Mit dem Rücken zur Wand

Roman nach einer wahren Geschichte von Hera Lind

Eine wahre Geschichte in einen Roman zu verpacken ist immer ein großes Risiko. Hera Lind ist das aber mit diesem Buch sehr gut gelungen. Das die Protagonistinnen sehr viel Leid ertragen haben und trotzdem immer wieder die Nähe zu dem brutalen, narzistischen Vater und Mann gesucht haben, war für mich nicht das Überraschende. Das habe ich auf vielen Gerichtsterminen als immer wiederkehrendes Phänomen beobachten können. Vielmehr hat mich die Tatsache überrascht, dass die Tochter sich ja schon für lange Zeit dem schädlichen Einfluss ihres Vaters entzogen hatte und eigentlich viele Wege hätte beschreiten können, ihr Erbe anzutreten, ohne sich ihrem Vater wieder auszuliefern.

Den Spannungsbogen bis zur Tat hat die Autorin facettenreich aufgebaut. Sie zeichnet ein bedrückend realistisches Bild einer Frau, die eine gewaltbelastete Kindheit durchlebt hatte und die sich auch als Erwachsene nicht aus dem inneren Gefängnis aus Angst und furchtbaren Erinnerungen befreien konnte.

Beim anschließenden Prozess schwächelt die Erzählung ein wenig. Das Urteil erscheint zuerst einmal gerecht. Ist man vom Fach und kennt die Rechtsprechung bei so gelagerten Fällen, erstaunt es jedoch ein wenig. Das Urteil für Marius ist ungewöhnlich hart für eine Ersttat und in Relation dazu fallen die Konsequenzen für Tochter und Freundin des „Opfers“ erstaunlich seicht aus. Hier hätte ich mir ein paar tiefer gehende Erklärungen zum Urteil gewünscht.

Der geschenkte Gaul Vol. 2

Angezogen sieht das besser aus

Die Band spielt “Señorita” von Luis Fonsi. Ich stehe auf einer rot ausgeleuchteten Bühne. Mein Outfit ist … mal was anderes. Ich trage einen wadenlangen, schwarzen Lackledermantel, dazu schwarze Socken. Meine ungekämmten Haare wehen im Luftkanal der Windmaschine, leichter Nebel steigt auf. „Gib mir deine besten Posen, das ist hot“, kräht Heidi Klum aus der Ferne.

Ich mache was mir Deutschlands lauteste Alarmsirene befohlen hat. Mit zwei gezielten Hüftschwüngen, bringe ich mich ans rechte Ende der Bühne, bleibe abrupt stehen und biege mein Kreuz soweit wie möglich nach hinten durch. Meine Rückenwirbel knirschen, ein jeher Schmerz durchzuckt mich, ich halte mir die Hand vor die Augen. „Das ist ja so authentisch“, kräht Heidi. Ja, danke du Henne, denke ich.

Mir ist es egal, was du über mich denkst. Ich denke über dich überhaupt nicht nach.

(Coco Chanel)

Dann tänzele ich zurück zur Bühnenmitte, dort gebe ich die niedliche Audrey Hepburn und lege mein Kinn auf meine darunter positionierten Handrücken, eine äußerst rückenfreundliche Pose. „Sehr elegant“, kommentiert Thomas H., Heidis Mitjuror, „du musst vielleicht noch etwas lasziver schauen, das wär’s doch.“ Na klar, denke ich, unbedingt!

Jetzt noch der Catwalk, davon hängt alles ab, ich weiß nur nicht mehr was. Also gebe ich alles. Locker in den Hüften, wegen der Socken ein wenig plattfüßig, schreite ich hoheitsvoll auf Heidi und Thomas H. zu. Vor ihnen bleibe ich stehen und warte auf mein Todesurteil. „Du weißt ja, es kann nur Eine geben…“, beginnt Heidi ihre einstudierte Rede, doch ich unterbreche sie. „Es tut mir leid, Heidi. ICH HABE HEUTE KEINEN GUTEN GESCHMACK FÜR DICH“, sage ich inbrünstig.

Luxus muß bequem sein, andernfalls ist er nicht Luxus.

(Coco Chanel)

Mit meinen letzten Worten reiße ich mir den Lackledermantel vom Leib und enthülle einen bunt geblümten, mit Leopardenmuster versetzten Volant-Albtraum. Heidi schreit spitz auf, zwei Kameramänner suchen das Weite und Thomas H. liegt ohnmächtig am Fuße seines Barhockers.

Ich wache schweißgebadet auf. Ausgelöst hat diesen Albtraum ein Geschenk meiner Mutter, ein Kleid. Wer mich kennt weiß, ich hasse Kleider. Sie stehen mir nicht. Das kümmert meine Mutter aber nicht, Bloginsider wissen das. Bitte, ich weiß, einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul. Aber wenn meine Mutter ihr Füllhorn über mir ausschüttet, gerate ich oft an meine Grenzen.

Die allermutigste Handlung ist immer noch, selbst zu denken. Laut.

(Coco Chanel)

Ihr müsst wissen, wenn auch alles andere ein böser Traum gewesen war, den bunt geblümten, mit Leopardenmuster versetzten Albtraum gab es wirklich. Das kann Adolf Freiherr von Knigge doch so nicht gewollt haben. Ich habe meine Schränke voller „gut gemeinter“ Geschenke, die meine Mutter mit Leidenschaft fürs Kaufen, nicht fürs Schenken, besorgt hatte. 

Das „Geschenke machen“ ist für meine Mutter eher Zweckerfüllung und das in mehrfacher Hinsicht. Zuerst erfüllt sie damit natürlich ihre sozialen Pflichten. Gemeint sind die gesellschaftlichen Regeln, aufgestellt in den frühen 50ger Jahren. Niemand soll Adelheid Groth nachsagen können, sie vergesse Geburtstage, Jubiläen oder Festtage, auch wenn sie zu diesen nicht eingeladen war. 

Verschwende keine Zeit auf Mauern einzuschlagen, in der Hoffnung sie in eine Tür zu verwandeln. 

(Coco Chanel)

Und da liegt auch schon der Casus Knacksus. Geschenke geben ihr eine wundervolle Möglichkeit, nonverbale Botschaften an den Beschenkten auszusenden. In diesem Fall würde die Botschaft wohl so lauten: „Ihr habt ohne MICH gefeiert? Nehmt das! Ihr seid nur ein Präsent von eurem schlechten Gewissen entfernt.“

Gerade diese kleinen Seitenhiebe scheinen meiner Mutter das Leben erst lebenswert zu machen und wenn man sie dann auch noch exquisit in Glitzerpapier und Seidenschleifen einpacken kann, um so besser. Das Kleid, also eher meine Mutter, hielten mehrere Botschaften für mich parat. Mitteilungen, die sie in regelmäßigen Abständen, mit dem Sendungsbewusstsein eines analogen Newsletters, an mich übermittelte.

Ein gut geschnittenes Kleid steht jeder Frau. Punktum!

(Coco Chanel) 

Es folgt ein Exzerpt, mütterlicher Nachrichtencodes. Eine Frau, liebe Birgit ist erst eine Frau, wenn sie Kleider im Schrank hat und sie auch trägt. Mein Hinweis, dass es sehr selten Kleider geben würde, die zu meiner Größe, meinem Körper und nicht zuletzt auch zu meinem Wohlfühlgefühl passen würden, werden meistens harsch zur Seite gefegt.

„Dann müssen Wir es eben so lange versuchen, bis wir etwas Passendes finden. Du musst es probieren, ANGEZOGEN SIEHT DAS BESSER AUS“, ist einer meiner Favoriten aus ihrem Einwände-Repertoire. Begleitet wird diese Aussage von einem abschätzigen Blick, über meine etwas füllige Figur. In meinem Kopfkino entsteht ein Szenario, in dem ich durch Berge von Stoffballen wate und wimmere: „Neiiiin … bitte, bitte kein Leomuster … Oh Gott, bloß keine Flamingo-Ornamente … habt ihr denn nichts Einfarbiges???“ Kurz, ich habe nein gesagt zu diesem Kleid, was für meine Mutter einer Majestätsbeleidigung gleichkam. Schließlich ist Adelheit Groth so etwas wie die Coco Chanel des Hamburger Nordostens.

Die Reaktion folgte auf dem Fuße. „Du weißt ja gar nicht, was zurzeit Mode ist“, begann sie ihren Monolog. Dieses Kleid sei ein Designerkleid. Diese neue Designerin konnte von ihrem präferierten Shoppingsender gaaanz neu gewonnen werden, die Frau habe Jahrelang die Moderatorinnen von RTL ausgestattet. 

Lebenskunst ist die Kunst des richtigen Weglassens.

Das fängt beim Reden an und endet beim Dekolleté.

(Coco Chanel)

Da stand ich nun und hätte nachgeben können. Ich hätte einfach danke sagen können, den Klump einpacken und bei der nächsten Altkleidersammlung entsorgen können. Aber ich war GENERVT! Und wenn ich genervt bin, bin ich in der Regel nicht mehr fähig, diplomatisch zu reagieren. 

Ich baute mich also in meiner vollen Rüschenpracht vor meiner Mutter auf und fragte sie: „HAST DU JEMALS, IRGENDEINE MODERATORIN VON RTL IN SO ETWAS GESEHEN???“ Meine Mutter runzelte die Stirn, sog hörbar empört die Luft ein, drehte sich um und verschwand, unverständliche Worte murmelnd, in ihrem Schlafzimmer. 

Es sind nicht die Erfolge, aus denen man lernt, sondern die Fiaskos.

(Coco Chanel) 

Kurze Zeit später kam sie zurück und sagte: „Dann werde ich dieses schöne Designerkleid wohl zurückschicken müssen.“ Ich antwortete: „Ja, das solltest du.“ Meine Mutter: „Kannst du das für mich erledigen?“ Ich antwortete: „Nein, das machst du bitte selber.“

Ihr könnt mich jetzt für grob halten, aber das Shoppingkanal-Shoppen hatte sich bei meiner Mutter in der Lockdown-Zeit zu einem richtigen Hobby entwickelt. Anfangs hatte ich die Retouren noch übernommen. Als ich das Gefühl bekam, meine Poststelle würde mich beim nächsten Besuch mit der goldenen Briefmarke von Montreux küren wollen, habe ich den Postbetrieb eingestellt. Aber das wird mit Sicherheit noch einmal eine andere Geschichte…

Der geschenkte Gaul Vol. 1

Der Süßigkeiten-Supergau

Ich weiß, ich weiß, der Volksmund sagt, einem geschenkten Gaul solle man nicht ins Maul schauen. So etwas tue man nicht, wenn man gut erzogen worden sei. Nun, ich bin gut und liebevoll erzogen worden, von meinem Vater und wenn irgendetwas doch nicht rund lief, war da ja noch meine Mutter, die mich in meine Schranken weisen konnte. „So etwas tut man nicht, sagt man nicht, denkt man nicht, runter damit!“

Mama

Du sollst doch nicht um deine Tochter weinen

(Heintje Simons, frei interpretiert)

Grundsätzlich versuche ich mich an diesen Grundsatz auch zu halten. In der Regel ist es ja so, dass der Schenkende mir eine Freude machen möchte, allein darüber freue ich mich. Für meine Mutter war das Schenken immer ein kleiner Wettkampf. Wer hat das größte, das teuerste Geschenk, die aufwendigste Verpackung? Nun stand Ostern an und sie trat wieder einmal gegen den Osterhasen an. Ich fragte mich bang, welche Leckereien mich dieses Jahr wohl in meinem Osterkörbchen erwarten würden.

Versteht mich nicht falsch, Süßigkeiten sind etwas wundervoll Verführerisches. Doch wenn ich immer alles verzehren würde, was meine Mutter mir in mein Körbchen wirft, würde ich euch diesen Artikel aus der Ausnüchterungszelle der örtlichen Polizeiwache zukommen lassen müssen.

Irgendwo in fernen Zonen
Liegt ein wunderschönes Land,
Wo nur Sonntagskinder wohnen
Und das keinem sonst bekannt.

(Heintje Simons)

Jedes Jahr vor Weihnachten und Ostern legte meine Mutter uns einen Zettel vor, auf den wir schreiben durften, welche Süßigkeiten wir uns wünschten. Wir setzten uns brav an den Tisch und schrieben auf, mit welchen Leckereien sie uns glücklich machen konnte. 

Jedes Jahr, bekamen meine Mädchen und mein Mann genau das, worum sie sie gebeten hatten. Sie durften sich über Nougat, Schokolade, Spekulatius, Lebkuchen oder geröstete Mandeln freuen. Der Schwiegersohn durfte sich auf seine geliebten Zimtsterne und Linzer Kekse stürzen. Im Übrigen sind alles das Dinge, die ich auch gerne essen würde, was ich so auch schon mehrfach angemerkt hatte.

Mamatschi, schenke mir ein Pferdchen,
Ein Pferdchen wäre mein Paradies,
Mamatschi, solche Pferde wollt ich nicht! 

(Lys Assia/Franz Xaver Kappus 1938)

Ich hatte wirklich alles versucht, von blumigen Umschreibungen, über abfotografierte Bilder von Verpackungen aus dem Supermarkt, die ich dann ausgedruckt dem Zettel beilegte, bis hin zu der Bitte mir doch einfach gar nichts zum Naschen zu schenken. Jede meiner Bemühungen blieb erfolglos.

Vor diesem Osterfest hatte ich wirklich gedacht, ich könne meine Mutter austricksen. Ich schrieb, sie solle mir einfach dieselben Sachen schenken, die sie auch für meine Familie einkaufen würde. Hauptsache die Naschereien seien OHNE Alkohol.

RATET!!!

Richtig! Am Ende durfte ich zwei Schachteln Mon Cherie und eine Schachtel Weinbrandbohnen mein Eigen nennen. Skøl Miss Sophie … same procedure. Ich saß also da, starrte stumpf auf die geballte Portion Promille. „Willst du nicht mal probieren“, fragte meine Mutter ungeduldig. „Nein danke, ich hänge an meinem Führerschein“, antwortete ich gleichmütig. 

Take it easy, baby.

(Birgits Inneres Ooohhmmm, täglich)

Mein Inneres Ooohhmmm hatte derweil den Cocktailshaker rausgeholt und begann damit, Chrushed Ice zu produzieren. „Ach was“, sagte meine Mutter unwirsch, „von dem Bisschen wirst du doch nicht duun.“ Mein Inneres Ooohhmmm tanzte vor Freude im Baströckchen und mixte mir den ersten „Highway to Hell“. Cardriver-Version, natürlich.

Mit diesen Worten bewies sie mir zum wiederholten Male, wie wenig sie mich doch kannte. Ich gehörte nämlich leider nicht zu den Menschen, die sich stolz das Prädikat „Trinkfest“ auf die Brust pinnen durften. Schon in meiner Studentenzeit, war ich immer die Fahrerin. Also diejenige, die ihre haubitzenvollen Kumpels und Kumpelinen nach Hause kutschieren durfte. 

Meiner Feierlaune hatte die Tatsache, dass ich nichts trinken durfte, nie Abbruch getan. Ein, zwei, na vielleicht auch dreimal hatte ich mich nicht an mein Credo gehalten. An eine Begebenheit kann ich mich sogar noch erinnern. Ich zog mit meiner Studienkollegin Katharina durch die Bars der Stadt, bis wir in einem Laden namens „Gestern und Heute“ landeten. Dort tranken wir einen Turbo-Tequila* nach dem anderen. Ob ihr es glaubt oder nicht, ich hatte das Gefühl, nach jedem getrunkenen Glas nüchterner als vorher zu werden.

It’s another tequila sunrise
Starin‘ slowly ‚cross the sky

(Eagles)

Ich glaube, wir haben auch gesungen, was Jochen und Michael aus München auf uns aufmerksam machte. Oder waren es Jürgen und Martin? Ach egal, die Münchner setzten sich zu uns und wir kamen ins Gespräch. Die dem Nord-Süd-Gefälle geschuldeten Sprachbarrieren wurden mit Tequila beiseite gespült. Irgendwie kann ich mich noch schemenhaft daran erinnern, dass wir an die See fahren wollten und mir wurde später erzählt, ich sei gefahren (alles verjährt!). 

Das Nächste, an das ich mich erinnern kann war, dass ich im Morgengrauen in einem Strandkorb wach wurde. Oh, diese Aussicht werde ich niemals vergessen. Ich hatte freie Sicht auf Katharinas nackten Hintern und sah zu, wie sie sich mit dem auch splitterfasernackten JochenJürgen johlend in die eiskalte Ostsee stürzte. Was ich bei JochenJürgen zu sehen bekam, läuft angesichts der kühlen Temperaturen unter „awkward Facts“. Eine Beschreibung dessen erspare ich euch.

Sunrise, sunrise
Looks like mornin‘ in your eyes

(Norah Jones)

Irritiert schaute ich an mir herunter und stellte erleichtert fest, dass ich angezogen war. Ich hielt Ausschau nach MichaelMartin. Der lag, nicht weit entfernt von mir, in einer Sandburg, auch angezogen wohlgemerkt. Er schlief wie ein Baby. Ich ging, noch etwas unsicher auf den Füßen, rüber zu ihm, rüttelte ein bisschen an seiner Schulter und sagte: „Naaaaha, ausgeschlafen?“ MichaelMartin rührte sich nicht. Ich klatschte in die Hände. Nichts. Ich beugte mich über ihn und rief: „Frühstück ist fertig!!!!“ Wieder nichts.

Langsam wurde mir klar, ich hatte MichaelMartin unter den Tisch gesoffen. Schon damals recht krimiaffin, zog ich mit einem Stock eine Linie um meine Schnapsleiche und garnierte das Ganze noch mit ein paar Muscheln. Tatortstyle. Danach ging ich zurück in meinen Strandkorb und dämmerte noch ein wenig vor mich hin. 

Kurz gesagt, die große Liebe ist es nicht geworden damals, weder mit JochenJürgen, noch mit MichaelMartin. Wir eskortierten die zwei Münchner zum örtlichen Bahnhof. Dann verbrachten Katharina und ich fast den ganzen Tag am Strand und gefühlte 30 große Kaffepötte später wagte ich mich wieder ans Steuer und wir fuhren nach Hause.

Doch zurück zu meiner Mutter, die von dieser Geschichte nichts weiß, also bitte Pssssst!

Mama
Und bringt das Leben mir auch Kummer und Schmerz
Dann denk ich nur an dich

(Heintje Simons, frei interpretiert)

Das mit dem Alkohol war irgendwie immer schon ihr Ding gewesen. Selber abstinent, schenkte sie mir zu allen Festtagen, an die ich mich erinnern kann, den obligatorischen Kasten Mon Cherie. Stellt euch eine Siebenjährige vor, die an Weihnachten angeschickert auf dem Sofa sitzt, das Gesicht rot angelaufen wie eine Tomate, mit einem Bluthochdruck, der einem diabetischen 90jährigen alle Ehre gemacht hätte. Spätestens zum Kaffeetrinken, sackte ich nach einem kurzen Blick auf Muttis selbstgemachte Mandarinentorte zur Seite und machte ein Nickerchen.

Aber Heidschi Bumbeidschi es schlafen,
Am Himmel die Schäflein, die braven.

(Heintje Simons, frei interpretiert)

Irgendwann intervenierten mein Vater und meine Großeltern. Das war für mich der erste Moment, an dem ich wahrnahm, dass mit diesem Geschenk irgendetwas nicht in Ordnung war. Hatte meine Mutter mich doch immer animiert, ordentlich zuzulangen. Meine Omi klärte mich dann auf, Alkohol sei nichts für Kinder. Ich solle, so meine Oma, die Pralinen das nächste Mal einfach stehen lassen, egal was meine Mutter dazu sagen würde. 

Dann nahm sie meine Mutter zur Seite und die Beiden hatten eine hitzige Diskussion in der Küche. So wütend hatte ich meine Großmutter vorher noch nie gesehen. An diesem Abend blieb ich nicht zuhause. Meine Großeltern packten mich ein und ich verbrachte die restlichen Weihnachtstage und die Weihnachtsferien bei Oma und Opa.

Wenn wir alle Sonntagskinder wär’n
Würde uns das Glück der Welt gehör’n.

(Heintje Simons)

Als Kind hatte ich mich noch überreden lassen, die Kirschpralinen zu essen. Als Erwachsene tat ich das nicht mehr. Meine Strategie war nicht sehr mutig, aber wirksam. Ich steckte das Zeug einfach lächelnd ein und warf es Zuhause sofort in den Mülleimer. Das ersparte mir unliebsame Diskussionen und ich blieb nüchtern.

Dazu war ich dieses Jahr nicht mehr bereit. Ich stellte die Schwips-Pralinen in Muttis Küche und sagte: „Ich lasse die einfach mal hier bei dir. Das ist purer Alkohol, Gift für meinen Blutdruck. Du willst ja sicherlich nicht, dass mir etwas passiert.“ Ihre Lippen wurden schmal, über ihrer Oberlippe vertieften sich die Fältchen. Die Augen meiner Kinder ruhten gespannt auf ihrer Großmutter. „Nein natürlich nicht, was denkst du denn von mir? Dann schenke ich die eben Frau Vogt von nebenan, DIE freut sich darüber.“

Ich lächelte aufmunternd und dachte, na klar, bring doch einfach deine herzkranke Nachbarin um die Ecke. Und sagte: „Mach das mal, Mutti.“ „Tja“, antwortete meine Mutter, „nun hast du ja gar nichts zum Naschen. Das geht auch nicht. Ich bringe dir was mit, wenn ich nächste Woche bei euch vorbeischaue. Was möchtest du denn jetzt?“

Ich schloss ganz kurz meine Augen und sagte inbrünstig: „Obst, Mama, kauf mir Obst.“ Und nun dürfen wir alle sehr gespannt sein…

Turbo-Tequila*

Tequila in ein kurzes stabiles Becherglas gießen. Mit eisgekühltem Sekt aufgießen. Einen Bierdeckel auf das Glas legen. Das Glas einmal kräftig auf den Tisch klopfen, damit der Sekt aufschäumt. Dann möglichst in einem Zug austrinken. Und niemals nicht Auto fahren, nachdem man das getrunken hat!

Brunnenstrasse

Ein Roman von Andrea Sawatzki

+++unbezahlte Werbung+++

Cover: Piper Verlag

Manchmal ist es schwer einem Buch in einer Rezension gerecht zu werden. Bei Andrea Sawatzkis neuem Roman „Brunnenstrasse“ ist das so. Dieses Buch ist so voll gepackt mit Emotionen, dass es eine Untertreibung wäre, würde ich nur sagen, es habe mein Herz und meine Seele berührt. Es hat mich hinweggeschwemmt und hat mich an Orte treiben lassen, die ich eigentlich nicht mehr besuchen wollte. Das ich es trotzdem tat war gut, weil es mir gezeigt hat, dass es Probleme gibt, vor denen man nicht wegrennen kann, egal wie lange man es versucht. Dieses Buch ist ebenso wundervoll, wie es eine Herausforderung für seine Leser*innen ist.

Nachdem ich den Roman „Brunnenstrasse“ gelesen hatte, war es vor allem ein ganzer Schwall unsortierter Adjektive, die mir in den Sinn kamen. Worte wie schonungslos, brutal, rigoros, erbarmungslos, mitleidlos, zornig, bedrückend, unerbittlich, direkt, unprätentiös, schmerzvoll und rabiat kamen mir in den Sinn. Gleichzeitig ist dieser Roman aber auch berührend, aufwühlend, emotional, ergreifend, bewegend und vor allem sehr, sehr ehrlich geschrieben.

Was die Autorin Andrea Sawatzki da geschafft hat, musste ein unglaublicher Kraftakt für sie gewesen sein. Denn sie beschreibt dort ihre eigene Kindheit, in einer dysfunktionalen Umgebung. Die Autorin schildert die Ereignisse aus der Perspektive ihres vulnerablen 14 Jahre jungen Ichs. Ihre Schilderungen sind eine Gratwanderung zwischen Vorwürfen gegen die Eltern, gegen sich selbst und der großen Liebe für die Mutter und dem Schmerz des zutiefst enttäuschten Wunsches des Mädchens, vom Vater geliebt und akzeptiert zu werden.

Manchmal hat sie mich überrascht, die Härte mit der Andrea Sawatzki mit sich selbst ins Gericht gegangen ist. Und dies, obwohl sie an den Geschehnissen zuhause weder schuld gewesen ist, noch die Macht hatte die Gegebenheiten zu ändern. Sie war ein Kind, sie hätte geschützt werden müssen. Die Verantwortung, die sie zu tragen hatte, wäre für die meisten Erwachsenen zu viel gewesen. Ich hätte diesem Kind gern Trost gespendet, ihr gesagt, dass ihr Zorn berechtigt, ihr Schmerz echt ist und dass es in Ordnung ist, wenn man unter diesen Umständen auch negative Gefühle den Eltern gegenüber hegt.

FAZIT:

Als ich das Buch durchgelesen hatte, musste ich erst einmal durchatmen. Ich hatte den Eindruck, dass der Roman an einem Punkt stoppte, an dem die eigentliche Reise, die Verarbeitung des Erlebten, für die Autorin Andrea Sawatzki erst angefangen hatte. Man möchte wissen, wie es diesem Kind ergangen ist, wie aus diesem 14jährigen Mädchen, dem so viel widerfahren war, eine erfolgreiche Schauspielerin und Autorin werden konnte.

Eigentlich schreit „Brunnenstrasse“ nach einer Fortsetzung. Da das aber wohl wieder eine große Kraftanstrengung für die Autorin wäre, scheue ich mich, diese Fortsetzung als Leserin einfach so einzufordern. Also formuliere ich es anders. Ich hoffe sehr, dass das 14jährige Mädchen aus dem Buch das Erlebte verarbeitet und verkraftet hat. Wenn Andrea Sawatzki es für richtig hielte, eine Fortsetzung zu schreiben, wäre ich eine der Ersten, die auch dieses Buch lesen würde. „Wann immer Sie soweit sind, liebe Frau Sawatzki.“

Der Roman „Brunnenstrasse“ ist im Piper Verlag erschienen. Wenn ich euer Interesse geweckt habe und ihr das Buch kaufen möchtet, klickt einfach HIER , dann landet ihr direkt beim Buch.

Die Autorin

Andrea Sawatzki, geboren 1963, gehört zu den bekanntesten deutschen Film- und Fernsehschauspielerinnen. Nach ihrem Spiegel-Bestseller „Ein allzu braves Mädchen“ erschien die turbulente Weihnachtskomödie „Tief durchatmen, die Familie kommt“. Mit „Von Erholung war nie die Rede“, „Ihr seid natürlich eingeladen“, „Andere machen das beruflich“ und „Woanders ist es auch nicht ruhiger“ veröffentlichte sie mittlerweile vier weitere Bücher um die Familie Bundschuh. Alle fünf Bände wurden mit Andrea Sawatzki, Axel Milberg und anderen für das ZDF verfilmt. Andrea Sawatzki lebt mit ihrem Mann, dem Schauspieler und Autor Christian Berkel, ihren gemeinsamen zwei Söhnen und einem Hund in Berlin. (Quelle: Piper Verlag)

Tschüss 2021 … ein Rückblick aufs Vorstadtleben

Foto: pixaby

Das Jahr 2021 geht endet und trotz der vielen Einschränkungen ist hier in meiner Vorstadt nach wie vor viel los. Deshalb gibt es dieses Mal keine lange Geschichte, sondern ein paar Episoden aus den letzten Monaten.

Zum Anfang etwas Positives

Ich habe wirklich Glück mit meinen Kunden und es wird Zeit, auch das einmal zu erwähnen. Das Training um die wechselnden Corona-Regeln herum zu organisieren ist gar nicht immer so unkompliziert. Bei mir und meinen derzeitigen Kunden hat das problemlos geklappt und dafür bin ich sehr dankbar.

Die Kehrseite


Manchmal läuft es aber schon von Anfang an schief. So wie neulich, als ich eine Mail über das Kontaktformular meiner Website bekam, in der relativ schmucklos stand: „Bitte rufen sie mich am Montag einmal zurück. Gruß Frau XY“. Das Problem war, dass in dieser Mail keine Telefonnummer angeben war. 

Also antwortete ich per Mail zurück: „Liebe Frau XY, ich rufe sie gerne am Montag an. Bitte schreiben sie mir doch noch unter welcher Telefonnummer ich sie erreichen kann. Wenn sie Lust haben, schreiben sie mir schon einmal, wie ihr Problem mit ihrem Hund aussieht.“

Sag beim Abschied leise Servus

(Hans Moser)

Kurz darauf schrieb mir Frau XY zurück: „Also ich habe eine Geheimnummer, die ich nicht so gerne herausgebe. Rufen sie mich bitte an, dann kann ich sehen, ob die Chemie zwischen uns stimmt und ich ihnen trauen kann. Danach besprechen wir alles Weitere.“

Ich war ratlos, so viele Komplikationen, bevor man auch nur ein einziges Wort miteinander gesprochen hatte? Also traf ich die Entscheidung der Frau, die ich nicht kannte und nicht anrufen konnte abzusagen, ohne vorher je eine Zusage für irgendetwas gegeben zu haben.

Sachen gibt es …

Dann war da noch die Dame, die mir am Telefon mitteilte, dass sie ihren Hund allein erziehen könne, von mir aber eine schriftliche Bescheinigung haben wolle, um diese dann ihren Vermieter vorlegen zu können. Ohne diese Bescheinigung, dürfe der Hund nicht in der Wohnung verbleiben und das könne ich ja wohl nicht wollen. An dieser Stelle sollte ich wohl noch mitteilen, dass mir diese Frau völlig fremd war.

Ich sagte ihr, dass ich so eine Bescheinigung nur ausstellen könne, wenn sie auch tatsächlich Unterricht bei mir nehmen würde. Das wollte sie aber nicht. Dann diktierte sie mir, ohne lange zu fackeln, ihre Adresse durchs Handy.
Als ich ihr sagte, dass ich ihr nicht nur keine Bescheinigung ausstellen würde, sondern ihr nun auch obendrein unter keinen Umständen Unterricht geben würde, fing sie an mich wüst zu beschimpfen. Ich habe dann einfach aufgelegt … Sachen gibt es …

Pssst, nicht meiner Tochter verraten

Meine Oma hat immer gesagt, Missverständnisse würden das Leben interessanter machen. Manchmal allerdings, na ja… Einmal bin ich morgens im Sommer, gedankenversunken und noch etwas müde unsere Treppe hinunter gegangen und hörte meine Tochter Motte in der Küche sprechen. Sie klang verärgert, deshalb blieb ich auf der untersten Stufe stehen. „Du hältst jetzt still, an deinem Ei kleben richtige Dreckklumpen, die putze ich jetzt weg“, sagte sie in scharfem Ton. 

Es sei mir verziehen, aber Motte hatte seit kurzem einen neuen Freund, wir dadurch manchmal einen Hausgast und mein ermüdetes Gehirn ging deshalb ein paar gedankliche Umwege, die ich vorher noch niemandem mitgeteilt habe. In der Küche? Muss das denn sein? Hier wohnen noch andere Leute? Ich will DAS nicht sehen…

Es hatte ein bisschen gedauert, bis mir klar wurde, dass Finley, unser Hund, das einzige Lebewesen mit nur einem Ei (hopefully) in diesem Hause war und ich mich straffrei in die Küche trauen konnte. Ich öffnete die Küchentür und schaute in das unschuldige Gesicht meiner Tochter, die unseren Hund nach einem Ausflug in den Komposthaufen sauber putzte.

Gestatten, Adelheid Groth … meine Mutter

Und dann ist da ja auch noch MEINE MUTTER, die immer einen scharfen Pfeil im Köcher hat. Ihr wisst ja inzwischen, dass die Küchengeräte meiner Mutter so etwas wie ein Eigenleben haben und immer dann kaputt gehen, wenn es mir am schlechtesten in den Plan passt. Im Herbst war es dann der Tiefkühlschrank, der von seinem Gewerkschaftsvertreter mitteilen ließ, dass er den Dienst quittieren würde.

Meine inzwischen 87 Jahre alte Mutter kommentierte den Ausfall ihres fast 20! Jahre alten Gerätes mit den Worten, die Technik wäre heute auch nicht mehr das, was sie früher einmal gewesen war, das sei heute alles Tineff. Einen entspannten Umgang mit der unbefriedigenden Küchensituation konnte ich wohl vergessen. Wir orderten also einen Techniker ins Haus, der sah sich das Gerät an. 

Handwerk braucht starke Nerven

„Also, ob ich für so ein altes Gerät noch Ersatzteile bekomme, kann ich ihnen nicht versprechen“, sagte er, für mich durchaus nachvollziehbar. 

Nicht für meine Mutter, denn was meine Mutter wollte, das bekam sie in der Regel auch. Und wenn nicht, dann würde sie diesem armen Mann die Hölle heiß machen, da war ich mir sicher. Die Augen meiner Mutter verengten sich zu kleinen Schlitzen. „Besser wäre es, sie würden es schaffen“, zischte sie zwischen ihren schmalen Lippen hervor. Sie saß da, wie Don Corleones kleine Schwester und sah aus, als habe sie die Exekution des Mannes schon längst angeordnet. 

Als ob das nicht schon genug gewesen wäre, deutete sie als nächstes auf die vor einem dreiviertel Jahr gekaufte Dunstabzugshaube und sagte: „Da müssen sie auch etwas machen. Ich bekomme den Filter nicht heraus.“
Der nette Techniker sah sich das Dilemma an und antwortete ihr: „Kein Wunder, da haben die Monteure ein Brett unter der Vorrichtung angebracht. Das ist Pfusch…“

In diesem Moment seufzte mein inneres Oooohhhmm laut auf und holte die Klangschale aus dem Instrumentenschrank. Von dem Drama um diese Dunstabzugshaube hatte ich ja schon früher berichtet, die Texte findet ihr HIER und HIER.

Tausche alt gegen neu

„Ich sag ihnen was“, wandte sich die Frau, die behauptete meine Mutter zu sein an den Mann. Offensichtlich hatte sich all die Jahre die Seele eines Schwarzmarkthändlers in ihr versteckt gehalten, denn sie sagte als nächstes: „Ich kaufe eine neue Dunstabzugshaube bei ihnen und gebe ihnen die Alte für 200 Euro mit. Dann können wir das gegenrechnen.“

Mein inneres Ooohhhmm hatte seine Klangschale bis zum Rand mit Wasser gefüllt und versuchte sich vor Scham darinnen zu ertränken. So wie es aussieht, hält das Leben in Zukunft noch mindestens eine Dunstabzugshauben-Geschichte für mich bereit.

Guten Rutsch, bleibt gesund

Weihnachten feierten wir dann ohne meine Mutter, was aber nichts mit ihren Küchengeräten zu tun hat. Das erzähle ich euch beim nächsten Mal und werde dabei kein grausames Detail auslassen, versprochen.

Jetzt wünsche ich euch allen einen guten Rutsch und ein wunderbares und gesundes neues Jahr. Vielen Dank, dass ihr nun schon so lange meine treuen Leser seid. Ich werde für euch weiterschreiben, mit Wonne, mit Galgenhumor, Herzblut und viel Fantasie. 

König der Lüfte

Das geheime Leben der letzten Schreiadler Deutschlands

Foto: Frederking & Thaler

Wo Deutschlands Schreiadler leben, geht es der Natur gut. Der Vogel mit dem markanten Ruf bewohnt einsame Wälder. Aus der Nähe bekommen ihn die meisten nur selten zu Gesicht, denn die Vögel sind scheu. Der Journalist und Fotograf Thomas Krumenacker ist den Spuren der Schreiadler gefolgt und gibt sehenswerte Einblicke in das gut versteckte Leben der braunen Adler. 

In Deutschland brüten nur noch 130 Paare, dieser vom Aussterben bedrohten Raubvogelart. Vorwiegend leben sie auf dem Gebiet Mecklenburg-Vorpommerns und Brandenburgs, was ihnen den Spitznamen „Pommernadler“ eingebracht hat. Sie ziehen jedes Jahr nur ein Junges groß, das aber mit Liebe und Leidenschaft.

Mit seinen eindrucksvollen und stimmungsvollen Fotos ist dieser Fotoband ein Muss für alle, denen Naturschutz und der Artenreichtum unserer Vogelwelt am Herzen liegt.

Der Autor und Fotograf

Thomas Krumenacker ist Journalist und befasst sich seit zwei Jahrzehnten mit Schreiadlern. Nur wenige Menschen haben mehr Zeit in ihrer Nähe verbracht: Er hat sie im Segelflugzeug auf dem Zug über Israel begleitet und aus Baum-Verstecken in Lettland fotografiert. Mit diesem Buch will er für den Schutz eines Vogels werben, der viel unterwegs ist und in der Uckermark ebenso zuhause ist wie in der afrikanischen Steppe.

Dieser Artikel enthält Werbung. Der obenstehende Link ist ein Affiliate-Link zu Amazon. Wenn Ihr Euch entschieden habt, das Buch zu kaufen und den Weg über diesen Link in meinem Blog zu gehen, würde mich das sehr freuen. Euch entstehen dadurch keine Kosten. Ich erhalte dann eine kleine Provision, die ich wieder in die Pflege von Taufrisch war gestern und die Umsetzung neuer Ideen auf meinem Blog, investieren kann.

Liebe, Männer, Eierlikör … und andere Katastrophen

Elsa-Antoinette hat ein neues Gewand

Ich gebe zu, es ist ein wenig ungewöhnlich, ein und dasselbe Buch zweimal zu rezensieren. Aber für das Fräulein Stern mache ich da gerne eine Ausnahme. Das hat diverse Gründe. Zum einen trifft die Autorin Elsa Stern aka Christina Loböck mit ihrer Art zu schreiben bei mir voll ins Humor-Epizentrum. Ich liebe diese Art von Humor so sehr, der wie ich finde, gar nicht so weit von meinem entfernt ist, was angesichts des österreichischgermanischen Nordsüdgefälles echt erstaunlich ist.

Dann ist das Buch einfach richtig gut und erscheint rechtzeitig zur Buchmesse in Wien in der zweiten Auflage. Und das in kompletter Eigenregie, denn die Autorin gehört zu den Selfpublishern und trägt damit nicht nur die gesamte Verantwortung für den Erfolg des Buches allein, sondern schultert damit auch ein enormes finanzielles Risiko. Davor ziehe ich den sprichwörtlichen Hut … Chapeau, liebe Christina.

Nun eine neu Rezension zu schreiben, macht keinen Sinn. Deshalb verlinke ich euch HIER meine Rezension, die ich geschrieben habe, als das Buch zum ersten Mal herauskam. Schaut mal herein, dort findet ihr mein erstes Interview mit der Autorin Christina Loböck. Nach wie vor gilt übrigens meine absolute Leseempfehlung! Damit ihr hier aber auch etwas Neues zu lesen habt, habe ich Christina erneut interviewt. Ihr dürft gespannt sein auf ihre Antworten. Christina (aka Elsa Stern ) gehört zu den Autorinnen, die ich irgendwann unbedingt einmal kennenlernen möchte. Ich frag‘ sie aber nicht, ob es ihr genauso geht … was sollte die Ärmste darauf schon antworten …

Foto: Daniel Huber

Interview mit Elsa Stern

Taufrisch war gestern: Dein Buch ist rechtzeitig zur „Buch Wien“ in zweiter Auflage erschienen. Dazu möchte ich dir von Herzen gratulieren. Wie war es für dich auf der Buchmesse. Hattest du den Eindruck, dass du als Selpublisherin die gleichen Chancen hattest, wie die Autoren und Autorinnen, die bei Verlagen unter Vertrag stehen?

Christina Loböck: Dankeschön! Es war schon eine gewisse Herausforderung alles zum Termin zu koordinieren und fertig zu haben, da ich diesmal ja keinen Verlag hatte, der mir gewisse Arbeiten abgenommen hätte. 

Ich schwebe gerade noch immer auf einer großen Wolke mit Endorphinen was die Buchmesse angeht. Ich bin da wirklich ohne große Erwartungen hingefahren und zurückgekommen bin ich mit einem Kopf voller Ideen und Inspiration, mit frischer Motivation, Tipps und Tricks von erfahrenen Autorinnen und vor allem mit ganz vielen tollen, neuen Kontakten und Freundschaften. Ich war gemeinsam mit dem Verein Romane made in Austria, bei dem ich Mitglied bin, als Aussteller auf der Buchmesse und obwohl ich vorher noch keine von den anderen Autorinnen des Vereins persönlich kannte, wurde ich gleich so richtig herzlich in die Gruppe aufgenommen. Als Selfpublisher auf der Messe zu sein, habe ich wirklich nicht als Nachteil empfunden, eher im Gegenteil. Im Verein bin ich da auch in bester Gesellschaft, da gibt es mehrere Selfpublisherinnen wie z.B. Mira Morton, Katrin Frank, Sophia Chase usw., die schon mehrfach in den verschiedensten Bestsellerlisten waren und jetzt auch zum Teil als Hybridautorinnen von Verlagen heiß begehrt sind. Alleine, dass mein Buch in solcher Gesellschaft auf dem Messestand von Romane made in Austria ausgestellt war, hat ihm immense Sichtbarkeit verliehen. Dann hatte ich auch noch das Glück, dass BoD, über die ich die Herstellung und den Vertrieb des Taschenbuchs abwickle, mein Buch ebenfalls an ihrem Stand ausgestellt hatten (das war eine sehr angenehme Überraschung, als ich das gesehen habe). Ich weiß nicht, welche Verlagsautoren behaupten können, dass ihr Buch gleich an mehreren Ständen ausgestellt wird, Midlist-Autoren können manchmal von Glück reden, wenn ihr Buch es überhaupt auf den Verlagsstand der Messe schafft, wenn es nicht gerade frisch erschienen ist. Obwohl ich selber die Literaturszene in Österreich gerne als etwas „elitär verschnupft“ bezeichne, würde ich behaupten, dass die Bücher von Selfpublishern vielleicht gerade deswegen ein immer größeres Publikum ansprechen, weil wir auch mehr Nischen bedienen können und sich Unterhaltungsliteratur einfach auch besser verkauft. Bei uns am Stand war der Zulauf und das Interesse auf jeden Fall immer sehr groß und es hat wirklich Spaß gemacht, dort zu stehen und zu sehen, wie gut die gesamte Palette an Selfpublishing Büchern angenommen wird. 

Taufrisch war gestern: Gibt es bei der Überarbeitung der zweiten Auflage signifikante, inhaltliche Änderungen?

Christina Loböck: In erster Linie gab es mal Änderungen an der Aufmachung. Der Buchsatz ist jetzt ein bisschen mehr mit Liebe zum Detail gestaltet und das Cover ist natürlich ein anderes. Ich wollte gerne, dass die Farben so richtig knallen. Nach der Buchmesse darf ich stolz verkünden: Das ist gelungen. Sowohl am Stand von Romane made in Austria als auch auf am Stand von BoD konnte man es von Weitem in seiner ganzen pinken Pracht strahlen sehen. 

Die inhaltlichen Änderungen halten sich eher in Grenzen. Hier und da haben mir ein paar Szenen nicht mehr gut gefallen und ich habe ein wenig umgeschrieben, dies und jenes ein bisschen anders formuliert, aber am Handlungsgerüst selbst hat sich nichts verändert. Was sich geändert hat, weil es ein Kritikpunkt von einigen Leser:innen war, ist, dass Elsas Freundinnen nun „anständige“, ganze Namen haben und nicht mehr mit Buchstaben abgekürzt werden. Die E. ist demnach jetzt die Eva-Maria und die A. ist die Anna-Katharina… alleine deswegen hat das Buch jetzt fast 40 Seiten mehr. Nein, ein Scherz. Es ist einfach nur deswegen ein wenig dicker, weil sich das Format geändert hat. Es kommt jetzt in handlichen 12 x 19cm daher. 

Taufrisch war gestern: Du weißt ja, wie sehr ich dein Buch mag. Hast du denn schon einen zweiten Teil in Arbeit? Und wenn ja, wann dürfen wir mit der Veröffentlichung rechnen?

Christina Loböck: Ja, der zweite Teil ist schon in Arbeit und geplant wäre die Veröffentlichung im (Früh-?)Sommer 2021. Zuerst musste ich aber natürlich noch den ersten Teil vor der Buchmesse herausbringen, weswegen das Schreiben an Teil zwei die letzten zwei Monate auf Eis lag. Aber jetzt freue ich mich schon wieder, richtig loslegen zu können. Ich bin auch schon wahnsinnig gespannt, was die Leser:innen des ersten Teils zu so manchen Entwicklungen sagen werden. Da habe ich nämlich ein paar Überraschungen, die für mich selbst zu Beginn etwas sehr skurril waren, aber je mehr ich geschrieben habe, umso besser haben diese „unvorhersehbaren Zufälle“, dann zusammengepasst. Manchmal sitze ich jetzt schon beim Schreiben da und lache mir heimlich ins Fäustchen, weil ich mir ausmale, wie die Leser:innen wohl auf dieses oder jenes reagieren werden. Und, was ich selber ja als Leserin total gerne mag: Es wird ein paar Dinge geben, die in Teil eins schon am Rande angeklungen sind und in Teil zwei dann für richtige Verstrickungen sorgen werden. Mehr verrate ich jetzt nicht, aber es gibt auf jeden Fall ein Wiedersehen mit allen Figuren des ersten Teils. Vom Theo-Theo bis zum Winkler, Helene und der Tante Henriette sind alle wieder mit von der Partie, natürlich auch Herr Q. 😉

Taufrisch war gestern: Wie diszipliniert bist du beim Schreiben? Jack London hat es beinhart durchgezogen. Mindestens 1000 Worte pro Tag waren ein Muss für ihn. Stellst du für dich auch solche Regeln auf?

Christina Loböck: Ach, das ist so eine Sache. Ja, ich sollte mir wohl auch so ein Tagesziel setzen oder beim Nanowrimo mitmachen, dann wären solche Dinge wie Veröffentlichungstermine usw. auch weitaus besser zu planen… ABER: Ich bin da ja ein wenig eigen. Ich schreibe eigentlich nur, wenn ich wirklich Lust darauf habe. Und das ist (bitte nicht lachen) meistens bei Vollmond. Mich zum Schreiben zu zwingen hat noch nie wirklich funktioniert. Diese Versuche landen dann spätestens beim nächsten Vollmond im Papierkorb bzw. fallen der Delete-Taste zum Opfer. Aber wenn ich mit Spaß an der Sache am Laptop sitze, dann klopfe ich auch mal 10 000 Wörter in drei Tagen in die Tasten und es ist wenig dabei, das ich im Nachhinein wieder lösche. Wenn ich aber vom Schreiben leben wollte, das haben mir bis jetzt auch alle Autor:innen bestätigt, mit denen ich gesprochen habe, dann ginge das nicht. Dann muss man wirklich konsequent jeden Tag arbeiten. Solange ich das nicht muss, ist Schreiben für mich aber auch keine Arbeit, sondern purer Spaß und das würde ich gerne so lange es geht beibehalten. 

Taufrisch war gestern: Welche Wege gehst du als Selfpublisherin, um für den Werk zu werben. Wie gewinnst du Leserinnen?

Christina Loböck: Ich setze großteils auf Mundpropaganda. Mein Buch ist etwas Besonderes, es ist sicher nicht für jeden Leser oder für jede Leserin das Richtige, dazu hat es zu viele Ecken und Kanten, um auf dem Populärmarktplätzen mit den Bestsellern mithalten zu können. Trotzdem habe ich auch schon bei der ersten Auflage gemerkt, dass die Leser:innen, denen es gefällt, sehr oft tatsächlich hellauf begeistert sind und die Kunde, dass es da ein sehr humorvolles, österreichisches Buch gibt, das man gelesen haben muss, auch in ihrem Bekannten- und Verwandtenkreis verbreiten bzw. das Buch auch gerne weiterverschenken (Weihnachten naht mit Riesenschritten, das nur als kleiner Wink mit dem Zaunpfahl 😉). Das kann man als Autorin natürlich nicht planen oder steuern, aber es hilft ungemein. Man weiß auch nie, wem das Buch auf diese Weise in die Hände fällt, vielleicht ist ein Buchhändler dabei oder eine Bloggerin, die eine große Reichweite hat… Solche Zufälle oder Glücksfälle sind mir schon einige Male passiert und haben mir einige Türen geöffnet. Ich hatte auch schon Leserinnen, die mit meinem Buch in ihre Stammbuchhandlung marschiert sind und die Buchhändler überredet haben, es ins Sortiment aufzunehmen, was natürlich ein Traum war. Das soll jetzt aber nicht heißen, dass ich selber nur daheim sitze und Däumchen drehe, allerdings wäre „richtiges“ Marketing ein Vollzeitjob, da bliebe keine Zeit mehr zum Schreiben und außerdem fehlen da einfach auch die finanziellen Ressourcen. Selfpublishing ist ohnehin schon ein sehr teures Hobby, da bleibt nicht mehr viel Werbebudget. Ich versuche daher, dass ich meine wenigen Aktionen sehr gezielt plane. Beispielsweise wird es nach Weihnachten wieder eine Leserunde auf lovelybooks geben. Ich bin einfach ein Fan vom direkten Austausch mit den Leser:innen. Diese „Nahbarkeit“ ist für mich auch ein wichtiger Faktor, wenn es um die Vermarktung geht, daher tausche ich mich auch sehr gerne mit Leser:innen aus, zum Beispiel auf Instagram, wo ich deutlich mehr unterwegs bin als auf Facebook. 

Taufrisch war gestern: Elsa ist ja immer etwas chaotisch unterwegs. Wie sieht es mit dir aus. Kannst du gut aussortieren und dich von Dingen trennen? 

Christina Loböck: Ähm… tja… ich bin eher so eine Sammlerin und trenne mich sehr ungern von Dingen. Und das, obwohl ich lieber Minimalistin wäre und mir gut vorstellen kann, dass ein wenig mehr Ordnung und ein bisschen weniger Krimskrams eine therapeutische Wirkung haben können. Ich bin aber ein wenig von meiner lieben Mama geprägt, die selber auch sehr viele Dinge aufhebt, aus dem einfachen Grund, weil sie ja (in 100 Jahren) mal was wert werden könnten. (Meine Mama schaut sehr gerne „Kunst und Krempel“, was vielleicht einiges erklärt). Tatsächlich habe ich noch Kinder-Ei-Figuren aus den 80gern auf dem Dachboden, darunter auch diesen ominösen Eierlaufschlumpf, der laut Katalog fast 1000 Euro wert sein soll. Meine Mama hat ihrerseits eine etwas makabre Sammlung an „Sterbebildern“ (das sind diese kleinen Kärtchen, die man bei uns bei Begräbnissen als Andenken an den / die Verstorbene/n bekommt). Ihr größter Schatz ist ein Sterbebild von Kaiserin Sisi und ihr ältestes Stück stammt aus dem Jahre 17..schieß-mich-tot – beide sollten auch schon was wert sein. Also, das Credo in meine Familie ist: Lieber aufheben, man könnte es ja noch mal brauchen oder zu Geld machen können…

Taufrisch war gestern: Wie möchtest du leben, wenn du 80 Jahre alt bist?

Christina Loböck: Ich habe da mal eine sehr schöne Vision von einem Freund von mir geschenkt bekommen, der meinte, dass ich mit 80 mit langem, wallenden, grauen Haar in einen seidenen chinesischen Morgenmantel gehüllt und mit grellpinkem Lippenstift in einem wunderschönen Gewächshaus mit Orchideen sitze, in der einen Hand einen Bleistift und in der anderen Hand eine Wedgewood Teetasse gefüllt mit Gin und dann meine Memoiren in ein Notizheft kritzle während ich mit meinen sieben Katzen rede. Ein bisschen so wie Miss Havisham aus Charles Dickens „Great Expectations“ nur weniger verbittert und mit einem tollen Toyboy, der im Schlafzimmer auf mich wartet. Mir gefällt diese Vorstellung sehr gut. Ein bisschen Exzentrik schadet erstens nie und zweitens wäre das Leben sonst ja sehr langweilig. 

Taufrisch war gestern: Welche Eigenschaften schätzt du an Menschen und mit welchem Charakterzug kommst du gar nicht zurecht?

Christina Loböck: Offenheit, Empathie und Humor fallen mir als erstes ein, aber auch der respektvolle Umgang mit Menschen, Tieren und der Umwelt wäre ganz oben auf der Liste. 
Mit oberflächlichen und überheblichen Menschen, die sich und das Leben zu ernst nehmen oder Dauerpessimisten, komme ich dagegen überhaupt nicht klar. Andere von oben herab zu behandeln, weil man sich selbst für etwas Besseres hält, ohne sich vom Gegenteil überzeugen lassen zu wollen, ist für mich ein absolutes No-Go und solche Menschen (Offenheit und Empathie auf meiner Seite hin oder her) möchte ich auch nicht in meinem Leben haben, das wäre mir ehrlich zu anstrengend. 

Taufrisch war gestern: Wenn man schreibt gibt man unweigerlich viel und macht sich verletzlich. Gibt es im Gegenzug auch etwas, das du dir von deinen Lesern wünscht?

Christina Loböck: Dass sie eben das erkennen: Autor:innen (zumindest ich) schreiben manchmal Jahre an ihrem Buch bevor sie sich damit an die Öffentlichkeit trauen. Das „Produkt“ liegt ihnen daher wahrscheinlich mehr am Herzen als dem Bäcker die Semmel, die er fabriziert und verkauft. Als Autor:in stellt man sich mit seinem Buch öffentlicher Kritik, Menschen, die einen nicht kennen, beurteilen plötzlich, was man macht und wie man es macht. Das kann schon beängstigend und nervenaufreibend sein. Eine Buchveröffentlichung ist für einen Autoren immer in etwa so, als wäre man ein Schauspieler, der sich auf die Bühne stellt: Man hofft, dass die Zuschauer am Ende nicht mit Tomaten werfen. Und das wünsche ich mir auch: Dass die Leser:innen ihre Tomaten bitte zu Hause lassen, auch wenn einem ein Buch mal nicht gefällt, was ja durchaus legitim ist. 

Taufrisch war gestern: Liebe Christina ich danke dir für deine interessanten und lustigen Antworten und den kleinen Einblick in die Seele einer Autorin, die einen leichtem Hang zur Exzentrik und zu Toyboys verspürt, und die am liebsten bei Vollmond schreibt …

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Karneval, die fünfte Jahreszeit … Helau, Alaaf, FischElm!

In Hamburg sagt man nöhööö!

Foto:pixaby

Am 11.11. um 11.oo Uhr passiert bei uns in Hamburg Folgendes … nämlich genau gar nichts! Keine Wilden Weiber, die männlichen Vorgesetzten die Krawatten abschneiden, keine Lebensmittel herumwerfenden Prinzenpaare, keine Karnevalsschlachtrufe die eine ungeschulte Norddeutsche erschauern lassen … abgesehen von …

Da ist ein kleines gallisches …, ähm, Dorf in Schleswig-Holstein, namens Elmenhorst. Dort weht die Karnevalsfahne ganz oben am Mast. Diese norddeutsche Enklave rheinländischen Humorverständnisses pflegt den jährlichen Klamauk mit Hingabe. Das ganze Dorf macht mit. Der ortsansässige Tischler, der Ehemann einer guten Bekannten, zimmert jährlich eine neue Kulisse für die örtliche Turnhalle. 

Man hört so oft, die Blasmusik ist heut nicht mehr modern.
Und trotzdem hör ich sie, halt immer wieder gern.
Denn überall, wo Blechmusik erklingt, ihr lieben Leut,
ja da herrscht Jubel, Trubel, Heiterkeit.

(Ernst Hugo Neger)

Es gibt sechs Garden, für normale Menschen erklärt, das sind die Tanzgruppen des Karnevalsvereins. Da wäre natürlich zuerst die „Prinzengarde“, dann die „Showdancer“, die Männertruppe (!) die „Elephants“, dann die „Alten Schachteln“, die Teeniegarde und zum Schluss noch für die ganz Kleinen die „Tanzmäuse“.

Der Neid muss es ihnen lassen, sie verstehen ihr Handwerk, die gemeinsame Leidenschaft für den Karneval schweißt den Ort zusammen. Doch jedes Mal, wenn ich kurz davor bin, mich infizieren zu lassen, brüllt irgendwer im Saal inbrünstig „FischElm, FischElm, FischElm!!!“, was mich dann wieder zurück in die dröge, norddeutsche Wirklichkeit holt. 

Ja da geht’s Humba Humba Humba Täterä Täterä Täterä
Ja da geht’s Humba Humba Humba Täterä Täterä Täterä
Da ruft der ganze Saal dasselbe noch einmal. 

(Ernst Hugo Neger)

Dabei habe ich durchaus eine genetische Disposition für den Karneval. Meine Omi mütterlicherseits ist eine waschechte Rheinländerin. Geboren und aufgewachsen im schönen Boppard am Rhein, liebte sie den Karneval. Die Umzüge und die Sitzungen gehörten zu ihrem Leben und damit auch zu meinem. Zusammen mit meiner Großmutter sah ich mir die Rosenmontagsumzüge an und ich kenne gefühlt jede im Fernsehen übertragene Karnevalssendung seit 1961. Ernst Hugo Neger, der singende Dachdeckermeister, ist gewissermaßen mein karnevalistischer Patenonkel. In diesem Sinne, „Humba, Humba, Täterä“, Freunde.

Und schießt bei uns der Sportverein am Sonntag mal ein Tor,
steht alles auf ‚m Kopf, denn das kommt selten vor. Dann geht es mit Hipp- Hipp- Hurra ins Dorf vom Fußballplatz,
denn im Vereinslokal gibt’s dann Rabatz.

(Ernst Hugo Neger)

Ich saß mit Oma und Opa im Wohnzimmer auf dem Sofa, wir hatten lustige Papphütchen auf und schunkelten zu den Liedern, die auf der Bühne gesungen wurden. Meine Omi übersetzte mir simultan die Büttenreden von „Professor Knickebein“, „Et Botterblömche“ und der „Doofe Noß“. Ich lernte schnell, dass es laut zugehen durfte, dass man inhaltlich auch mal draufhauen durfte und dass einem das verziehen wurde, weil man das in der sogenannten fünften Jahreszeit gemacht hatte. Insgesamt gesehen gehören diese Erlebnisse mit meinen Großeltern wohl zu den schönsten meiner Kindheit.

Ja da geht’s Humba Humba Humba Täterä Täterä Täterä
Ja da geht’s Humba Humba Humba Täterä Täterä Täterä
Da ruft der ganze Saal dasselbe noch einmal.

(Ernst Hugo Neger)

Doch wie es oft im Leben ist, kann alles das ganz anders auf einen wirken, wenn man älter wird und selber teilnehmen muss an einem solchen Event. Mich ereilte dieses Schicksal während meines Volontariats. Zwei Tage vor dem 11.11. teilte mein Chefredakteur mir mit, man habe mich an die Kollegen der Kölner BILD-Redaktion ausgeliehen. Die fünfte Jahreszeit stünde vor der Tür und die Kollegen bräuchten Unterstützung. In Köln habe man, dankenswerter Weise, seine Verbindungen spielen lassen und mir und Jochen, dem anderen Volontär einen Platz auf dem Wagen einer Karnevalsgesellschaft mit einem für norddeutsche Zungen, unaussprechlichen Namen gesichert. Danke nochmal dafür, Folks.

Ich mööch zo Foos no Kölle jonn
Op d′r Düxerbröck bliev ich stonn
Ming Aure luure üvver d’r Ring
Ich muss ming Stadt, mieh Kölle sinn.

(Micky Brühl Band)

Jochen, ein Bremer, und ich kamen also in Köln an, ausgerüstet wie normale Journalisten. Rucksack, Schreibblock, diverse Stifte und ein Handy. Ein Mann mit einem Bunt angemalten Gesicht kam, schüttelte meine Hand und begrüßte mich mit den Worten: „Morjen Joldfasänsche!“ Dann hieb er dem Jochen seine flache Hand zwischen die Schulterblätter und sagte: „Schfreumisch.“ Wie er uns weiterhin sagte, war er der Norbert, sowas wie der Karnevalsumzugsobmann seiner Gilde. 

Unsere Rucksäcke verfrachteten wir in ein anderes Auto, dass den Umzug begleiten sollte, nur die Handys durften wir einstecken. Den „Schreibkrims“ bräuchten wir sowieso nicht, denn jetzt werde erst einmal gefeiert und wir würden das alles sowieso nicht so schnell vergessen. Wie recht er doch hatte, der Norbert.

He weed mer opjenumme
Jebütz un flöck jedröck
Dat jewwe mir hück
Mit nem Leed zoröck

(Micky Brühl Band)

Es folgt nun eine Schilderung der Geschehnisse durch eine durch und durch norddeutsche Seele:

Der Prunkwagen verdiente seinen Namen, soviel Glitzer hatte ich nicht einmal auf Lady Di’s Hochzeit gesehen. Er war besetzt mit lauter Menschen mit Louis-quinze-Perücken, Frauen in viel zu kurzen Röckchen, die Männer in prächtigen Zarenuniformen mit viel zu viel Lametta. Sie haben Jochen und mich mit Bonbons beworfen … ich weiß bis heute nicht wieso … und immer „Strüssje“ und „Alaaf“ gerufen. Sie waren gar nicht zu bremsen. 

Nach gefühlt drei Sekunden mussten wir Jochen verarzten, weil es ihm nicht gelungen war, sich vor einem heranfliegenden „Strüssje“ wegzuducken und er das Dingens ins offene Auge bekommen hatte. In Ermangelung von Coolpacks hatte Jochen sehr schnell die „Piggolösche“ entdeckt und presste sich eine Flasche aufs lädierte Auge.

Ich mööch zo Foos no Kölle jonn
Op d′r Düxerbröck bliev ich stonn
Ming Aure luure üvver d’r Ring
Ich muss ming Stadt, mieh Kölle sinn.

(Micky Brühl Band)

Gelegentlich packte mich jemand an den Schultern oder an der Hüfte und zwang mich, mit ihm auf und ab zu springen. Ich machte einfach mit und hoffte, dass die zwei Piccolos, die ich inzwischen getrunken hatte, bitte, bitte drinnen bleiben würden. Inzwischen sank die Hemmschwelle auf dem Wagen proportional zum Erregungslevel, der sich unaufhaltsam nach oben arbeitete. Mich haben wildfremde Menschen ungebremst auf den Mund geküsst … immer wieder, volle Kanüle. Das wäre eigentlich einen eigenen Hashtag wert gewesen.

Bunt die Stadt un Minsche,
Ejal woher do küss
Ob du Rich bes oder leider
Nix im Büggel häss

(Micky Brühl Band)

Die Fahrt war vorbei und gedanklich suchte ich nach einem Bahnhof, in dem mich einer der durchfahrenden Züge zurück nach Essen hätte fahren dürfen, denn Jochen, meine Mitfahrgelegenheit war knülle und machte ein kleines Nickerchen. Allerdings meinte Norbert, jetzt ginge es doch erst richtig los. Wenn wir die Vereinsfeier nicht erlebt hätten, dann wüssten wir nichts über den Kölner Karneval.

Jochen wurde wachgerüttelt, er schrak hoch und murmelte verschlafen „Mama, so früh…“, was die Dame, die ihn hinter sich herzog einfach weglachte. Wir wurden in ein Vereinsheim in Festsaalgröße verschleppt und ich musste mit einer Frau namens „Funkenmariechen“ Can-Can tanzen. Nicht dass ich das nicht gekonnt hätte aber da war immer dieses bohrende „warum“ in meinem Hinterkopf.

Leeve un Leeve losse
Dat is he Jrundjesetz
Kumm sing mit uns
Wenn du wenn du jenauso föhls 

(Micky Brühl Band)

Die bunten Leute fanden es übrigens unerträglich, dass der Jochen und ich den Festsaal in Alltagsklamotten betreten hatten. Fünf Frauen, allesamt Gattinnen des Vereinsvorstandes, nahmen sich meiner liebevoll an. Den Jochen hatte ich aus den Augen verloren. Was soll ich sagen, etwa 15 Minuten später, saß ich in einem viel zu kurzen Rock, mit einem Make-up im Gesicht, dass einer Dragqueen auf St. Pauli alle Ehre gemacht hätte, an einem Tisch und beteiligte mich rege an einem lustigen Trinkspiel.

Ja und als der Jochen um die Ecke kam, sah er in seinem gelben Anzug und mit seinem Federhut aus, wie eine etwas misslungene Werbefigur für Chicken-McNuggets. Jochen und ich schlossen an dem Abend Freundschaften fürs Leben, mit Leuten, die wir gleich darauf wieder aus den Augen verloren und versprachen uns gegenseitig, dass keiner von uns den anderen schutzlos in dieser Jecken-Umgebung zurücklassen würde. Wir ließen jegliches norddeutsches Understatement fahren, feierten was das Zeug hielt und tranken dem Verein die Cocktailbar leer.

Ich glaube, ich habe heute noch Restalkohol …

Kleiner Nachtrag:

Jochen und ich durften unseren Rausch in Köln ausschlafen. Wir haben es tatsächlich geschafft, unseren Karnevalsreport rechtzeitig ins Blatt zu heben. Einige Fotos von uns haben wir konfisziert, aus Gründen. Es war unser erster und letzter Originalkarneval. Zwei Tage später waren wir wieder in Kettwig, two siblings in crime, Freunde bis heute. Keiner von uns hat bisher über die Kölner Vorfälle geschrieben … sorry Jochen.

Herbstfrühling

Ein Familienroman von Angelika Godau und Luise Klein

Grafik: Fivver

Angelika Godau ist da ein unterhaltsamer und lesenswerter Familienroman gelungen. Es ist nicht immer leicht für die drei Hauptfiguren Oma Inge, Tochter Sarah und Enkeltochter Lara, miteinander auszukommen. 

Oma Inge lebt in der Seniorenresidenz, erzählt gern aus der Vergangenheit. Tochter Sarah wurde von ihrem Mann sitzen gelassen, hat schwer mit der Gegenwart zu kämpfen und Enkeltochter Lara wird von der eigenen Pubertät überrollt, dass es nur so kracht. Davon haben dann alle etwas. 

Der Umgang der Drei untereinander ist manchmal etwas rau, gegenseitige Verletzungen blockieren oft das Miteinander. Angelika Godaus lockerer Erzählweise ist es zu verdanken, dass das Buch trotzdem nie zu ernst wird und immer eine gute Portion Humor mitliefert. 

Bald ändern sich die Lebensumstände. Oma Inge erlebt den Herbstfrühling, Tochter und Enkelin halten dazu mit ihrer Meinung natürlich nicht hinterm Berg … doch allmählich wächst das Verständnis füreinander. Ach wisst ihr was? Lest es doch einfach selber, ich gebe für den Herbstfrühling meine Leseempfehlung.

Ich habe Angelika für euch interviewt. Meine Fragen hat sie auf ihre originelle Art, sehr ehrlich beantwortet. Schaut doch mal rein ins Interview.

Wer ist Angelika Godau?

Angelika Godau hat eine spannende, wendungsreiche Vita. Geboren in Oberbayern, aufgewachsen im schönen Detmold, später nach Köln gezogen und ihr Herz für immer an diese Stadt verloren. Journalistin, später Studium der Psychologie und eigene Praxis in Mannheim. Ein fast 10-jähriger Aufenthalt in der Türkei sensibilisierte sie für das Elend von Hund und Katze. Seither gilt ihr Engagement dem Tierschutz. In „Ein Streuner mit Sommersprossen“ schildert sie für ihren „halben Herdenschutzhundes, Ben“ humorvoll den Sprung vom italienischen Straßenhund auf die Couch der Zivilisation. Danach erscheinen ihre drei „Granny-Bände“ (Gmeiner-Verlag) und dann in jährlichem Abstand fünf Pfalzkrimis um den Dürkheimer Privatdetektiv Detlev Menke und seinen cleveren Dackel Alligator, genannt Alli. 

Mit dem vorliegenden Buch hat sie sich an ein ganz neues Genre gewagt und schreibt begeistert bereits an einer Fortsetzung. Godau lebt heute mit ihrem Mann, den beiden Hunden Linda und Sam und Katze Maya in Europas Rosenstadt Zweibrücken. 

Foto: Thomas Füßler

Wer ist die Co-Autorin Luise Klein?

Luise Klein im Juli 2007 im schönen Heidelberg geboren, besucht die 9. Klasse eines Zweibrücker Gymnasiums, liebt ihren Hamster „Rüpel“, zofft sich gern mit ihrem jüngeren Bruder Lutz und ist aktives Mitglied bei den „Pfadfindern“. Auch wenn sie bisher noch keinen konkreten Berufswunsch hat, das Mitschreiben an diesem Buch hat ihr viel Spaß gemacht. Der Part der ebenfalls 14-jährigen Lara klingt daher sehr nach ihr. Außerdem verbindet sie, neben dem Schreibtalent, noch etwas ganz Besonderes mit Angelika Godau. Was das ist, erfahrt ihr im anschließenden Interview.

Interview mit Angelika Godau

Taufrisch war gestern: Angelika, man kennt dich ja in erster Linie als erfolgreiche Krimi-Autorin. Was hat dich dazu veranlasst das Genre zu tauschen und einen Familienroman zu schreiben?

Angelika Godau: Zum Krimi bin ich erst recht spät gekommen. Angefangen habe ich mit „wenn Wirbel aus dem Lot geraten“ einem Fachbuch für Interessierte Laien. Also etwas für Menschen mit Rückenproblemen. Das war sehr erfolgreich, hat sich extrem gut verkauft. Trotzdem habe ich an ein weiteres Buch nicht gedacht, bin erst mal für fast acht Jahre in die Türkei „ausgewandert“.

Dort wurde ich dann mit dem Elend von Hund und Katze konfrontiert und habe mich stark im Tierschutz engagiert. Als ich zurück nach Deutschland kam, habe ich mir einen Hund aus dem Tierschutz geholt, einen Herdenschutzhund, meinen Ben. Einen wunderbaren, nie vergessenen Freund, der leider im letzten Jahr mit fast 14 verstorben ist. Ihm habe ich mein zweites Buch gewidmet: „Ein Streuner mit Sommersprossen“. Eigentlich ein Muss für Besitzer von Auslandshunden.🙈

Danach habe ich eine Trilogie geschrieben, die ich bis heute sehr liebe. Die Granny-Bände, leider sind sie im völlig falschen Genre rausgebracht worden und daher wenig erfolgreich.😥Jetzt gerade ist es mir aber gelungen, meine Rechte vom Verlag zurückzubekommen. Ich werde sie sehr sorgfältig überarbeiten und dann neu veröffentlichen. Ob im SelfPublishing oder einem Verlag wird sich zeigen. Es sind wirklich Perlen, komisch, anrührend , berührend, romantisch und historisch korrekt. Ich weiß; Bescheidenheit ist eine Zier, aber sie sind wirklich toll.🥰

Ja, danach war wieder  Pause, aber dann habe ich mit meinen Krimis angefangen, von denen im Juli der fünfte erschienen ist. Das hat mir erst mal gereicht, zumal der Markt mit Regiokrimis ja förmlich überschwemmt wird. Jedes Dorf hat mittlerweile seinen eigenen Mörder.🤣Darum jetzt eben mal einen Familienroman und das hat so viel Spaß gemacht, dass ich an einer Fortsetzung arbeite.

Taufrisch war gestern: Was hat dich dazu getrieben in die Türkei auszuwandern? Das klingt spannend.

Ich wollte immer gern ins Warme, dahin, wo immer die Sonne scheint. Damals kam so viel zusammen: Mein Vater starb, meine Kinder hohen aus, mein Mann hatte die Möglichkeit, in denvorzeitigen Ruhestand zu gehen, meine Praxiswuchs mir über den Kopf … da sind wir „ausgestiegen“, aber mit Vorsicht und Bedacht. Haben eine kleine Wohnung in Deutschland behalten, alles alles andere hier beibehalten, also Kranken – Versicherungen und so. Zum Glück, denn wir haben viele Menschen  kennengelernt, die alle Zelte hinter sich abgebrochen hatten und dann große Probleme bekamen, gern zurückwollten und nicht konnten. Wir sind 8 Jahre geblieben, dann kam das erste Enkelkind und plötzlich war die Sonne nicht mehr so wichtig♥️

Taufrisch war gestern: Du schreibst dieses Buch ja zusammen mit deiner Koautoren Luise Klein. Wer ist sie und warum schreibst du dieses Buch in Kooperation?

Also, Luise ist meine zauberhafte Enkelin und da sie im passenden Alter wie meine Prota Lara ist, habe ich sie gefragt, ob sie mir helfen würde, die Lara wirklich gut klingen zu lassen. Hat sie hervorragend gemacht🤣

Taufrisch war gestern: Deine Figuren in diesem Buch sind wie aus dem Leben gegriffen. Wieviel steckt von dir in Inge Berger oder ist alles nur Fiktion?

Von mir absolut gar nichts. Ich bin völlig anders, würde auch völlig anders reagieren. Nur so manche Zweifel, die hätte ich vielleicht auch☺️Ich bin aber nicht so unsicher wie Inge, vor allen Dingen kenne ich mich sehr gut mit der neuen Technik aus und bin in den Sozialen Medien durchaus zuhause.

Taufrisch war gestern: Wie sieht dein idealer Tag aus?

Ich stehe gern früh auf. Spätestens um halb sieben begrüße ich meine Tiere und checke meine Nachrichten. Dann gehe ich mit meinem Hund Sam Gassi. Je nachdem, was anliegt, arbeite ich ein bis zwei Stunden am aktuellen Werk. Dann wird gekocht, ich koche nämlich gut und sehr gern. Probiere ständig neue Gerichte aus und mein Mann muss das dann essen.🤣Nach dem Essen brauche ich eine Stunde Schlaf, schon immer. Das liebe ich einfach, danach kann ich sehr konzentriert weiterarbeiten. Dann Treffen mit Freunden, der Familie, Einkaufsbummel oder mal schön Essen gehen, am liebsten zum guten Italiener. Ich liebe die italienische Küche.

Taufrisch war gestern: Wir haben zwei harte Jahre hinter uns. Was sind aus deiner Sicht die größten gesellschaftlichen Herausforderungen denen wir uns stellen müssen?

Oh je, das ist eine schwere Frage. Wir müssen dafür sorgen, dass unsere Kinder dieses Trauma verarbeiten, verpasste Schulzeiten aufholen können, dass keiner den Anschluss verliert und auf der Strecke bleibt. Auch sollten möglichst viele der kleinen Betriebe Hilfe bekommen, nicht nur die großen. Na ja und dann sollten wir zukünftig dafür Sorgen, dass eine solche Herausforderung unsere Gesellschaft nicht so spalten kann. Vielen Verwirrten wurde einfach zu viel Raum gegeben, die Menschen zu wenig aufgeklärt.

Wir brauchen wieder mehr Miteinander, weniger Gegeneinander. Ich bin ja eine Mimikama, also mehr Fakten als Fakenews.

Taufrisch war gestern: Wenn Zeitreisen möglich wären, in welche Zeit würdest du reisen und gibt es jemanden, den du dort gerne treffen würdest?

Unbedingt in die Zukunft, nicht in die Vergangenheit, so toll war die meist nicht, auch wenn wir sie teilweise verklären. Ich will wissen, wie es mit der Erde und der Menschheit weitergeht, ob wir die Kurve noch kriegen und wie?

Taufrisch war gestern: Wie gehst du mit Kritiken, Positiven und Negativen um? 

Ehrlich? Ich habe kein so dickes Fell, wie es manchmal aussehen mag. Ich nehme mir ungerechte Kritik schon sehr zu Herzen. Also, wenn jemand sagt: Du schreibst doch nur Scheisse, dann trifft mich das. Sagt jemand, das und das hat mir nicht so gefallen weil…dann ist das was anderes. Lob mag ich natürlich, davon hat’s früher, als ich ein Kind war, sehr wenig gegeben.

Taufrisch war gestern: Kannst du gut verzeihen? Oder gibt es etwas, dass für dich unverzeihlich wäre?

Ich habe viele Fehler, ich bin z. B. nicht sehr geduldig, aber ich bin ein treuer Freund. Wen ich mag, für den gehe ich durchs Feuer. Dem nehme ich auch selten etwas richtig übel. Ich sage, was los ist und damit ist das Thema für mich erledigt. Anders sieht das aus, wenn mich jemand wirklich hintergeht, also so richtig. Dann ist der für mich erledigt. Ist mir aber erst einmal passiert, obwohl ich echt grenzenlos vertrauensselig bin. Misstrauen gehört einfach nicht zu meinem Charakter.

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Das mißverstandene NEIN!

Foto: pixaby

Ich bin nun schon älter und meine Töchter sind junge Frauen. Ich hätte mir wirklich gewünscht, dass wir in unserer Gesellschaft weiter wären, als es augenscheinlich der Fall ist. Wünschenswert wäre eine Gesellschaft in der emanzipierte Frauen der Regelfall wären, genauso wie emanzipierte Männer, für die der Begriff Respekt nicht nur untereinander etwas gilt. Ich wünschte mir eine Welt, in der das Miteinander im Vordergrund steht und nicht der Machtkampf zwischen den Geschlechtern, eine Welt in der meine Töchter nicht um ihre körperliche Unversehrtheit oder sexuelle Selbstbestimmtheit fürchten müssten.

Vor allem aber wäre mir wichtig gewesen, meine Töchter in eine Erwachsenenwelt zu schicken, in der sie Schutz und Solidarität finden könnten, wären sie sexuellen Übergriffen ausgesetzt gewesen, in der man ihnen Glauben schenken würde, wenn sie von solchen Übergriffen erzählen würden. Die Ereignisse um einen bekannten deutschen Comedian, dem von seiner Ex-Freundin sexuelle Übergriffe vorgeworfen wurden, zeigen zurzeit erschreckend deutlich, wie wenig unsere Gesellschaft in der Lage ist, Frauen auf angemessene Art und Weise zu begegnen, die von so einschneidenden und schrecklichen Ereignissen berichten.

Der SPIEGEL hat ausführlich über diesen Fall berichtet. Den gesamten Spiegel-Artikel findet ihr HIER. Die junge Frau hatte Anzeige erstattet und die Staatsanwaltschaft hatte den Vorwurf überprüft. Wie der SPIEGEL berichtete, habe die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen wegen Vergewaltigung eingestellt, „weil sie nicht davon ausgehe, dass der Beschuldigte aufgrund der vorliegenden Beweise verurteilt werden würde.“ So und nun dürft ihr mal raten, auf welche Art und Weise dieses Juristendeutsch in der öffentlichen Diskussion interpretiert wird….

Angefangen mit dem beschuldigten Comedian, der sich noch vor der SPIEGEL-Veröffentlichung entschloss, seine bis dahin gewahrte Anonymität aufzugeben und sich auf Instagram in einem Video an seine Fans und Kollegen wandte und sagte: “ … eine Staatsanwaltschaft hat das dann geprüft, sogar eine Generalstaatsanwaltschaft … das ist also in zwei Instanzen geprüft worden … und beide kamen zu dem exakt gleichen Ergebnis, nämlich dass hier kein Tatverdacht vorliegt …“ Was soll ich sagen – ES LEBE DER KLEINE UNTERSCHIED!

Was der Comedian den Staatsanwaltschaften da in den Mund legt, klingt quasi wie ein Freispruch. Das ist aber nicht das, was der SPIEGEL aus der Ermittlungsakte, die der Redaktion nach eigenem Bekunden vorlag, zitiert hat. Nicht davon auszugehen, dass der Beschuldigte aufgrund der vorliegenden Beweise, verurteilt werden würde, heißt NICHT, dass die Frau lügt, etwas erfunden hat oder wie die Verteidigung des Comedians behauptet, „Scheinerinnerungen“ hat. Es bedeutet lediglich, dass zurzeit aufgrund der vorliegenden Beweise kein Urteil gefällt werden kann. Es bedeutet aber auch, dass das Ermittlungsverfahren unter bestimmten Bedingungen wieder eröffnet werden könnte, wenn sich die Beweislage, etwa durch neue Zeugenaussagen, ändern würde. Dieser Einstellungsbescheid stellt weder die Schuld noch die Unschuld eines Beschuldigten fest.

Solche Fehlinterpretationen, warum auch immer man sie veröffentlichen mag, gehören zu den Dingen, die man in solchen Fällen regelmäßig in den sozialen Medien findet. Es wird mit juristischen Begriffen herumhantiert, dass einem schwindelig werden kann, in der Regel leider ohne dass die Nutzer dieser Begriffe wissen, was sie bedeuten, welche rechtlichen Wirkungsraum sie haben und welche rechtlichen Folgen sich daraus ergeben könnten.

Genauso unerklärlich ist mir der Reflex, sich mit Schmackes schützend vor den potentiellen Täter zu werfen und gleichzeitig das potentielle Opfer zu verunglimpfen, ohne zum Beispiel Einblick in die Ermittlungsakte gehabt zu haben. Da genügt offenbar ein „Ich kenne dich schon jahrelang“ für eine Expertise und ein „Bro, ich glaube dir jedes Wort“. Ich frage mich in diesen Fällen immer, warum man sich als Kumpel nicht mal die 4 bis 5 Sekunden nimmt, zu überlegen, was man mit solchen Aussagen, die ja immer implizieren, das potentielle Opfer habe gelogen, wohl mit einer missbrauchten Frau macht, wenn bei dem Lieblings-Buddy wirklich mal etwas schief gelaufen sein sollte.

Bitte nicht falsch verstehen, ich habe großes Verständnis dafür, dass man als Freund*in eines Beschuldigten erst einmal aus allen Wolken fällt und ungläubig ist, weil man diese Person anders kennengelernt hat. Dann sollten diese Menschen ihre Solidarität aber so ausdrücken, dass sie nicht gleichzeitig das potentielle Opfer verunglimpfen. In diesem Zusammenhang wird von Laien oft die „Unschuldsvermutung“, wieder ein juristisches Prinzip, zitiert. Und sie haben recht, ein Täter hat ein Anrecht darauf als unschuldig zu gelten, bis in einem Prozess etwas anderes bewiesen wurde und er rechtskräftig verurteilt wurde (stark vereinfacht dargestellt). Die Unschuldsvermutung fordert, dass dem beschuldigten Mann aus der momentanen Situation keine Nachteile entstehen dürfen. Die Unschuldsvermutung ist aber ganz klar kein Freispruch vom Tatvorwurf und das interpretieren Viele leider falsch.

Was Freunde und Unterstützer potentieller Täter dabei leider häufig außer Acht lassen ist, dass diese Unschuldsvermutung auch für das potentielle Opfer gilt. Genau deshalb sollten diese Leute, die ja auch nur Außenstehende sind und beim Geschehen nicht dabei waren, es tunlichst unterlassen das potentielle Opfer als Lügnerin zu bezeichnen, auch nicht zwischen den Zeilen. Deshalb könnten sie den „Bro“, wenn sie es ernst meinten mit ihrer Freundschaft, trotzdem stärken. Zum Beispiel wenn sie sagen würden: „Junge, egal was damals zwischen euch passiert ist, du bekommst von mir die Hilfe, die du brauchst.“ Habe ich in der Art aber noch von niemandem gehört. Vielleicht weil sich so die Grundbedingungen für die Unterstützung zu drastisch verschieben würden?

Und alles das kann geschehen, weil sich in unserer Gesellschaft immer noch hartnäckig das Gerücht hält, dass wenn es darum geht, Grenzen einzuhalten und Respekt zu zeigen, ein NEIN nicht immer so ernst gemeint ist, dass Frauen eigentlich selber gar nicht wüssten, was sie wollten und was nicht. Solange Befindlichkeits-Sprüche wie, „man weiß ja bald gar nicht mehr, was man darf und was nicht“, gesellschaftstauglich bleiben und dazu führen, dass Männer für ihre Übergriffigkeiten nicht zur Rechenschaft gezogen werden, haben wir noch eine Menge Aufklärungsarbeit vor uns.

Wenn, wie in dem Kölner Fall, die Frau berichtet, der Mann habe sie gepackt und auf dem Bett hin- und her geschüttelt und er habe das hinterher damit begründet, er habe alle negativen Gedanken (sie hatte nein gesagt) aus ihr herausschütteln wollen, wie kann man das auch nur für eine Sekunde als akzeptables Verhalten ansehen. Selbst die abgeschwächte Form, die der Comedian eingeräumt hatte, er habe sie „ganz fest umarmt“ damit alles Negative aus ihr verschwinden würde, ändert an der Ungeheuerlichkeit nichts. Welche abgehobene Arroganz, die Frau sagt nein und anstatt zu sagen, „okay Schatz, dann ein anderes Mal“, treibt man ihr das einfach aus.

Ich frage mich tatsächlich, wie es immer noch sein kann, dass softpornografische Männerfantasien, wie etwa die Behauptung „ein besonderer Blick der Frau habe ihn dazu animiert“, trotz des deutlich ausgesprochenen NEINS, erst richtig loszulegen, mehr Glauben und Verständnis entgegengebracht wird, als der schlüssigen Schilderung einer Frau, darüber wie ein Mann sie brutal missbraucht hat.

Für diejenigen die es nicht verstehen (wollen?), ich erkläre euch das Mal. Im Grunde ist das ganz einfach. Egal wo, egal wann, egal in welcher Situation, ein NEIN ist ein NEIN und keine beliebig interpretierbare Verwirrung eines Mädchens oder einer Frau. Ein NEIN lässt keinen Raum für Irrtümer.