Dinner four 4, Weihnachten ohne Oma

Jetzt ist das Jahr 2020 schon fast um. In den kommenden Jahren wird es wohl das Corona-Jahr genannt werden … oder Lockdown-Jahr … oder #20fucking20isteinArschloch. Dieser Virus verändert alles, auch die Traditionen, die in unserer Familie seit Jahren gelebt werden. Eigentlich ist Weihnachten das Fest, an dem wir alle zusammenkommen, in die Kirche gehen, zusammen kochen, essen und uns traditionell auch ein bisschen auf den Keks gehen. Ich werde das dieses Jahr sehr vermissen.

Meine Mutter trifft eine Entscheidung

Vor einer Woche kam der Anruf meiner Mutter: „Birgit, ich möchte für Weihnachten absagen. Ich glaube, das ist sicherer für uns alle. Macht Euch bitte keine Sorgen um mich, ich komme damit klar. Am Ende werden wir uns wieder zum Grillen bei mir im Garten treffen, das weiß ich ganz genau.“ So hatte sie es für sich entschieden und ich bin ihr unendlich dankbar, dass sie mir diese Entscheidung abgenommen hatte. Auch wenn unser Verhältnis miteinander nicht immer einfach ist, hat diese Krise doch gezeigt, dass wir als Familien-Krisenteam gut funktionieren. 

Gutes Team in der Krise

Ich mache die Einkäufe für meine Mutter, stelle ihr die Einkaufstüten vor die Tür, alles mit Maske und Handschuhen. Meine Mutter holt sich das Ganze ins Haus, öffnet danach ein Fenster und wir reden ein paar Minuten miteinander. Wenn ich ehrlich sein soll, so selbstverständlich und entspannt war unser Füreinander selten. Es geht also … 

Eiserne Disziplin und die Fähigkeit zum Verzicht

Bei Licht betrachtet haben wir es in dieser Krise noch gut getroffen. Wir sind – noch – alle gesund. Meine Mutter hat es schön bei sich zuhause und leidet keine finanzielle Not. Sie ist körperlich und geistig für ihre 86 Jahre erstaunlich fit. So stellen sich uns viele Probleme, wie Betreuung oder Medizinische Versorgung sicher zu stellen, zurzeit nicht. Toi,Toi, Toi …

Die Herangehensweise meiner Mutter an diese Krise finde ich bewundernswert. Sie stellt sich den Herausforderungen mit eiserner Disziplin: „Es is wie es is, und wat mut, dat mut!“  Kein Gejammer, keine Unvernunft, ich muss mir da gar keine Sorgen machen.

Oma sag mal, wie war das damals…

Sie telefoniert regelmäßig mit meinen Töchtern und spricht mit Ihnen über Krisen, die sie in ihrem Leben schon bewältigen musste. Mit ihren Erfahrungen zeigt sie ihnen, dass es immer einen Ausweg gegeben hat. „Es wird wieder besser Deern, das kann ich Dir versprechen, dies ist nicht das Ende. Ihr müsst nur gesund da durchkommen.“  Sie erzählt, wie sie ihre Kindheit im Krieg erlebt hat und davon, wie ihre Eltern, meine Großeltern, im Leben zwei Mal ganz bei Null wieder anfangen mussten und es geschafft haben.

So ordnet sie ein, rückt Sichtweisen zurecht, ohne den Eindruck zu erwecken, dass sie die Sorgen meiner Kinder nicht ernst nehmen würde. Tja, wer hätte das gedacht. Ich habe viele dieser Geschichten schon von meiner Großmutter gehört und finde es sehr interessant, einiges davon aus der Perspektive meiner Mutter geschildert zu bekommen. Ich wusste von Klein auf, dass Kampfgeist, Disziplin und die Fähigkeit auch mal auf etwas verzichten zu können, Tugenden sind, die in meiner Familie fest verankert sind. Wenn es erforderlich war, wurde angepackt und fertig. 

Großeltern mit einem großen Herzen

Das alles leisteten meine Großeltern mit viel menschlicher Wärme und einem großen Verantwortungsgefühl für andere. Man half, man unterstützte, wenn es nötig war, einfach so. Eine Maske zu tragen, mitten in der einer todbringenden Pandemie? Sie hätten keine Sekunde gezögert. Haben sie übrigens auch nicht. Als 1918 die Spanische Grippe auch in Deutschland wütete, hat meine Urgroßmutter (Jahrgang 1880), mit der ich noch aufwachsen durfte, ihre gute Tischdecke zerschnitten und einen Mundschutz für sich und ihre Kinder genäht, alles von Hand, Nähmaschinen konnte man sich damals noch nicht leisten. Mein Großvater war damals 8 Jahre alt und der Älteste von drei Kindern. Mein Urgroßvater war 1917 gefallen und meine Urgroßmutter auf sich gestellt.

Die Angst frisst die Seele auf

Ich habe von meiner Familie schon frühzeitig gelernt, wie man mit Angst umgeht, dass man sich von ihr nicht überwältigen lassen sollte, weil das zu übereilten Entschlüssen und Handlungen führen kann. Mir wurde beigebracht den Blick von dem abzuwenden, was mich aus der Bahn werfen könnte und den Fokus auf das zu legen, was als Nächstes getan werden muss oder kann.

Vielleicht fällt es mir deshalb manchmal auch ein wenig schwerer, Verständnis für die sogenannten Querdenker und ihre abstrusen Theorien aufzubringen. Es bringt uns nicht weiter, kostet wertvolle Zeit, die besser investiert werden könnte. Ich wollte sie ja nur mal kurz erwähnen … *zwinker.

Mir bleibt an dieser Stelle nur, Euch trotz allem schöne Weihnachten zu wünschen.  Gott sei mit Euch. Bleibt gesund, passt auf Euch auf, denkt auch immer an die Anderen, tragt eure Masken, und trefft weise Entscheidungen.

Hacke … Knöchel …Hacke …, Winkewinke, uuuund Ghettofaust

Begrüßungskultur in Corona-Zeiten

Naaaa, heute schon irgend Jemandem die Faust gezeigt oder ans Bein getreten? Ihr könnt das ruhig zugeben, ist im Moment nämlich alles erlaubt. Futsch ist er, der schöne altmodische Händedruck. Futsch die Bussi-Bussi-Umarmung. Futsch über Jahrhunderte gewachsene, in Stein gemeißelte, soziale Interaktion. 

Plötzlich ist das gefragt, was früher eher mit einem Kopfschütteln bedacht wurde und zu einem Erziehungsgespräch mit Mutti geführt hatte: „Tillman, Du darfst andere Kinder nicht treten. Anne-Sophie, die Faust bleibt in der Jackentasche, das machen Mädchen nicht…“ Stattdessen, darf ich meiner heißgeliebten Nachbarin Frau Nörgel, die Ghettofaust völlig entspannt, über den Bonanza-Zaun entgegenrecken. Das Ganze begleitet von einem halbherzig-bedauernden Schulterzucken: „Wird alles wieder besser Frau Nörgel…“ Sie lächelt dann schief zurück und nickt.

Die Grenzen des guten Benehmens sind ins Wanken geraten

Neulich standen wir am Zaun, da kam meine Bekannte Christa, bepackt mit Einkaufstaschen um die Ecke. Ghettofaust ging nicht, also wollte sie Frau Nörgel mit einem formvollendeten Fußknöchelkick begrüßen. Frau Nörgel erschrak sich ein wenig, ob der Geste und wich aus. Die archaischen Reflexe sind stark in dieser da, dachte ich noch und sah dann, wie der gut gemeinte Tritt auf der, am nachbarlichen Knie baumelnden, Handtasche landete und eine dunkelbraune Schliere auf dem beigen Wildleder hinterließ.

Individuelle Lösungen bieten ganz neue Entfaltungsmöglichkeiten

Für MEINE MUTTER sind die Ghettofaust oder der Fußknöchelkick keine akzeptablen Alternativen zum verschwundenen Handshake. So ein Fußknöchelkick will mit jugendlichem Schwung ausgeführt sein, um noch irgendwie lässig und cool zu wirken. Das hinzubekommen, ist mit 86 Jahren auf dem Buckel, wirklich nicht so einfach. Genauso wenig beeindruckt es, wenn sich die alten, knochigen Finger meiner Mutter zu einer Faust zusammenballen. Außer mir weiß ja keiner, welche immense Kraft einmal hinter dieser geraden Linken gesteckt hat.

Aber meine Mutter hat eine gute Lösung gefunden, absolut zugeschnitten auf ihre Persönlichkeit. Sie hat den Queen-Elisabeth-Move für sich entdeckt. Wenn sie Jemanden grüßen möchte, hebt sie huldvoll die linke Hand, Handfläche nach außen gedreht und macht zwei nicht zu schnelle Bewegungen vor und zurück. Dazu neigt sie den Kopf leicht schräg und nickt unmerklich. Dann dreht sie ihren Untertanen …. ähm, ich meinte natürlich Nachbarn, Postboten, Passanten, vorbeifahrenden Autofahrern oder dem Bofrostlieferanten … ohne eine Reaktion abzuwarten den Rücken zu, und widmet sich wieder intensiv ihrer Gartenarbeit. 

Ich war Prinz Phillip … unfreiwillig aber überzeugend

Neulich ging ich zusammen mit ihr zum Friedhof, das Familiengrab winterfein machen. Es war in kurzer Zeit schon das dritte Mal, dass wir dorthin mussten und ich war ein wenig verwundert. Und dann fiel es mir auf. Meine Mutter hatte gar keine Gartenklamotten an, sie hatte sich fein gemacht. Sie schritt voran, der Gehweg war eng, ich folgte ihr in einem Meter Abstand. Während meine Mutter nun ihre Nachbarn auf der ganzen Strecke bis zum Friedhofstor, links und rechts mit Queen-Elisabeth-Moves bedachte, zog ich hinter ihr den Gartenwagen mit dem ganzen Arbeitskram hinterher. ICH WAR PRINZ PHILIPP, der beflissene Helfer, der die Sonne heller auf ihre Majestät scheinen ließ. Ich sag‘s Euch Leute, Adelheid Groth hat es drauf, sie hat es in vollen Zügen genossen.

Psssst! Ich verrate Euch was…

Ich bin ja eher ein winkender Freestyler vom beiläufigen, unverbindlichen Luftwischer, bis hin zur Ekstasy-Variante habe ich alle Stufen der heiteren Begrüßung drauf. Es kommt halt darauf an, wen ich treffe und wen ich begrüßen möchte, ob und wie heftig ich mich über das Zusammentreffen freue. 

Und damit sind wir bei meinem kleinen Geheimnis angelangt, psssst, kommt mal näher … also so nah, wie es „AHA“ erlaubt.

Es gibt Begrüßungsrituale, auf deren häufige, inflationäre Wiederanwendung ich auch nach Corona gut verzichten könnte. Gemeint sind diese, in der Vergangenheit, reflexhaft angewandten Ich-kenne-Dich-nicht-knutsch-Dich-aber-trotzdem-Umarmungen, weil man es eben so machte, um zu zeigen, ich bin cool, man kennt mich, ich gehöre dazu (wobei man das durchaus hinterfragen sollte).

Bussi Bussi mit Schwitzkasten

Ich bin da durch und durch norddeutsch. Ich brauche keine Bussi-Bussi-Schmatzer mit Schwitzkasten. Insofern hat Corona mir ein wenig geholfen, meinen Tanzabstand zu anderen wiederherzustellen. Aus meiner Sicht, verlieren meine Begrüßungen dadurch nicht ihre Herzlichkeit, sondern sind viel ehrlicher und einschätzbarer. So’n Büschen liegt diese Einstellung bei meiner Familie auch in den Genen. 

Meine Mutter zum Beispiel, würde eher ein Hygienezelt um sich herumbauen, als freiwillig fremde Leute in den Arm zu nehmen. Ich gebe Euch mal ein Beispiel. Kurz vor Corona, ist neben meiner Mutter eine junge Familie in eine schmucke, neugebaute Doppelhaushälfte eingezogen. Man stellte sich gegenseitig vor und gut war es. Dann aber kam die Mutter der jungen Frau zu Besuch und wollte helfen. 

Emotionsflexibilität ist nicht so Mamas Ding … jedenfalls nicht bei Anderen

Beim zweiten Zusammentreffen am Gartenzaun, wurde die gute Frau offenbar von ihren Gefühlen überwältigt. Ansatzlos riss sie meine Mutter an ihre Brust und sagte pathetisch: „Ach Mööönsch, komm mal her, ich sag‘ jetzt einfach Du zu Dir … ich heiße Evelyn!“ Sagte es, presste meine kleine Mutti an ihre opulente Brust und küsste sie auf den Scheitel.

Ihr werdet es vielleicht nicht verstehen, aber für mich stand die Welt für Sekunden still. Leute, das könnt Ihr mit Adelheid Groth nicht einfach so machen. Vorsorglich hatte ich meiner Mutter den Spaten aus der Hand genommen, man weiß ja nie. 

Im weg gehen hörte ich die gequälten Atemgeräusche meiner überrumpelten Mutter und einige Wortfetzen: „…äh, ja hallo … Adelheid …, kennen uns ja noch nicht so lange, … mir überlegen, … bei mir steht was auf dem Herd …“ Die eigentliche Botschaft, nämlich ‚Ich möchte das nicht‘, erstickte Evelyn in der Schraubstock-Umarmung an ihrer bebenden Brust. Die Folgen dieses Vorfalls sind ein höherer Gartenzaun, und meine Mutter sagte fortan, ohne es irgendwie zu rechtfertigen, konstant Evelyn und „Sie“ zur Mutter ihrer Nachbarin. 

Ganz so schlimm ist es bei mir nicht, denn bei guten Freunden und Menschen, die ich schon länger kenne, ist eine Begrüßungsumarmung etwas ganz Natürliches für mich. Was mir aber wirklich abgeht in diesen Zeiten ist ein freundlicher, kultivierter Händedruck und wenn ich mir etwas wünschen dürfte, wäre es dessen Wiederkehr, nachdem wir dieses verdammte Virus in den Griff bekommen haben.