Dunstabzugshauben-Update

MEINE MUTTER!

MEINE MUTTER! Die Frau ist unglaublich. Nachdem sie die übliche Kunstpause eingelegt hat, in der ich mir ausreichend darüber klar werden sollte, dass ich erstens eine schlechte Tochter bin, man sich auf mich niiiie verlassen konnte und einen Weg finden sollte, wie ich DAS wieder gut machen konnte, ist sie nun ihrer mütterlichen Meldepflicht Nachkommen. Sie hat angerufen.

WAS KÖNNEN WIR SONST NOCH FÜR SIE TUN?

Der Verkäufer vom Fachmarkt habe bei ihr angerufen, berichtet sie. 
Nachdem er ihr wortreich sein Beileid zu den vermurksten Abläufen des Dunstabzugshauben-Dramas erklärt hatte, habe er folgendes Angebot gemacht. Der Fachmarkt würde einen Tischler vorbeischicken, der sei by the way der Nachbar seines Chefs. Der Tischler würde den Hängeschrank so zurecht sägen, dass die gekaufte Haube drunter passe und dann alles wieder hübsch machen.

NICHT MIT MUTTI IHR LIEBEN…

Die Kosten für den Einsatz, so meine Mutter, wolle der Fachmarkt zur Hälfte übernehmen, sozusagen als Bonus für das Erlittene. Ich musste schmunzeln, denn ich konnte mir vorstellen, wie das Gespräch mit dem armen Verkäufer weiterging. Punkt 2 der Mama-Betriebsanleitung, greife niemals, niemals in Mutters Portemonnaie. Es sei denn, du wärst interessiert an einer Spontanamputation deiner Gliedmaßen. Da hatte der Fachmarkt seine Rechnung aber ohne Adelheid Groth* geschrieben.

NO MONEY, NO CRY….


Das Endergebnis sieht jetzt so aus. Der Tischler kommt und alles läuft so, wie der nette Verkäufer es gesagt hat, bis auf ein klitzekleines Detail. MEINE MUTTER zahlt keinen Cent dafür, natürlich nicht, warum auch. Handwerk kann gerne goldenen Boden behalten, das Material für die Vergoldung würde aber auf keinen Fall von ihr kommen.

RESPEKT MAMA

Die Frau ist unglaublich. Sie hat also Folgendes geschafft. Zuerst hat sie dem Fachmarkt die Montage der Dunstabzugshaube, inklusive der Mitnahme der alten Abzugshaube, aus dem Kreuz geleiert. Das alles gehört dort üblicherweise gar nicht zum Servicepaket. Dann ist alles schief gelaufen, nach den Ursachen wurde nicht geforscht, das wäre wohl nicht im Interesse meiner Mutter gewesen. Dann hat sie den Fachmarkt dazu gebracht, Handwerker für sie zu organisieren und die Kosten für alles zu tragen. Alle Achtung, Mutti, das muss dir erst mal einer nachmachen.

STECKBRIEF

Zu eurem Schutz: Seht ihr im Raum Wandsbek, Hamburg, eine kleine, drahtige Frau um die 85 Jahre, rotblond gefärbte Haare, die Lippen leicht aufeinandergepresst.

GEHT IN DECKUNG! Die Handwerker sind im Übrigen immer noch nicht wieder aufgetaucht…

MEINE MUTTER!

Das Dunstabzugshauben-Drama

Mein Verhältnis zu meiner Mutter ist … komplex. Meine Mutter hat, was unsere Beziehung betrifft, ihre ganz eigene Sicht. Da steht Zwecktauglichkeit eindeutig vor menschlicher Wärme, Nutzen vor Emotionen und der äußere Schein hat einen großen Vorsprung vor der Realität.

Deshalb bin ich sicherlich auch keine Tochter wie jede andere. Ich wollte es sein, sehr lange wollte ich das. Aus heutiger Sicht muss ich sagen, ich habe das viel zu lange versucht. Ich bin ihr einziges Kind, was aus ihrer schrägen Sicht auf die Dinge, irgendwie auch meine Schuld ist.

 Niemals genug sein

Ich bin die Tochter, die eigentlich ein Sohn werden sollte, ein Fehlversuch. Aus heutiger Sicht weiß ich, wäre ich ein Sohn geworden, hätte sie kein Problem damit zu behaupten, sie habe sich immer eine Tochter gewünscht. Gottseidank, hatte ich noch meinen Vater und meine Großeltern. Sie sorgten für meine emotionalen Bedürfnisse und dennoch, es wäre schön gewesen…

Es war manchmal lustig, meistens jedoch anstrengend und schmerzhaft bei dieser Frau aufzuwachsen, und trotzdem möchte ich, dass es ihr gutgeht. Denn sie ist meine Mutter und ich bin anders als sie. Ich möchte nur nicht mehr dafür verantwortlich sein, dass sie glücklich wird. 

Humor macht einiges leichter

Inzwischen versuche ich ihre kinskiesken Auswüchse mit Humor zu nehmen. Ich versuche, aus den vielen inszenierten Alltagskatastrophen diejenigen herauszufiltern, bei denen sie meine Hilfe wirklich braucht. Der Dunstabzugshauben-Vorfall gehört zu diesen Situationen, die ich ausloten muss. Denn sonst wird meine Mutter zu einem Fulltimejob für mich.

DUNSTABZUGSHAUBEN-GATE

Das Telefon klingelt, meine Mutter ruft an: „Hallo, störe ich? *ReineRethorik Also meine Waschmaschine läuft nicht, wegen E03.“ Okaaayyy, ich lasse natürlich geistig den Griffel fallen und versuche zu verstehen. Sie erklärte dann, dass das Wasser nicht abfließen würde und auf der Digitalanzeige der Fehlercode E03 aufleuchten würde. Ich erklärte ihr, wie sie das Flusensieb reinigen kann und das Problem war schnell behoben.

Sie holt aus

Dann kam der eigentliche Grund für den Anruf. Ihre Dunstabzugshaube hat ihren Geist aufgegeben. Und damit ich die Gewichtung dieses Schicksalsschlages auch richtig einsortiere, folgten die üblichen Ausführungen über Lebenshaltungskosten in Mount-Everest-Höhe, immer ginge alles kaputt, das Leben sei so ungerecht, und niemand würde ihr die Müllsäcke an die Straße tragen.

Realitycheck

Nun, das kannte ich ja schon, aber für Euch rücke ich das mal gerade. Meine Mutter lebt allein in einem schuldenfreien 120 Quadratmeterhaus, sie hat zwei recht propere Renten zu ihrer Verfügung und hat bei der Müllabfuhr das Modell gebucht, bei dem ihr die netten Müllmänner Säcke und Tonnen zum Straßenrand transportieren und zurück.

Wir helfen immer gern

Also ich sagte Ihr zu, die Recherchen für eine neue Dunstabzugshaube zu übernehmen, das sei mit Internet, einfacher. Denn ihre Küche sei zwar super in Schuss aber doch sehr alt, so dass man da genau schauen müsse, ob ein modernes Modell auch passe. 

Und dann sagte ich noch, nimm meinen Mann mit zum Einkaufen, dann stimmen die technischen Daten. Habe ich gesagt. In den letzten Jahren hat sich da viel getan. Doch, habe ich gesagt. Und was macht sie?

SIE IST ALLEINE LOSGEZOGEN!

Jetzt liegt eine neue Dunstabzugshaube in der Küche, und die passt nicht unter die Umkofferung der Einbauküche. Der entsprechende Hängeschrank wurde von den Mitarbeitern des Fachmarktes „fachgerecht“ angesägt. Handwerker? Weit und breit nicht zu sehen…Aber hey, sie sagte, ich soll mich da raushalten…


Am Ende, das ist so sicher, wie das Amen in der Kirche, werde ich mich wieder mit allen auseinandersetzen müssen, um den Schaden gering zu halten. Nochmal hey, ich habe ja keine anderen Hobbys. Und wenn ihr jetzt denkt, „die arme, alte Frau“ macht das so, weil sie tüddelig ist, dann habt ihr weit gefehlt, es war noch nie anders mit ihr … 

Ooohmmm, für mich beginnt schon vor dem Frühling die Klangschalensaison…

Dunstabzugshauben-Upgrade

MEINE MUTTER! Again! Das Telefonprotokoll.

1. Anruf, 9.00 Uhr morgens:

Der Fachmarkt hat in Aussicht gestellt, dass er die gekaufte Dunstabzugshaube, sollte sie wirklich nicht passen, kostenfrei bei meiner Mutter abholt und gemeinsam mit ihr eine Passende aussucht und für sie bestellt und anliefert, auch kostenfrei.

Na, das ist doch schon was.

2. Anruf, 10.45 Uhr:

Da war noch was, geht auch schnell… Was fehlt, ist die Info, wann das Subunternehmen seine Handwerker vorbeischickt um das alles festzustellen. Meine Mutter soll die Bedienungsanleitung der alten Dunstabzugshaube bereithalten.

Unzufriedenheit schwingt mit, in der Stimme meiner Mutter. Ich kenne das. Sie hat eine Gabe die Dinge, die ihr zugestanden werden zu ignorieren und sich messerscharf auf die Dinge zu konzentrieren, die noch nicht im Idealbereich liegen. Ich meine ideal, nach ihrer Definition dieses Wortes.

3. Anruf, 11.00 Uhr:

Die Bedienungsanleitung hat sie – natürlich! Schließlich halte sie ja Ordnung. Ist im „Küchenordner“ abgeheftet. Ob ich weiß, wo sie den hingestellt hat?

Ich: „Äh, nein….“  

Sie: „Das hätte ich mir ja gleich denken können …“ *Seufz

Ich denke im Stillen, JA hättest Du aber ich kenne das ja schon… *Seufz

4. Anruf, 11.20 Uhr:

Sie könne den Ordner nicht finden, was mysteriös sei, weil sie ja IMMER perfekt Ordnung halten würde. Da sie ja nun nicht schuld sein kann, an der Misere, braucht es eine andere Schuldige – ratet mal wen – RISCHTISCH, ICKE!

Ich solle mal vorbeikommen und mit suchen. Ich sage nein, ich müsse arbeiten. Wütendes Schnauben am anderen Ende der Leitung. 

Sie: „Na, dann eben nicht.“ Aufgelegt.

Ich ziehe kurz in Erwägung ihre Nummer für diesen Tag zu blockieren, tue es aber nicht, weil sie erstens alt ist, ich Nerven wie Drahtseile habe und es könnte ja doch mal etwas sein…

5. Anruf, 12.00 Uhr:

„ICH. HABE. DEN. ORDNER. IMMER. NOCH. NICHT. GEFUNDEN!“ Ihre Stimmlage klingt wie eine schrille Trillerpfeife mit drohendem Unterton.

Ich: „Er kann ja nicht verschwunden sein. Jetzt koche Dir erst mal eine Tasse Kaffee und beruhige Dich. Es wird Dir wieder einfallen. Bis jetzt haben die Handwerker ja noch nicht einmal angerufen.“

Wer meine Mutter kennt weiß, dass sie nicht beruhigt werden will, sie will einfach nur Recht haben. Wer ihr nicht beipflichtet ist entweder dumm, unfähig oder feige. Ich war das alles schon und ich habe gelernt das möglichst abperlen zu lassen. 

Weil es für sie außer Frage steht, dass man ein ‚Nein‘ zu ihr ernst meinen könnte, fragt sie noch mal nach „Also, kommst Du jetzt?“

Ich antwortete. „Ich habe doch schon nein gesagt. Daran hat sich in den letzten 40 Minuten nichts geändert.“

Mit dem zu erwartenden „Wenn man Dich schon mal braucht…“ legte sie wieder auf.

Und wenn ich ehrlich bin, hoffte ich, es für diesen Tag geschafft zu haben.

6. Anruf, fünf Minuten später:

Ich meldete mich nur mit „Ja, hallo“ und hörte, wie meine eben noch hochgradig gestresste Mutter mit gutgelaunter Stimme sagte: „Hallo, Herr Jannis, also ich wäre dann zuhause, sie können ihre Leute vorbeischicken.“

Ich merkte, wie so ein heißes Gefühl in mir hochstieg, so ein Darth-Vader-ich-bin-Dein-Vater-Feeling.

Ich nahm mein Lichtschwert und einen tiefen Atemzug und sagte: „Hierrr sprrricht Deine Tooochtererer…!“

Man hörte nur noch ein ‚Huch‘ und ein Klicken. Friede kehrt ein….