Die letzte Instanz – ich hoffe nicht!

Ich dachte wirklich, ich hätte mich verhört, als ich mir die Sendung „Die letzte Instanz“ vom 29.01.21 im WDR angesehen habe. Deshalb, damit mir keine Inhaltlichen Fehler unterlaufen, habe ich mir die Sendung immer wieder in der Mediathek des Senders angesehen. Was soll ich sagen … ich war entsetzt, wütend und in vielerlei Hinsicht tief enttäuscht über die Dinge, die dort gesagt wurden und über die Art, wie über gesellschaftlich relevante Themen hinweggestammtischt und stellenweise auch, ob nun bewußt oder unbewußt, gehetzt wurde.

Die Sendung, in der laut eigener Beschreibung des Senders mit „großem Herz und großer Klappe“, bestimmte Fragestellungen diskutiert werden sollen, beschäftigte sich am Freitag mit der Frage – ich zitiere – „Das Ende der Zigeunersauce: Ist das ein notwendiger Schritt?“ Die Diskutanten sollen dann ihre Meinung darlegen und am Ende mit einer grünen oder roten Karte abstimmen, ob man sich die Änderung des Namens nun hätte schenken können oder nicht.

Moderiert wurde die Sendung vom Journalisten Steffen Hallaschka, bekannt als Moderator von sternTV. Er begrüßte als Gäste den Sternkolumnisten und Autoren Micky Beisenherz, die Schauspielerin Janine Kunze, TV-Profi Thomas Gottschalk und Jürgen Milski, Ballermannsänger und Big-Brother-Urgestein. Was soll ich sagen? Am Ende der Sendung kam mir der Gedanke, dass außer großer Klappe und großem Herzen vielleicht auch etwas Hirn sachdienlich gewesen wäre.

Ich will mich hier gar nicht in die Diskussion versteigen, ob man das Wort „Zigeuner“ heute noch gebrauchen sollte. Sobald sich ein Mensch oder auch eine Gruppe von Menschen durch ein Wort oder eine Kategorisierung herabgewürdigt fühlt, benutze ich es nicht. Das versteht sich aus meiner Sicht von selbst. In meinem Artikel allerdings, tauchen einige dieser Wörter auf. Ich habe das gemacht, um die Ungeheuerlichkeit des Gesehenen deutlich zu machen und nicht durch ***Worte zu schmälern. Diese Begrifflichkeiten tauchen ausschließlich in Zitaten auf, oder sind in Versalien gesetzt.

Natürlich ging es weder in der Sendung, noch geht es hier im Artikel nur um den Begriff „Zigeunersoße“. Es ging auch um die Fähigkeit zu erkennen, dass dort ein gesellschaftlich und historisch relevantes Thema diskutiert werden sollte. Ein Thema, dass bei den beteiligten Diskutanten das Vorhandensein, eines gewissen Maßes an Bildung und geschichtlichem Hintergrundwissen erfordert hätte. Im Grunde geht es doch um den Umgang mit bestimmten Themen, um Respekt und Akzeptanz. Wenn es um Dikriminierung, Antisemitismus oder Antiziganismus geht, haben die Sender unseres Landes, die historische Verpflichtung, vorab zu überdenken: In welche Art von Sendungen gehören diese Themen und mit wem besprechen wir sie. In Der letzten Instanz haben die Verantwortlichen des WDR, so muss man wohl sagen, ihren Job nicht ausreichend gut gemacht.

Als Moderator Steffen Hallaschka den Zentralrat der Sinti und Roma zitieren wollte, ließen ihn seine Gäste kaum zu Wort kommen. Sie winkten ab und taten das, was da an Stellungnahme kommen sollte, mit ein paar verächtlichen Jaja’s und verächtlichem Gelächter ab. In diesem Statement stellte der Zentralrat der Sinti und Roma klar, dass der Begriff „Zigeuner“ in der Vergangenheit als diskriminierender Begriff genutzt und mißbraucht wurde und dass sie sich selber nie so bezeichnet hätten.

Der Zentralrat der Sinti und Roma hat zu dieser Sendung inzwischen Stellung genommen. Den vollständigen Text findet Ihr HIER.

Man hätte jetzt darüber sprechen können, dass der Missbrauch von Sprache schon immer der Anfang von Diskriminierung und Alltagsrassismus waren. Oder konkreter, welche Folgen es in unserem Land schon einmal gehabt hat, wenn man als „Zigeuner“ klassifiziert worden war. Stattdessen regte sich Janine Kunze darüber auf, dass sie ihr Schokobrötchen nicht mehr „Mohrenkopf“ nennen dürfe. Schließlich habe sich ja niemand was Böses dabei gedacht, als das Wort erfunden worden ist. Als ich das hörte, holte mein inneres Ooohhmmm die Klangschale aus dem Schrank und flüsterte leise: „Birgit, sie wissen ja nicht worüber sie da reden…“ Janine Kunze dozierte inzwischen weiter, man müsse ja nun nicht jedes Fass aufmachen und sich jeden Schuh anziehen. Und dann O-Ton Kunze: „Entschuldigung, hier sitzt eine blonde Frau mit relativ großer Brust. Was glaubst Du denn, was wir uns anhören…“ Das Ganze dann noch unterlegt mit den grenzdebilen „Jajaja-Genaus“ von Jürgen Milski. Leute, wenn es nicht so traurig wäre …

Spätestens jetzt wäre es, aus meiner Sicht, angebracht gewesen, das Testbild einzublenden und die Sendung zu unterbrechen oder die Teletubbys in Dauerschleife zu senden. Alles wäre besser gewesen, als das, was noch folgte. Zur Info Frau Kunze: Die Zahlen-Schätzungen, wieviele Sinti und Roma, der Massenvernichtungs-Maschinerie der Nazis zum Opfer gefallen sind, bewegen sich zwischen mindestens 100.000 und 500.000 Menschen. Ich will mich ja nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, aber ich könnte wetten, dass die Opferzahlen dickbrüstiger Blondinen da nicht heranreichen….

Und als ich glaubte, es könne nun nicht schlimmer werden, meldete sich Thomas Gottschalk zu Wort. Der große Showmaster vergangener Samstagabende hatte sich eigentlich noch nie, auch nicht zu seinen Glanzzeiten, durch politisches Bewusstsein oder durch reflektierte Aussagen zu sozialkritischen Themen ausgezeichnet. Ich fürchte, er ist nicht so klug, wie er als studierter Lehrer eigentlich sein müsste. „Wetten Das“ war auf jeden Fall die bessere Lösung für alle.

Aber mit dem, was er in dieser Sendung sagte, trat er nun wirklich in die Ur-Mutter aller Fettnäpfe. Im LA-Plauderton erzählte er, wie er einst, in Beverly Hills auf eine Kostümparty gegangen war. Aus tiefer Verehrung für den Künstler, hatte er sich als Jimi Hendrix verkleidet und um möglichst authentisch auszusehen (oder aus Ignoranz, wer weiß das schon genau) hatte er sich sein Gesicht geblackfaced. Auf dieser Party seien außer ihm nur weiße Banker gewesen. Das Ganze sei sein Erweckungserlebnis gewesen. Gottschalk O-Ton: „Zum ersten Mal wußte ich, wie Schwarze sich fühlen.“ Mein inneres OOOhhmmm packte seine Koffer, wild entschlossen, einen sehr langen Erholungsurlaub anzutreten.

Im ernst Herr Gottschalk, sie feiern Fasching und wissen seitdem wie dunkelhäutige Menschen sich fühlen? Ich erkläre Ihnen mal den Unterschied. Ein schwarzer Mensch verbringt ein ganzes Leben mit seiner Hautfarbe. Er trägt sie im Schnitt 80 lange Jahre durch glückliche Zeiten , aber auch durch Konflikte und durch schwierige, manchmal auch gefährliche Zeiten, ohne eine andere Alternative zu haben. Sie können, wenn es schwierig, gefährlich oder unbequem wird einfach ins Bad gehen und sich ihre schwarze Farbe abwaschen. Glauben Sie mir, das ist nicht vergleichbar. Ich bin sicher, Jimi Hendrix würde mir zustimmen. Und da sind wir beim nächsten Punkt.

Warum kommt in dieser Sendung nicht wenigsten eine Person zu Wort, die von Alltagsdiskriminierung betroffen ist. Pssst, Frau Kunze wir reden jetzt nicht über Oberweiten. Hätte die Ausgewogenheit der Sendung nicht davon profitiert, wenn ein Sinti oder ein dunkelhäutiger Mensch seine Erfahrungen eingebracht hätte. Es wäre doch interessant gewesen, zu sehen, was es mit Milkski, Kunze oder Gottschalk gemacht hätte, wenn ihnen mal jemand, der es wirklich erlebt hat, geschildert hätte, was es mit ihm macht, wenn jemand anderer „Zigeuner“ zu ihm sagt. Das würde ihnen vielleicht klar machen, dass ihr lautes Nix-darf-man-mehr-sagen-Gejammere nicht einmal annähernd den Kern des Themas trifft.

Ich habe schon mein halbes Leben hinter mir. Mir wurde schon als Kind gesagt, dass man gewisse Bezeichnungen nicht benutzen darf, weil es andere Menschen verletzen würde. Und um exakt diese Worte geht es immer noch. Das finde ich beschämend. Niemand sagt, dass die Änderung der Sprache den Rassismus komplett beendet, das sie derAnfang für Diskriminierung sein kann, das haben wir erlebt. Aber solange die Beleidigung einer Bevölkerungsgruppe so einfach und selbstverständlich geäußert wird, wie in dieser Sendung oder aber als Bezeichnung eines Lebensmittels sogar zur Marke wird, ist es unrealistisch zu glauben, dass die gleiche Bevölkerungsgruppe eine faire Chance auf gleichberechtigte Behandlung hat.

Ich finde, das weder der Sender, der Moderator Steffen Hallaschka, noch Janine Kunze, Thomas Gottschalk, Jürgen Milski oder Micky Beisenherz das in der Sendung Geschehene so stehen lassen sollten. Entschuldigungen vom WDR, Micky Beisenherz und Janine Kunze sind mittlerweile online. Aber ich persönlich finde, dass da etwas mehr, als eine geschriebene Entschuldigung fällig ist. Eine Sendung mit allen Beteiligten und eine Auge-in-Auge-Diskussion mit betroffenen Menschen wäre, wie ich finde, angemessen.