Elternabend – Das Bewertungssystem

Nichts ist so unterhaltsam und schön wie ein Elternabend, abgesehen davon, sich bei einem Helene Fischer Konzert in der ersten Reihe einen Tinitus einzuhandeln.

Sie/Er machte sich mit großem Eifer an die Erledigung seiner Aufgaben… (Zeugnistext, Quelle unbekannt)

Die Leistungsbewertung unserer Kinder war an unserer Schule schon immer ein sehr emotionsgeladenes Thema. Und wenn ich ehrlich bin, beneidete ich Klassenlehrer Drögeraus nicht für seine Aufgabe, uns Eltern, das von der Schulbehörde, neu eingeführte Bewertungssystem zu erklären. Als das neue Zensurenschema auf dem neuen Smartboard erschien, hörte ich schon ein leises Pfeifen im inneren Gehörgang.

Man muss sich Folgendes vor Augen halten. Zu Beginn eines jeden neuen Schuljahres und auch während dieser Zeit, wird diese arme, arme, gebeutelte Schulbehörde *ironieaufvollentouren von den Eltern traktiert. Das Benotungssystem sei unübersichtlich, nicht geeignet für individuelle Auswertungen, zu altbacken, zu schwammig, zu leicht zu missbrauchen, sollte strenger sein oder es sei gänzlich überflüssig.

Engagierte Eltern sind etwas Wundervolles

(Unser Schuldirektor)

Eltern wollen weniger Notendruck für ihre Kinder, die Schule soll ein positiver Erlebnisraum sein. Die gewählten Elternvertreter reichen Gutachten darüber ein, dass die Vergabe einer „Drei“ für eine nur so mittelgute Klassenarbeit stigmatisierend für die Kinder sei, eine „Vier“ hingegen bereits Körperverletzung. Das könne die Elternschaft so nicht mehr dulden und rufe deshalb bei Nichtänderung, zur Eltern-Vollversammlung auf dem Gänsemarkt zusammen – so nämlich.

Die Hardcore-Montesoriker unter den Erziehungsberechtigten fordern sogar die totale Ausradierung eines numerischen Bewertungssystems und wünschen sich für jedes Kind, für jeden Test, jedes Referat und jeden Pups, den der Nachwuchs im Klassenzimmer abliefere, eine individuell abgefasste, schriftliche Bewertung vom aktiven Lehrkörper.

Wir Lehrer haben auch Familie!

(Unser Klassenlehrer)

Das wiederum treibt dann die Lehrer und die dazugehörigen Berufsverbände auf die Barrikaden, denn dafür sei man schließlich nicht Beamter geworden, dass sei zu viel Arbeit, nicht zu schaffen – der Gruppenburnout stehe schon am Schulgatter und winke aufgeregt mit bunten Fähnchen.

The Schulbehörde strikes back

(Han Solo)

Man stelle sich mal diese Misere vor, vor der der Hamburger Senat und seine Beamten in der Schulbehörde stehen. Wie will man da allen berechtigten Interessen gerecht werden? Einerseits hat die Behörde als Dienstherr eine Verpflichtung den Lehrern gegenüber, andererseits will man in der nächsten PISA-Studie ein besseres Ergebnis abliefern und den Bayern nicht wieder die Gelegenheit geben, Plakate mit der Aufschrift „Der Norden ist doof“ herzustellen.

Fällt euch auch was auf? Rischtiiiig! Die Kinder werden bei all diesen Überlegungen schon gar nicht mehr erwähnt. Wir, das heißt unsere Kinder und wir, müssen uns jetzt mit dem herumschlagen, das dabei rauskommt, wenn man in Hamburger Behörden, Beamte fortwährend unter Druck setzt. Was unsere Behörde unseren Kindern nach Klasse 5 und einer laaaangen Sommerpause vor die Füße geworfen hatte, brachte sogar die Lehrer ins Schlingern.

Nichts bleibt wie es ist

(Marc Aurel)

Klassenlehrer Helmut Drögeraus stellte sich vorne an die Tafel, und bevor er überhaupt noch ein Wort gesagt hatte, zuckte er entschuldigend mit den Schultern. Dann erklärte er uns, dass die Schulabschlüsse an den Stadtteilschulen fortan „Erster Schulabschluss“- formerly known as Hauptschulabschluss – und „Mittlerer Schulabschluss“ – formerly known as Realschulabschluss – heißen sollten.

Diese beiden Schulabschlüsse werden als ESA und MSA in die Hamburger Schulgeschichte eingehen. Nur das Abitur sollte weiterhin Abitur heißen, was eigentlich ein wenig enttäuschend war. Dafür hätten sich die Beteiligten nun wirklich auch etwas Nettes, Schwungvolles ausdenken können. In den Stadtteilschulen, eine etwas unübersichtliche Zusammenführung, der vormals bestehenden Haupt- und Realschulen, dann auferstanden aus der Asche, der zwischendurch existierenden Gemeinschaftsschulen, mussten die Schüler für jeden dieser Schulabschlüsse fortan eine Prüfung ablegen, die sich gewaschen hatte.

Wer’s glaubt hat selber Schuld

(Alle Eltern)

Offizielle Argumentation: So würden die Schüler schon mal die Gelegenheit bekommen, sich dem Stress einer realen Prüfungssituation zu stellen. In Wahrheit, das behaupte ich jetzt einfach mal, sollte gesiebt werden. In unserer Klasse, hat letztlich nur 1/3 der Schüler die Zulassung zur Oberstufe bekommen und somit jetzt die Möglichkeit das Abitur zu machen. Ein Schelm, der Böses dabei denkt.

In den Gymnasien gibt es diese Zwischenprüfungen übrigens nicht. Gymnasiasten haben in Hamburg den MSA automatisch mit dem Bestehen der 10. Klasse geschafft. Dafür hat man in den Stadtteilschulen ein Jahr länger Zeit, das Abitur zu machen. Na, da sage ich doch, ein Hoch auf die Gleichbehandlung und Chancengleichheit für unsere Kinder. *yayyyy

Stellt Euch einfach vor, Wilhelm Tell hätte damals nicht getroffen…

(Ich)

Zu den Themen Chancengleichheit und Transparenz sei am Rande noch zu erwähnen, dass es in Zukunft E- und G-Noten geben sollte. Also Unterricht auf E = erhöhtem Niveau, Ziel ist das Abitur, und auf G = grundlegendem Niveau, Ziel sind die beiden anderen Abschlüsse. Ein Beispiel: Bekommt ein Schüler, sagen wir in Deutsch, eine G2, bedeutet das auf Gymnasialniveau eine „5“ und auf Realschulniveau eine „4“. Schreibt er eine E3, bedeutet das auf Gymnasialniveau eine „3“, auf Realschulniveau ist die gleiche Note aber mit einer „2“ vergleichbar. An dieser Stelle darf man als Außenstehender straffrei fragen, ob „Die da“ in der Schulbehörde eigentlich noch alle Tassen im Schrank haben.

Die Gefahr für G-Abschliesser, nämlich dass die Firmen, bei denen diese Schüler sich auf Lehrstellen bewerben, diesen Schulabschluss als zweitklassig einstufen, sehen die Schulbehördler nicht. Was von Dagmar, der Inhaberin einer ortsansässigen Schneiderei so kommentiert wurde: „Absolut weltfremd, natürlich schauen wir, auch erst einmal ob sich auch Abiturienten bei uns bewerben. Als ob Bildungsniveau in unserem Beruf nicht so wichtig wäre.“

Herr, vergib Ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun

(Jesus)

Doch zurück zu unserer Veranstaltung. Lehrer Straightforeward stand vor dem Smartboard mit einem Zeigestock in der Hand und begann mit seinen Ausführungen zum Prüfungssystem: „Also in Stufe 9 kann man den ESA erreichen oder eine Prognose für den MSA in Stufe 10.“ Äh, ja. Uhuuuund weiter geht’s: „Wer durchschnittlich G2 Noten in den Fächern hat, hat den ESA nicht automatisch, äh, oder doch? Da hake ich noch mal nach.“ Ein Vater, der drei Stühle neben mir saß, war eingenickt. Ich hörte ein leises Schnarchen und wartete darauf, dass der Mann jede Minute vom Stuhl rutschen würde.

„Müssen denn wirklich alle Kinder die Prüfungen für den ESA schreiben“, fragte Ulrike, die Mutter der hochbegabten Anne-Sophie. Ihr Ton ließ keinen Zweifel daran, dass die Teilnahme ihrer Tochter an diesem „Niedrig-Niveau-Test“, unter ihrer Würde wäre und einen dunklen Fleck auf der Familienbiografie hinterlassen würde. Diese Frage brachte unseren Deutschlehrer in Erklärungsnöte, er wusste es offensichtlich nicht.

Der rote Faden zieht sich zurück…

(frei nach Goethes Wahlverwandtschaften)

Straightforeward dachte daraufhin laut nach, was die Verwirrung nur noch steigerte: „Also, wenn man den ESA schreibt und besteht, ist alles gut, wenn man eine gute MSA-Prognose hat, braucht man das aber wohl nicht … oder … was wäre, wenn man auf den ESA verzichtet, wegen einer guten MSA-Prognose? Dann aber schlechter werden würde und den MSA nicht schafft? Kann man dann den ESA nachschreiben oder besser den MSA wiederholen … Helmut, hilf mal, weißt Du das?“ Ich hatte kurz den Eindruck, der Mann würde gleich in Tränen ausbrechen.

Unmut ist des Lehrers Lohn

(deutsches Sprichwort frei interpretiert)

Das Publikum hatte mit dem weinerlichen Straightforward kein großes Mitleid und wurde ungeduldig. Es entstand ein allgemeines Geraune: „Schlecht vorbereitet … sowas müssen die Lehrer doch wissen … selber keinen ESA in der Tasche, oder was … wenn die das schon nicht kapieren … wie wollen die zwei Ahnungslosen faire Noten geben …“ Aus der letzten Reihe meldete sich Knut. Knut war Unternehmer, er besaß ein gut gehendes IT-Unternehemn. „Wenn ich meinen Job so oberflächlich erledigen würde, wie Sie hier Ihre Vorbereitungen, zu diesem wichtigen Thema, wäre ich längst pleite. Sowas können sich auch nur Beamte leisten…“, stichelte er.

Ich kann auch anders!

(Lehrer Drögeraus)

Helmut Drögeraus griff ein: „Meine Herrschaften, bitte … Ruhe bitte, so kommen wir doch nicht weiter …“ Er machte ein Gesicht, als wolle er den Papp-Eisenbahn-Waggon mit der Aufschrift, „Wir lassen den Lehrer aussprechen“ von der Wand reißen, um damit die Eltern in der ersten Reihe zu züchtigen. „Wir machen es so“, rief er in die Menge, „alle Schüler aus meiner Klasse schreiben den ESA auf jeden Fall mit. Dann geht nichts schief.“  

Drögeraus sah mit starrem Blick in die Menge und wir Eltern hatten in diesem Moment das subjektive Gefühl, dass wir uns durch unsere Insubordination ein sattes Nachsitzen eingehandelt hatten.  Wir wussten, ein paar unangenehme Themen standen noch an, die Elternvertreterwahl, das Benehmen unserer Kinder, Klassenkasse, Klassenreise, Ausflüge und die vielen Gelegenheiten, bei denen wir Eltern uns einbringen dürfen, finanziell genauso wie mit unserer Manpower. Ich saß da und schickte ein stilles Stoßgebet gen Himmel: „Lieber Gott, mach dass der Hausmeister heute eine Ausnahme macht und die Heizung nicht um 22.00 Uhr abstellt.“

Demnächst auf diesem Blog: Elternabend – Die Wahl der Elternvertreter

Elternabend – Das Klassenzimmer

Betritt man den Klassenraum für einen Elternabend, fühlt man sich augenblicklich in eine Zeitblase zurückversetzt. Die eigene Schulzeit, mit allen Ängsten und Verletzungen, taucht aus dem Unterbewusstsein wieder auf. Ich frage mich spätestens, wenn ich auf einem dieser Folterstühle sitze, ob ich meine Hausaufgaben gemacht habe oder ob Herr Lehrer Drögeraus meiner 85jährigen Mutter nach diesem Elternabend wohl einen blauen Brief schreiben würde.

Kindheitserinnerungen – gibt es etwas Schöneres?

Meinem Mann scheint es ähnlich zu gehen, erzählt er doch auffällig regelmäßig nach solchen Elternabenden, die Geschichte, wie er mit sechs Jahren aus der Steiermark nach Hamburg kam und so gut wie kein Hochdeutsch sprechen konnte. Was ihm nicht nur ein paar Watschen seiner Mitschüler, sondern auch die Ablehnung mancher Lehrer eingebracht hatte.

Mein Mann hatte jedoch Glück gehabt, denn in seiner Grundschule, gab es diese EINE außergewöhnliche Lehrerin, die ihn unter ihre Fittiche nahm. Immer nach der Schule nahm Frau Hansel ihn für ein paar Stunden mit nach Hause und machte mit ihm, und ihren Kindern zusammen die Hausaufgaben. So ganz nebenbei brachte sie ihm mobbingunanfälliges Hochdeutsch bei.  Nur zur Info, sie hat ganze Arbeit geleistet, der Mann ist heute als Journalist tätig, spricht und schreibt akzentfrei und könnte kein Steirisch mehr sprechen, selbst wenn sein Leben davon abhinge. Bravo Frau Hansel!

Mitbestimmung wird allgemein überschätzt

Doch zurück in unser heimeliges Klassenzimmer, das die beiden Lehrer, und das ist neu im Schulbetrieb, selbst gestalten durften. Soll bedeuten, die Möbel blieben so unbequem wie immer, aber in der Wahl des Farbschemas und der Wanddekoration hatten die Lehrer freie Hand. Ein Versuch, die Kinder einzubinden scheiterte an … ja, woran nur? Aus den Erzählungen unserer Tochter Mausi, schlossen wir, dass Drögeraus und Straightforeward wohl Schwierigkeiten damit hatten, die Transformer-Fantasien der Jungen, mit den knallpinken Barbie-Träumen der Mädchen in Einklang zu bringen. Außerdem hatten die Zwei ja selber auch noch Wünsche.

In einem Moment seltener Übereinstimmung beschlossen die zwei Pädagogen, den Raum nur nach ihren eigenen Vorstellungen zu gestalten. Herausgekommen ist ein, nicht ganz altersgemäßes, wie meine Töchter es ausdrücken würden, „weirdes“ Bob-der-Baumeister-Shaun-das-Schaf-für-Erwachsene-Design. Alle Wände waren in sattem Blau getüncht, von jeder Wand strahlte ein anderer Blauton auf uns herab.

Es fährt ein Zug nach nirgendwo… (Christian Anders)

An der Rückwand hing eine aus bunter Pappe ausgeschnittene Eisenbahn und auf jeden Waggon hatten die Lehrer einen Mahnspruch geschrieben:  Rot – „Wir lassen den Lehrer aussprechen“; Gelb – „Wir bewahren unsere Ruhe“; Orange – „Wir werfen nicht mit Essen“; Grün – „Streit lohnt sich nicht“; Weiß – „Wir machen immer unsere Hausaufgaben“.

Pädagogische Zielsicherheit ist schon was wert…

Ich sah mir diesen manipulativen Brainwash-Zug an und dachte bei mir: Na klar doch, das wird unsere Kleinen schwer beeindrucken. Wenn Ihr die Bande so in den Griff bekommt, seid ihr für mich die Größten. Eigentlich, so dachte ich, fehlte zur Sicherstellung nur ein weiterer Waggon, ein Pechschwarzer mit neonleuchtender Aufschrift – „Wir wissen, wo ihr wohnt!“

Single, krisenerprobt, sportlich sucht …

An den Seitenwänden – und jetzt wird es schräg – hingen Bilder … von den beiden Lehrern. Herr Drögeraus war Mitglied der freiwilligen Feuerwehr in seinem Wohnort. Man sah ihn auf den Fotos … in Feuerwehruniform … vor dem Löschfahrzeug … mit Schlauch … ohne Schlauch, aber immer ohne Feuer. Gleich daneben ein eingerahmter Artikel des örtlichen Lokalblättchens mit der Schlagzeile „Freiwillige Feuerwehr Adrenalinshausen, lässt nichts anbrennen“. Nun ja das klang wirklich vielversprechend.

Wer das schon merkwürdig fand, dem gaben dann die Fotos von Lehrer Straightforeward den Rest. Man sah ihn beim Eishockey, beim Fallschirmspringen, oder genauer gesagt, wie er einen Fallschirm wieder zusammenfaltete, den Oberkörper frei, beim Klippenspringen und wieder angezogen, beim – Obacht! – Bowling. Ich fragte mich langsam, ob die beiden Pädagogen die Klassenwände mit ihrer Dating App verwechselt hatten.

Blue, blue, blue Jonny bluuhuuu…. (Lena Valaitis)

Lehrer Straightforeward ergriff nun das Wort und erklärte uns, dass sie die Wandfarbe Blau nicht zufällig ausgewählt hatten. „Wir haben die Regeln der Farbpsychologie befolgt“, sagte er lächelnd. Blau sei die Farbe der Harmonie, der Disziplin… und, äh, … der Harmonie. Außerdem, so Straightforeward, symbolisiere das Blau Genauigkeit und Pünktlichkeit und das brauche man in ihrem Unterricht. Mein lieber Herr Gesangsverein, dachte ich anerkennend, die zwei Füchse sind ja mit allen blauen Wassern gewaschen. *augenroll Ich persönlich, fühlte mich von dem vielen Blau fast ertränkt und erwog zum nächsten Elternabend ein Paar Schwimmflossen und einen Schnorchel einzupacken.

Die ersten Proteste

Melissa, die Mama von Viola meldete sich (war ja klar): „Also das ist ja schon sehr schön, aber finden Sie das hier nicht alles ein bisschen zu jungslastig? Ich meine unsere Mädchen sollen sich hier doch auch entfalten können.“ Es ärgerte mich zwar ein wenig aber ich musste ihr Recht geben. Herr Straightforeward wandte wenig überzeugend ein, das Rosa in der Farbpsychologie nicht so gut abschneide.

Vielleicht hätte jemand dem Junglehrer vor dieser Veranstaltung mal erklären sollen, dass die psychologische Auswertung eines Pelikan-Tuschkastens, für das Überleben einer solchen Veranstaltung nicht ausreicht. Und da kamen sie auch schon, die Proteste. „Warum machen Sie dann erst Umfragen in der Klasse, wenn Sie am Ende keinen der Vorschläge aufgreifen“, fragte eine Mutter aus der letzten Reihe. Überall Kopfnicken und Gemurmel „Genau…“, „Ganz meine Meinung …“.

Mein emotionales System interagiert mit der blauen Lagune

Irgendwie wirkte das Blau wohl positiv auf mich ein, denn ich versuchte zu beschwichtigen. „Wie wäre es denn mit einer Meerjungfrau an der Wand da drüben, sozusagen als Quotenfrau“, sagte ich fröhlich und zeigte auf einen freien Platz neben dem Foto, das Straightforeward, oberkörperfrei, beim Klippenspringen zeigte.  Susanne, die Mama von Leo, Ihr wisst schon die mit der Krankenschwesterfrage, lachte laut auf. Mein Mann griff wortlos nach meiner Hand und sein Gesicht lief rot an. Ich fragte mich zu diesem Zeitpunkt, was die Farbpsychologie wohl zur Gesichtsfarbe meines Gatten sagen würde.

Die Sache mit der guten Absicht

Ganz entgegen meiner eigentlichen Absicht, nämlich einen konstruktiven Lösungsansatz zu bieten, entfesselte ich mit meinem Vorschlag einen kleinen Gender-Tumult. Die Wortbeiträge überschlugen sich förmlich: „Natürlich MEERJUNGFRAUEN, so ein Kitsch, … aber diese ätzende Eisenbahn nicht, oder was, … die ist pädagogisch, wegen der Sprüche, … dass ich nicht lache, … wie wäre denn ein Einhorn …“ Und in Reihe fünf eskalierte eine Mutter, die mir quasi vorwarf, ich hätte mit meinem Vorschlag, Alice Schwarzer zusammen mit der gesamten Emanzipationsbewegung unter die Erde gebracht.

Die Stimme der Vernunft – der Elternvertreter

Die Gesichtsfarbe unserer Lehrer hatte inzwischen ein pastelliges Bleu angenommen, was auf mich in keiner Weise beruhigend wirkte, denn mein Mann und ich saßen in Spuckrichtung. Einer unserer Elternvertreter tat kurz vor seiner Abwahl noch einmal seine Pflicht und schlug vor, eine Umfrage per Mail zu starten. So könne geklärt werden, ob und gegebenenfalls wie das Klassenzimmer umgestaltet werden solle. Das klang vernünftig, die Lehrer erklärten dazu ihr Einverständnis, wenn sie selber mit dieser Umfrage keine Arbeit hätten.

Vor dem ersten Sturm

Außerdem, so erklärte Lehrer Drögeraus, stünden noch ein paar Tagesordnungspunkte auf der Liste, die wir besprechen müssten. Zum Beispiel das neue Notensystem, mit dem unsere Kinder beurteilt werden würden. Augenblicklich wurde es still im Klassenraum.  Die Atmosphäre wurde dicker und man konnte die Spannung förmlich anfassen, die in der Luft lag. Zensuren – die Geißel unserer Kinder, der Hort der Ungerechtigkeit, aus Elternsicht verantwortlich dafür, ob unsere Kinder unbeschwert und glücklich in der Schule sind oder nicht. Mit anderen Worten, dass der Rest des Abends friedlich verlaufen würde, war so gut wie ausgeschlossen. Davon erzähle ich euch in der nächsten Folge meiner Schulgeschichten.

Demnächst auf diesem Blog: Elternabend – Das Bewertungssystem

Elternabend – Die Vorstellungsrunde

Die Elternschaft an sich, bringt neben dem puren Glück die Kinder knuddeln zu dürfen, auch die Verpflichtungen mit sich, die Kleinen zu füttern, artgerecht zu kleiden und für eine gute Ausbildung zu sorgen. Diese Ausbildung soll dann dafür sorgen, dass diese Kinder gut und abgesichert durchs Leben kommen und wiederum sie in die Lage versetzen, selbst Kinder zu zeugen, die sie dann knuddeln, füttern und ausbilden lassen können.

Das ist was wir Eltern wollen, oder?

Ein Nebenprodukt dieses immerwährenden Kreislaufs ist das zweifelhafte Privileg der Teilnahme an Schulfesten, Schulausflügen und Elternabenden.

Wenn bei uns in der Vorstadt Elternabend-Woche ist, legen alle weiterführenden Schulen die Elternabende auf den gleichen Termin, was in etwa die logistischen Fähigkeiten des gesamten Lehrer- und Direktorenkollegiums in unserer Vorstadt wiederspiegelt. Hat man nämlich wie wir, oder auch ein paar unserer Freunde, mehrere Kinder auf unterschiedliche Schulen verteilt, müssten wir uns, um uns überall als engagierte Eltern zu präsentieren, klonen können.

Scotty kann uns nicht beamen

Können wir aber nicht und deshalb ließen wir entweder mal einen dieser unterhaltsamen Abende ausfallen, oder teilten uns auf und traten ohne unsere bessere Hälfte in die jeweilige Kampfarena.

Das brachte mir in der Schule, in der ich nicht antrat, den Ruf einer Rabenmutter ein und mein Mann heimste zeitgleich ein paar Flirtversuche von einigen der anwesenden Solomamis ein. Mein Solo in der anderen Schule brachte mir, die Welt ist ungerecht, leider keine Schäkereien ein. Mich bedachte man mit einem abschätzigen Wenn-Du-nicht-so-ein-Drachen-wärst-wäre-Dein Gatte-sicherlich-hier-Seitenblick. Ich kann hier leider nicht niederschreiben, was ich davon hielt, sonst müsste ich mir mit der Schreibhand den Mund mit Seife auswaschen.

Mein Apotheker hat auch Kinder auf diesen Schulen

Dieses eine Mal waren wir jedoch zusammen unterwegs gewesen. Gottseidank war ich auf diesen Abend gut vorbereitet. Mein Apotheker und ich hatten am Tag zuvor ein Überlebens-Kit zusammengestellt:
20 Kopfschmerztabletten 600 Gramm Ibuprofen Minimum, Rescue Tropfen (schaden können sie ja nicht), Knetball für die Führhand bei aufkeimender Aggression, Hühneraugenpflaster, weil mein Mann mir voraussichtlich mindestens drei Mal auf den Fuß treten wird, um mich ruhig zu stellen. 

Papis Prinzessin und was bekomme ich?

Da saßen wir nun alle, auf unbequemen Holzstühlen. Vor uns standen auf den verschmierten Tischen, Namensschilder, von unseren Kindern liebevoll bemalt. Auf meinem Schild stand in großen schwarzen Buchstaben MAUSI* und das „I“ war verziert mit lustigen Schielaugen. In der unteren, rechten Ecke hatte meine Tochter noch etwas mit Kugelschreiber dazugekritzelt: „Hände weg von meinen Heften, Mutter!!!!!“. Wie niedlich! Auf das Schild für meinen Mann hatte sie in Pink, mit Filzstift die Worte „Papas Prinzessin“ gemalt. Mein Mann schaute beglückt. Das Leben ist sooo ungerecht…

Neue Lehrer, neues Glück oder neue Probleme

Voller Ungeduld warteten wir auf unsere Programmmacher. Es sollte sich ein neues Lehrerteam präsentieren. Davon Einer komplett unerfahren, was das Klassenlehrerdasein betrifft, der Zweite hatte immerhin schon ein Jahr als Kopilot hinter sich. Man hatte ja bereits das eine oder andere, gerüchteweise, von den beiden gehört. Es dürfte spannend werden.

Da kamen sie durch die Tür, jung und dynamisch. Das Profi-Lehrerteam stellte sich vor. „N’Abääänd – mein Name ist Horst Drömldoof und ich bin ihr Lehrer… äh, also der von ihren Kindern. Am besten wir machen eine Vorstellungsrunde. Wer will denn mal anfangen?“ Und dann noch, viel zu spät, um noch höflich zu wirken: „Oh, ach ja, das ist mein Kollege Herr Straithforeward. “ (Anm. d. Red.: Den Original Wortlaut haben wir unkorrigiert beibehalten)
Der ganze Auftritt erinnerte ein wenig an den Ablauf in einer Selbsthilfegruppe …, „Ich bin der Mattis, ich bin ein anonymer Elternversteher….“

Freiwillig sagt hier Keiner was

Der Herr Drömeldoof hatte noch viel zu lernen. In eine Elternrunde so trocken hinein zu fragen, wer denn mal anfangen wolle, und auf Antwort zu hoffen, ist in etwa so erfolgversprechend, wie darauf zu hoffen, dass Donald Trump freiwillig auf die Präsidentschaft verzichtet. Oder anders ausgedrückt, eher würde sich eines unserer Kinder im Matheunterricht melden. Nach einer sehr peinlichen Pause, nahm dann Straightforeward das Ruder in seine Hände: „Also dann beginne ich mal hier vorn, dann geht es rechts rüber, da hinten links weiter, zur rechten Seite und dann so weiter. Bitteschön.“

Er zeigte mit dem Zeigefinger auf einen verdutzten Vater in der ersten Reihe und zeichnete dann zwei anschauliche Karajanbögen in die Luft. Mein Mann raunte mir augenblicklich zu: „Das machst Du!“ Na, danke auch, das Leben ist so … na, Ihr wisst schon. Da wir in Reihe drei saßen, hatten wir ausgiebig Zeit zu lauschen, was die anderen Eltern so sagten. Wenn Ihr mich fragt, es war entschieden zu viel. Es war allerdings schon spannend, welche Charaktere sich hier zusammengefunden hatten.

Der Jochen möchte das alles etwas schneller

Vater Nummer 1, der aus der ersten Reihe, kam gleich zum Punkt. „Ich bin Jochen, Benjamins Vater und ich wäre dankbar, wenn wir das hier kurz machen könnten und möglichst zügig zum Abarbeiten der Tagesordnungspunkte kommen könnten – (peinliche Stille) – äh, das war‘s schon.“ Wie drollig dachte ich bei mir, das war bestimmt sein erster Elternabend. Denn wir erfahrenen Eltern wussten, dass bisher noch jeder Versuch, so einen Elternabend zu beschleunigen, kläglich gescheitert war.

Oh, natürlich hochbegabt – was sonst

Die Vorstellungsrunde ging weiter und der Abend entwickelte sich irgendwie schräg. Es wurde mehr oder weniger eine Mischung aus Cabaret, Straßentheater und unfreiwilliger Situationskomik. Inzwischen waren wir in Reihe Zwei angekommen. Das Wort ergriff Ulrike: „Also wir sind die Eltern von Anna-Sophie, der Paul und ich. Die Anna-Sophie ist hochbegabt.“ Ich verdrehte die Augen. Bisher hatten wir noch in jeder Klasse, mindestens ein hochbegabtes Kind gehabt oder eines, dass seine Eltern dafür hielten. Zutreffend war es bisher nur ein einziges Mal gewesen. Doch lauschen wir Ulrike: „Wir glauben ohnehin, dass Anna-Sophie mindestens eine Klasse überspringen sollte.“ *augenroll Ich glaubte zu diesem Zeitpunkt fest daran, dass Anna-Sophie ihr Elternhaus schnellstens verlassen sollte, aus gesundheitlichen Gründen, aber mich fragt ja keiner.

Die Alleskönner, können sich einbringen – von mir aus

Es ging weiter. „Wir sind der Fritz und die Beate, uns gehört der Max. Also wenn Ihr hier bei irgendwelchen Festen mal Hilfe braucht, meine Frau bastelt und näht und kann klasse backen.“ Das mit dem Backen glaubte ich sofort, hatte der Fritz doch, links und rechts von der Hüfte, ein paar komfortable Extraröllchen angelagert. Was Beate jetzt noch nicht wusste war, dass ihr Mann ihr mit seiner Begeisterung für ihre Kreativität, den Vorsitz sämtlicher Back-, Bastel- und Festausschüsse in den kommenden zwei Jahren eingebrockt hatte.

Ich bin sicher: Das ist der Beginn einer wundervollen Freundschaft

Neben ihnen räusperte sich ein Mann, er war der Nächste. „Ich bin der Vater von Lucia, also auch der Vater, sozusagen der zweite Mann ihrer Mutter, der Anton, also der erste Mann, von Lucias Mama und ich, wir machen das zusammen, also alle drei, mit Lucia natürlich. Alles ganz unkompliziert.“ Irgendwie war mir diese Familie auf Anhieb sympathisch. Mensch, dachte ich spontan, die laden wir bald mal ein, alle.

Es bleibt einem aber auch nichts erspart

Dann kam Melissa, die Mama von Viola. Melissa kannte ich schon aus dem Kindergarten. Melissa kann alles und weiß alles. Sie kann Euch für jeden Fleck das entsprechende Fleckentferner-Prozedere herunterbeten und kennt sich als Bastelqueen mit Klebstoffen aller Art bestens aus. Ich hatte ja den Verdacht, dass sie damals an den Klebstofftuben auch ein wenig herumgeschnüffelt hatte. Viola wird natürlich nachhaltig, vegan ernährt, trinkt nur biologisch kontrolliertes Wasser und trägt Socken aus Merinowolle, die alle fair getradet sind und muss dreimal in der Woche zum Geigenunterricht, obwohl sie lieber Gitarre spielen lernen würde. 

Melissa reißt alles an sich, insbesondere die Erfolge anderer. Außerdem mischt sie sich gerne in Dinge ein, die sie überhaupt gar nichts angehen. Wenn Ihr jetzt den Eindruck gewonnen habt, ich würde Melissa nicht mögen – stimmt auffällig, sie ist ein falsches Aas. Juhuuuu, unsere Kinder sind wieder in einer Klasse, der Feind ist gesichtet – nicht die Mädchen, sondern wir Mütter. Aber das nur ganz nebenbei.

Das Bildungsbürgertum schlägt gnadenlos zu

Es folgten Martina, die sicherstellen wollte, dass ihr Sohnemann Tillmann, die im Kindergarten erworbenen Englischkenntnisse im Englischunterricht zum besten geben darf, damit man „ihn dort wissenstechnisch abholen“ könnte. Ihre Sitznachbarin Susanne wollte gerne wissen, ob es an der Schule eine ausgebildete Krankenschwester gäbe – wir sollten bald alle mitbekommen, warum das für sie wichtig war.

Safety first! Wie viele Alarmsorten braucht der Durchschnittsschüler

Fritjof war der Letzte vor mir und erkundigte sich, ob die Brandschutzvorschriften in unserer Schule eingehalten würden und ob es einen „Amokalarm“ gäbe, der sich vom gemeinen Feueralarm unterscheiden würde – ähja. Dann war ich dran. Ich lächelte ermüdet in die Runde und weil ich das Gefühl hatte, dass es Zeit für etwas Volkstümelei wurde, sagte ich, nur so zum Spaß: „Moooiiiiin. Wi sün Mausis Öllern und totaaal gessspannt, wie es hier weitergeht. Bietet die Schule eigentlich auch Plattdeutsch an?“ Mein Mann biss sich auf die Unterlippe und unterdrückte einen Lacher. In der Reihe hinter uns wurde gekichert.

Der perplexe Straightforeward notierte „Plattdeutsch?“ an der Tafel und murmelte etwas von einer Nachmittag-AG, sprach diesen Punkt während des restlichen Abends aber nicht mehr an. Als sich alle Eltern vorgestellt hatten, machte uns Herr Drömeldoof auf das Catering aufmerksam. „Also, wir haben ein paar Snacks auf den Tischen verteilt und an der Tafel gibt es Tee und Kaffee.“

Fortsetzung folgt

Ich blickte auf unseren Tisch … aber davon will ich Euch im nächsten Teil meiner Elternabend-Geschichten erzählen.

Kleiner Nachtrag:

Soeben erreicht mich die Mail eines befreundeten Anwalts, dem ich meine Geschichten manchmal vorab zum Lesen gebe. Er rät mir, den Namen von Lehrer Drömeldoof zu ändern. Nur für den unwahrscheinlichen Fall, dass die betreffende Person sich zu erkennen glaubt und not amused ist. Also ganz offiziell: Drömeldoof heißt ab sofort Drögeraus. So, netter werde ich nicht.

Demnächst auf diesem Blog: Elternabend – Das Klassenzimmer

Fesselspiele in der Vorstadt

Mein Mann und ich sind gute Eltern, wir haben alles im Griff … schon immer … na ja, meistens … wir geben uns Mühe …

Pubertät ist, wenn Eltern ständig alles missverstehen

Wir haben zwei Töchter, die unsere Eltern-Skills, seit sie auf der Welt sind, fast täglich auf die Probe stellen. Als unsere ältere Tochter, nennen wir sie Mausi im zarten Alter von zwölf Jahren verkündete, sie wolle ab sofort mehr Verantwortung übernehmen, hatte ich mich ehrlich gefreut. Bedeutete das, Pünktlichkeit, Fleiß ohne Druck, oder gar ein ordentlich aufgeräumtes Zimmer?

Mitnichten! Als ich vor meinem inneren Auge noch der Vision eines in Rosa getauchten, staubgesaugten Mädchentraums nachhing, eröffnete Mausi uns, sie wolle zukünftig die beiden Nachbarjungen babysitten. Schließlich wolle deren Mutter ja auch mal was für sich selbst tun und nicht immer nur die Kinder hüten.

Was für die Nachbarin gut ist, muss nicht gut sein für Mami

An dieser Stelle sei nur ganz, ganz kurz erwähnt, dass Mausi eine kleine Schwester hatte und sich eher hätte vierteilen lassen, als auch nur eine Minute auf ihr eigenes Fleisch und Blut zu achten. Das ich mich mal um mich selber kümmern wollen würde, kam ihr gar nicht in den Sinn. In ihren Augen hatte ich mit der Kinderbetreuung meine Berufung gefunden und sollte gefälligst meinen Pflichten nachkommen.

Kleiner Tipp: Wir machen alles anders als unsere Eltern – nicht gut …

Doch zurück zur Babysitter-Idee. Mein Mann und ich hatten doch einige Zweifel. War es klug, einer Zwölfjährigen die Aufsicht über zwei achtjährige, extrem aufgeweckte Zwillingsjungen zu übergeben? Mausi jedenfalls hielt das Ganze für eine Spitzenidee: „Das wird cool, und mein Taschengeld kann ich auch aufbessern.“ „Wie niedlich“, dachte ich noch, „sie will mit verdienen…“

Wir ließen sie gewähren, weil sie so zuversichtlich war und auch ein bisschen, weil wir nicht so spießig sein wollten, wie unsere eigenen Eltern…“ Kleiner Tipp für Neu-Eltern: Letzteres darf niemals … ich wiederhole, NIEMALS die Grundlage für eine eurer elterlichen Entscheidungen sein – glaubt mir.

Trotz der gemeinsamen Entscheidung, das flaue Gefühl bei mir im Magen blieb. Damals arbeitete ich noch zu festen Tagen bei einer Hamburger Tageszeitung. Ich saß in der Redaktion und hörte nichts von Zuhause. Aber wie heißt es so schön, keine Nachrichten sind gute Nachrichten – dachte ich jedenfalls.

Hatte er H a n d s c h e l l e n gesagt?

Als ich abends von der Arbeit kam, erwarteten mich eine kleinlaute Mausi. Mein Ehemann lief hektisch hin und her. Das war ungewöhnlich, denn meinen Mann kann so leicht nichts aus der Ruhe bringen.

Ich stand an der offenen Haustür, spitzte meine Lippen in Erwartung eines herzlichen Begrüßungsküsschens. Doch stattdessen rief mir mein Mann ohne weitere Erklärungen die Worte, „Keine Zeit, ich muss die Handschellen durchsägen“, zu. Ich blieb wie angewurzelt stehen. Hatte er soeben HANDSCHELLEN gesagt? Jahaaa, hatte er!!!!

Mausi wird ausgetrickst

Wie sich nun herausstellte, hatten die Zwillinge die Erziehungsversuche meiner Tochter schnell sattgehabt. „Und dann haben sie gesagt, sie wollen verkleiden spielen“, erzählte Mausi. Malte und Torben wollten Räuber und Polizei spielen. Mausi ließ sich nicht lange bitten, „brach“ ins Jugendzimmer ein, und klaute ein paar Playmo-Sachen.

Darauf hatte die Brut meiner Nachbarin offensichtlich nur gewartet. Mausi wurde überwältigt und verhaftet. Kompliziert wurde die Sache, weil sie dafür die echten Handschellen ihres Polizisten-Papis verwendet hatten. Der hatte die Handschellen, wohl als Souvenir bei seinen Jungs gelassen, als er die Mutter seiner Buben vor ein paar Monaten verlassen hatte. Kriegt man für sowas eigentlich den Pensionsanspruch gestrichen?

Wo ist dieser „EINE“ Polizist, wenn man ihn braucht?

Um die Sache für uns „Hinterbliebene“ noch spannender zu gestalten, war er dann nach Kiel gezogen, stand also zum Aufschließen der Fesseln nicht zur Verfügung.

Mein Mann hatte inzwischen sein Heimwerker-Werkzeug an den Handschellen stupfgesägt und stand erschöpft und schweißgebadet vor mir. Mausi blickte ihren Vater, den Helden ihrer Kindheit, an und sagte mit tränenerstickter Stimme: „Du willst jetzt doch wohl nicht aufgeben?“ Sein hilfloses Schulterzucken löste bei ihr einen Heulkrampf apokalyptischen Ausmaßes aus.

Mama macht das schon – nicht

Ich hatte das dringende Bedürfnis etwas Zuversicht zu versprühen und sagte mit meiner Mutti-macht-das-schon-Stimme: „Ich organisiere uns jetzt mal Hilfe.“ Ich schob das Kind aus dem Haus und sagte: „Mausi, wir gehen jetzt mal zu Hans, vielleicht hat der ja eine Idee, wie wir Dich befreien können.“ Doch Mausi sträubt sich: „Ne, kommt nicht in Frage. Das ist doch voll peinlich, wenn meine Freunde mich so sehen.“ Seufzend warf ich ihr eine Jacke über die gefesselten Hände und zerrte sie mit den Worten, „Du musst ihnen ja nicht zuwinken“, in die laue Abendluft. Und was macht sie? Richtig … sie winkt … und leise klötern die Handschellen im Abendwind …

Wer den Schaden hat braucht auf den Spott ….

Hans wohnt bei uns in der Straße und ist der Ehemann meiner Freundin Swantje. Was aber noch viel wichtiger ist, er ist tatsächlich … täterätätätätääää … Polizist.

Ich klingelte an seiner Haustür, Hans öffnete und freute sich, uns zu sehen. „Hey, na wie geht’s?“ Ich zog wortlos die Jacke zur Seite und was macht er? Hans brüllte vor Lachen: „Hahahaaaaa … ernstes Problem, … gurgelhääää … echte Hamburger Acht … …, chhh geh ma gucken, … hmmmpfffhahahaha …“ Drehte sich um und ging in den Keller. Mausi und ich setzten uns dann mal ins Wohnzimmer und warteten auf Befreiung.“

Wenig später kam Hans mit einer Pappschachtel aus dem Keller zurück. In dieser Schachtel lagen unzählige Schlüssel unterschiedlichster Grössen. „Da sind auch noch ein paar alte Schlüssel für Fesseln dabei“, erklärte er uns, „Vielleicht haben wir ja Glück und einer passt.“

Bange machen gilt … doch funktioniert

Hatten wir nicht! Hans riet uns zur nächsten Polizeiwache zu fahren und die Kollegen dort zu bitten, ihre Schlüssel an unseren Handschellen auszuprobieren. „Wenn das nicht klappt“, so Hans, „dann hilft nur noch die Feuerwehr mit ihrer Flex, … hmmmpfffhahahaaa …“ Ich fühlte, wie Mausis angstgeweitete Augen, Löcher in meinen Nacken brannten …

„Komm Mausi, wir versuchen noch Jemanden zu finden, der die Sch…dinger durchsägen kann“, versuchte ich meine Kleine zu beruhigen. Weil sich unser Mißgeschick in der Siedlung bereits herumgesprochen hatte, wartete hinter jeder Haustür, an der wir klingelten schon ein eifriger Heimwerker mit seinem persönlichen Super-Werkzeug.

Nachbarschafts-Werkzeug-Börse – sie lassen uns nicht im Stich

Nachdem nun unsere gesamte Siedlung mit ihren Laub-, Eisen- und Sonst- noch-irgendwas-Sägen an Mausis Armschmuck gescheitert waren und mein Nachbar Jens mit seiner Brechstange vor uns stand, warf Mausi mir ihren DAS-wirst-du-doch-nicht-zulassen-Mutti-Blick zu. Hab’ ich dann auch nicht – obwohl ich schwer in Versuchung war …

Hilft nix, hilft die Polizei

Also packten mein Mann und ich unsere kleine Gefangene ins Auto und fuhren auf das nächstgelegene Polizeirevier. Aus Sicht der diensttuenden Polizisten musste es wohl so ausgesehen haben: Zwei Erwachsene betreten die Wache, am Poppenbütteler Bahnhof in Begleitung einer minderjährigen Schutzbefohlenen. Die Schutzbefohlene zeigte auf Knopfdruck einen bemerkenswerten Hang zur Theatralik und bricht in Tränen aus. Die weibliche Begleitperson entblößt die Hände der Schutzbefohlenen. DAS KIND IST GEFESSELT!!!

BTK auf hamburgisch, da kennt unsere Polizei keine Gnade

Mann oh Mann, können Hamburger Polizisten schnell sein….

In einer Nanosekunde beamten sich zwei Beamte zwischen uns und Mausi.  Eine dritte Polizistin hockte sich vor mein Kind und sagte mitfühlend: „Du bist jetzt sicher. Wie ist das denn passiert?“ Mausi indes, genoss sichtlich die Aufmerksamkeit. Ist doch schön, wenn man elf Jahre alt ist und ernst genommen wird.

Zwischen der Abgabe herzzerreißender Schluchzer, gab sie zu Protokoll:“uääähh…..maxundmoritzhuäähhmichgefsseltunddannnichtwiederaufgeschlossen … heulschluchzhuähhhundMAMA-AUCH-NICHT!…*schneuzzufriedenguck.“ Na danke auch, Tochter!  Plötzlich war Mutti eine der Hauptverdächtigen…

Freundlichkeit bringt einen nicht immer weiter

„Schatzilein, kannst Du der netten Polizistin bitte vielleicht noch sagen, dass Mami für das alles gar nichts kann“, säuselte ich meinem Denunzianten-Kind zu. „SIE habe ich gar nicht gefragt“, donnerte mich die, eben noch so nette, Polizistin an. Ich erstarre, schaue mich vorsichtig um. Was wäre dachte ich, wenn ich jetzt einfach abhauen würde? Das Kind war in guten Händen, der Mann bleibt zum Verhaften vor Ort und ich fahre mit dem Bus nach Hause und kratze schon mal Mausis Taschengeld für die Kaution zusammen….

Mein Mann, mein Prinz, mein Retter

Endlich, die Stimme der Vernunft – mein Mann meldete sich zu Wort: „Bevor das hier aus dem Ruder läuft Herrschaften (hihihi, hat er echt gesagt), erzähle ich Ihnen mal was passiert ist. Also vorab, meine Frau hat uns bloß gefahren.“ Mein HELD!!! Dann reportierte er den Ablauf der Geschehnisse und Mausi nickte beflissen dazu. Ich verschob meine Flucht…

Humor haben sie ja

Die Stimmung im Revier änderte sich schlagartig. Nachdem die diensthabenden Beamten *gluckskicherbrüll ein paar Handyfotos von Familie Fesseldoof fürs nächste Polizei-Grill-Fest gemacht hatten, probierten nach und nach alle Polizisten ihre Handschellenschlüssel aus.

An dieser Stelle ist es wohl mal angebracht den Beamten der drei Schichten zwischen 19.00 Uhr und 2.30 Uhr für die liebevolle Versorgung mit Kaffee, Limo, Keksen und einem Daunenkissen für unsere kleine Delinquentin zu danken. Und mit dem letzten Schwung abgekämpfter Beamter kam er dann durch die Tür, der Schlüssel, der die Freiheit brachte … Klick, Aufatmen….

Das war ein harter Tag

Zuhause angekommen, fiel unsere Tochter todmüde ins Bett. Mausi hatte gelernt, dass man als Zwölfjährige zwar unglaublich cool ist, aber trotzdem von Achtjährigen überlistet werden kann.

Am nächsten Morgen überlegte ich, wie wir uns beim Revier unseres Vertrauens bedanken könnten. Ich schlug vor, ich könnte zwei bis drei Kuchen backen und dort vorbeibringen. „Nein bloß nicht“, riefen beide Töchter, „die sind doch so nett da!“ Tja, das mit dem Backen ist auch so ein Thema bei uns zu Hause.

Aber davon erzähle ich Euch vielleicht ein anderes Mal.

Glossar

Hamburger Acht: Handschellen, auch Handfesseln oder Handschließen, im früheren Polizei- und Vollzugsdienst als Fesselzange (für beidarmige Fesselung) bezeichnet, umgangssprachlich auch Acht oder Achter genannt.