Nachbarn sind ein bisschen wie Gelenkschmerzen…

Aaarghh, was war denn das für ein schriller Ton? Es war Sonntagmorgen, 7.00 Uhr!!!! Hatte da tatsächlich jemand an der Haustür geklingelt? Da schon wieder ein, zwei, drei… FÜNF Mal.

Frau Nörgel agiert sehr bedürfnisorientiert

Ich schnellte hoch und dachte: Das muss die Feuerwehr sein, oder die Polizei, sonst würde sich das niemand trauen. Dohoooch, meine Nachbarin Frau Nörgel, aus der Häuserreihe hinter uns, traute sich das.

Ohne guten Morgen zu sagen, sprudelte es ansatzlos aus ihr heraus: „Ich habe einen Gärtner beauftragt.  Das ist ja eine Zumutung, sie haben ja sicher nichts dagegen, sind bestimmt froh – da kommt eine Hecke hin.“ Sprach es, machte auf dem Treppenabsatz kehrt und entschwand im Morgennebel.

Dichte Nebelschwaden lagen über meinem Bewusstsein…

Ich stand da, wie vom Blitz getroffen. Langsam, gaaanz langsam, drangen die Worte meiner Nachbarin in mein noch ziemlich verschlafenes Bewusstsein. Hecke? Ich bin eine Zumutung?? Und ich bin froh darüber??? Während mein, vor sich hindösendes Selbst, sich aus der Twilightzone ins Jetzt vorarbeitete, ging mein Körper in die Küche und machte dem Rest von mir einen Kaffee.

Hecke? Oh ja, die Hecke

Hecke, Hecke…. langsam dämmerte es mir. Wir hatten gestern die Hecke hinter unserem Grundstück komplett heruntergeschnitten. Sie war völlig verwildert, von Totholz durchzogen und hatte unseren Holzzaun komplett überwuchert. Der erste Schluck Kaffee rann meinen Hals herunter. Ahhh, Koffein durchflutete meine Adern, Adrenalinausschüttung, Wiederbelebung – ICH WAR WACH!

Das Bermudadreieck der Nachbarschaft

NACHBARN!!! Nachbarn sind ein bisschen wie Gelenkschmerzen. Man hat sie, sie sind ständig da und es gibt kein wirklich wirksames Gegenmittel. Manche haben Glück und haben nette Nachbarn. Aus Nachbarschaft kann Freundschaft entstehen….

Meine Nachbarin Frau Nörgel und ich waren keine Freunde. Und die Umfragewerte 2019 sagten, dieser Trend würde sich verstärken. Überhaupt hatten mein Mann und ich das Gefühl, was die Nachbarschaft betrifft, hatten wir das Bermuda-Dreieck bei uns in der Straße erwischt. Die Netten wohnten eindeutig auf der anderen Seite vom Ring.

Ich stelle vor – La Nörgel

Meine Nachbarin, Frau Nörgel war eine Frau in den blühenden Siebzigern. Das drahtige Persönchen war etwa 1,60 groß. Ihre pechschwarz gefärbten Haare, trug sie als schicke Ponyfrisur. Während sie redete, warf sie ihren Haarkranz keck nach hinten und erinnerte mich dabei ein wenig an die Sängerin Mireille Matthieu – den Spatz von Avignon … oder an den Schauspieler Robert Wagner, als er den Prinz Eisenherz spielte. Aber ich schweife ab.

Frau Nörgel legte Wert darauf, geistig nicht einzurosten. Sie besuchte regelmäßig Vorlesungen in Archäologie, an der Hamburger Uni und hielt sich auch sonst auf dem Laufenden. Sie bewegte das Leben und das Leben der anderen bewegte sie und für alles Weitere hatte sie ihren Neffen, der ist Gärtner…

Friede, Freude, Heckenfetischisten

Zwei Tage später sehe ich, wie Frau Nörgel aus ihrer Haustür trat und meine Gartengrenze anvisierte. Das Frühstücksbrötchen hatte sie noch nicht ganz verdaut und schon war sie wieder aktiv, meine Nachbarin. In grünen Gummistiefeln und Aldi-Wachsjacke stand sie vor meinem Gartenzaun und wartete. Da fuhr er auch schon vor, der Sohn ihres Bruders. Er hat eine ganze Wagenladung Gartengeräte bei sich.

Seine Tante wiest ihm, armewedelnd einen Parkplatz zu. Dann lud der Landschaftsspezialist seine Gerätschaften vom Laster. Ich war schon gespannt, was jetzt wohl kommen mochte. In Erwartung eines netten Gesprächs, stand ich an unserem Zaun und wartete darauf, etwas zu hören wie: „Guten Morgen Frau Jaklitsch. Wo an ihre Grundstücksgrenze dürfen wir die Bäumchen denn pflanzen?“ Aber nichts dergleichen …

Schwerstarbeiter quasseln nich‘

Ächzend, mich keines Blickes würdigend, schleppte der Gärtner meiner Nachbarin nicht weniger als 10 mannshohe Kirschlorbeerbüsche vor meinen Gartenzaun und die dort heruntergeschnittene Hecke.

Das ist echt viel Grünzeug, dachte ich. Zog man in Betracht, dass von der 18 Meter breiten Pflanz-Strecke, noch etwa zwei Meter Gartenweg und der Durchmesser eines städtischen Abwassersiels abgezogen werden mussten, passten vielleicht gerade die Hälfte der Lorbeerbüsche in eine Reihe.

Ich holte mir einen Kaffee, stellte ihn auf meine gelbe Tonne und wartete auf die längst fällige Erklärung der Garten-Guerillas… Als Neffe Nörgel wortlos zum Spaten griff und loslegen wollte,holte ich tief Luft und fragte mal ganz unverbindlich nach: „Wo sollen die denn alle Platz finden?“

Don’t insult my Gartenzaun

„Meine Tante will zwei Reihen, damit sie ihren hässlichen Zaun nicht mehr sehen muss“, antwortete der Berufsneffe brummig. Ja, ne is klar, nur keine Hemmungen junger Mann, dachte ich. Mein inneres Oooohmmmmm rang nach Fassung.

Ich merke, dass das Koffein langsam seine Pflicht tat, meine Schläfen begannen zu pochen. Langsam stützte ich mich auf meinem Bonanza-Zaun ab. Mir war schon klar, dass ich mit meinem 70er-Jahre-Zaun bei einem Schönheitswettbewerb keinen Blumenpott gewinnen würde. Aber so nicht, mein Lieber, dachte ich.  Mein Zaun gehört zur Familie!!! Ich holte hörbar Luft. Einatmen …, ausatmen …, einatmen …, ausatmen …

Meine Augen verengten sich zu Schlitzen, meine Stimme wurde betont freundlich: „Passen Sie mal auf, Sie Experte. Das ist ein original Bonanza-Zaun aus den Siebzigern. Sozusagen eine Gartenskulptur! Uhuuuund der wird hier noch stehen, wenn Ihre Tante ihre Siebziger schon längst verlassen hat!“ Es geht doch nichts über eine gepflegte, sachliche Konversation zwischen Erwachsenen.

Ein Gespräch unter Erwachsenen

Was nun folgte, waren Verhandlungen, geprägt von großer Offenheit. Ehrlicher Umgang ist so wichtig, wenn ein Gespräch zielführend enden soll.

Ein Gespräch, auch zwischen Nachbarn, ist laut Wikipedia eine Unterhaltung. An der Gesprächsausübung sind alle beteiligt. Innerhalb dieser Unterhaltung lösen sich unterschiedliche Gesprächsstrukturen ab: Dialog, Geplauder, Zuhören… und ich möchte noch aus meiner Sicht hinzufügen – EXPLODIEREN!!!

Frau Nörgel mischte sich ein und ich dachte, ich höre nicht richtig. „Pflanz’ die Büsche doch einfach davor, Fred“, wies meine Nachbarin ihren Neffen an. Fred der Gärtner zauderte nicht lange und rammte seinen Spaten direkt vor meiner zurückgeschnittenen Hecke in den Mutterboden. „Moooooment mal“, unterbrach ich seinen Arbeitseifer, “das ist doch wohl nicht Ihr ernst, Herr Fred!“ Er guckte mich verständnislos an…

Schlicht und einfach – ein Therapieversuch

Gärtner-Freddy verstand ganz offenkundig nicht, worin der Kern meines Protestes lag und sagte: „Meine Tante will das so!“ Ummpfff!

„Schauen Sie mal“, sagte ich mit meiner Klangschalen-Therapie-Stimme, „die alte Hecke wird wieder ausschlagen, das wissen sie als gelernter Gärtner doch. Und das IST NICHT SCHÖN und unheimlich schwer sauber zu halten – nicht wahr???“ Das sei ihm egal, antwortete der Neffe, er wolle sich das mit seiner Tante nicht verderben. Junge, dachte ich bei mir, hast Du Todesehnsucht? Laut sagte ich: „Sie hören sofort auf zu graben und sperren mal ihre Ohren auf – Beide!“

Die Behördenkeule – völlig wirkungslos

Und: „Der Grünstreifen gehört der Stadt, ist also öffentliches Gelände und darf nicht so zugewuchert werden. Zwischen unseren Häusern müssen mindestens 4 Meter Rettungsgasse freibleiben, damit alte und gebrechliche Menschen, wie ihre Tante ins Krankenhaus abtransportiert werden können.“ Frau Nörgel japst nach Luft…

„Eeeerstens“, kontert Nörgel junior, „ist meine Tante gar nicht krank und überhaupt, wer sagt denn das? Ähh, also das mit dem Abstand?“, will Fred der Gärtner. „Die Baumschutzverordnung, die Hamburger Behörde fürs Management für öffentliche Räume und der gesunde Menschenverstand ….“, antworte ich mit zusammengepressten Zähnen.

Kann man optisch denken?

Mein Gegenüber legte die Stirn in Falten, kräuselte seinen Mund und gab einen leisen Zischlaut von sich. Freddy der Hecken-Fetischist dachte offensichtlich angestrengt nach. „Okiiiidokiiiii“, sagte er. Hoffnung keimte in mir auf. Hatte er verstanden? Würde er nachgeben?

Nein, nicht wirklich. „Na gut BESTE FRAU (das bin dann wohl ich), dann setz ich eben nur eine Reihe. DU (das bin dann wohl auch ich) musst dann eben die alte Hecke kurzhalten.“ Ich lief rot an, mein inneres Oooohmmmmm prügelte auf den Beruhigungsgong ein, vergeblich. Jetzt wollte ich ihm richtig wehtun….

„Jetzt passen Sie mal auf Sie distanzloser Blumenzwiebel-Werfer. Es heißt immer noch Frau Jaklitsch und SIE! Weiß ihr Chef eigentlich, welchen Murks Sie hier in seinem Namen verzapfen?“, schleuderte ich ihm entgegen.

Betretenes Schweigen beim Gartenexperten. Da hatte ich wohl einen Nerv getroffen. Trotzdem buddelte er unbeirrt weiter. Ich fasste einen Entschluss: Erstens brauchte ich einen Schnaps, zweitens musste ich unbedingt die Mistforke wieder abstellen und drittens ….

Busch-Wars – oder die Rache der Eingepflanzten.

Wortlos griff ich zu meinem Handy, machte ein paar Fotos. Von meinem Zaun, der alten Hecke, den neuen Büschen und nahm eine Weile auf Video auf, wie Freddy der Nörgel-Gärtner, hinter meinem Grundstück einen kleinen Regenwald pflanzte. Mit yodaesker Gleichmütigkeit ignorierte ich sein dümmliches Grinsen. Auf seinem Pritschenwagen prangte das Logo seiner Firma, darunter stand auch die Telefonnummer. Ich wählte…

So nämlich!

Die nächste halbe Stunde, verschickte ich ein paar E-Mails und verbrachte meine Zeit im lockeren Gespräch mit Nörgel-Freddys Chef. Kurz darauf klingelte das Handy des Gärtner-Neffens. In den nächsten fünf Minuten wechselte seine Gesichtsfarbe mehrfach von krebsrot zu aschfahl. „Ja Chef…“, stammelte er.

Meine Verhandlungen hatten folgendes Ergebnis hervorgebracht: Fred der Gärtner musste meine alte Hecke ausgraben, danach setzte er in gebührendem Abstand zu meinem Bonanza-Denkmal, fünf Büsche und transportierte nach getaner Arbeit, alles was störte, lautlos und unauffällig, im Pritschenwagen seines Chefs ab. Kosten? Nicht meine Baustelle.

Um es mal mit Yoda zu sagen: „Die Macht des Bonanza-Zauns ich hatte, zerstören sie Dich kann…“

Montagsmontage, gibts denn sowas?

Wir alle kennen das ja, wie das ist, wenn man ein Montagsauto gekauft hat. Nichts funktioniert zuverlässig. Wichtige Bauteile des Fahrzeugs, müssen einen Tag nach Ablauf der Garantie für horrende Summen ausgetauscht werden und natürlich haucht der Wagen seinen letzten Atemzug, im klirrend, kalten Winter nachts auf eine einsamen, unbeleuchteten Landstraße, aus.

Nachts allein in der Walachei

Ich weiß, wovon ich spreche, mir passiert immer so etwas. Weil ich auf der einsamsten und auch unheimlichsten Straße in Stormarn liegen blieb, noch dazu in einem der weit verstreuten Funklöcher, blieb mir nichts anderes übrig, als einen zweistündigen, kalten Spaziergang hinter mich zu bringen, bis mein Handy wieder funktionierte und ich mir Hilfe rufen konnte. So wie diese Erfahrung war am Montag der ganze Tag.

Geblendet von soviel Aufmerksamkeit

Ich musste zu einem frühen Termin und musste feststellen, dass das Scheinwerferlicht auf der Fahrerseite defekt war. Natürlich führte mich mein Weg zum Kunden vorbei an zwei! Polizeiwachen. Ich schwitze Blut, wurde aber nicht angehalten. Ganz anders lief es aber auf der Straße. Gerade an diesem Montagmorgen schienen alle anderen Fahrer knallwach und aufmerksam zu sein. Nach etwa fünf Minuten hatte ich soviel Abblendlicht auf die Pupillen bekommen, dass nur mit Mühe der Versuchung widerstand, morgens im Dunkeln eine Sonnenbrille aufzusetzen.

Schnell noch ein paar Besorgungen

Der Unterricht verlief im Vergleich dazu, nahezu reibungslos. Nach meiner Hundestunde wollte ich noch ein paar Sachen aus unserer örtlichen Apotheke besorgen. Eigentlich eine ganz einfache Sache, wenig gefahrenträchtig, möchte man meinen. Ich stellte mich auf den Bitte-wahren-Sie-die-Diskretion-Punkt und wartete, dass eine der fünf Kassen frei werden würde. Genau in der Mitte ging eine ältere Dame, nachdem sie der netten Apothekerin von der Klassenarbeit ihres Enkels, den Macken ihres Hundes und den neuen Nachbarn mit dem komischen Auto erzählt hatte.

Ein Lungenvolumen, wie eine Operndiva

Ich war dran, hinter mir standen etwa 10 Personen, die auf Bedienung warteten. Und zur Info, mit Diskretionsabstand meint man in unserer Vorstadtapotheke stattliche 1,20 Meter. Ich sagte also recht verhalten: „Bitte zwei Schachteln Pflaster, etwas Vitamin B12 und eine Salbe gegen Lippenherpes.“ Die nette Apothekerin sah mich an, holte tief Luft und posaunte: „Wie war das? LippenHERPES!!!!????“ Der Chor der himmlischen Engel verfügte über kein größeres Stimmenvolumen, als diese Frau, herrgottnochmal.

Wenn „in der Erde versinken“ eine gute Alternative ist

Ich beugte mich etwas vor, und wiederholte mein Anliegen. Daraufhin sprintete die Gute von einem Regal zum anderen und ließ mir auf ihre unnachahmliche Weise noch ein paar Infos zukommen. „Also wir haben gegen HERPES! Salben aber auch Gels mit verschiedener Wirkstoffstärke. Die hier hilft, wenn der HERPES! noch nicht so schlimm ist und diese, wenn der HERPES! schon vollständig ausgebrochen ist. Da muss man stärkere Geschütze auffahren.“ Sie schaute mich zufrieden an, Aufklärung war ganz klar ihre Passion.

Ich konnte hören, wie hinter mir jemand kicherte und ein anderer ein Lachen unterdrückte. Mir wurde heiß und jedes Mal, wenn die nette Apothekerin das Wort HERPES! intonierte, schrumpfte ich gefühlt um fünf Zentimeter. Ich räusperte mich und antwortete: „Ähm, also … ich denke, die Erste wird reichen, danke.“ Nachdem wir nun die volle Aufmerksamkeit aller Anwesenden hatten, durfte ich endlich bezahlen.

Selbstverleugnung für Anfänger

„Haben Sie eine Kundenkarte bei uns“, fragte die nette Apothekerin und dann, „wie war bitte ihr Name?“ Im Augenwinkel konnte ich wahrnehmen, wie sich nun auch die Letzten gespannt zu uns umdrehten. Ich holte Luft und sagte inbrünstig: „SCHRÖDER, mein Name ist SCHRÖDER und ich zahle bar.“ Ja, ja, ich weiß … da ich nun in unserem Dorf relativ bekannt bin, war das zugegebenermaßen ein recht schlapper Versuch von Identitätsverschleierung.

Ich bezahlte, und wollte gerade gehen, als mir die nette Apothekerin, mit der Macht der Engelschöre noch ein, „Ist aber nicht im Intimbereich anzuwenden, gell“, hinterher schmetterte. Irgendjemand in der Apotheke begann schallend zu lachen, was mir die Gelegenheit gab, mich dünne zu machen. Was war nur mit dem heutigen Montag los, dachte ich. Ich hungerte nach einem positiven Erlebnis und … ging in den Supermarkt.

Eine kleine Verschnaufpause

Nicht einmal die Hälfte des Tages war geschafft und ich hatte jetzt schon das Gefühl, ich würde durch klumpigen Pudding waten. Im Supermarkt, so hatte ich das Gefühl, wurde es dann besser. Ich traf meine Freundin Paula vor der Käsetheke. Wir umarmten und unterhielten uns. Ich entspannte mich wieder ein wenig. Der Rest des Einkaufs verlief … ich würde sagen, unkoordiniert aber ohne größere Vorkommnisse.

Mein kleiner Pausensnack

Da ich schon bald eine weitere Hundestunde geben musste, wollte ich Zeit sparen und mir zuhause kein Essen machen müssen. Deshalb ging ich zur Salatbar und stellte mir aus den frischen Zutaten einen leckeren, griechischen Salat zusammen. Ich liebe Feta und Thunfisch. Zuletzt goss ich noch zwei Kellen von der leckeren Knoblauchsoße über den Salat.

Der Montagsmontagbann schien gebrochen. Zuhause angekommen übernahm meine Tochter das Auspacken der Einkaufstaschen. Ich will mal unerwähnt lassen, dass ihr auf dem letzten Meter zum Kühlschrank die Einkaufstüte gerissen ist. Es war ja alles heil geblieben. Außerdem wäre das ja dann ihr Montagsmontagerlebnis.

Der pure Genuss – nicht!

Ich hatte mir meinen knackigen Salat inzwischen auf einem Teller angerichtet und freute mich auf einen kurzen, ruhigen Moment vor der nächsten Stunde. Eine Frau und ihr Salat, frei nach Hemingway, sozusagen… Ich packte die Gabel voll, schob das Essen in den Mund. Doch der leicht scharfe Genuss, das feine Zusammenspiel von frischer Gurke, schwarzen Oliven und dem leckeren Knoblauchdressing wollte sich einfach nicht einstellen. Es schmeckte … absolut ekelig … ich spuckte alles wieder aus.

Noch während ich meinen Mund und meine Zunge reinigte, sagte meine Kundin per Whats App ab und ich fand das gar nicht schlimm. Ich war fertig mit diesem Montagsmontag! Der sollte ja nicht noch mal ankommen und was von mir wollen! An dieser Stelle habe ich noch einen wichtigen Gourmet-Tipp für euch. Thunfisch mit Vanillesoße ist nur für Hartgesottene und Brille auf, an der Salattheke. Die Geschmacksnerven werden es euch danken.

Elternabend – Die Wahl der Elternvertreter

Einer meiner Lieblingsmomente auf jedem Elternabend ist, wenn der Klassenlehrer sich auf die Mutter aller Eltern-Abend-Fragen vorbereitet. Er fixiert die Elternschaft. Dann geht er, wie zufällig, langsam, schleichend auf die Tür des Klassenraumes zu. Ich erwarte jedes Mal, dass er den passenden Schlüssel zur Tür zückt und uns alle einsperrt. Abstimm-Lock-In sozusagen. Fluchtversuche wurden so, von vornherein im Keim erstickt.

Ein Amt, dem Ihr aus dem Weg gehen solltet

Lehrer Drögeraus räusperte sich, sein Blick sagte deutlich, „jetzt wollen wir doch mal sehen, wer hier wirklich bereit ist, sich zu engagieren“. Die Wahl der Elternvertreter stand an. Das wohl undankbarste, arbeitsintensivste, nervtötendste Amt, dass die Schule an Eltern zu vergeben hat. Ich weiß, wovon ich rede, ich hatte mich in der Grundschule unserer Töchter einmal dazu überreden lassen. ES WAR TRAUMATISCH. Jegliche Objektivität ging flöten und wich einer anarchistischen Guerillamentalität auf allen beteiligten Seiten.

Elternvertreter, die ideale Projektionsfläche für Unmut

Am Ende des Schuljahres ist man aus Elternsicht dann, Diejenige, die wichtige Anliegen der Eltern nicht durchgedrückt hatte, einen arschlangweiligen Schulausflug zugelassen hatte oder wie bei mir, als speziellen Fall, Diejenige, die den Hermann* getötet hatte. Aus Lehrersicht ist man wiederum Diejenige, bei deren Anblick, man sich in das Lehrerzimmer verdrückte. Pfft, als ob mich das jemals aufgehalten hätte. Man ist die Mutter, die für jeden Ausraster eines anderen Elternteils, jeden Leistungsabfall in der Klasse, das Benehmen der Schüler und das Unvermögen mancher Lehrer verantwortlich gemacht wird.

Aus Schaden wird man klüger

Nicht mehr mit mir! Das hatte ich mir geschworen, als meine beiden Töchter auf den weiterführenden Schulen eingeschult worden sind. Ich wollte es ab sofort harmonisch und friedlich – drollig, oder? Inzwischen stand Lehrer Drögeraus vor der Tür, räusperte sich mehrfach und sagte: „Ähm, also … ja, da wäre jetzt eine wichtige Entscheidung zu treffen … bezüglich, der Mitarbeit … also, es müssten sich von Ihnen … Wer von Ihnen wäre denn bereit, die Aufgabe des Elternvertreters im kommenden Schuljahr zu übernehmen?“

Simsalabim und weg waren sie

Ich schmiss gedanklich einen Harry-Potter-Tarnumhang über meinen Kopf. Faktisch sackte ich auf Knopfdruck in mich zusammen. Körpergrößen-Reduktion in Nanosekundenschnelle, der neue Mannschaftssport in den ersten drei Sitzreihen – Synchronschrumpfen, Haltungsnote 10! Erfreulicherweise gibt es in jedem Eltern-Genpool welche, die sich um das Amt des Elternvertreters reißen. 

Ausnahmen gibts immer

Die Familie Kümmermich zum Beispiel. Frau Kümmermich riss den linken Arm hoch, deutete zeitgleich mit dem rechten Zeigefinger auf ihren Gatten und brüllte in die Menge: „Mein Mann macht das!“

Herr Kümmermich errötete bis zum Doppelkinn, heftete seinen stechenden Blick auf vermeintliche Konkurrenten und sagte hoheitsvoll: „Nun, wenn es keine Einwände gibt, dann stehe ich selbstverständlich zur Verfügung.“ 
Alle nickten, wie es aussah, hatten wir einen Kandidaten.

Gegen jedes existierende Wahlrecht

Dann waren da ja noch die Elternvertreter vom letzten Jahr. Sie hatten einen guten Job gemacht. Also warum sollten wir nicht einfach mal überlegen, ob … Und dann beginnt das, was ich immer die Turbo-Demontage nenne. Nirgendwo sonst in dieser Republik wird demokratisches Wahlrecht, so mit Füssen getreten, wie bei der Elternvertreterwahl. Keiner der Anwesenden hatte Lust auf ein langwieriges Abstimmungsverfahren oder eventuelle Stichwahlen. Also stellte Straightforward die obligatorische Vertrauensfrage: „Vielleicht möchte ja einer der bisherigen Elternvertreter einfach weitermachen, oder vielleicht sogar alle?“ 

Schmeicheleien inklusive

Danach passierte Folgendes: Die noch amtierenden Elternvertreter zeigten ein breites, selbstzufriedenes Ich-wusste-das-ich-gefragt-werde-Lächeln. Dann sagte einer sofort zu, mit diesem besonderen Immer-gern-wenn-ich-helfen-kann-Timbre in der Stimme. In diesem Fall war das Frau Sonstkeinehobbys, die wie der Zufall es wollte, direkt neben Herrn Kümmermich saß.

Danke, aber Danke nein

Die anderen Drei wanden sich wie die Aale, und spulten die Zuhause vorbereiteten Absage-Entschuldigungen runter: Berufliche Veränderungen, Umzug in ein mit Internet unterversorgtes Gebiet, neuer Nachwuchs im Anmarsch … Keiner sagte, wie es wirklich war. Nämlich, dass sie lieber für den Rest ihres Lebens barfuß über glühende Kohlen tanzen würden, als sich diesen Mist auch nur für einen weiteren Tag aufzuladen!

Meine Spezialität: Der totale Boykott

Und dann, zu guter Letz, war da die große Gruppe der offenen Verweigerer. Dazu gehörten mein Mann und ich. Natürlich schlug Melissa mich vor, das tat sie immer, nur um mich zu ärgern. Ich lehnte höflich ab und murmelte unzusammenhängende Wortfetzen wie: … bin kein Organisationstalent, … dünnes Nervenkostüm, …muss zur Mutter-Kind-Kur, … organisiere dieses Jahr drei Großdemos gegen das Verbot von Hanfkeksen an öffentlichen Schulen …

Unterstrichen wurden meine Aussagen durch meinen Mann, der passend dazu wahlweise, bedeutungsschwer nickte, einen leidenden Gesichtsausdruck aufsetzte oder mit einem Seufzer meine Hand an seine Brust presste. Wir waren sowas von weg, von der Nominierungsliste …

Kobra, übernehmen Sie

Wie es aussah, hatten Herr Kümmermich und Frau Sonstkeinehobbys die Zeit effektiv genutzt und zwei weitere Mütter dazu bewegen können, sich mit Ihnen als Team zur Wahl zu stellen. Herr Kümmermich schob Drögeraus sanft zur Seite und übernahm mal schnell die Abendmoderation: „Also, wir Vier würden die Aufgaben der Elternvertreter übernehmen. Frau Sonstkeinehobbys und ich als Elternvertreter und Helga Auchmalwas und Gertraud Immerdabei als unsere Vertreter. Um die ganze Sache abzukürzen, frage ich jetzt mal, ist irgendwer dagegen“, er schaute über die Stuhlreihen und sein Blick ließ keine Zweifel aufkommen, dass man ihm besser geben sollte, wonach es ihm gelüstete. Klasse, dachte ich, der Hulk und seine Oger waren unsere Elternvertreter. Das konnte ja amüsant werden.

Demnächst auf diesem Blog: Elternabend – Ihre Kinder sind so…

Glossar:

Der Hermann*-Teig: Hermann, auch Glückskuchen, Glücksbrot und Vatikanbrot, ist ein Sauerteig aus Weizenmehl, der Milchsäurebakterien, Hefe und ein wenig Milch, Pflanzenöl oder Wasser enthält.  Der Teig ist die Grundlage für die sogenannten Hermannkuchen. Das Besondere daran ist, dass sich der Ansatz für den Hefeteig durch Fütterung vermehrt und dabei stabil bleibt. Das liegt an enzymatischen Reaktionen der Hefepilze, die den Teig verändern. (Quelle: Wikipedia)