Boohooo!!! In Hamburg gibts nix Saures für die Süßen

Immer wenn ich denke, der Kampf um die Meinungsvorherrschaft zum Thema Corona kann eigentlich nicht noch skurriler werden, dann macht irgendwo Jemand, vorzugsweise in einer Kommentarspalte im Internet, ein neues Empörungsfass auf. Das neue Fass heißt Halloween, ihr erinnert euch dieses auf uralten, überlieferten Traditionen fußende Fest, bei dem unsere sonst gut versorgten Kinder, an den Türen fremder Menschen betteln gehen müssen.

Kontakte reduzieren, da wäre es nicht sehr clever

von Tür zu Tür zu ziehen

Genau das hat der Hamburger Senat nun verboten. Auch Bundesfamilienministerin Franziska Giffey hatte den Gruselfesttag abgesagt. Es sei, so Giffey, nicht die richtige Zeit in Gruppen von Tür zu Tür zu laufen und Süßigkeiten einzusammeln. Angesichts der steigenden Infektionszahlen ist dieser Schritt aus meiner Sicht nachzuvollziehen.

Egoismus regiert das Netz

Die Reaktion der Community war, wie nicht anders zu erwarten war heftig. In dieser zu Drama-Baby-Drama neigenden Zeit gab es nur Schwarz oder Weiß. Während der eine Teil der Leserschaft ein ausgefallenes Halloween nicht als großen Verlust empfand, schrie die andere Seite weidwund auf: „Nein!!! Nehmt das unseren Kindern nicht auch noch weg! Ihr Babaren…“  Auf diesen Aufschrei folgte ein virtuelles Schulterzucken der Gegenseite. Ich gebe zu, ich habe mit den Augen gerollt. 

In den sozialen Medien häuften sich blumig formulierte Geringschätzungen, die von den Vertretern der unterschiedlichen Meinungen wie Tennisbälle über das Netz des guten Geschmacks geschlagen wurden. Ich kann davon in meinem Text nichts zitieren, schließlich hat mein Blog eine gute Erziehung genossen. Natürlich kann ich verstehen, dass die Kinder enttäuscht sind. Kindern gestehe ich dieses leicht ichbezogene „Ichwillabba“ zu, bei Erwachsenen wirkt es schlicht unreflektiert.

Halloween feiern gerade mal … wieviel Jahre?

Ich verstehe auch, dass Halloween für viele unserer Bürger einen ganz unterschiedlichen Stellenwert hat. Naja, sagen wir mal, ich nehme es zur Kenntnis. Aus den Erfahrungen der zwei vergangenen Jahre kann ich sagen, dass der Beliebtheitsgrad des Halloween-Brauchtums bei den Kindern hier in unserer Vorstadt, ohnehin auf dem absteigenden Ast sitzt. Letztes Jahr sind wir nämlich auf den optisch voll krassen, aber geschmacklich eher brechreizauslösenden Süßigkeiten, sitzen geblieben. 

Die Politik baut auf die Solidargemeinschaft

Für mich ist es verständlich, dass eine Bundesministerin und unser Senat Halloween aufgrund der aktuellen Corona-Lage verbieten. Die Gründe für das Verbot wurden ausreichend erklärt. Man baue auf die Solidarität und vertraue auf das Verständnis der Bürger, hört man aus der Politik. Aus Gründen, deren Nachvollziehung mir persönlich, angesichts der verbalen Auswüchse in den Kommentarspalten der sozialen Medien, immer schwerer fällt, bauen diese Ministerin und der Hamburger Senat immer noch auf den gesunden Menschenverstand in dieser Republik. Alleine dafür muss man sie mögen.

Wenn die Schüssel voll bleibt bin ich stolz auf meine Vorstadt

Meine Familie wird die Türen nicht öffnen, sollten doch noch Geister klingeln. Wir stellen eine Schüssel mit Süßigkeiten vor die Tür und lassen die Gespenster und ihre Erziehungsberechtigten selber entscheiden, ob sie ihrem Nachwuchs gestatten wollen, sich Schnabbelkroam aus einem Behältnis zu nehmen, durch das schon so viele Geisterhände gewuselt haben. Für die Nachbarskinder um uns herum haben wir kleine Tüten gepackt – natürlich unter Einhaltung alles nötigen Vorsichtsmaßnahmen – und werden die Tütchen vor deren Türen stellen. Ein kleiner nachbarschaftlicher Gruß von den gruseligen Nachbarn gegenüber. 

Die Tür bleibt heute ungeschmückt

An die Haustür wollten wir ein selbstgemaltes Schild malen. Wir sind uns nur über den Text noch nicht einig geworden. Meine Älteste schlug vor, einfach „Wir sind in Quarantäne“ auf einen ausgefransten Pappdeckel zu schreiben. Ihre Schwester stieg sofort auf den Vorschlag ein und schlug vor die Plakataufschrift noch durch ein aufmunterndes, „Wir sehen uns auf der anderen Seite…“, zu ergänzen. Meine Töchter … einen ganz kurzen Moment war ich ein bisschen stolz auf meine Brut. Meinen schwarzen Humor hatte ich offensichtlich weitergegeben. Letztlich war mir das aber doch ein wenig zu makaber, man sollte das Unheil ja nicht heraufbeschwören… Wir lassen einfach alles ungeschmückt.

Macht den Ausfall zu etwas ausgefallenem

Ich meine, wenn Halloween für viele Familien von so großer Bedeutung ist, muss der Familienspaß ja nicht ganz auf der Strecke bleiben. Denkt Euch etwas aus für Eure Kinder, werdet kreativ, lasst die Kleinen im Dunkeln Süßigkeiten suchen, erzählt ihnen Gruselgeschichten, grillt Mashmallows über dem Feuerkorb, irgendetwas wird schon gehen, auch unter diesen Voraussetzungen. Vielleicht erinnern sich eure Kinder später einmal gerade deshalb positiv an dieses Halloween, weil ihr das Beste aus den Umständen gemacht habt.

Die Verhältnismäßigkeit darf nicht abhanden kommen

Und ein Bisschen muss man ja auch die Relationen wahren, finde ich. In einer Zeit, in der ganze Branchen um ihre Existenz fürchten müssen, sollte man auch mal darauf achten, welche großen Opfer andere bringen müssen. Wenn Hoteliers nicht wissen, ob sie ihre Angestellten bezahlen können, Gastronomen nicht wissen, ob sie ihre im Frühjahr gemachten Investitionen wieder herausarbeiten können und Künstler nicht wissen, wann sie jemals wieder auftreten dürfen, mutet das Gewese um die Halloween-Grusel-Touren doch etwas übertrieben an. 

Was ich mir wünschen würde

Ich würde es einfach angenehm finden, wenn es uns gelingen könnte, der Gesamtsituation wieder mit ein wenig mehr Realitätsbezug zu begegnen, wenn wir in der Lage wären, etwas mehr Verständnis füreinander aufzubringen, auch wenn wir nicht einer Meinung sind, und wenn wir es hinbekommen würden, die anderen und ihre Sorgen etwas mehr im Blickfeld zu behalten. Etwas weniger Aufgeregtheit, Angst, Aggression und vor allem keine Schuldzuweisungen mehr, für etwas, dass ein Virus verursacht hat. Manchmal bleibt einem eben nichts anderes übrig, als das Schicksal anzunehmen, gemeinsam zu kämpfen und das Beste daraus zu machen. In diesem Sinne, bleibt gesund.