Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne – die Einschulung

Schulgeschichten Vol.2

Als unsere älteste Tochter Mausi eingeschult wurde, da war es keine Frage in welche Schule sie gehen würde. Zehn Minuten fußläufig von unserem Haus entfernt, gab es eine Grundschule. Quasi gegenüber von dem Kindergarten, in den sie bisher, zusammen mit ihrer Schwester, gegangen war. Sie wechselte nur die Straßenseite und trotzdem erwartete sie eine ganz neue Welt. 

Traditionen haben immer einen gelebten Hintergrund

Das Wahrzeichen dieser Schule war ein roter, schuppiger Drache, der Feuer spie. Der Name der Schule orientierte sich an seinem Maskottchen. So begrüßte uns dann auch die füllige Direktorin der Schule mit den einladenden Worten: „Willkommen in der Drachenhöhle.“ Alle anwesenden Eltern lachten, wir auch. Schließlich steht der Drache in der chinesischen Mythologie für Glück, Güte und Intelligenz.

Das war es ja, was wir für unsere Tochter wollten. Und schließlich heißt es ja Nomen est Omen im Volksmund, nicht wahr? Dass unsere jüngere Tochter zwei Jahre später, in derselben Schule, in die Klauen der Mutter aller Drachen fallen sollte, konnten wir an diesem Tag ja noch nicht wissen. Doch davon später.

Seid herzlich willkommen…

An diesem Tag wurde uns Neulingen viel geboten. Die Rektorin hielt eine launige Rede: „… sind wie kleine Knospen, kurz vor dem Aufblühen …neuer Lebensabschnitt … viel Spaß miteinander haben … wir arbeiten gerne mit den Eltern zusammen …“ Hinter uns rutschte eine andere Mutter unruhig auf ihrem Stuhl hin- und her, und raunte dem neben ihr sitzenden Mann zu, „Langsam könnte sie sich ja auch mal eine neue Rede einfallen lassen. Jedes Jahr das Gleiche, Wort für Wort.“ 

Der feine Unterschied zwischen Routine und Erfahrung

Ich drehte mich um und sah sie fragend an. Sie schaute mit freundlichem Blick zurück und sagte: „Wir schulen hier heute unser viertes Kind ein. Ich bin Helen.“ Dann reichte sie mir die Hand. Ich lächelte irritiert zurück und drückte die dargereichte Hand. Inzwischen hatte sich eine Gruppe von etwa 25 kleinen Kindern auf der Bühne aufgestellt bereit, ein kleines Liedchen zum Besten zu geben. 

Schmetterlingsschwingen und Break Dance in der ersten Reihe

Die Kinder hatten sich alle hübsch gemacht. Die Mädchen trugen bunte Kleidchen, die Jungen trugen passend dazu bunte T-Shirts. Dann legten sie los. Es war wirklich niedlich. Mir fiel ein kleiner stämmiger Junge in der Mitte der ersten Reihe auf. Er sang nicht mit. Nicht ein Ton kam über seine Lippen. Das hinderte den Lütten allerdings nicht daran, im Takt mit zu wippen. Wie im Rausch schwang er die Arme hin und her, so als würde er den ganzen Chor dirigieren. 

Der Chor sang, „… danke, denkt der Schmetterling, danke das mich niemand find‘…“. Und der Junge wedelte zeitgleich zuerst mit den Armen auf und ab, um danach mit seinen Fingern ein Fernglas zu formen und seinen forschenden Blick über das Publikum schweifen zu lassen. Ich musste grinsen, dessen Eltern hatten sicherlich viel Spaß mit ihm.
Hinter mir seufzte Helen auf, ich drehte mich um und sie sagte leise, „das ist unsere Nummer Drei, der Karl“.  Ich nickte, gab ihr einen Daumen hoch und raunte ihr zu, „Ich mag ihn jetzt schon.“

Das Schulorchester und seine Interpretation des Wortes ‚musikalisch‘

Inzwischen baute das Schulorchester seine Notenständer auf und dann marschierten Tubas, Saxophone, Trompeten ein und nach und nach kamen alle anderen Instrumente dazu. Der Musiklehrer trat ans Mikrophon und sagte: „Guten Morgen liebe Eltern, liebe Kollegen und liebe neue Schüler, wir spielen heute für Euch ‚In the Mood‘ von Glen Miller und das bekannte Volkslied ‚Ein Jäger aus Kurpfalz‘.“

Und das taten sie dann auch, und zwar beide Lieder zeitgleich, laut und mit Inbrunst. So niedlich die Kinder waren in ihrem Bemühen, ich wünschte mir augenblicklich, ich würde in der letzten Reihe sitzen … und eine Packung IBU 800. Mein inneres Ooohhmmm hatte sich indes Kopfhörer aufgesetzt und lauschte den Walgesängen der Buckelwale vor der Neuseeländischen Küste…

Über die Blockflötengruppe, möchte ich mich an dieser Stelle ausschweigen. Dieses Instrument und seine Benutzer bekommen später einmal einen eigenen Artikel. Ehre, wem Ehre gebührt.

Die Aufteilung auf die Klassen

Nun wurden die Frischlinge auf die Klassen verteilt. Die zukünftigen Klassenlehrer stellten sich in eine Reihe. Neben jedem Lehrer stand ein großer Eimer mit frischen Sonnenblumen – für jede neue Schülerin und jeden Schüler eine. Ich war sehr gespannt zu welcher der Lehrerinnen meine Mausi wohl gerufen würde. Ich schaute mir die Lehrerinnen einmal in Ruhe an.

Die Erste war noch sehr jung, sie wurde als Frau Möller-Rennschult, Klasse 1a, vorgestellt. Sie schien fast genauso aufgeregt zu sein, wie die Schüler. Jedes aufgerufene Kind wurde umarmt und bekam seine Sonnenblume. Mensch, dachte ich bei mir, das wäre doch nett. Leider kam meine Tochter nicht in diese Klasse. Ich holte tief Luft. Helen tippte mir auf die Schulter und flüsterte mir zu: „Dieses Jahr ist es fast egal, die neuen Klassenlehrer sind alle total nett mit den Kindern.“ Das beruhigte mich etwas.

Der Beginn einer lang anhaltenden Mütterverschwörung

Meine Tochter kam, zusammen mit Helens Tochter Luzie in die Klasse 1e, zu Frau Briegel. Einer sehr erfahrenen und den Kindern zugewandten Lehrerin. Helen nickte zufrieden, als wir sahen, dass unsere Mädchen in der Doppelschlange nebeneinanderstanden und dann Hand in Hand zum ersten Mal in ihren Klassenraum gingen. Helen sagte: „Unsere Große, die Leni war schon bei Frau Briegel. Da haben unsere Zwei richtig Glück gehabt.“ Ich war zufrieden.

Der Blick in die Zukunft

Die Direktorin wandte sich nun an uns: „So liebe Eltern, Großeltern und andere Verwandte, ihre Kinder haben jetzt ihre erste Schulstunde. Sie können sich jetzt ein wenig entspannen. Für Sie gibt es Kaffee und Kuchen hier in der Aula, unsere Mütter haben uns gut versorgt. Sie können ihr Kind dann in 45 Minuten wieder mit nach Hause nehmen. Und morgen früh bitte pünktlich um fünfvoracht wieder hier abliefern.“ Applaus brandete auf.

Mein Mann und ich gingen zum Kuchenbuffet und da konnte ich sie sehen, meine Zukunft als Mutter eines Grundschulkindes. „Nächstes Jahr stehen Sie hier und verkaufen“, prophezeite mir eine der Mütter aufgekratzt, als sie mir mein Stück selbst gebackenen Erdbeerkuchen herüberreichte. Ich lächelte zurück und dachte im Stillen, „ganz sicher nicht“. Selbst unter Aufwendung aller Fantasie, konnte ich es mir nicht vorstellen, hinter der Verkaufstheke zu stehen, farblich einheitlich gekleidet, umhüllt von einer großen Kittelschürze, von der ein großer, roter Drache Feuer herunterspie. Backen, okay darüber konnte man ja noch reden aber diese Kittelschürze – ICH, NIEMALS! Kleiner Nachtrag … öhm, nun ja … was soll ich sagen … was kümmert mich mein Geschwätz von vor 3 Jahren … soviel ist sicher, ich hätte es besser nicht getan.

Plaudern mit den Lehrern

Es wurde dann noch ein wirklich schöner Vormittag. Die anderen Lehrer stellten sich vor. „Hallo ich unterrichte Mathe und Sport … mein Fach ist Erdkunde … ich bin die Religionslehrerin …“ Und dann stand sie vor mir. Eine kleine drahtige Person, die Haut braun gegerbt, hellblaue Augen, stechender Blick, die dunkel gefärbten Haare hochtoupiert im siebziger Jahre Style. Mir standen augenblicklich meine Haare zu Berge, mein inneres Ooohhmmm legte langsam seine Hand auf das kleine Alarmglöckchen. „Ich bin Frau Schramm. Ihr Kind ist in der 1e? Ah, dann werde ich es nicht unterrichten.“ Sie drehte sich ruckartig um und zog weiter. Ich entspannte mich, mein inneres Ooohhmmm nahm seine Hand wieder von der Alarmglocke und wir konnten unseren Einschultag noch richtig genießen.

Wie sich herausstellte, sollten Frau Schramm und ich uns zwei Jahre später noch näher kennenlernen. Ich verrate nicht zu viel, wenn ich sage, wir sind keine Freunde geworden…

School’s out forever!!!

(Alice Cooper)

Schulgeschichten Vol.1

Ich habe mich immer gefragt, wie sich das wohl anfühlen wird, wenn meine Kinder raus sind aus der Schule. Soviel schon mal vorweg – ich singe ein Lied. Genauer gesagt, singe ich ein Lied von Freiheit, gepaart mit totaler Erleichterung, unterlegt mit ein bisschen Donnergrollen in der zweiten Stimme. Oder anders ausgedrückt, Ihr werdet sehen, wie schnell aus einem dahin geträllerten Durchschnittsschlager eine dramatische Wagner Oper werden kann.

Ihr habt Recht, ich schreib das trotzdem

Ich kann gerade physisch wahrnehmen, wie manche Lehrer in der Leserschaft die Nase rümpfen und vorbauend sagen: „Wieder eine dieser Heli-Mütter, denen man es nie recht machen kann.“ Ich kann Euch beruhigen. Es war nicht alles schrecklich, wir hatten viel Spaß, haben nette Eltern kennengelernt, hatten auch gute und engagierte Lehrer. 

Der Gott des Schulwesens gab freie Fahrt

Aber leider gab es auch die anderen. Der Gott des Schulwesens hatte es so eingerichtet, dass diejenigen Lehrer und Eltern, die freigedreht haben, das mit so lautem Getöse taten, dass es das Gute der Schule manchmal komplett überlagert hat. Und ja, liebe mitlesende Lehrer, Ihr seid bestimmt alle ganz anders, als manche von mir beschriebenen Lehrer. Und Ihr, liebe mitlesende Eltern mit Sicherheit auch. Ich weiß das!

An euren Schulen würden Vorkommnisse, wie die die ich in meinen jetzt noch folgenden Texten beschreiben werde, niemals stattfinden können. NIEMALS! Ich glaube Euch das!

Achtung! Outing!

Ich räume schon einmal Folgendes ein. Fairness und Ausgewogenheit spielen in meinen nachfolgenden Texten so gut wie keine Rolle. Ich schildere die Ereignisse so, wie ich sie als Mutter erlebt habe, ganz subjektiv.  

Um es an dieser Stelle mal vorweg zu nehmen, ich war über die Jahre sicher auch nicht immer das was man umgänglich nennt. Es gab so manche Vorkommnisse, die mich veranlasst haben, auf die dunkle Seite der Macht zu wechseln. In jeder Mutterseele gibt es diese kleine Ecke, in der eine dunkle übelriechende Brühe vor sich hin brodelt und nur darauf wartet, Regungen wie Zorn, Verachtung und Rachegelüsten ihren freien Lauf zu lassen. Wir sind alle Kämpferinnen, wenn es um unseren Nachwuchs geht, gebt es zu.

Aller Anfang ist heiter, die Schwelle ist der Platz der Erwartung

(Johann Wolfgang von Goethe)

Obwohl anfangs, da lief eigentlich alles gut. Als wir unsere Mädchen eingeschult haben, kam ich in Frieden – ehrlich, beide Male. Einschulungen haben auf mich die gleiche Wirkung, wie Kirchenorgeln. Ich war gerührt, wischte mir ein paar Tränen von der Wange und übergab dem Lehrkörper mein Wertvollstes, meine Kinder. Ich schickte meine Mädchen ins echte Leben, voller Zuversicht und Hoffnungen. Sie durften etwas lernen, flügge werden, begleitet von einer stattlichen Anzahl kompetenter Pädagogen. Was sollte da schon passieren.

Der Abnabelungsprozess war in vollem Gange … und gaaanz langsam holte mein inneres Ooohhhmmm ein Glöckchen aus der Schublade und stellte es neben sein Yogakissen. Dann flüsterte es mir leise zu: „Das ist das Alarmglöckchen … wir werden es noch brauchen.“

Lehrer haben es auch nicht immer leicht

Nun liegt es in der Natur der Sache, dass auch die Lehrer ein paar Wünsche, Hoffnungen und Vorstellungen mit sich herumtragen, wenn der neue Jahrgang Frischlinge in die Klassenzimmer stürmt. Ich stelle mir das etwa so vor: Puhhh, bloß nicht wieder eine Klasse mit mehr Jungs als Mädchen. Was? Mehr als 25 Schüler, eine Zumutung. Wer übernimmt den ersten Fegedienst? Elternabend, wieso Elternabend? Lasst uns doch erst mal singen, bitte. Oh Gott, hoffentlich gibt es keine Juristen unter meinen Eltern … oder Ärzte … oder … Pädagogen … Handwerker, ja das wäre schön.

Den Lehrer-Wunschmutter-Prototyp gibt es nicht

Besonders hoch waren die Erwartungen an uns Mütter. Eine immer wiederkehrende Pflicht war es zu Backen. Backen fürs Schulfest, den Tag der offenen Tür, das Klassenfest, zu Ostern, zu Weihnachten und natürlich für jeden in der Klasse stattfindenden Kindergeburtstag. Ich habe es getan, immer wieder, allerdings nicht ohne vorher meiner Aufklärungspflicht nachzukommen und kundzutun, dass Backen nicht zu meinen Kernkompetenzen gehört. Ich hatte Euch gewarnt, also jammert nicht, esst!

Was die Schüler so brauchen … wie die Schule es ermöglicht 

Im Laufe der Grundschulzeit meiner Töchter gab es noch weitere Ansinnen. Hier mal ein paar der exotischeren Bitten: einen Gemüsegarten anlegen, inklusive Beetpflege und Erntearbeiten, einen Teich finanzieren und anlegen, danach mit den Kindern zusammen Teichpflege betreiben, ehrenamtlich versteht sich, um Gottes Willen die Fische nicht sterben lassen, sind sie dann doch gestorben, bitte Beerdigungsritual vorbereiten, die Klassenfenster putzen, in den Ferien die Schule streichen, den Mittagstisch in der Schulküche kochen, anschließender Putzdienst inklusive, die Schultoilette kacheln … ach ja und könnten wir das nächste Klassenfest nicht in Ihrem Garten feiern???

Dann war da ja noch das Übliche: Begleitung auf Schulausflügen, Begleitung zum Schwimmunterricht, Bastelnachmittage, zu Ostern, Weihnachten und überhaupt, Kinderschminken, ein Genuss, sie geben ja soviel zurück die lieben Kleinen, Kulissen bauen für die Weihnachts-, Oster-, Schuljahresende-, Schuljahresanfangs- Aufführung, bitte das Entsprechende ankreuzen, Finanzspritzen für die Klassenkasse, für den Bastelfond, für Danksagungsgeschenke für die Lehrer. Diese Listen erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Im Laufe des Schreibens an meinen Schulgeschichten, wird mir sicher Einiges wieder einfallen, was hier unter den Tisch gefallen ist.

Einschulung, bitte die Physiotherapie gleich mitbuchen

Ich glaube, seit der Einschulung meiner Mädchen, habe ich nicht mehr aufhören können, die Augen zu verdrehen oder mit dem Kopf zu schütteln.  Mancher Bitte kamen wir nach, wenn auch widerwillig, was man nicht alles so macht für seine Rangen. An dieser Stelle sei noch einmal klargestellt, dass weder mein Mann noch ich selber Lehrer sind. Nein wir mussten zwischendurch auch noch unserer eigenen Berufstätigkeit nachgehen. Irgendwoher musste das Geld für den Schulteich ja kommen…

Jetzt ist das alles vorbei. Meine Freundin Anja fragte mich, ob ich nicht auch mit ein wenig Wehmut auf die Schulzeit zurücksehen würde. Nach kurzem Nachdenken würde ich es so ausdrücken. Es gab schöne Momente, solange meine Kinder glücklich waren, aber Wehmut … Gott bewahre, nein!

Ich freue mich jetzt auf das, was da noch kommt für meine Mädchen, die jetzt schon junge Frauen sind. Ich hoffe sie finden da draußen etwas, dass sie begeistert, dass was sie wirklich brauchen, frei von einem einengenden System, dass seine Bildungsversprechen nicht halten kann. Wieder naiv? Vielleicht, aber ich gebe die Hoffnung nicht auf.