Die im Dunkeln sieht man nicht…

Ich frage mich ja manchmal, was an den Konferenztischen mancher Werbeagenturen so abgeht, wenn neue Marketingstrategien entwickelt werden.

Insbesondere dann, wenn es darum geht, den Kundenkontakt im Einzelhandel zu verbessern, werden die Methoden immer … ja, wie soll man das nennen … offensiver. Wahrscheinlich fallen in den Konferenzen bedeutungsschwere Sätze wie, „Wir müssen den Kunden abholen, wo er gerade steht…“. Nach allem was ich in letzter Zeit erlebt habe, bedeutet das, schon vor der Tür abgeholt zu werden. Man wird regelrecht schanghait*, nur ohne Alkohol, na ja bis jetzt…

Brötchen-Coaching beim Nautik-Bäcker

Neulich beim Nautik-Bäcker wurde ich zum ersten Mal, nach neuem System bedient. Ich betrat den Verkaufsraum und erwartete das übliche, desinteressierte Gemurmel der Backwarenfachverkäuferin: „Wissen Sie schon, was Sie wollen?“ Aber dieses Mal stand ich vor so einer Art Vorturnerin, die den Azubis und Angestellten den richtigen Umgang mit den Kunden demonstrieren sollte.

Die Devise der neuen Marketingstrategie, das wurde sofort klar, lautete, forsch auf den Kunden zuzugehen, ohne Hemmungen, Feindosierung nicht nötig. „Ooooh, wie schööön, dass Sie zu uns gefunden haben“, rief die Vorturnerin und breitete ihre Arme in oscarreifer Manier, wie zwei Flügel aus. Mir wurde ganz flau im Magen, wollte sie mich etwa umarmen?

Neue Backrezepte … für mich???

Ich kam gar nicht dazu, weiter darüber nachzudenken, denn sie redete weiter: „Schauen sie doch mal wir haben neue Backrezepte ausprobiert, nur für SIE. Also da wäre die Schiffsschaukel mit und ohne Zucker, der Hansavollkornbrocken, das Krümelschiffchen und die Tornadodinkelstange. Da ist doch bestimmt was dabei für sie, oder?“

Alter Schwede, dachte ich bei mir, eine Brötchenverkäuferin auf Speed. Am liebsten hätte ich ausgerufen: „Ich nehme von allem etwas, aber tue mir bitte nichts.“ Die Vorturnerin hatte sich indessen dem netten, schüchternen Azubi neben sich zugewandt. „Also Finn, dann zeige mal was Du kannst. Verkaufe der Dame unsere Brötchen, so wie ich es vorgemacht habe.“

Ob das der Betriebsrat weiß?

Und der Finn holte tief Luft und lieferte ab, was das Zeug hielt. Ich kaufte die doppelte Menge Brötchen, brachte den Jungen kurz ins Schlingern, weil ich wissen wollte, ob man die Tornadodinkelstangen einfrieren könne und wollte dann einfach gehen. Da meldete sich die Ausbilderin noch mal zu Wort und trötete mir hinterher: „Viiielen Dank für ihren Einkauf. Wiiir wünschen ihnen noch einen erfolgreichen Tag im Büroooo!“ Ich nickte ihr irritiert zu und dachte, es ist Sonntag, schraub bloß mal Deine Dosis runter. Die Brötchen waren übrigens sehr lecker…

Edelshop mit Türsteher

Meine zweite Begegnung mit moderner Marketingstrategie, hatte ich im örtlichen Einkaufscenter, im Edelshop Hollister. Am Eingang wurden meine Tochter und ich von einer professionellen Türsteherin in Empfang genommen. Die Begrüßungsformel ließ den Schluss zu, dass der hippe, socialmediale Sprachgebrauch hier ins echte, analoge Leben eigeführt werden sollte. „Hey, what’s up?“, begrüsste mich eine Verkäuferin im Size-Zero-Format am Eingang des Edelshops. „Alles cool“, antworte ich irritiert.

Im gleichen Moment berieselte mich ein wohlriechender Schwall ätherischer Düfte von der Decke herab. Meine Frage, was das denn sei, beantwortete die XS-Türsteherin mit: „It makes you happy, gell?“ Ich nicke unsicher, holte tief Luft und wartete auf meine Glücksgefühle.

Denn die einen sind im Dunkeln und die andern sind im Licht und man siehet die im Lichte die im Dunkeln sieht man nicht. (Berthold Brecht)

Dann tauchte ich ab in Hollisters Welt. Das bedeutete zunächst einmal völlige Dunkelheit. Als meine Augen sich daran gewöhnt hatten, stand ich inmitten edler Holzregale, die mit schicken Klamotten bestückt waren. Aufgrund der mangelnden Beleuchtung konnte ich die Preise trotz Brille nicht lesen. Auch die Farben der Produkte waren nur zu erahnen. Ist der Sweater nun rot, grün oder pink? Da steckt doch System dahinter. Egal, meine Tochter hat Geburtstag und ist total scharf auf diese Klamotten. Gedankennotiz: Das nächste Mal, den Akku vom Handy aufladen, damit ich das Handylicht benutzen kann.

Leder-Lounge für Fuffziger

Dann eine weitere, recht angenehme Besonderheit in der Hollister-Marketing-Strategie: Mitten im Geschäft steht eine Insel, bestehend aus einer Gruppe englischer Clubsessel. Umgeben von künstlichen Palmen, lümmeln sich erschöpfte Menschen um die Fünfzig im Dämmerlicht. Ihr Nachwuchs ist derweil auf der Jagd nach einem neuen Outfit. Das war Ikea verkehrt: „Oma Käthe möchte aus dem Smaland abgeholt werden!“

Inzwischen überwand ich meine retrograde Rot-Grün-Sehschwäche, und entschied mich für einen rot/grün/pinken(?) Hoddie. Nachdem ich an der Kasse eine astronomische Summe hingeblättert hatte, ging ich erschöpft in Richtung Ausgang. Ich sah ihn schon von weitem.

See you … och ne…

Dort vor dem Ausgang stand ein dürrer Jüngling. Der professionelle Verabschieder. Aber dieses Mal war ich mental vorbereitet. „See you on Facebook“, säuselte der junge Mann. Ich sah ihm direkt in die Augen und schmettere ihm ein „Meet you in hell“ entgegen und ging zurück ins Licht…

Glossar:

Schanghait werden – Schanghaien bezeichnet in der Seemannssprache das gewaltsame Rekrutieren von Seeleuten für Kriegs- und Handelsschiffe. Diese Art der Freiheitsberaubung, auch Pressen genannt, wurde zeitweise auch für die Heeresergänzung angewandt.

Männer ohne Maß

Männer sind Macher

Männer sind Macher. Präzision ist ihr zweites Ich. Sie glauben ganz fest daran, dass sie alles im Blick haben. Dass ich nicht lache!

Nehmt Euch mal die Zeit und beobachtet manche Männer beim Heimwerken. Da dürfen bei uns Frauen schon mal berechtigte Zweifel am männlichen Können aufkeimen. Da wird über den Daumen gepeilt, was das Zeug hält, Abstände werden geschätzt und nicht etwa korrekt ausgemessen. Nachfragen, Verbesserungsvorschläge oder Hilfsangebote werden ganz souverän in den Wind geschlagen.

Das universelle Männermaß

Für das gute Gelingen jeglicher Heimwerkerprojekte schufen sich unsere Kerle vom Heimbau ein universell einsetzbares Männermaß: Schätzvermögen mal Augenwischerei, geteilt durch Realitätsverlust. Anwendbar ist es gleichermaßen auf Zeit, Raum, Entfernungen, Gewicht und Geschwindigkeit. Dieses Maß hat viele Namen. „Quasi“, „in etwa“, „zirka“ und „bald“ sind nur einige davon. Gemeint ist immer das gleiche: „Ich weiß es nicht, tue aber als ob ich es wüsste, habe aber überhaupt keine Lust, darüber nachzudenken. Also NERV MICH NICHT!“ Hier mal ein paar Beispiele.

„Macho, Machos ham wos los…“ (Rainhard Fendrich)

Neulich beobachtete ich unseren Nachbarn Carlos beim Zimmern eines Kanninchen-Doppelstock-Stalls mit direktem Zugang zu einem noch zu bauenden Außengehege. Ich war bei meiner Freundin Mareile, Carlos Frau, zum Kuchenessen eingeladen, und wurde somit Zeugin einer denkwürdigen, südamerikanischen Heimwerker Dokusoap, mit Namen „Iche-brauche-keine-Zollestocke“.

„Macho Macho konnst net lernen
Macho Macho muß ma sein…“ (Rainhard Fendrich)

Unsere Unterstützung lehnte der temperametvolle Argentinier Carlos rundweg ab: „Iste Määännärrarrbeite…“, hatte er gesagt. Woraufhin seine Kinder Geroniemo und Dakota die Kanninchen evakuierten und meine gute Mareile mit den Augen rollte und eine Flasche Grappa auf den Tisch stellte. Ich guckte etwas verwirrt, aber hey, wo steht denn geschrieben, dass der Erdbeerkuchen mit ein bisschen Sprit nicht besser verdaulich wäre.

„Macho Machos leben gefährlich
Macho Machos haben was los…“
(Reinhard Fendrig)

Carlos stand im Garten und wog seine Möglichkeiten ab. Er legte mit abgeschnittenen Ästen ein Rechteck auf dem Rasen aus, lächelte zu uns hoch und sagte: „Iste guter Platz fur den Freilaufgehege.“ Mareile setzte ihr Glas an und goss sich den ersten Grappa hinter die Binde.

Dann begann er den alten Kaninchenstall auseinanderzubauen, was keiner von uns anderen wirklich verstand, denn er hätte doch nur einen kleinen Steg zum Ausstieg bauen müssen. Aber hey, einem Mann und seiner Kreissäge, sollte man als Frau mit Überlebensinstinkt nicht dazwischen quatschen.

„Männer weinen heimlich
Männer brauchen viel Zärtlichkeit…“ (Herbert Grönemeyer)

Als Carlos nun vor den Trümmern seiner Abrissarbeiten stand, legte er die Bruchstücke wie bei einem 3D-Puzzle aneinander. Dabei murmelte er mit hochrotem Kopf ein paar Verwünschungen vor sich hin: „No, por favor … qué demonios … wo iste die Tur … qué mierda …“ Im gleichen Rhythmus kippte Mareile ihre Schnäpse runter.

Aber aus Carlos Sicht war dieses Chaos nichts, was man nicht mit einem Hammer, ein paar Nägeln, Leim und ein bisschen Farbe wieder hinbiegen könnte. Jetzt brauchte ich auch einen Grappa.

„Männer haben’s schwer, nehmen’s leicht…“ (Herbert Grönemeyer)

Am Ende stand der Stall schief auf dem Rasen und sah aus wie ein Hobbit-Haus aus Mittelerde. Der Zugang zum Freigehege führte auf direktem Weg ins mühsam angelegte Gemüsebeet, mindestens einen guten Meter vom ursprünglich ausgelegten Rechteck entfernt. Ein wahres Karnickelparadies.

Carlos stand neben seiner architektonischen Meisterleistung, die Hände in die Hüften gestemmt und sagte voller Stolz: „Siehste du Mareile, hab iche doche gesagte, kann iche alleine maken …“ Mareile, sicher schon mit ein paar Verzweiflung-Grappas zuviel intus, kicherte und antwortete: „Ja ne is klar, genau dafür habe ich das Gemüsebeet angelegt … hihihiiiiii … für so’n Karnickel-Selbstbedienungs-Feinkostladen … mmmpfff … nur dafür ….giggleprust…“

Offensichtlich bestand bei den Beiden, zumindest was den Humor betraf, kein Nord-Süd-Gefälle. Also biss ich noch einmal herzlich in mein Tortenstück und überließ die zwei Turtelbaumeister sich selbst.

Andere Frauen, andere Sitten

Andere Freundinnen sind da nicht so tolerant wie Mareile. Meine Freundin Carola ist da etwas, na sagen wir mal kürzer angebunden. Fritz, ihr letzter Lebensabschnittsgefährte nutzte das Männermaß für Zeitangaben. Korrekt gehende Uhren konnten ihn dabei aber nur wenig beeinflussen.

Aus Engelchen wird Teufelchen

Auf die Frage, wann er denn nach Hause käme, antwortete er regelmäßig: „Bald, mein Engel.“ Doch wie lange dauert „bald“? Irgendwann, ein paar verkochte Abendessen später, stellte Carola ihm entnervt die Koffer vor die Tür. Wie er jetzt nach Hause käme, fragte er verdutzt. „Ich habe dir ein Taxi gerufen. Das kommt bald…“, sagte sie süffisant und schloss die Haustür.

Meiner – im „Abwiegen“ ist er ein Naturtalent

Und mein Mann? Der kam neulich ganz stolz vom Einkaufen und übergab mir ein tolles Geschenk. Im Päckchen lag ein schickes Sommertop und – oh Wunder – es passte! „Wie hast du das denn hingekriegt?“, fragte ich verdutzt. „Ich habe der Verkäuferin gesagt, in etwa so groß“, erzählte er und bewegte seine Hände wie ein jonglierender Zirkusartist. Der Verkäuferin war die Geste offensichtlich präzise genug. Respekt!