Vom Anti-Mobilisten zum Kilometerfresser

Berg- und Tal Report 1

16 Stunden Autofahrt, die Scheiben von innen beschlagen, vom Atem unseres Hundes

Da Euch ja die Geschichte von Sternchen, dem Rüden meiner Schwiegermutter und uns Nordlichtern … ja, ja, Schatz, ich weiß Du bist ein Steirer … so gut gefallen hat, will ich Euch von einem weiteren Urlaub bei der Schwiegerfamilie berichten. In diesem Urlaub ging es etwas beschaulicher zu, Finley war schon etwas älter und die Chancen standen gut für ihn, dass er den Rottmalteser Sternchen nicht zu Gesicht bekommen würde. Natürlich kann ich nicht einen ganzen Sommerurlaub in einem Blogbeitrag zusammenfassen, deshalb müsst Ihr jetzt ganz stark sein, es erwarten Euch mehrere Folgen. Freut Euch also auf den Beginn einer wundervollen Reise ins Jodelala-Land und wie Ihr euch vielleicht schon denken könnt, konnten wir nicht einfach mal so losfahren…

Showdown in der Vorstadt, auf einem diesigen Parkplatz, morgens um halb Fünf

Als wir morgens zum Urlaubsbeginn vor unserem vollgepackten Auto standen, war noch gar nicht sooo klar, ob wir einfach einsteigen und abfahren können würden. Denn Finley, unser Golden Retriever, hasste es Auto zu fahren und zwar mit Inbrunst. Vor zwei Jahren hatte er aus für uns nicht nachvollziehbaren Gründen, den Fahrbetrieb eingestellt. Jede kleine Strecke wurde zur großen Katastrophen-Übung auf dem Vorstadtparkplatz. Ich war echt froh, dass unsere Tierärztin fußläufig zu erreichen war. Und dieses Mal lagen 1.200 KM vor uns – eine ganz andere Hausnummer.

Das Projekt „Mobiler Rüde“ startete

Weil ich unsere Verwandten gerne einmal wiedersehen wollte aber es gleichzeitig für mich überhaupt nicht in Frage kam, Finley zuhause fremd betreuen zu lassen, musste ich mir also etwas einfallen lassen. Anfangs sträubte er sich so schlimm, dass es ihm nicht einmal möglich war, ruhig an meinem Auto vorbeizugehen. Er scheute jedes Mal wie ein hochgezüchteter Araberhengst und ich hatte alle Hände voll zu tun, Ihn wieder zu beruhigen.

Also hatte ich zum Jahresbeginn einen Plan entwickelt. Aus Finley dem Anti-Mobilisten sollte Finley der Kilometerfresser werden. Dem Versuch, meinen Rüden zum idealen Beifahrer zu machen, stand jetzt nichts mehr im Weg, außer vielleicht Finley selbst. Natürlich nutzte ich nur gaaaanz saaanfte Methoden und – wie sagt man so schön – war liebevoll und konsequent. Mein Heckklappen-Wiedereingliederungs-Programm für bocklose Retriever-Rüden startete.

In mir fließt Mafiosiblut … Schmeicheln, bestechen, drohen …

Ich tackerte also die Leckerlitasche an der Hüfte fest, es war an der Zeit meinem Retriever ein Angebot zu machen, dass er nicht ablehnen konnte. Zuerst versuchte ich ihm zu zeigen, dass von unserem Kastenwagen keine Gefahr für ihn ausging. Im Vorbeigehen sagte ich mit schmeichelnder Stimme: „Siehst Du, er tut Dir nichts“. Finley sah mir tief in die Augen … und riss sich los. Er flüchtete sich in den Vorgarten unserer Nachbarn, sprang dort in den Fischteich und beobachtete mich von dort aus durch die mit Bedacht angelegten Teichpflanzen hindurch. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, sein Blick hatte etwas Triumphales an sich. Natürlich wusste er, so nass würde ich ihn nicht in mein Heck lassen.

Diese Prozedur wiederholten wir unzählige Male. Ich will hier gar nicht im Einzelnen erzählen wie oft wir das machen mussten, bis wir ohne Zwischenfall am Auto vorbeigehen konnten. Nur soviel – Demut ist eine Tugend und Goldfische sind gar nicht sooo billig. Auf einem Fortbildungsseminar zum Thema Hundeverhalten, hatte mir der Seminarleiter erklärt, dass Hunde wenn sie älter werden, oft genau die Tätigkeit einstellen, die sie am meisten hassen. Er gab mir den Rat, die Beziehung zu meinem Hund zu stärken, das Auto zu einem positiven Ort zu machen und Finley eine klare unmißverständliche Botschaft zu senden, nämlich „Finley, Du Sack, steig da jetzt ein und verhalte Dich ruhig“. Ich bin immer dankbar für ausgewogene und einleuchtende Experten-Tipps.

Finley, Du wir müssen reden…

Beziehungsarbeit und klare Kommunikation also … na bitte, dann eben so. Denn wenn man weiß, was der eigene Hund nicht mag, dann weiß man auch was er toll findet. Und nach damals vier Jahren Zusammenleben konnten Finley und ich auch gut miteinander kommunizieren. Aber wie zum Donner sollte ich das verhasste Auto zu einem positiven Ort machen??? Nun ich fing damit an Finley am Auto zu beschmusen und zu bürsten, wochenlang. Zwischendurch öffnete ich die Heckklappe und ließ sie offen stehen.

Hundetraining mit vollem Körpereinsatz und maximaler Rufschädigung

Ich setzte mich selber in den Kofferraum, versuchte meinen Hund zu mir zu locken. Als das nicht gelang, verstärkte ich den Anreiz dadurch, dass ich etwas Leckeres im Kofferraum ass. Das zog und Finley sprang zu mir herein, ich jubilierte, nur um meinem Hund dabei zuzusehen, wie er sich mein Brötchen schnappte und postwendend mit seiner Beute hinter unserem Gartenhäuschen zu verschwand. Nur nicht aufgeben, ermahnte ich mich, dein Mann will nach Österreich. Also weiter so, was in der Hundeerziehung, ganz im Gegenteil zur Politik, ein kluger Plan sein kann.

Am Ende konnten die Nachbarn beobachten, wie ich Finley in den Kofferraum springen ließ, ihn dort an die Leine legte und danach noch eine Thermoskanne, einen Hundenapf und ein paar Käsebrote holte. Dann setzte ich mich zu meinem Hund ins Heck und wir frühstückten dort „gemütlich“ zusammen. Wie mir später zu Ohren kam, führte mein Verhalten zu Spekulationen in der Nachbarschaft. Die Spekulationen und Gerüchte waren sehr vielfältig: Sie ist in Behandlung, völlig durchgeknallt, über sie haben Eheprobleme, sie hat auch schon im Auto geschlafen, bis zu der Annahme, ich sei Mitglied in einer Sekte, war so ziemlich alles dabei. Dabei wollte ich einfach nur in den Urlaub fahren, mit meinem Mann und meinem Hund.

On the road again …

Und dann kam der Tag, da lief alles glatt. Finley stieg ein, manchmal blieb er sogar drinnen, auch ohne Frühstück. Wenn er tatsächlich im Heck sitzen blieb und ich die Klappe schließen konnte, sprang ich mit Gejubel ins Auto, was meinen Ruf in der Nachbarschaft nicht unbedingt verbesserte. Danach fuhren wir zu einem der naheliegenden Seen und er durfte schwimmen gehen. Das machte ich so oft, bis er das Autofahren auch mit etwas Positivem verbinden konnte. Er hatte seine Abneigung vorm Autofahren abgelegt. Naja, sagen wir mal, fast. 

Als unser Sommerurlaub gewissermaßen vor der Garagentür stand, war ich schon ein wenig aufgeregt. Würde Finley seine Scheu überwinden können? Alles war fertig, der Wagen stand aufgetankt auf dem Parkplatz, der Dachkoffer war voll bepackt, unsere Mädels saßen bereits auf der Rückbank und Finleys Platz im Heck war feudal ausgestattet mit Thermokissen und Kühlmatte. Wir standen davor und ich sagte „hopp“. Finley guckte sehr skeptisch, zögerte kurz und machte einen fulminanten Satz ins Heck. Dann legte er sich ab und ich konnte die Klappe schließen. Mein Herz pochte vor Erleichterung aber auch ein bisschen vor Stolz. Steiermark wir kommen! Alle!

Anmerkung der Redaktion:

In dieser Folge wurde kein Name verändert und keine Begebenheit verfälscht oder übertrieben. Es ist alles genauso passiert. Leute das ist mein Leben gewesen. Wenn ich damit klarkomme, schafft Ihr das auch. Kleine Info im Sinne des Tierschutzgesetzes … ja, wir mögen auch Goldfische, es lag nie in unserer Absicht eines der possierlichen Tierchen zu schädigen. Finley hat für seine Taten 100 Sozialstunden im benachbarten Altenheim abarbeiten müssen. Aber davon erzähle ich Euch ein anderes Mal. Und an meine liebe Familie: Ihr wisst, ich meine es nicht böse, ich will nur spielen… Ich schreibe das nur schon mal vorsorglich für die anderen Teile der Urlaubsgeschichten.

In der nächsten Woche: Einmal Pizza ohne Hund, bitte … Berg und Tal Report 2

Sternchen … Erlebnisurlaub in der Steiermark

Das Sternchen, ein Rottweiler in Malteser-Camouflage

Der Sommer steht bevor und normalerweise auch der nächste Urlaub. Dieses Jahr fällt das Reisen aus den bekannten Gründen aus. Für uns heißt es zum zweiten Mal, dass wir unsere Familie in Österreich nicht besuchen können. Deshalb habe ich mir gedacht, ich schwelge mal ein wenig in Erinnerungen und gebe Euch mal einen Bericht, aus unserer Urlaubsvergangenheit. Finleys erster Besuch in Österreich, gewissermaßen sein Antrittsbesuch bei der Schwiegerfamilie und deren Hund. Ihr ahnt es schon, dass man sich bei so einem Antrittsbesuch vorbildlich zu benehmen hat, war Finley vollkommen schnurz.

Urlaub, endlich Urlaub … Jay …

Jedes Jahr im Sommer war es soweit, die großen Ferien standen vor der Tür, wir wollen die Familie besuchen. Mein Mann ist Österreicher und deshalb gab es, was unsere Urlaubspläne betraf keine Diskussionen. Er wollte nach Hause, die Kinder freuten sich auf Oma und Opa und mir … stand der kalte Angstschweiß auf der Oberlippe.

Also packte ich in unser Auto ein, was man in der Steiermark so brauchte: Sommersandalen, Badesachen, Gastgeschenke, Notfallapotheke. Und zusätzlich für mich: Baldrian, Rescue Tropfen, Kytta Sedativum Dragees, eine große Flasche Klosterfrau Melissengeist, vorgefertigte Scheidungspapiere und unseren Hund Finley. 38 Kilogramm pure Muskelmasse, eingepackt in einen Golden Retriever,  angetrieben von überschäumender Lebensfreude.

Finley, the king of the road … Sternchen the styrian Hausherr

Es liegen 16 Stunden Autofahrt vor uns. 16 Stunden in denen ich mich fortwährend fragte, wie wohl unser Empfangskomitee aussehen würde. Würde er dabei sein? Der Herr des Hauses? Der Rüde meiner Schwiegermutter, das „Sternchen“? Alleine der Gedanke an ihn, gab mir das Gefühl, als würde ich eine Sprengstoffweste tragen, deren Explosion ungenannte, emotionale Auswirkungen freisetzen würde. Eigentlich war es bei Licht betrachtet, die Kombination dieses weißen Fellknäuels, zusammen mit meiner Schwiegermutter,  diese Symbiose eines selbstverliebten kleinen Rackers und einer Frau, die diesen Racker kompromisslos und leidenschaftlich liebte, die mich immer wieder an den Rand des Wahnsinn trieb. Und wie Ihr ja wisst hatte Finley in seiner Pubertät so ein „Ding“ mit anderen Rüden…

Der Rüde meiner Schwiegermutter war ein watteweißer, fluffiger Malteser und wich ihr nicht von der Seite. Wo ist das Problem, fragt Ihr euch? Nun, Sternchen das waren vier Kilogramm „I doarf olles“, vier Kilogramm geballtes Testosteron, vier Kilogramm Fluffi-Hund mit dem Selbstbewusstsein eines 50-Kilo-Rottweilers.

Finley benimmt sich wie ein Matrose auf Landgang

Und dann war er da der Moment. Die Familie stand in der Einfahrt und winkte. Kein Sternchen zu sehen. Ich atmete erleichtert durch, öffnete die Heckklappe und mein Rüde sprang in Schwiegermamis Garten und markierte seelenruhig jeden Baum, jede Rose (seufz) und jeden Gartenkübel (schluck). Bei jedem Pipitropfen wurden die Lippen der Schwiegermutti etwas schmaler. Eigentlich reichte es mir an dieser Stelle schon, ich wollte im Boden versinken. Der Garten meiner Schwiegermutter ist wunderschön. Sie hatte viel Liebe und Arbeit investiert. Ich persönlich bewunderte insbesondere ihren Rosengarten, der mich ein wenig an die Schlossgärten von Sanssouci denken ließ. Ich entschuldigte mich. „Geh‘ macht doch nix“, sagte sie, ihr Blick sendete eine andere Botschaft aus. Auf meinem Gesicht entstand ein schiefes Lächeln.

Attacke aus dem Off

Daaaa, ganz plötzlich kam er um die Ecke geschossen, der Rottweiler in Malteser-Camouflage. Er nahm Anlauf, bockte auf meinem Hund auf, krallte sich mit seinen Pfoten in Finleys Lenden und versuchte mit aller Kraft …., na ja, Ihr könnt es Euch denken.

„Schau, jetzt is’ der Finley sei Weiberl“, frohlockte meine Schwiegermutter.

„Nicht in einer Millionen Jahre“, dachte mein Finley und schüttelte den lästigen kleinen Irrläufer vom Hinterteil. Das wiederum löste Empörung beim steirischen Hausherrn aus und er zwackte meinem Golden in den Bauch. Der ließ sich nicht lange bitten, pflückte sich den Widersacher vom Bauch und spuckte ihn, begleitet von einem tiefen Grollen, vor Schwiegermutters Füße. Dort blieb das Sternchen verdutzt liegen, rührte sich erst einmal nicht, Widerworte war er nicht gewohnt. Dies alles war ein Vorgang von Sekunden.

Drama Baby, Drama

„Jöhhh“, rief meine Schwiegermutter, „Sterndi, sag was. I bins!“  Tränen rinnen ihre Wangen hinunter. Ich wollte in Grund und Boden versinken. Und meine Schwiegermutter durchbohrte mich derweil mit ihren Blicken.

Mein Schwiegervater und ich inspizierten den Kleinen, er hatte, abgesehen von einer kleinen Schramme, keine Verletzungen. Trotzdem wollten wir zur Sicherheit einen Tierarzt aufsuchen. Sternchen war sichtlich geschockt, gepaart mit Erdoganscher Empörung über diese dreiste Majestätsbeleidigung. Die Liesl*, Schwiegermutters Nichte sollte uns fahren. Sie wurde ins Bild gesetzt. Wild gestikulierend lieferte meine liebe Schwiegermama der Liesl* eine hochdramatische, mit Seufzern und Schluchzern durchsetzte Reportage. Aus Sternchen, dem rotzfrechen Stalker, wurde ein armes Hascherl und von Finley entstand der Eindruck, als sei er ein Säbelzahntiger  aus dem Pleistozän, mit langen Reißzähnen und fürchterlichen Klauen. Ich war ein ganz kleines Bisschen irritiert, hatte ich die Abläufe doch komplett anders in Erinnerung.

A Bluat is dicker als wia Wosser

Die Liesl* wurde leichenblass.  „Mei, Mei, Mei….“, hauchte sie atemlos und schaute mich vorwurfsvoll an. Mein Blick richtete sich pflichtschuldig auf meine Schuhspitzen. Wir stiegen in ihren blitzblank geputzten Kombi ein. Liesl* fuhr beherzt, „Jo, des machen mia scho“, die Schwiegermutter mit dem Sternchen auf dem Beifahrersitz und ich auf der Rückbank. Schließlich war mir die Situation unangenehm … und ein bisschen norddeutsche Kontrolle kann dem steirischen Temperament ja nicht schaden, gell. Und während wir fuhren, dachte ich darüber nach, was die Liesl*, die ja Schwiegermutters Nichte war, wohl dann für mich sei … Halbkusine, Schwiegertante oder vielleicht Schwippnichte … daaa, wuahhh …

Unvermittelt geriet der Wagen ins Schlingern. Die Kusine beschwerte sich emotionsgeladen, über den Ex-Mann, die Kinder, ihre Eltern, ihren neuen Freund …. : „Mei, da mocht und duat man und wie wiads oam gedankt. Undankbar sans olle!“  Die nun folgenden, dramatischen und tränenreichen Erzählungen aus ihrem Leben, führten zu einem gewissen Maß an Instabilität bei ihren Fahrkünsten. Inhaltlich, also da stellt Euch einfach vor, euch werden 3650 Folgen „Schwarzwaldklinik“ mit gelegentlichen Abschweifungen zu „Bauer sucht Frau“, komprimiert zusammengefasst, in eine der beängstigenden Stunden eures Lebens.

Ein letztes „Pfüat di“

Heiliger Klabautermann, dachte ich, was geht hier denn ab? Wild gestikulierend, eierte die Schwippcousine gefährlich nah an den Abgründen der Bergstraßen entlang. Vielleicht ist dies der richtige Moment zu erwähnen, dass ich unter Höhenangst leide. Für mich war diese Fahrt zum Tierarzt längst zur Vorstufe eines kollektiv, erweiterten Selbstmordversuches geworden. Ich überlegte kurz, ob ich meinen Mann übers Handy anrufen sollte, um ihm ein letztes „Pfüat di“ ins Ohr zu raunen, verwarf diesen Plan aber bereits in der nächsten Kurve, weil ich meine Hände brauchte, um mich im Dachhimmel des Tanten-Wagens festzukrallen.

Ich wurde blau im Gesicht. Das war nicht gut, denn Blau war der letzte Schritt vor Grün. Und wenn ich grün im Gesicht werden würde, würde ich erfahrungsgemäß als nächstes spucken. Na, das wäre was gewesen. Zuerst hetzte ich meinen Säbelzahntiger auf einen steierischen Floffifluff und dann kotze ich die Familie auf der Fahrt zum rettenden Tierarzt auch noch voll. Ich atmete tief durch. Mein inneres Ohmmm saß vor seiner Klangschale und skandierte unser Mantra der Stunde: DAS!!! … klingklong … darf unter keinen Umständen passieren.“

Schluchzer auf dem Beifahrersitz

Während sich die Liesl*, am Steuer, laut über ihre undankbare Familie erboste, saß meine Schwiegermutter, leise vor sich hin weinend auf dem Beifahrersitz. Das Sternchen hielt sie mit einer Hand fest – sehr fest – an ihre Brust gepresst. Mit der anderen Hand streichelte sie ihrem Patienten unablässig über imaginäre Wunden. Ihre Dauer-Schluchzer unterbrach meine Schwiegermutter nur für so aufmunternde Worte wie: „Stirb‘ net Sternchen, stirb‘ neeeeeet.“ Unter ihrem wogenden Busen war ein gequälter Japser zu hören.

Willkommen bei den steirischen Filmfestspielen

Ich stand kurz vor einem hysterischen Lachkrampf. Erlebnisurlaub the styrian Way, ich konnte mich gar nicht daran erinnern, dass wir DAS gebucht hatten. Wenn ich das bei mir zuhause erzählen werde, das glaubt mir kein Mensch. Tief durchatmen, alle Sinne und vor allem den Verstand sortieren. Mit einem herzhaften Sprung über ein paar Schlaglöcher, landeten wir auf dem Parkplatz vor der Tierklinik. Puhhh, das war nochmal gut gegangen. Die Kusine schneutzte sich, schaute plötzlich sehr milde nach hinten und zwinkerte mir aufmunternd zu. Diese Art von abruptem Stimmungswechsel können nur steirische Frauen, das könnt Ihr mir glauben.  Schwiegermama war mittlerweile schon auf dem Weg ins Behandlungszimmer. Ich hechtete hinterher. Meine Schwiegermutter war schon mitten in ihrer Jurassic-Steiermark-Erzählung. Ich kam einfach nicht dazu, etwas zu sagen und trug vorerst nur schuldbewußte Blicke und das eine oder andere, kraftlose Schulterzucken bei. Danach wendete sich die Tierärztin an mich und sagte: „Jetzt verzölst du mir amol wie du das sigsd.“ Ich unterdrückte mit aller Kraft meinen aufkommenden Wunsch, mich auf ihren Schoß zu setzen und Mama zu ihr zu sagen und fing an.

Juhuuuu, ich komme zu Wort

Nachdem auch ich meine Version der Geschehnisse erzählen durfte, tätschelte mir die Tierärztin mitfühlend den Arm. „Is joa nix passiert“, sagte sie freundlich. Und an meine Schwiegermutter gewandt, fragte sie: „Woll’n wir ihn net gleich kastrieren, den Raudi?“  Meine Schwiegermutter japste nach Luft. Ich hätte sie küssen können, diese schrecklich nette, kompetente, taktlose Tierärztin. Mit diesem Satz hatte sie mich abgelöst als Persona non grata. „Heute auf keinen Fall“, sagte ich bestimmt. Und weiter: „Der Kleine hat für heute genug mitgemacht.“ Meine Schwiegermutter sah mich an und …… lächelte! Die Tierärztin grinste.

„Butterfly, my Butterfly…“

Für den Nachhauseweg flößte mir die Veterinärin zwei Pflaumenschnäpse ein und gab mir noch ein paar Globuli gegen die Höhenangst mit. „Die sind für Sie“, sagte sie mit einem bedeutsamen Lächeln. Ich nickte brav, schluckte widerspruchslos die ganze Ladung und wurde nach etwa fünf Minuten, wundervoll ruhig. Waren es die Globoli oder der Schnaps oder die Kombination aus Beidem, wer weiß das schon …

Auf meinem Gesicht machte sich ein grenzdebiler Ausdruck breit, begleitet von einem inneren, äußerst angenehmen, Jo-so-geihd-dat-noch‘-Schnaps-Frau-Wirtin-Feeling. Auf der Heimfahrt versuchte ich die Blümchen zu typisieren, die unsere Steil-bergab-Straßen säumten. Ich wünschte mir heiß und inniglich, dass genügend Bienchen und Schmetterlinge … ohhh … war da nicht gerade ein besonders schöner, huiiiii … bei meinen Alpenblumen vorbeischauen würden, um viele weitere Generationen ihrer opulenten Blütenpracht zu garantieren…. hach, runterfahren ins Tal, war irgendwie viel weniger stressig, dachte ich und schlief ein. Zuhause angekommen, gab es erst einmal was Anständiges zu Essen. Schließlich waren wir in der Steiermark. Ich für meinen Teil, hätte viel lieber noch eine Handvoll von diesen seligmachenden Globuli gehabt … oder besser noch ein, zwei, drei Pflaumenschnäpse.

Friedensgipfel am Abendbrottisch

Beim Dessert, stellten meine Schwiegermutter und ich ein paar Regeln auf, damit unsere Hunde sich die kommenden zwei Wochen nicht zu Gesicht bekommen würden. “ Siehsssuuu“, sagte ich mit leicht verwaschener Diktion, „jetsss werdn wir doch noch sssu einm Team.“ Ähm, wie bewußtseinsverändernde Mittelchen doch die Sichtweise aufs Leben ändern können… Sagen wir es frei heraus, bei nüchterner Betrachtung bin ich die Schwiegertochter, die etwas aus der Art geschlagen ist. Wir sind zwei Frauchen, die ihre Hunde lieben, aber mit völlig unterschiedlichen Ansichten über das Zusammenleben mit ihnen. Was uns vereint, ist die Liebe zu meinem Gatten und jede möchte nur das Beste für ihn. Und wenn ich mir die die olle Runkelrübe einmal in Ruhe anschaue … also ähm, das Sternchen natürlich … eigentlich ist er ganz niedlich, irgendwie, manchmal …… wenn er da so liegt und schläft….


Anmerkung der Redaktion:

Die Liesl* heißt natürlich nicht Liesl*, ich will ja irgendwann noch mal hin, zu meiner Familie. Natürlich sind alle anderen Namen auch geändert und bis zur Unkenntlichkeit verfälscht. Vielleicht ist die Schwiegermutter in dieser Geschichte gar nicht MEINE, ich bin mir nicht einmal mehr sicher, ob ich, ich bin. Nur der Name „Sternchen“  ist echt, der passt so gut, dass man ihn nicht besser hätte erfinden können.

Und an meine liebe Familie: Ihr wisst, ich meine es nicht böse, ich will nur spielen…

Heidi, ich habe leider keine Sendezeit mehr für Dich

Foto: pixaby / Zur Klarstellung: Die junge Dame auf dem Foto hat mit Heidi Klum und GNTM nichts zu tun.

Wer kennt ihn nicht den Satz: „Heute habe ich leider kein Foto für Dich. “Dieser Satz ist inzwischen genauso Legende geworden, wie etwa Arnold Schwarzeneggers Ausruf „I’ll be back“ in den Terminator-Filmen, bevor er irgendein Gewehr mit abgesägtem Lauf unter seiner Lederjacke hervorzieht, um dann innerhalb weniger Nanosekunden die halbe Bevölkerung Kaliforniens niederzumähen…

Der Effekt beider Sätze ist in etwa der gleiche: junge Frauen brechen unkontrolliert in Tränen aus, bekunden glaubhaft, ihr Leben sei vorbei, man werde die Eliminierte schmerzlich vermissen, ihr Verlust habe „ein Loch ins Herz gerissen“, auch wenn man sie erst seit einer Woche gekannt habe, alles sei umsonst gewesen, sie wüssten gar nicht, wie es jetzt weitergehen solle. Es folgen Haare raufen, tränenverschmierte Make-Up-Desaster, dahingeschluchzte Halbsätze unter Hauptschulniveau … kurzum, ein echtes Weltuntergangsszenario.

Ein Abschied aus der Tiefkühltruhe

Heidi Klum, die Verursacherin dieses Chaos thront derweil auf ihrem Jurorensessel und betrachtet das Ganze mit Amüsement. Sich kümmern oder trösten verbindet sie mit den Sätzen „Du bist ein tolles Mädchen“, „Du findest Deinen Weg“. Während sie das sagt, umgibt sie die Aura eines Bofrost-Tiefkühlgerichts und man gewinnt den Eindruck, als habe sie den Namen des geschassten Mädchens schon vergessen, noch bevor sie den Punkt hinter den gesprochenen Satz gemacht hat. 

Die Ausrangierte, geht dann in der Regel in den Backstage-Bereich, um sich trösten zu lassen. Dort wird sie von ihren Mitstreiterinnen wort- und tränenreich in Empfang genommen. Mit weit aufgerissenen Augen wird Ungläubigkeit geheuchelt … „Nee nä?“… „IstnichtdeinErnst“. Doch irgendwo, abgelegen, in der Ecke sitzend, hat Eine von ihnen den klumschen Killerinstinkt und bringt es augenrollend auf den Punkt und zischt: „Besser die als ich. Eine Konkurrentin weniger, ey.“ Mit heidiesker Kühle spricht dieses eine Mädchen aus, was alle anderen denken. „Ich bin nicht hier, um Freundinnen zu finden, ich will den Shit hier gewinnen, also GEHT MIR AUS DEM WEG.“

Einige Eltern am liebsten so: „Wir haben gar keine Tochter…“

Während die Eltern dieser Mädchen in den letzten siebzehn Jahren mühevoll versucht haben, ihren Töchtern Werte zu vermitteln und gutes Benehmen beizubringen, bringt diese Sendung binnen kürzester Zeit das Schlimmste ihres Innersten ans Licht. Da werden Intrigen gesponnen, gelogen, dass sich die Bäume biegen und gemobbt, dass sich die Macher von „Gossip Girl“ davon eine Scheibe abschneiden könnten. Und während ich vor dem Bildschirm sitze, drängen sich mir folgende Fragen auf: „Mädchen, ist es wirklich DAS, was ihr euch vom Leben erhofft? Ist es wirklich genug Lebensinhalt, sich hübsch anzuziehen und gut auszusehen, wenn man sich dafür so verbiegen muss? Ist Geld wirklich alles?“

Nun, ich wüsste wie meine Töchter diese Fragen beantworten würden. Wir haben nämlich zu verschiedenen Staffel-Zeiten darüber gesprochen. Als für uns die GNTM-Zeit anfing, waren sie Feuer und Flamme für den Catwalk. Die „krassen, fancy Klamotten“ und die Aussicht auf viel Glamour und Geld begeisterten sie. Meine Kritik wurde auf hardcore-pubertäre Weise zurückgewiesen.

Versuch im mobilen Pubertätslabor 

Ich habe einfach ein Spiel daraus gemacht. Ich suchte ein paar Klamotten zusammen … aus meinem Schrank und ein paar exquisite Stücke aus dem Altkleidersack. Folgenden Vorschlag, machte ich dann: „Wenn Ihr euch damit anzieht und danach einmal durch die Siedlung geht, auch da wo eure Freunde abhängen, verdoppele ich diesen Monat euer Taschengeld.“ Ich konnte sehen, wie es in ihnen arbeitete, der Taschengeld-Aspekt hatte bei zwei 13 und 14jährigen Mädchen durchaus Gewicht. Zögerlich suchten sie sich etwas aus und fingen an sich umzuziehen.

Sie standen kichernd vor dem Spiegel und sahen ein bisschen aus, wie die zwei Vogelscheuchen auf Bauer Stüffels Feld. Um der Sache noch ein wenig Würze zu geben, gab ich weitere Anweisungen, schließlich war ich ja Heidi und durfte den Rahmen der Handlung bestimmen. „So, jetzt setzt Du, Motte, noch diesen Hut auf und Du, Mausi, den Haarreifen. Dann knöpft ihr eure Blusen auf und macht kurz unterhalb der Brust einen festen Knoten. Bauchfrei wirkt das Ganze sehr viel besser.“

„Bist Du jetzt vollkommen irre“, fragte Mausi mich. „Aber komplett! Ich gehe doch nicht nackig durch die Siedlung“, pflichtete ihr Motte bei. „Ihr wollt also vertragsbrüchig werden“, sagte ich mit gespieltem Ernst. Ich machte recht deutlich, dass es das doppelte Taschengeld nur geben würde, wenn sie täten, was ich sagte. Und weiter: „Wenn Ihr als Model einen Auftrag bekommt, müsst ihr immer anziehen, was Euch vorgegeben wird, auch wenn es Euch nicht gefällt und auch, wenn ihr dabei fast nackt sein müsst. Sonst bekommt Ihr euer Honorar nicht.“

Um es kurz zu machen, bei meinen Mädchen änderte sich an diesem Tag die Sichtweise auf GNTM. Wir schauen es zwar noch ab und an und gönnen uns eine Portion Voyeurismus, aber der Zauber ist verflogen.

Ernst gemeinter Zwischenruf

Was mich in dieser Staffel von GNTM aber trotzdem richtig aufregte, ist der so offen zelebrierte Sexismus, offenbar ein neues Steckenpferd von Heidi Klum. Wir sind ja nun schon gewohnt, dass sich die Mädchen, in Tüll und Paillettenstoff gehüllt, nur an einem Seil befestigt, kopfüber aus 150 Meter hohen Bauruinen stürzen müssen. Natürlich, bitte im freien Fall Posen und lächeln, „biete dem Fotografen mal etwas mehr an, Mareike…“ Oder dass die Mädchen, deren tierische Erlebniswelten bisher nur Hamster, Hunde und Ponys enthielten, plötzlich mit einer Großfamilie Pytons behängt wurden. „Die fühlen sich gaaanz toll an, Lena … die tun Dir nichts … tu mal so, als würdest Du das liiiiieben, SteffiemitP…“

Auch dramatisches Umstylen und das berüchtigte Nacktshooting gehören zu den Standards und dieses Mal kam nun noch der Nackt-Catwalk dazu. Und da kommen wir langsam zu dem Punkt, warum ich diese Sendung ablehne. Überwiegend minderjährige und sehr junge Frauen werden fortwährend dazu genötigt, Dinge zu tun, die sie nicht wollen, die ihrer religiösen Einstellung widersprechen, die von ihrem kulturellen Umfeld verurteilt werden, die gefährlich sind, sie demütigen und deren seelische Auswirkungen die Mädchen noch gar nicht absehen können. Wer aufmuckt oder nein sagt, gilt als schwach, was mich regelmäßig die Wände hoch treibt vor Wut. Was bitte ist schwach daran, zu seinen Gefühlen und gesunden Instinkten zu stehen und NEIN zu dem Wahnsinn zu sagen? Richtig, NICHTS!

Ich möchte Heidis Brüste nicht sehen … bitte … gebt sie Tom

La Klum versuchte nun der Kritik an ihrer Sendung auf ihre eigene Weise entgegenzusteuern. Sie ließ keine Gelegenheit aus, selber viel Haut zu zeigen, hielt vor Beginn des Nacktwalks mit beiden Händen ihre „Bubis“ in die Kamera und fragte, „Na, hat er (gemeint war Thierry Mugler) die Zwei nicht wunderbar in Szene gesetzt?“. Klasse und guter Geschmack gehen anders. Wie ein drittklassiger Sportreporter kommentierte sie die Art der Mädchen zu gehen, ihre Hüftschwünge, ihre Augenaufschläge und das mit dem schwülstigen Stimmen-Timbre eines mauretanischen Slavenverkäufers aus dem Mittelalter: „Waaauow, die kann aber gucken, so Pauw! … Uiuiuiuiiii, guck mal was die mit ihren Hüften macht …“ Ihr meint, ich sei eifersüchtig, weil Heidi hübscher und reicher ist, als ich? Stimmt, das ist sie und ich bin auch sonst ganz anders als sie. Ich finde das macht alles andere wieder wett.

Omi-FKK auf Pro7

Als ob das nicht schon Unbehagen genug verursacht hätte, erwarteten Heidi und Mitjurorin Ellen von Unwerth die Mädchen beim Nacktwalk im Evakostüm. „Wir fragen die Mädchen ja nach nichts, was wir nicht selber tun würden“, gab Unwerth als Grund dafür an. Heidi Klum brach daraufhin in lautes Gelächter aus. Ein Schelm, der an dieser Stelle den Eindruck gewann, dass den beiden Bestagerdamen ihre Selbstinszenierung wichtiger war, als die Mädchen. Die süße Anna, die angab nicht einmal zuhause nackt herumzulaufen, man wisse ja nie ob der Postbote vorbeikäme (wtf???) jedenfalls, erbat beim lieben Gott Unterstützung für ihren Badeschaum-Nacktgang nach Kanossa. Ich wüste wirklich gern, wie dass am anderen Ende der Himmelsleiter angekommen ist.

Zu Alledem hat Heidi natürlich eine Meinung. Sie formulierte es in etwa so: „Dürfen sich Models schämen? Models dürfen sich nicht schämen, Models dürfen sich überhaupt nicht schämen.“ Anders ausgedrückt: WIR (Ellen und ich) machen uns nackig, also kann das ja nicht so schlimm sein. Folgte man dieser Philosophie, wäre es so, als würde man die Mafia tolerieren, Papa hat schon Leute erpresst, der Junior kommt ganz nach ihm …

Entscheidet Euch: Modewelt oder Varieté

Die Modeschöpfer, deren Kleider auf diese Weise präsentiert werden, sollte man fragen, ob ihre Kleider das wirklich nötig haben, diese innere Selbstverleugnung bei ihren jungen Models. Wenn ja, na dann meine Damen und Herren, wird es Zeit zurück ins Atelier zu gehen und Bekleidung zu entwerfen, die diese Demütigungen junger Frauen nicht mehr benötigen, um auf dem Weltmarkt zu bestehen.

Heute ist es nun wieder so weit. GNTM geht mit dem großen Umstyling on air. Drama Baby! Solange Pro7, die Kosmetikfirmen, die Modelables und auch prominente Frauen wie Heidi Klum ihr Verständnis von Würde und Respekt nicht ändern, werden wir wohl weiterhin so bedeutungsschwere Sätze wie „Wir dachten zuerst, dass sie eine mega starke Persönlichkeit hat, aber dann haben wir gesehen, die kann gar nicht Rollschuh fahren“ verkraften müssen. Ich versuche es mit Humor zu nehmen. Also Obacht liebe Anna, man weiß ja nie, wann der Postbote klingelt…