Ostereinkauf – Ein Klagelied auf 16 Rollen

Nun ist es ja schon einige Tage her, dass ich den Ostereinkauf für MEINE MUTTER erledigen musste. Ich hatte über die Ostertage genügend Zeit zu regenerieren. Die müden Knochen knacken nicht mehr ganz so laut und die Wirbelsäule hat auch aufgegeben, jaulende Klagelaute, wie eine singende Säge abzusondern. Die Seele allerdings … die Seele, ja die trällert ihr eigenes Liedchen. Es fing natürlich wieder mit einem Telefonat und einem Mutter-Einkaufszettel an. Von diesem Zettel schreibe ich euch später vielleicht noch einmal. Ich will Euch ja nicht langweilen. In dieser Geschichte geht es im Wesentlichen um einen bestimmten Posten von dieser Einkaufsliste. 

Der neue Stoff – Das 4-Lagen-Dope

Ihr ahnt es sicher schon, in unserer Familie gibt es ein paar regelmäßig frequentierte Toiletten verteilt auf diverse Gäste-WC’s und Bäder. Richtig, es geht um DEN neuen heißen Shit – wir brauchten Toilettenpapier – Alle!!!  Ach übrigens, hatte ich schon erwähnt, dass ich was alle diese Haushalte betrifft, zurzeit alleinerziehend bin? An dieser Stelle bitte die Titel-Musik vom „Hexer“ einspielen … sechs Schüsse … und eine unheilvolle Stimme aus dem Off sagt im tiefsten Bariton so etwas wie: „Hallooo, keine Rollen für Dich, Birgit!!!“ Danke an die Regie.

„Es gibt keinen Anlass für Hamsterkäufe“, haben sie im Fernsehen gesagt. „Wir haben keine Engpässe“, beteuerten die gleichen Personen immer wieder und versprachen voll bepackte, mit Klopapier bestückte, Regale. Dabei lächelten sie zuversichtlich und vertrauensbildend in die Kamera.

Achtung, Achtung, es folgt ein Outing!

Die Realität hingegen sah anders aus. An dieser Stelle möchte ich schon mal Folgendes verkünden:

Wenn es EINE Zwangsstörung gibt, die ich aus dieser beängstigenden, einschränkenden Zeit, in ein hoffentlich wieder normales Leben mitbringen werde, dann ist es diese. Ich werde Toilettenpapier horten, für den Rest meines beschissenen Lebens, egal wie die Zeiten gerade sind. 

Ich werde geheime Strategien ausarbeiten, wie ich an das „4-Lagen-Dope“ komme, jeden Trick anwenden und mir nicht einmal ansatzweise die Mühe machen, zu hinterfragen ob das normal ist, oder ob man das behandeln müsste. ICH HASSE VERSORGUNGSENGPÄSSE DIESER ART! In meinem gut gesicherten Keller wird fortan immer ein kleiner, feiner Vorrat an Papyrus lagern. Und wenn ich eines Tages sterbe und beerdigt werden muss, dann will ich aussehen wie eine Mumie, von oben bis unten eingewickelt in Klopapier. AMEN! 

Leerstoff für „Die, die nach uns kommen“

Meine Grabbeigaben werden geprägt sein von den Mangelerscheinungen der Corona-Zeit. Um mich herum sollen folgende Opfergaben drapiert werden: ein Sack Mehl, zwei Würfel Hefe, eine Tüte Kaffeepads der Marke Extra Strong, etwas Zucker, Butter, zwei Tüten Milch, eine Atemschutzmaske …

Und wenn ich in 2000 Jahren von ein paar Altertumsforschern wieder ausgegraben werde, wird man sich erinnern. Daran, dass die Menschen aus dem Viruszeitalter wieder angefangen hatten ihr rohes Fleisch selbst zu pökeln, ihren Fisch selbst zu räuchern und barfuß ihren eigenen Wein in Eichenfässern zu treten … Entschuldigung, ich schweife etwas ab. Alles im grünen Bereich, ehrlich.

Ich war ja so naiv

Kehren wir zum Einkauf zurück, dann werdet ihr mich sicherlich etwas besser verstehen. Von dem aufmunternden Es-ist-alles-in-ausreichender-Menge-da-Lächeln mancher Politiker, war bei den Verkäufern und Verkäuferinnen, des örtlichen Einzelhandels gar nichts zu erkennen und das aus gutem Grund. An dieser Stelle sei gesagt, dass unsere Politiker sicher auch ihr Bestes tun. Zaubern kann niemand. Aber wie meine Oma schon immer gesagt hat, man soll nichts versprechen, dass man nicht mit Sicherheit halten kann. 

Das Ungerechte ist, dass es die Angestellten im Einzelhandel sind, die sich tagtäglich dem Unmut der Kunden stellen müssen und nicht diejenigen, die diese verbalen Beruhigungs-Mantras auf den Weg bringen. Schon letzte Woche konnte ich beobachten, wie Toilettenpapier und Küchentücher rationiert wurden. Also machte ich mich bereits am Montag auf, um unsere Toiletten mit Klopapier auszustatten. Es gelang mir nicht.

Solidaritätsaufrufe statt der nötigen Hygieneartikel 

Ich stand vor Regalen, die von den Marktleitern mit Solidaritätsaufrufen bestückt worden waren: 

„Liebe Kunden, bitte verhalten Sie sich solidarisch und nehmen Sie pro Einkauf nur eine Packung Toilettenpapier mit nach Hause.“

Die Appelle an mein soziales Gewissen, liefen leider vollkommen ins Leere, weil schlicht nichts da war, auf das ich hätte verzichten können. Unter dem Preisschild für die Klorollen standen zwei große Verkaufsschütten, auf denen verteilt etwa 15 große Plastikbehältnisse standen, befüllt mit … richtig … TULPEN … mein inneres Ooohmmm, zündete eine Duftkerze an. So wurde ganz nebenbei, neben der Länge des Geduldsfadens, auch noch die Toleranzschwelle der Kundschaft auf die Probe gestellt. Sozialstudien, ganz nah an den Probanden. Da könnte sich so manches Institut noch etwas abschauen in puncto Versuchsaufbau.

Ein geregelter Tagesablauf – so wichtig!

Infolge dieses Engpasses, den es angeblich gar nicht gab, ging ich nun jeden Morgen kurz nach Geschäftsöffnung los, um zu schauen, ob der Klorollengott es gut mit mir meinte. Am Mittwoch dann, wartete ich nicht mehr auf göttliche Fügung. Ein Ausweichplan, ein Ausweg aus dieser Misere musste her. 

Tagträume im Supermarkt

Und mitten im Einkaufsraum vom LIDL-Markt formte sich in meinem Gehirn, meine ganz eigene Version eines feuchten Traums. Ich möchte hier gar nicht so sehr ins Detail gehen, aber so viel sei gesagt. Feuchte Reinigungstücher für Babys, Hunde-Gassibeutel und unsere Biotonne waren die tragenden Säulen dieses Plans. 

Nach so einer Woche, gibt es keine Tabus mehr

Als ich den vollen Wagen in Richtung Kasse fuhr, stand eines felsenfest. Ich würde diese Ladung mit Zähnen und Klauen verteidigen. Die Kassiererin blickte auf die Babyfeuchttücher und fragte: „Brauchen Sie wirklich so viele davon?“ Ich holte tief Luft, streckte meinen Bauch raus und sagte: „Ja, ich bin schwanger … mit Zwillingen …“ Ihr reichte nur ein einziger, weiterer Blick in meine Augen und sie zog die Packungen ohne noch einmal aufzusehen über den Scanner und ließ sie zurück in meinen Wagen fallen.

Am Gründonnerstag hatte sich mein Problem übrigens von allein gelöst. Da hatte der Osterhase in seiner Frühschicht nämlich eine ganze Palette mit 4-Lagen-Dope in meinem Supermarkt abgestellt. Meine Tochter Mausi und ich waren beide mit einem eigenen Einkaufswagen unterwegs. Ich habe uns versorgt und Mausi ihre Oma. Ob das nun im Sinne des Social Distancing war, wage ich zu bezweifeln. Aber bei einer Packung Toilettenpapier pro Haushalt, fängt man an, seine Prioritäten zu verschieben.

Omas Einkaufszettel – Mein Corona-Lieferservice

+++unbezahlte Werbung wg. Namensnennung+++

Es ist Dienstag und das bedeutet, am nächsten Tag ist Mittwoch. Das allein ist keine Neuigkeit aber ich habe mal irgendwo gelesen, dass man den Spannungsbogen einer Geschichte langsam aufbauen muss. An dieser Stelle ertönt in Billig-TV-Produktionen immer ein leises, dahinplätscherndes Musikthema, als begleitende Hintergrundmusik. Also in Zeiten von Corona ist der Mittwoch einer unserer fest installierten Familien-Einkaufstage. 

Meine Mutter hat so ihre Vorstellungen

Und ein bevorstehender Einkaufstag heißt für mich persönlich, dass ich ein längeres Telefonat mit MEINER MUTTER führen muss. Die Hintergrundmusik steigert langsam ihr Tempo und wird lauter. Zweck dieses Telefonates wird sein, dass ich versuche mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln herauszufinden, was ich für die Oma meiner Kinder einkaufen muss, damit sie gut über die kommende Woche versorgt ist. 

Einen Einkaufszettel für meine Mutter zu erstellen, gestaltet sich in etwa so erfolgversprechend, als wolle man ein Hulahula-Seminar in Einklang mit einer Bundeswehr-Grundausbildung bringen. Für meine Töchter, sind diese Telefonate kleine Highlights im Corona-Alltag geworden. Wenn Oma anruft, stelle ich das Handy laut und meine Mädchen kugeln sich nach kürzester Zeit unter dem Tisch.

MEINE MUTTER und die Digitalisierung

Jetzt werdet Ihr euch sicherlich fragen, wo das Problem ist. Warum schickt die alte Frau ihren Einkaufszettel nicht über WhatsApp? Nun meine Mutter hat kein Internet und ein Klapphandy aus einem Land vor unserer Zeit. 

In der Konsequenz heißt das, wir müssen miteinander reden – immer. SMSsen liest sie nicht, genauso wenig wie sie Nachrichten abhört, die wir ihr auf die Mailbox gesprochen haben. Denn sie „kann den Ordner nicht finden“ egal wie oft wir ihr zeigen, wie das funktioniert. E-Mails, ebenso Fehlanzeige und die Erwähnung von Onlinebanking löst einen Schwall von wüsten Verdächtigungen und Abhörfantasien aus, der die Whistleblower der letzten 20 Jahre blass aussehen lassen.

Hallooo, ist da jemand???

Aber zurück zum Einkauf, es klingelt. Meine Mutter meldete sich: „Hallo???“ Mehr sagt sie nie, denn sie denkt strategisch. Gefällt ihr nicht, wen sie am Telefon hat, hat sie immer noch die Option „Falsch verbunden“ zu rufen und aufzulegen. Ist mir übrigens auch schon passiert. Ich antwortete schnell: „Mama, ich bin es. Wie geht es Dir?“

MEINE MUTTER: „Birgit, (Kunstpause) bist Du das?“ Ich seufzte innerlich auf und verdrehte die Augen. Wer denn sonst, dachte ich, nennt Dich Mama. Eines meiner 20 nicht vorhandenen Geschwister? Und nein, sie ist nicht tüddelig, nur schwierig. Ich antwortete: „Ja Mama, Deine einzige Tochter. Hast Du dir schon aufgeschrieben, was wir für Dich einkaufen sollen?“

Vorbereitung ist alles

Es raschelte am anderen Ende und los ging es. Neben mir lagen ein DinA4-Block und Stifte in verschiedenen Farben. In den nun folgenden Momenten schrieb ich einfach nur ALLES mit, was meine Mutter mir diktierte. Ab und an versah ich die Liste mit kleinen Zeichnungen oder Anmerkungen. Eine gute Methode mein Seelenheil im Gleichgewicht zu halten.

Antibiotisch … antibakteriell … wer weiß das schon

Meine Mutter holte tief Luft: „Zuerst mal möchte ich solche Einmalhandschuhe, die müssen aber antibiotisch sein, also so … dings … abweisend … Du weißt schon…“

Ja, darunter konnte ich mir noch etwas vorstellen. Ich unterdrückte den Einwand, dass alle anderen diese Handschuhe jetzt auch wollten und sagte nur: „Hmmm, alles klar …“

Deadlines kenne ich nur von der Zeitung

Meine Mutter: „Dann Senseo Kaffee … den roten … ich will ja keinen Herzinfarkt haben.“

Nein, das wünschte ich mir auch nicht, glaubt mir das bitte. Trotzdem übernahm mein Galgenhumor für drei Sekunden die Kontrolle. Ich hatte sofort sämtliche Szenen aus gefühlt 25 Staffeln Greys Anatomie vor Augen. Eben noch bewegt sich die Herzkurve gleichmäßig, doch DANN … eine gerade Linie … ein langer Piiiiiepton … deathline … it’s over…  Die Realität sieht anders aus. Puhhh, noch mal Glück gehabt.

Sonderwünsche versüssen das Leben

Meine Mutter redete ohnehin unbeirrt weiter: „2 x Wiener Würstchen im Glas … mit Naturdarm, die dürfen nicht nach Knoblauch schmecken.“ Okidokiiii, ich hatte zwar keine Ahnung, wie ich den Geschmack überprüfen sollte aber das wird trotzdem machbar sein, dachte ich bei mir.

Meine Mutter orderte als nächstes: „20 Scheiben, Sonnenblumen-Schwarzbrot … dünne Scheiben, keine Klotzen!“  SELBSTVERSTÄNDLICH nicht … Klotzen, wer möchte die schon zum Früstück … NIEMAND! 

Vereinigtes Europa für ein Originalbaguette

Und dann sagte meine Mutter: „Außerdem noch ein Baguette … aus Frankreich! … nur das Original … Du weißt schon, aus der Dorfbäckerei, gleich wenn man aus Rahlstedt rausfährt, auf der rechten Seite … da wo Opa immer mit Dir hingefahren ist, als Du noch klein warst.“

Mais Oui Maman, naturellement … gedaaanklisch nahm isch Embryohaltung ein und zermarterte mir le cerveau darüber, wo mein Opapa überall mit mir hingefahren war, als ich noch petite war. Nicht nach Fronkereische, soviel war klar. Ein Baguette aus Dat Backhuus wird es auch tun, dachte ich bockig und wollte schon zusammenpacken. 

Ich kauf‘ mir eine Dechiffriermaschine

Doch dann holte meine Mutter zum ultimativen Schlag aus und bestellte: „3 mal diese bittere Schwartenmarmelade in so einem komischen Eisenfässchen.“ Take that, Tochter!!!

Ich dachte, „??? WTF???“ das nannte ich mal eine 1A_Verschlüsselung. Help!!!  Egal, ich war trainiert für solche Situationen. Sag etwas Neutrales, flüsterte mir meine innere Stimme zu, etwas Belangloses, dass immer passt. Ich atmete tief durch und sagte dann: „Oh, ich weiß nicht, ob die im Supermarkt schon beliefert worden sind. Mal schauen, ob die die Marmelade überhaupt da haben… Genial, oder?

Möge die Macht mit mir sein

Ich ging also zu unserem kleinen Supermarkt im Ort. Die sind eigentlich immer gut sortiert. Da stand ich nun im Gang der Gänge und studierte die dort angebotenen Marmeladen. Hhhmmm, dachte ich … Erdbeer …Himbeer und da stand das Wort „Bittere …“ auf einer Metallverpackung. Sollte das vielleicht der gewünschte Brotaufstrich sein? Und vor meinem inneren Auge erschien Yedi-Meister Yoda, zeigte mit dem Finger auf mich und flüsterte: „Die Macht des Entschlüsselns ist stark, in Dieser da…“ Ich packte drei Metalldosen ein und ging sehr zufrieden zur Kasse. Für dieses Mal hatte ich es wohl geschafft.

Und für diejenigen, die es interessiert, hier nun die Auflösung: Das ist ‚Bittere Schwartenmarmelde in so einem komischen Eisenfässchen‘. Bitteschön.