Liberty im Tal der Tränen

Nur um es noch einmal ganz deutlich zu machen. Der noch amtierende Exekutivchef der USA, Donald Trump, formiert einen nahezu unkontrollierbaren Mob, indem er fortwährend bewaffnete Zivilisten aufhetzt, die Legislative seines Landes anzugreifen, nur um sie daran zu hindern, ein demokratisch entstandenes Wahlergebnis zu bestätigen und so dem Mehrheitswillen „seines“ Volkes nachzukommen.

Zeitgleich verweigert er der Legislative den Schutz durch ihm unterstellter Sicherheitskräfte, nämlich der Nationalgarde, obwohl genau das die Aufgabe dieser Sicherheitskräfte wäre, nämlich das Parlament, das Capitol und damit die Demokratie zu schützen. Das Ergebnis sind bis jetzt vier Tote Menschen, Sprengsätze und Rohrbomben wurden gefunden, unzählige Mobster waren bewaffnet.

Wäre Ähnliches in Südamerika oder Afrika passiert, hätten wir kein Problem es als das zu bezeichnen, was es war, nämlich ein Putschversuch einer aufgebrachten Menge, hochgepuscht von einem scheidenden Präsidenten, der den Machtverlust nicht verkraftet. Die Art und Weise, wie die Amerikaner mit dieser Situation umgehen, wird Einfluss haben auf die Stabilität der Demokratien weltweit. Genauso wie Trumps Politik vier Jahre lang Schockwellen in die Welt gesendet hat und dazu beigetragen hat, dass mancher Orts Extremisten wieder salonfähig geworden sind.

Ich wünsche mir sehr, dass in den USA nun weise Entscheidungen getroffen werden. Joe Bidens Ansprache an das Volk in dieser Nacht lässt Hoffnung zu. Aber Angriffe wie diese, erfordern auch lückenlose Aufklärung und harte Konsequenzen im Rahmen der bestehenden Gesetze, ohne Rücksicht auf Ämter oder Bankkonto der Verantwortlichen.

Der unberechenbare Jahreswechsel

20fucking20 Jahresrückschau Teil 1

So eine Nachlese ist gar nicht so einfach, insbesondere wenn es um das Jahr 2020 geht. Es war ein ständiges Auf und Ab, ein stetiges Anlaufnehmen, in Fahrt kommen, Vollbremsungen einlegen, wieder vorsichtig losfahren, über Hürden springen, sich in den Gegenwind stemmen und das mit allergrößter Vorsicht. 

Die Blickwinkel dieses Jahr zu betrachten sind so vielfältig, dass ich meine Betrachtungen in mehrere Teile aufgeteilt habe, um diesem sehr besonderen Jahr gerecht zu werden. Manche Rückschau fällt humorvoll aus, manchmal wird es aber auch nachdenklich, auf jeden Fall aber ehrlich.

Und weil 2020 bei mir eigentlich schon 2019 angefangen hat, startet Teil 1 der Nachlese mit einem sehr persönlichen Rückblick auf das vorletzte Jahr. Keine Angst, ich habe mich kurz gefasst. 

Silvester 2019 oder das Omen

Mannohmann, was war ich optimistisch, am 31.12.2019…

Ich hatte ein wirklich hartes Jahr 2019 hinter mir. Im Januar mit Lungenentzündung und Lungenembolie auf die Intensivstation, einmal das volle Programm, beatmet werden, Kampf um jeden Atemzug. Betrieb dicht gemacht, weil Einzelunternehmen, Abschiedsbriefe geschrieben an die Kinder, den Mann und meine beste Freundin … dann den ganzen Scheiß überlebt, mit Hilfe engagierter Ärzte und Schwestern und meinem unerschütterlichen Optimismus, der mich ständig denken ließ, dass es noch nicht an der Zeit war zu gehen. 

Geduld, Geduld und noch mal Geduld

Zuhause in unserem Reihenhaus angekommen, habe ich dann schnell gemerkt, dass es, ich leihe mir mal meine Lieblings-Politikerfloskel aus, kein „Weiter so“ geben kann, sondern dass Rekonvaleszenz seine Zeit braucht. Der Job musste warten, der dritte Stock musste warten und die Hunderunden vorerst auch. Wie gut, dass ich eine Familie hatte, die das alles super abgefedert hat. Dafür noch mal Danke an dieser Stelle.

Auch wenn ich nach jedem Treppenaufstieg schnaufte wie das Walross aus Hagenbecks Tierpark, war ich mental gut drauf. Ich hatte ein Schweineglück gehabt. Mein kiffender Schutzengel hatte seinen Joint mal für ein paar lebensrettende Momente zur Seite gelegt, und mir stattdessen eine zweite Chance auf ein schönes Leben, bei seinem Chef ausgehandelt. Diese Chance wollte ich ergreifen und das Beste daraus machen. Ich fing an, meine Prioritäten neu zu sortieren.  Die Hundeschule war quasi tot, die Kunden über die lange Zeit verschwunden – dachte ich.

Irgendwie geht es immer weiter

Zuerst brachte ich meinen Hundeblog wieder zum Laufen. Das ging gut, weil es mir erst einmal keine körperliche Fitness abverlangte. Langsam, ganz langsam kam meine Fitness zurück und was mich besonders freute, auch meine Hundeschulkunden meldeten sich wieder und neue Kunden kamen dazu. Zwischen Spätsommer 2019 und Januar 2020 lief das Geschäft besser, als je zuvor. Im Januar gab es zwei Abschlussuntersuchungen und ich gelte seitdem als ausgeheilt. Anfang Februar hatte ich so viele Kunden, dass ich mir keine Sorgen mehr zu machen brauchte. An Silvester 2019 hatte ich einen guten Plan, wie ich dieses neue Jahr für mich nutzen wollte. 

2020 hatte einen anderen Plan

Dann kam Corona und fegte jeden meiner Pläne ohne mit der Wimper zu zucken vom Tisch. Dieser Virus veränderte unser aller Leben enorm. Im Februar noch, war es eher ein diffuses Gefühl, dass da etwas mit enormer, zerstörerischer Kraft auf uns zukam. Im März, wurde unsere Wirtschaft und unser soziales Gefüge heruntergefahren, um das Überleben derer zu sichern, die sich mit Corona infiziert hatten. Wir nannten das den Lockdown light, nur eine von vielen neuen Vokabeln, die wir unserem bisherigen Wortschatz hinzufügen mussten.

Das Virus zwang uns, uns zurückzunehmen, zu verzichten, mehr an andere zu denken, als an uns selbst. Die Spontanität ging ein wenig flöten, es wurde ein Leben mit angezogener Handbremse. Täglich gab es Neues zu lernen. Wir schlidderten aus einem Leben, in dem das Machen, Machen, Machen …, das immer Mehr, das Höher, Weiter und Schneller den Ton angegeben hatten und Erfolg oder Misserfolg gekennzeichnet hatten, in ein Dasein, in dem das Weniger, das Abstandhalten, gegenseitige Rücksichtnahme und das strikte Einhalten von Regeln, uns selbst und vielen anderen das Leben erhalten konnten. 

Übung macht die Meisterin

Spätestens zu diesem Zeitpunkt, hatte ich das Gefühl, dass das Schicksal mir 2019 eine Art Probedurchgang beschert hatte. Betrieb schließen, kein zweites Einkommen mehr, das alles kam mir bekannt vor. Ich war dieses Mal ruhiger, weil ich wusste, meine Kunden bleiben treu, es wird nach dem Lockdown weitergehen. Mit Freunden und Familie blieben wir via Skype und WhatsApp in Verbindung. Bei uns hat das gut geklappt, ich habe aber auch gehört, dass bei anderen so manche Freundschaft den Härtetest nicht bestanden hatte.

Und nun haben wir den zweiten Lockdown, mein persönlicher Durchgang Nummer 3. Ich habe ihn mehr oder weniger mit einem Schulterzucken empfangen. Habe meine Kunden angeschrieben und seitdem den Kontakt zu ihnen gehalten. Marketing lernt man so ganz nebenbei also auch noch. Langsam bin ich Profi im Startup upstarten.

Man lernt ja nie aus

Was ich sonst noch gelernt habe? Hier ein paar meiner Lockdown-Erkenntnisse:

1. Familie ist alles… Mehr Zeit für die Familie zu haben, war gut für die Beziehung und super gut für unser Verhältnis zu unseren Kindern. 

2. Unsere Familie hält zusammen und hält was aus, unterstützt sich gegenseitig, selbst wenn beim Kartenspielen jegliche Zurückhaltung fällt, wie ein staubiger Theatervorhang und die Fetzen fliegen … Alles etwas langsamer angehen zu lassen, steigert die Lebensqualität sehr.

3. Ich neige nicht zur Panik. Ja, ich habe manchmal Angst aber sie lähmt mich nicht. Meine Angst bringt mich nicht dazu, nach Schuldigen zu suchen, wo keine sein können. Sie macht mich nur vorsichtig und das ist gut so.

4. Es brauchte eine Pandemie, um meiner Mutter dazu zu bringen, zumindest vorübergehend zu erkennen, dass ich einen Wert für sie habe. Es brauchte einen tödlichen Virus, um ihr klar zu machen, dass sie sich auf mich verlassen kann. Eine Pandemie wird nicht ausreichen, um die neu entstandene Wertschätzung in gesunde Zeiten rüber zu retten … ich werde irgendwie damit klarkommen.

5. Die Erfahrungen und Erzählungen meiner Urgroßmutter und meiner Großeltern aus zwei Kriegen und der Zeit danach, haben geholfen, manche Sicht auf die Gegenwart geradezurücken. Die Vergangenheit ist mir wichtig. Bodenständigkeit, Realismus und eine gehörige Portion an Zuversicht, gehören offenbar zum Familienerbe.

6. Ich bin plötzlich ein Trendsetter. Ich arbeite nämlich schon seit Jahren im Homeoffice, mit kleinen Kindern, Pubertieren und jetzt mit jungen Erwachsenen.

7. Ich backe gar nicht mehr soooo schlecht …: „Ruhe da hinten!“

8. Ein norddeutsches Gemüt ist hilfreich. Wat mut, dat mut, es is, wie es is. Egal was ist, es geht immer irgendwie weiter. Manche Dinge kann man nicht ändern, man muss das akzeptieren und lernen, das auszuhalten.

9. Ich muss nicht weit reisen, um glücklich zu sein. Ich liebe meinen Garten und die Gartenarbeit, endlich habe ich Zeit dafür. Ja, ja, ich weiß, das ist für Manche der Inbegriff der Spießigkeit. Wisst Ihr was? Das ist mir sch…egal.

10. Einfach mal nichts tun, ist wie Kurzurlaub. Steht jetzt auf jeder Jahresagenda auf Platz EINS, dennKraft braucht eine Quelle zum Auftanken.

11. Mein Hund Finley ist wichtig für meine Seele. Er hat mich in dieser schweren Zeit stabilisiert. Ich habe die Gassirunden genossen, weil sie ohne Zeitdruck waren. Das werde ich uns auch in Zukunft erhalten.

Manche hat Corona hart getroffen

Wie unterschiedlich wir alle die letzten 12 Monate auch erlebt haben, dieses Jahr ist an niemandem spurlos vorbei gegangen. Wir sollten unseren Blick vor den Nöten der Anderen nicht verschließen. Ich denke mit Mitgefühl an alle Diejenigen, die es schwerer erwischt hat, als meine Familie und mich. Mir kommen die Tränen, wenn ich an die Familien denke, die Tote zu beklagen haben und in den letzten Stunden nicht bei ihren Angehörigen sein durften. Wie sollen sie das jemals verkraften?

Mein Herz wird schwer, wenn ich an die vielen Betriebe denke, die nach dem letzten Lockdown nicht wieder öffnen werden. Wie viele Unternehmer werden vor den Trümmern ihrer Lebensleistung stehen? Wie viele Künstler stehen am Rande ihrer Existenz? Wird sie jemals wiederkommen, die sogenannte Normalität? Unter diesen Umständen misstraue ich dem Jahreswechsel, der ja eigentlich immer ein Neuanfang sein soll. Ich glaube das Jahr 2020 wird seinen Schatten noch lange Jahre auf alles werfen, was wir planen. Klingt zu pessimistisch? Ach was – egal was ist, es wird immer irgendwie weitergehen.

Well … dann versuche ich es mal aufs Neue:

Kopf hoch, Leute! Ich wünsche Euch vor allem ein gesundes, neues Jahr 2021. Dann natürlich, der aktuellen Zeit angepasst, keine weiteren Lockdowns, berufliche Stabilität, mehr menschliche Nähe, Zuversicht, Stärke, wieder etwas mehr Lässigkeit, verantwortungsvolle Menschen in eurer Umgebung und stabile Freundschaften.