinder später einmal gerade deshalb positiv an dieses Halloween, weil ihr das Beste aus den Umständen gemacht habt.

Die Verhältnismäßigkeit darf nicht abhanden kommen

Und ein Bisschen muss man ja auch die Relationen wahren, finde ich. In einer Zeit, in der ganze Branchen um ihre Existenz fürchten müssen, sollte man auch mal darauf achten, welche großen Opfer andere bringen müssen. Wenn Hoteliers nicht wissen, ob sie ihre Angestellten bezahlen können, Gastronomen nicht wissen, ob sie ihre im Frühjahr gemachten Investitionen wieder herausarbeiten können und Künstler nicht wissen, wann sie jemals wieder auftreten dürfen, mutet das Gewese um die Halloween-Grusel-Touren doch etwas übertrieben an. 

Was ich mir wünschen würde

Ich würde es einfach angenehm finden, wenn es uns gelingen könnte, der Gesamtsituation wieder mit ein wenig mehr Realitätsbezug zu begegnen, wenn wir in der Lage wären, etwas mehr Verständnis füreinander aufzubringen, auch wenn wir nicht einer Meinung sind, und wenn wir es hinbekommen würden, die anderen und ihre Sorgen etwas mehr im Blickfeld zu behalten. Etwas weniger Aufgeregtheit, Angst, Aggression und vor allem keine Schuldzuweisungen mehr, für etwas, dass ein Virus verursacht hat. Manchmal bleibt einem eben nichts anderes übrig, als das Schicksal anzunehmen, gemeinsam zu kämpfen und das Beste daraus zu machen. In diesem Sinne, bleibt gesund.

Liebe, Männer, Eierlikör … und andere Katastrophen

Ich habe in diesem Sommer viel gelacht. Das war ganz klar Elsas Schuld. Elsa-Antoinette Stern ist eine auf sympatische Art verpeilte junge Frau aus Österreich, auf der Suche nach Mister Right. Entschuldigung, ich meine natürlich Herrn Q. Auch wenn das erst einmal so klingt, als habe man das schon einmal gehört, kann ich Euch versprechen, das täuscht. Dieses Buch wird Euch überraschen. Wer meine Geschichten über meine Mutter und mich, meine Pubertiere und mein Vorstadtleben auf Taufrisch war gestern gerne liest, wird dieses Buch lieben.

Elsa, von Freunden Sternderl genannt, geht auf die magische 30 zu und hat zum großen Bedauern ihrer Mutter, immer noch keinen Mann. Auf der Suche nach „dem Richtigen“, ständig unter dem Störfeuer ihrer Mutter und dem Rest ihrer Familie, schliddert Elsa von einer Extremsituation in die andere. 

Während andere Menschen sich zwischendurch mühsam aus ihren Fettnäpfchen herausarbeiten, um dann auch mal Ruhepausen einzulegen, macht sich Elsa diese Mühe gar nicht erst. Sie flutscht, höchst charmant aber ansatzlos von einer Peinlichkeit zur anderen.

Fazit

Dieses Buch hat Tempo und Witz. Es bekommt von mir eine absolute Leseempfehlung. Ich persönlich liebe den humorvollen und selbstironischen Schreibstil der Autorin Christina Loböck, die das Buch unter dem Pseudonym Elsa Stern verfasst hat. Warum sie ein Pseudonym benutzt, verrät sie uns später im Interview. Die österreichische Erzähl-Sprache und das österreichische savoir vivre, fließen in den gesamten Text ein und verleiht dem Buch zusätzlichen Charme. Wenn man, wie meine Familie und ich, seine österreichische Familie wegen eines Virus nicht besuchen kann, ist dieses Buch ein riesiges Trostpflaster für die Seele. 

Ich bin auf die Autorin Christina Loböck aka Elsa Stern durch ihren Blog „Elsa Stern“ (Klick hier) aufmerksam geworden und lese ihre Geschichten schon seit geraumer Zeit. Wenn ihr Lust bekommen habt auf ein bisschen Chaos mit Schmäh, dann besucht die Autorin doch dort einmal. 

Kurzinterview mit Elsa Stern aka Christina Loböck

Fotocredit: Daniel Huber

Taufrisch war gestern: Du arbeitest unter dem Pseudonym Elsa Stern. Warum hast Du ein Pseudonym gewählt und wie bist Du auf den Namen Elsa Stern gekommen?

Die Sache mit dem Pseudonym hat tatsächlich mehrere Gründe: Vor ca. 15 Jahren habe ich angefangen im Internet über Zwischenmenschliches im weitesten Sinne zu bloggen (den Ausschlag dafür gaben meine damalige Mitgliedschaft bei einer Internetsinglebörse und die damit einhergehenden wirklich kuriosen Erlebnisse, die ich irgendwie aus reiner Psychohygiene heraus aufarbeiten musste). Der Inhalt meines Blogs war zu Beginn also relativ autobiographisch und natürlich muss man dann etwas aufpassen, um die eigene Privatsphäre und die der anderen Beteiligten zu schützen. 

Ein anderer Grund für das Pseudonym war aber eindeutig auch, dass mein Klarname einer ist, den man bei jeder telefonischen Terminvereinbarung mindestens einmal runterbuchstabieren muss – er ist also nicht sehr eingängig. 

Das waren dann also zwei gute Gründe, nicht unter meinem echten Namen zu schreiben. Und so stand ich also eines Abends auf meinem Balkon, schaute sinnierend in den Nachthimmel und plötzlich schoss da aus dem Nichts eine riesengroße Sternschnuppe an mir vorbei und ich dachte: „Stern als Nachname klingt doch ganz schön!“ Da ich aber ein Fan von kleinen Widersprüchen bin, wollte ich dann einen Vornamen dazu, bei dem man als Außenstehender zuerst mal etwas völlig anderes vermutet als das, was dahintersteckt. Deswegen fiel die Wahl auf Elsa, weil ich bei dem Namen (damals gab es ja auch die Eiskönigin mit gleichem Namen noch nicht) an eine alte Dame im Altersheim denken musste, die dort vielleicht den einen oder anderen Eierlikör nippt, auf keinen Fall aber an eine End-Zwanzigerin, die über verpatzte Dates, ihre Erfahrungen mit den Männern und Zwischenmenschliches im weitesten Sinne bloggt. 

Und so kam es also zum Pseudonym „Elsa Stern“. Im Laufe der Zeit hat sich „das Sternderl“ allerdings zu einer völlig eigenständigen Figur entwickelt.

Taufrisch war gestern: Ich stelle Dir jetzt mal zwei Fragen, die mir immer gestellt werden. Gibt es die beteiligten Figuren deines Buches im „echten Leben“ auch oder hast Du alle erfunden.

Alle Figuren im Roman sind frei erfunden. Sie sind immer eine Mischung aus dem Besten und dem Schlimmsten, was einem an Verwandtschaft, Freundeskreis und Liebhabern passieren kann und genau diese Gratwanderung macht dann oft den Witz an der Sache aus (zumindest für mich beim Schreiben). Ich habe mal gelesen, dass gute Comedy immer aus Figuren besteht, die zwar extrem sind, aber nie so sehr ins Lächerliche gezogen werden, dass man sie nicht ernst nehmen würde, wenn man ihnen tatsächlich auf der Straße begegnen würde. Daran versuche ich mich auch zu halten. Ich finde z.B. Herrn mag. iur. Winkler ziemlich komisch gerade, würde ich ihm aber begegnen, würde es mir nie einfallen, ihn auszulachen (naja, höchstens hinter seinem Rücken.)

Taufrisch war gestern: Wieviel Autobiografie steckt in Deiner Titelfigur Elsa?

Es ist lustig, denn diese Frage wird mir tatsächlich sehr oft gestellt. Ich nehme an, es liegt daran, dass es etwas verwirrend ist, dass die Autorin denselben Namen trägt wie die Protagonistin. Wie bereits angedeutet, war „Elsa Stern“ tatsächlich zu Beginn ein Pseudonym, unter dem ich über meine eigenen Erfahrungen auf dem Singlemarkt geschrieben habe, aber mittlerweile sehe ich Elsa eher als die „quirlige, etwas naive, kleine Schwester“, die ich nie hatte und auf die man ständig aufpassen muss, weil sie sich immer in irgendwelche Katastrophen manövriert und vor der man tunlichst seinen Vorrat an Eierlikör verstecken muss (den ich übrigens überhaupt nicht gerne trinke). Ein paar Gemeinsamkeiten und Parallelen lassen sich sicher finden und manche kleinen Hoppalas à la Sternderl sind mir im echten Leben sicher auch schon passiert. Aber das ist ja gerade das Lustige am Schreiben: Man kann seine Figuren einfach mal in eine Situation hineinschmeißen und dann sehen, was sie daraus machen, meistens ist das völlig konträr zu dem, wie man vielleicht selbst reagiert hätte. 

Taufrisch war gestern: Wie sieht Dein idealer Tag aus?

Ich bin ein absoluter Nachtmensch. Mein idealer Tag startet also schon mal nicht vor 12 Uhr mittags (was ich mir leider nur im Urlaub leisten kann). Dann brauche ich erst mal eine Dosis Koffein, um in Schwung zu kommen, ohne Kaffee geht bei mir wirklich gar nichts. Danach würde ich an einem idealen Tag wohl einen längeren Spaziergang entlang der Salzachauen machen. Das ist Natur und Wildnis pur und wenn ich Zeit habe, gehe ich da auch mal vier bis fünf Stunden herum, höre meine Lieblingsmusik und denke mir neue Abenteuer für Elsa aus, die ich dann zu Hause aufschreiben kann. Abends dann noch ein bisschen raus, in die sommerlich laue Altstadt von Salzburg, Freunde treffen, bei einem kühlen Cider im Pub sitzen und Leute beobachten, bevor ich mich dann ab Mitternacht noch mal an den Laptop setze und noch ein paar Seiten schreibe. 

Taufrisch war gestern: Wenn Zeitreisen möglich wären, wohin möchtest Du reisen und weshalb?

Ich liebe die Goldenen Zwanziger, also würde ich auf jeden Fall dorthin reisen und mal in die Bohéme der Zeit eintauchen. Eine Soirée oder eine Séance besuchen, Charleston tanzen und in einem schönen Flapper-Dress eine Zigarette mit Zigarettenspitz rauchen oder Absinth trinken nur um zu sehen, ob die „grüne Fee“ tatsächlich die Kreativität ankurbelt. 

Taufrisch war gestern: Was sind Deiner Meinung nach, die größten gesellschaftlichen Herausforderungen, denen wir uns stellen müssen?

Eine sehr philosophische Frage. Spontan würde ich sagen, dass man hinterfragen muss, wohin uns Zeitgeist der Egozentrik führt. Es ist salonfähig geworden, sich selbst und seine Bedürfnisse in den Mittelpunkt zu rücken. Jeder will, dass er gesehen wird, jeder will etwas sein, etwas erreichen. Rücksicht und Empathie anderen gegenüber wird dadurch immer mehr in den Hintergrund gedrängt und das ist eine sehr bedenkliche Tendenz. Selbstliebe ist das eine, aber wenn man unabdingbar seinen eigenen Vorteil im Sinn hat, ohne an die Konsequenzen für andere zu denken, ist das aus meiner Sicht gefährlich. Diese Problematik sehe ich in vielen gesellschaftlichen Bereichen. Banales Beispiel: Konsumgesellschaft. Hier möchten viele ganz viel kaufen können. Wie die Güter hergestellt werden, rückt in den Hintergrund, Hauptsache, ich kann mir die Dinge leisten, die ich vermeintlich „brauche“. Oder auch der Klimawandel. Wie oft hört man auch heute noch: „Klimawandel? Mir doch egal, in 50 Jahren lebe ich eh nicht mehr“. Daran, dass die kommenden Generationen ausbaden müssen, was wir hier gerade mit unserem Planeten anrichten, denken wenige. Darum ist für mich auch Lesen so wichtig: Weil es Empathie vermitteln kann, wenn man sich in verschiedenen Figuren hineindenkt und ihre Gefühle, Wünsche und Gedanken zu verstehen lernt. 

Liebe Elsa, liebe Christina, ich Danke dir, dass Du dir die Zeit für dieses Interview genommen hast. Ich hoffe stark auf ein zweites Buch, also bitte, sternderl on.

Die Autorin

Fotocredit: Daniel Huber

Elsa Stern ist das Pseudonym der gebürtigen Salzburgerin Christina Loböck, unter dem sie in den Weiten des Internets seit 2006 über Männer, Liebe, Sex und andere Nebensächlichkeiten bloggt. Die Inspiration für diese Geschichten schöpft sie aus keinesfalls autobiografischen, sondern lediglich „von Freundinnen“ an sie herangetragenen Eskapaden auf der Suche nach Mr. Right. Im Februar 2020 erschien ihr Debütroman „Liebe, Männer, Eierlikör … und andere Katastrophen im Verlag SchriftStella.

Literarische Ambitionen mussten wohl schon in der Wiege gelegen haben, denn mit vier Jahren „schrieb“ sie ihr erstes Kochbuch, gefolgt von einem „Roman“ über die abenteuerliche Reise einer fliegenden Bratwurst ins Schlaraffenland. Beide Werke wurden leider nie verlegt, weshalb die Karriere als Autorin dem Berufswunsch Archäologin wich. Das nicht vorhandene Talent für die lateinische Sprache und eine Stauballergie vereitelten allerdings auch diesen Plan. Während der Pubertät verfasste sie unsäglich melodramatische Liebeslyrik, fand zu Beginn des aktuellen Jahrtausends dann aber ihre Passion im Schreiben von Kurzgeschichten und Kolumnen, die auf mehreren Plattformen im Internet und in Zeitschriften veröffentlicht wurden. Über viele Umwege, die sie erst nach England und dann nach Amerika verschlugen, studierte sie schließlich Anglistik und Germanistik in Salzburg, wo sie heute noch gemeinsam mit ihrer Tochter lebt und neben dem Schreiben auch einem „seriösen“ Brotberuf nachgeht.

Ausgleich und Inspiration findet sie bei ausgedehnten Spaziergängen entlang der Salzach, bei einer guten Tasse Kaffee (und dazugehöriger Mehlspeise) und auch beim Theaterspielen.

Ihr Debutroman „Liebe, Männer, Eierlikör … und andere Katastrophen“ spielt in Salzburg und ist „eine Liebeskomödie in 13 Katastrophen“. Auch sprachlich hält sie sich an das Motto: „Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah?“, weshalb das „österreichische Deutsch“ als Erzählsprache bevorzugt wird, was Elsa Stern auch schon den Titel „Bridget Jones aus Salzburg“ eingebracht hat. Generell könnte man der Autorin zuweilen ein klein wenig Sadismus unterstellen, wenn es darum geht, ihre Protagonisten von einem Missgeschick ins nächste zu jagen. Aber wie lautet das altbekannte Sprichwort? „‘Wird schon werden‘, sagt Frau Stern.“

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Sentimental Journey oder Opas Regentonne darf nicht sterben

Mein Mann sitzt auf der Terasse und hört mich, wie ich auf meiner Computertastatur tippe. Er fragt: „Was machst Du gerade?“ Ich antworte: „Ich schreibe über unsere Regentonne.“ Er dreht sich um und wirft mir einen sehr besorgten Blick zu. Sagen tut er nichts, denn er hat schon lange verstanden, wann es besser ist, die Dinge einfach laufen zu lassen. Guter Mann!

Wie sollte ich ihm auch auf die Schnelle erklären, warum mir an einer angerosteten Regentonne, von der gefühlte 5 Schichten Farbanstrich abblättern, so viel liegt. Das ist so ein sentimentales Ding hatte ich gesagt, als wir das Eisenfass aus dem Garten meiner Mutter geholt hatten. „Hmmm“, hatte er dazu gesagt, seinen Blick skeptisch auf mein Objekt der Begierde gerichtet. Meine Mutter wollte das, aus ihrer Sicht, nutzlose und hässliche „Genöök“ entsorgen. Dieser Gedanke hatte meiner Seele einen schmerzhaften Stich versetzt. Schwer zu verstehen – ich weiß.

Nun steht sie in unserem Garten und wartet darauf, dass mir ein zündender Gedanke kommt, welche Rolle sie später in unserem kleinen Gartenparadies spielen darf.

Gonna make a sentimental journey, gonna set my heart at ease …

(Text und Song: Warner Chappell Music Inc.)

Mit der Sentimentalität ist es ja manchmal eine ganz merkwürdige Sache. Während es bei den meisten Menschen Gedanken an ihre erste Liebe, den ersten Kuss oder DAS erste Mal braucht, um sentimental zu werden, genügt bei mir schon ein Blick auf die alte Regentonne meines Opas. Sie ist schon sehr alt und stand ursprünglich bei meinen Großeltern im Garten. Mein Großvater hatte sie einmal getreu seinem Motto „Nur nichts umkommen lassen“, von einer Baustelle mitgebracht.

Mein Opa war Tischler und in der Nachkriegszeit machten er und seine Jungs beim Wiederaufbau unserer schönen Stadt für manches Großprojekt die Fenster, Türen oder Treppen. Wenn Material auf dem Bau entsorgt werden sollte, dann packte mein Großvater zu – natürlich mit Erlaubnis! Oft wurde, wie wir in Hamburg sagen, dabei so’n büschen geschintscht. „Du kannst das einpacken Hans, wenn Du den ander’n Kroam ook wechbringst.“ Eine Hand wusch die andere. Die Tonne, sollte eigentlich auf den Müll. Zuhause überlegte mein Großvater es sich anders. „De Tünn is heil, die geit noch“, sagte er.

Gonna make a sentimental Journey, to renew old memories…

(Text und Song: Warner Chappell Music Inc.)

Ein geeigneter Platz für die Tonne, war schnell gefunden. Hinter dem Wohnhaus meiner Großeltern stand noch ein kleineres zweistöckiges Gerätehaus. In der unteren Etage, war im hinteren Teil der Öltank für die Heizungsanlage eingelagert, im vorderen Teil hatten Rasenmäher, Fahrräder, Heckenschere und alle anderen Gerätschaften ihren Platz. Im Spitzdach des Häuschens, wohnten die Brieftauben meines Großvaters. Er war ein leidenschaftlicher Taubenzüchter. 

An der Rückwand des Gerätehäuschens rankte eine wunderschöne dunkelrote Kletterrose die Wand hoch. Gleich daneben war das Fallrohr der Regenrinne und dort sollte die Regentonne ihren Dienst antreten.

Im Innenhof wurde die Tonne gesäubert, mit Rostschutz versehen und bekam dann ihren ersten Anstrich. Dann stand sie da, in Omas Rosenbeet. Von dem Moment an hatten mein Großvater und ich ein Ritual. Jeden Abend im Hochsommer gingen wir mit unseren Gießkannen zu unserer Regentonne und schöpften Wasser ab. Dann gossen wir die Rosen, Gladiolen, Primeln und was sonst noch so blühte auf Omas reich bepflanzten Beeten. Mein Großvater erklärte mir dann, wie man die einzelnen Pflanzen, die wir begossen hatten, weiter pflegen musste, wie man Samenkapseln abnahm und wann man die neu gewonnenen Samen aussäen musste, damit der Garten im neuen Jahr wieder so schön wurde, wie im vergangenen.

Never thought my heart could be so yearny, why did I decide to roam …

(Text und Song: Warner Chappell Music Inc.)

Als meine Großeltern ihr großes Grundstück verkaufen mussten, weil die Stadt direkt vor ihrem Haus eine Brücke baute, brach für mich meine kleine, heile Welt zusammen.  Meine Großeltern, beide schon über siebzig Jahre alt, kauften sich ein neues, kleineres Grundstück und bauten darauf noch einmal ein Haus. Das war ein schwieriges Unterfangen.  Welche Erinnerungen konnte man in diesem doch schon fortgeschrittenen Alter hinter sich lassen, ohne daran zu zerbrechen? Das alte Haus hatte mein Urgroßvater mit seinen eigenen Händen gebaut und es war dank der guten Pflege meiner Großeltern, noch immer gut in Schuss. Es war eigentlich unersetzbar.

Got my bag, got my reservation, spent each dime I could afford
Like a child in wild anticipation, long to hear that all aboard…

(Text und Song: Warner Chappell Music Inc.)

Doch ich schweife ab. Natürlich nahm Opa die Regentonne mit in seinen neuen Garten. Im hinteren Grundstücksteil hatte er ein Holzhäuschen für seine Tauben gebaut, seine geliebten Tiere zogen natürlich mit ins neue Leben. Die Tonne bekam ihren Platz neben dem Taubenhäuschen und fing nun das Regenwasser auf, dass dort auf das Dach prasselte. So konnten mein Großvater und ich unser Blumen-Gieß-Ritual fortsetzen. Die Regentonne war für mich immer ein wenig mehr als altes Eisen, sie symbolisierte für mich ein Stückchen vom alten Paradies.

Als meine Großeltern verstorben waren, zog meine Mutter in das neue Haus ein. Sie verkaufte die Tauben, was ich verstehen konnte. Wenn diese Tiere nicht die eigene Leidenschaft sind, machen sie einfach zu viel Arbeit. Dann funktionierte sie das Taubenhäuschen zu einem Geräteschuppen um. Das ist bis heute so. Als sie als nächstes die alte Regentonne entsorgen wollte, protestierte ich. Damals studierte ich noch, hatte keinen eigenen Garten und war darauf angewiesen, dass meine Mutter das gute Stück für mich aufhob. Und das tat sie. Eigentlich wundert mich das bis heute, denn meistens setzte sie sich über solche Sentimentalitäten hinweg.

Countin‘ every mile of railroad track that takes me back, gotta take that sentimental journey, sentimental journey home …

(Text und Song: Warner Chappell Music Inc.)

Irgendwann hatte meine Mutter Opas Regentonne dann in Rente geschickt und ein moderneres Wiederverwertungssystem für Regenwasser installiert. Aber sie hatte sie aufbewahrt. Also stand die Regentonne ein paar Jahre gesäubert und gut eingepackt auf der hinteren Terrasse meiner Mutter und wartete darauf, dass ich sie dort wegholte. Jetzt steht sie in der Arbeitsecke unseres Gartens, immer noch gut eingepackt und wartet zusammen mit meinem Mann darauf, dass mir ein zündender Gedanke kommt, was ich nun aus ihr machen werde.

Mir schwirren ein paar wilde Ideen durch den Kopf, ein konkreter Plan fehlt noch, die Entscheidung ist noch offen. Natürlich könnte ich sie schlicht wieder als Regentonne in Gebrauch nehmen, ich möchte aber eine Lösung finden, die ein wenig kreativer ist. Ich könnte einen Bartisch aus ihr machen oder sie bepflanzen, irgendetwas mit Wasser vielleicht … da hinten liegt doch noch ein alter Quellstein … Ihr seht, da sind noch viele Einfälle zu sondieren …

Ach, wisst ihr was – helft mir doch einfach. Schreibt mir eure Ideen zu Opas Regentonne doch einfach in die Kommentare. Mich würde das wirklich freuen…

Glossar

Genöök: Im Norden meint man damit umgangssprachlich unnützes Zeug.

schintschen: Ursprünglich meint das Wort das Handeln und die illegalen Tauschgeschäfte auf dem Schwarzmarkt in der Nachkriegszeit.