Boohooo!!! In Hamburg gibts nix Saures für die Süßen

Immer wenn ich denke, der Kampf um die Meinungsvorherrschaft zum Thema Corona kann eigentlich nicht noch skurriler werden, dann macht irgendwo Jemand, vorzugsweise in einer Kommentarspalte im Internet, ein neues Empörungsfass auf. Das neue Fass heißt Halloween, ihr erinnert euch dieses auf uralten, überlieferten Traditionen fußende Fest, bei dem unsere sonst gut versorgten Kinder, an den Türen fremder Menschen betteln gehen müssen.

Kontakte reduzieren, da wäre es nicht sehr clever

von Tür zu Tür zu ziehen

Genau das hat der Hamburger Senat nun verboten. Auch Bundesfamilienministerin Franziska Giffey hatte den Gruselfesttag abgesagt. Es sei, so Giffey, nicht die richtige Zeit in Gruppen von Tür zu Tür zu laufen und Süßigkeiten einzusammeln. Angesichts der steigenden Infektionszahlen ist dieser Schritt aus meiner Sicht nachzuvollziehen.

Egoismus regiert das Netz

Die Reaktion der Community war, wie nicht anders zu erwarten war heftig. In dieser zu Drama-Baby-Drama neigenden Zeit gab es nur Schwarz oder Weiß. Während der eine Teil der Leserschaft ein ausgefallenes Halloween nicht als großen Verlust empfand, schrie die andere Seite weidwund auf: „Nein!!! Nehmt das unseren Kindern nicht auch noch weg! Ihr Babaren…“  Auf diesen Aufschrei folgte ein virtuelles Schulterzucken der Gegenseite. Ich gebe zu, ich habe mit den Augen gerollt. 

In den sozialen Medien häuften sich blumig formulierte Geringschätzungen, die von den Vertretern der unterschiedlichen Meinungen wie Tennisbälle über das Netz des guten Geschmacks geschlagen wurden. Ich kann davon in meinem Text nichts zitieren, schließlich hat mein Blog eine gute Erziehung genossen. Natürlich kann ich verstehen, dass die Kinder enttäuscht sind. Kindern gestehe ich dieses leicht ichbezogene „Ichwillabba“ zu, bei Erwachsenen wirkt es schlicht unreflektiert.

Halloween feiern gerade mal … wieviel Jahre?

Ich verstehe auch, dass Halloween für viele unserer Bürger einen ganz unterschiedlichen Stellenwert hat. Naja, sagen wir mal, ich nehme es zur Kenntnis. Aus den Erfahrungen der zwei vergangenen Jahre kann ich sagen, dass der Beliebtheitsgrad des Halloween-Brauchtums bei den Kindern hier in unserer Vorstadt, ohnehin auf dem absteigenden Ast sitzt. Letztes Jahr sind wir nämlich auf den optisch voll krassen, aber geschmacklich eher brechreizauslösenden Süßigkeiten, sitzen geblieben. 

Die Politik baut auf die Solidargemeinschaft

Für mich ist es verständlich, dass eine Bundesministerin und unser Senat Halloween aufgrund der aktuellen Corona-Lage verbieten. Die Gründe für das Verbot wurden ausreichend erklärt. Man baue auf die Solidarität und vertraue auf das Verständnis der Bürger, hört man aus der Politik. Aus Gründen, deren Nachvollziehung mir persönlich, angesichts der verbalen Auswüchse in den Kommentarspalten der sozialen Medien, immer schwerer fällt, bauen diese Ministerin und der Hamburger Senat immer noch auf den gesunden Menschenverstand in dieser Republik. Alleine dafür muss man sie mögen.

Wenn die Schüssel voll bleibt bin ich stolz auf meine Vorstadt

Meine Familie wird die Türen nicht öffnen, sollten doch noch Geister klingeln. Wir stellen eine Schüssel mit Süßigkeiten vor die Tür und lassen die Gespenster und ihre Erziehungsberechtigten selber entscheiden, ob sie ihrem Nachwuchs gestatten wollen, sich Schnabbelkroam aus einem Behältnis zu nehmen, durch das schon so viele Geisterhände gewuselt haben. Für die Nachbarskinder um uns herum haben wir kleine Tüten gepackt – natürlich unter Einhaltung alles nötigen Vorsichtsmaßnahmen – und werden die Tütchen vor deren Türen stellen. Ein kleiner nachbarschaftlicher Gruß von den gruseligen Nachbarn gegenüber. 

Die Tür bleibt heute ungeschmückt

An die Haustür wollten wir ein selbstgemaltes Schild malen. Wir sind uns nur über den Text noch nicht einig geworden. Meine Älteste schlug vor, einfach „Wir sind in Quarantäne“ auf einen ausgefransten Pappdeckel zu schreiben. Ihre Schwester stieg sofort auf den Vorschlag ein und schlug vor die Plakataufschrift noch durch ein aufmunterndes, „Wir sehen uns auf der anderen Seite…“, zu ergänzen. Meine Töchter … einen ganz kurzen Moment war ich ein bisschen stolz auf meine Brut. Meinen schwarzen Humor hatte ich offensichtlich weitergegeben. Letztlich war mir das aber doch ein wenig zu makaber, man sollte das Unheil ja nicht heraufbeschwören… Wir lassen einfach alles ungeschmückt.

Macht den Ausfall zu etwas ausgefallenem

Ich meine, wenn Halloween für viele Familien von so großer Bedeutung ist, muss der Familienspaß ja nicht ganz auf der Strecke bleiben. Denkt Euch etwas aus für Eure Kinder, werdet kreativ, lasst die Kleinen im Dunkeln Süßigkeiten suchen, erzählt ihnen Gruselgeschichten, grillt Mashmallows über dem Feuerkorb, irgendetwas wird schon gehen, auch unter diesen Voraussetzungen. Vielleicht erinnern sich eure Kinder später einmal gerade deshalb positiv an dieses Halloween, weil ihr das Beste aus den Umständen gemacht habt.

Die Verhältnismäßigkeit darf nicht abhanden kommen

Und ein Bisschen muss man ja auch die Relationen wahren, finde ich. In einer Zeit, in der ganze Branchen um ihre Existenz fürchten müssen, sollte man auch mal darauf achten, welche großen Opfer andere bringen müssen. Wenn Hoteliers nicht wissen, ob sie ihre Angestellten bezahlen können, Gastronomen nicht wissen, ob sie ihre im Frühjahr gemachten Investitionen wieder herausarbeiten können und Künstler nicht wissen, wann sie jemals wieder auftreten dürfen, mutet das Gewese um die Halloween-Grusel-Touren doch etwas übertrieben an. 

Was ich mir wünschen würde

Ich würde es einfach angenehm finden, wenn es uns gelingen könnte, der Gesamtsituation wieder mit ein wenig mehr Realitätsbezug zu begegnen, wenn wir in der Lage wären, etwas mehr Verständnis füreinander aufzubringen, auch wenn wir nicht einer Meinung sind, und wenn wir es hinbekommen würden, die anderen und ihre Sorgen etwas mehr im Blickfeld zu behalten. Etwas weniger Aufgeregtheit, Angst, Aggression und vor allem keine Schuldzuweisungen mehr, für etwas, dass ein Virus verursacht hat. Manchmal bleibt einem eben nichts anderes übrig, als das Schicksal anzunehmen, gemeinsam zu kämpfen und das Beste daraus zu machen. In diesem Sinne, bleibt gesund.

Sentimental Journey oder Opas Regentonne darf nicht sterben

Mein Mann sitzt auf der Terasse und hört mich, wie ich auf meiner Computertastatur tippe. Er fragt: „Was machst Du gerade?“ Ich antworte: „Ich schreibe über unsere Regentonne.“ Er dreht sich um und wirft mir einen sehr besorgten Blick zu. Sagen tut er nichts, denn er hat schon lange verstanden, wann es besser ist, die Dinge einfach laufen zu lassen. Guter Mann!

Wie sollte ich ihm auch auf die Schnelle erklären, warum mir an einer angerosteten Regentonne, von der gefühlte 5 Schichten Farbanstrich abblättern, so viel liegt. Das ist so ein sentimentales Ding hatte ich gesagt, als wir das Eisenfass aus dem Garten meiner Mutter geholt hatten. „Hmmm“, hatte er dazu gesagt, seinen Blick skeptisch auf mein Objekt der Begierde gerichtet. Meine Mutter wollte das, aus ihrer Sicht, nutzlose und hässliche „Genöök“ entsorgen. Dieser Gedanke hatte meiner Seele einen schmerzhaften Stich versetzt. Schwer zu verstehen – ich weiß.

Nun steht sie in unserem Garten und wartet darauf, dass mir ein zündender Gedanke kommt, welche Rolle sie später in unserem kleinen Gartenparadies spielen darf.

Gonna make a sentimental journey, gonna set my heart at ease …

(Text und Song: Warner Chappell Music Inc.)

Mit der Sentimentalität ist es ja manchmal eine ganz merkwürdige Sache. Während es bei den meisten Menschen Gedanken an ihre erste Liebe, den ersten Kuss oder DAS erste Mal braucht, um sentimental zu werden, genügt bei mir schon ein Blick auf die alte Regentonne meines Opas. Sie ist schon sehr alt und stand ursprünglich bei meinen Großeltern im Garten. Mein Großvater hatte sie einmal getreu seinem Motto „Nur nichts umkommen lassen“, von einer Baustelle mitgebracht.

Mein Opa war Tischler und in der Nachkriegszeit machten er und seine Jungs beim Wiederaufbau unserer schönen Stadt für manches Großprojekt die Fenster, Türen oder Treppen. Wenn Material auf dem Bau entsorgt werden sollte, dann packte mein Großvater zu – natürlich mit Erlaubnis! Oft wurde, wie wir in Hamburg sagen, dabei so’n büschen geschintscht. „Du kannst das einpacken Hans, wenn Du den ander’n Kroam ook wechbringst.“ Eine Hand wusch die andere. Die Tonne, sollte eigentlich auf den Müll. Zuhause überlegte mein Großvater es sich anders. „De Tünn is heil, die geit noch“, sagte er.

Gonna make a sentimental Journey, to renew old memories…

(Text und Song: Warner Chappell Music Inc.)

Ein geeigneter Platz für die Tonne, war schnell gefunden. Hinter dem Wohnhaus meiner Großeltern stand noch ein kleineres zweistöckiges Gerätehaus. In der unteren Etage, war im hinteren Teil der Öltank für die Heizungsanlage eingelagert, im vorderen Teil hatten Rasenmäher, Fahrräder, Heckenschere und alle anderen Gerätschaften ihren Platz. Im Spitzdach des Häuschens, wohnten die Brieftauben meines Großvaters. Er war ein leidenschaftlicher Taubenzüchter. 

An der Rückwand des Gerätehäuschens rankte eine wunderschöne dunkelrote Kletterrose die Wand hoch. Gleich daneben war das Fallrohr der Regenrinne und dort sollte die Regentonne ihren Dienst antreten.

Im Innenhof wurde die Tonne gesäubert, mit Rostschutz versehen und bekam dann ihren ersten Anstrich. Dann stand sie da, in Omas Rosenbeet. Von dem Moment an hatten mein Großvater und ich ein Ritual. Jeden Abend im Hochsommer gingen wir mit unseren Gießkannen zu unserer Regentonne und schöpften Wasser ab. Dann gossen wir die Rosen, Gladiolen, Primeln und was sonst noch so blühte auf Omas reich bepflanzten Beeten. Mein Großvater erklärte mir dann, wie man die einzelnen Pflanzen, die wir begossen hatten, weiter pflegen musste, wie man Samenkapseln abnahm und wann man die neu gewonnenen Samen aussäen musste, damit der Garten im neuen Jahr wieder so schön wurde, wie im vergangenen.

Never thought my heart could be so yearny, why did I decide to roam …

(Text und Song: Warner Chappell Music Inc.)

Als meine Großeltern ihr großes Grundstück verkaufen mussten, weil die Stadt direkt vor ihrem Haus eine Brücke baute, brach für mich meine kleine, heile Welt zusammen.  Meine Großeltern, beide schon über siebzig Jahre alt, kauften sich ein neues, kleineres Grundstück und bauten darauf noch einmal ein Haus. Das war ein schwieriges Unterfangen.  Welche Erinnerungen konnte man in diesem doch schon fortgeschrittenen Alter hinter sich lassen, ohne daran zu zerbrechen? Das alte Haus hatte mein Urgroßvater mit seinen eigenen Händen gebaut und es war dank der guten Pflege meiner Großeltern, noch immer gut in Schuss. Es war eigentlich unersetzbar.

Got my bag, got my reservation, spent each dime I could afford
Like a child in wild anticipation, long to hear that all aboard…

(Text und Song: Warner Chappell Music Inc.)

Doch ich schweife ab. Natürlich nahm Opa die Regentonne mit in seinen neuen Garten. Im hinteren Grundstücksteil hatte er ein Holzhäuschen für seine Tauben gebaut, seine geliebten Tiere zogen natürlich mit ins neue Leben. Die Tonne bekam ihren Platz neben dem Taubenhäuschen und fing nun das Regenwasser auf, dass dort auf das Dach prasselte. So konnten mein Großvater und ich unser Blumen-Gieß-Ritual fortsetzen. Die Regentonne war für mich immer ein wenig mehr als altes Eisen, sie symbolisierte für mich ein Stückchen vom alten Paradies.

Als meine Großeltern verstorben waren, zog meine Mutter in das neue Haus ein. Sie verkaufte die Tauben, was ich verstehen konnte. Wenn diese Tiere nicht die eigene Leidenschaft sind, machen sie einfach zu viel Arbeit. Dann funktionierte sie das Taubenhäuschen zu einem Geräteschuppen um. Das ist bis heute so. Als sie als nächstes die alte Regentonne entsorgen wollte, protestierte ich. Damals studierte ich noch, hatte keinen eigenen Garten und war darauf angewiesen, dass meine Mutter das gute Stück für mich aufhob. Und das tat sie. Eigentlich wundert mich das bis heute, denn meistens setzte sie sich über solche Sentimentalitäten hinweg.

Countin‘ every mile of railroad track that takes me back, gotta take that sentimental journey, sentimental journey home …

(Text und Song: Warner Chappell Music Inc.)

Irgendwann hatte meine Mutter Opas Regentonne dann in Rente geschickt und ein moderneres Wiederverwertungssystem für Regenwasser installiert. Aber sie hatte sie aufbewahrt. Also stand die Regentonne ein paar Jahre gesäubert und gut eingepackt auf der hinteren Terrasse meiner Mutter und wartete darauf, dass ich sie dort wegholte. Jetzt steht sie in der Arbeitsecke unseres Gartens, immer noch gut eingepackt und wartet zusammen mit meinem Mann darauf, dass mir ein zündender Gedanke kommt, was ich nun aus ihr machen werde.

Mir schwirren ein paar wilde Ideen durch den Kopf, ein konkreter Plan fehlt noch, die Entscheidung ist noch offen. Natürlich könnte ich sie schlicht wieder als Regentonne in Gebrauch nehmen, ich möchte aber eine Lösung finden, die ein wenig kreativer ist. Ich könnte einen Bartisch aus ihr machen oder sie bepflanzen, irgendetwas mit Wasser vielleicht … da hinten liegt doch noch ein alter Quellstein … Ihr seht, da sind noch viele Einfälle zu sondieren …

Ach, wisst ihr was – helft mir doch einfach. Schreibt mir eure Ideen zu Opas Regentonne doch einfach in die Kommentare. Mich würde das wirklich freuen…

Glossar

Genöök: Im Norden meint man damit umgangssprachlich unnützes Zeug.

schintschen: Ursprünglich meint das Wort das Handeln und die illegalen Tauschgeschäfte auf dem Schwarzmarkt in der Nachkriegszeit.

Ein Baum voller Erinnerungen

Wie wird wohl dieses Jahr euer Weihnachtsbaum aussehen? Die ersten Möglichkeiten müssen schon bei der Auswahl des Baumes abgewogen werden. Soll er deckenhoch, bodentief sein oder auf einem Tisch stehen? Wird es eine Nordmanntanne, eine Nobilis oder eine Kiefer, mit Ballen oder ohne?

Trendy Tanne in der Nachbarschaft

Glänzt er mit roten und goldenen Kugeln und Omis Lametta? Jede Familie hat da wohl ihre Vorlieben oder ihre Traditionen. Für meine Nachbarin lässt sich bei der Auswahl des Baumschmucks vom aktuellen Designtrend leiten. In diesem Jahr erstrahlt ihr Baum – très chique – in den Modefarben Grau, Schwarz und Weiß. Unterstützt von ein paar geschmackvoll verteilten weißen Engelsflügeln.

Buntes Sammelsurium bei uns

Unser Baum ist nicht schick. Das war er eigentlich nie. Unser Baum ist üppig und macht Spaß. Er ist prall behangen mit glitzernden Motivkugeln, kleinen Holzfiguren und selbstgebastelten Strohsternen. Viele dieser Stücke sind Geschenke gewesen und wurden schon häufig repariert und wieder zusammengeklebt. Mit vielen von ihnen sind schöne Erinnerungen verbunden. 

Der Tannenbaum als dreidimensionales Memoboard

Unser Weihnachtsbaum ist gewissermaßen ein dreidimensionales Memoboard. Da warenOnkel Christophs Besuch im vergangenen Jahr, Oma Delis Paket aus Österreich, bis an den Rand gefüllt, mit köstlichen Weihnachtskeksen. Oder die die turbulente Schneeballschlacht, als unsere Kinder noch klein waren, in unserem Garten. Schon beim Schmücken führen wir diese Weißt-du-noch-Gespräche, und jedem fällt etwas dazu ein. Manchmal, lockert ein Eierpunsch, oder ein steifer Grog die Stimmung noch zusätzlich auf. (Die Lütten sind jetzt ja schon groß…)

Es gibt immer dieses eine, besondere Stück

Meine besondere Liebe gilt einigen uralten Dekostücken, die ich noch als an den Tannenbäumen meiner Großeltern bewundern konnte. Ein aus Holz geschnitzter Eisbär ist mein Liebling. Wenn ich ihn in meinen Händen halte, erinnere ich mich an die liebevolle Stimme meiner Oma. Mein Großvater hatte ihn für meine Großmutter geschnitzt und kunstvoll bemalt. Meine Großmutter hatte ihn mir an unserem letzten, gemeinsamen Weihnachtsfest geschenkt. Er hilft mir, mich zu erinnern, an das gemeinsame Backen mit meiner Omi und die alten Familiengeschichten, die sie mir währenddessen erzählte. Einige dieser Geschichten, habe ich meinen Töchtern auch schon weitererzählt. 

Mein Eisbär bekommt ein Makeover

Dieses Jahr werde ich mir meinen geschnitzten Eisbären einmal vornehmen. Er braucht ein wenig neue Farbe und auch ein bisschen mehr Glitzer bevor er in den Weihnachtsbaum gehängt werden kann. Und irgendwann werde ich ihn weiter verschenken, an meine Enkelkinder.

Ich wünsche euch ein wunderschönes Weihnachtsfest, mit Menschen, die ihr liebt und die euch lieben. Ein paar entspannte Feiertage und viele schöne Erinnerungen. Vielleicht habt ihr ja Lust ein paar von euren schönsten Weihnachtsimpressionen in die Kommentare zu schreiben. Mich würde das sehr freuen.

Der Geist der Weihnacht … nicht in unserer Schokolaterie

Süßer die Glöckchen nie klingen … Ein rotnasiger Rudolph zieht einen prunkvoll geschmückten Schlitten hinter sich her. Auf dem Kutschbock sitzt ein sympathisch lächelnder Wichtel und verkündet die frohe Botschaft, dass es bald Weihnachten werde und Frieden auf Erden. Hosianna, singt der Chor der Engel, den Menschen ein Wohlgefallen.

Kehrt mit seinem Segen ein in jedes Haus

Genauso müsste es sein. Eigentlich sollten die letzten Wochen im Weihnachtsmonat besinnlich sein, und uns ja auf die Festtage einstimmen. Also bitte … nichts dagegen einzuwenden … ich warte … hallooo, ich warte immer noch … tja, was soll ich sagen, ich fühle nichts von alledem.

… mit der Rute, mit der Knute …

Meine Weihnachtsrealität sieht etwas anders aus. In meiner Vorstadt oder wie man heute auf Cooldeutsch sagt, meinem Hood will sich dieses heimelige Weihnachtsfeeling noch nicht einstellen. Bei uns im Ort herrscht aufgeregte Geschäftigkeit, in der Post steht die Schlange der Menschen, die auf den letzten Drücker noch Päckchen an ihre Lieben verschicken wollen, bis auf die Straße. Ihre Ungeduld ist fast körperlich zu spüren. Schlange stehen, macht zornig. Postbeamter möchte ich in diesen Tagen hier nicht sein. 

Am Weihnachtsbaum, die Lichter brennen …

Die Ladenbesitzer haben Geld eingespart und in diesem Jahr keine Beleuchtung in unseren Straßen installiert. Auch wenn ich die funkelnden Sterne über unseren Straßen ein wenig vermisse, in Zeiten, in denen der Energieverbrauch dringend gesenkt werden soll, war das eine richtige Entscheidung. Die Deko in den Schaufenstern ist nachhaltig aus Naturprodukten gestaltet worden – überall – denn hier sprechen sich die Händler ab. Einzige Ausnahme ist das Bekleidungsgeschäft an der Ecke, dort dachte man wohl, es brauche etwas mehr Lametta.

Dashing through the snow … äh, Maaatsch …

Es ist auch nicht der Himmelpforten-Weihnachtsschlitten, der durch unsere Straßen gleitet, sondern eine Kutsche der Reitschule Fallweich, die diese Aufgabe traditionell schon viele Jahre übernimmt. Herr Fallweich hält alte Traditionen aufrecht, so wie das Glühweintrinken auf seinem Hof. Anstatt eines niedlichen, rotnasigen Rudis, zieht ein schwarzes Pony namens Wotan, eine kleine Kutsche durch unseren belebten Dorfkern. In der Kutsche sitzen zwei durchgefrorene Kinder, die Werbung für den Adventsmarkt auf dem Gelände der Reitschule Fallweich machen sollen. Wotan wird von Fritz, einem der Pferdewirte geführt. 

Fritz hasst diesen Job, er liebt die Pferde aber er geht nicht so gerne unter Menschen. Mit dem freundlichen Wichtel, auf dem Kutschbock des Weihnachtsschlittens, hat er nichts gemeinsam. Immer wenn sein Arbeitgeber ihn zwingt, unter Menschen zu gehen, tut er das mit einem grimmigen Gesichtsausdruck, der ihm die Aura eines nicht rehabilitierten Serientäters verleiht.

In der Weihnachtsbäckerei, da gibt’s so manche Leckerei …

Ich steuerte den Laden mit den Süßigkeiten an. Wo würde ich den Geist der Weihnacht finden, wenn nicht dort? Als ich die Tür öffnete waberte mir eine feine Wolke aus Zimt- und Bratapfelduft entgegen. Hinter der Auslage mit den Trüffeln, den Zimtsternen und den Nougatstückchen stand ein junger Mann, den ich in diesem Geschäft vorher noch nie gesehen hatte. Er sah aus, als wolle er seine Kundschaft gleich mit Bremer Stollengebäck bewerfen. Seine beiden Kolleginnen wirkten weitaus entspannter. Sie waren beide mit dem Auffüllen der Regale beschäftigt. 

Morgen, Kinder wird’s was geben …

Vor mir stand eine ältere Frau, sie war bestimmt schon über achtzig Jahre alt. Sie erzählte ihm, sie wolle ein paar Süßigkeiten für ihre Urenkel zusammensuchen. Die Zwei sollten etwas zum Knabbern haben, wenn sie sie am Nikolaustag besuchten. Die Vorfreude stand ihr ins Gesicht geschrieben.

Der junge Mann blickte ihr gelangweilt ins Gesicht und sagte recht unfreundlich: „Ja schon gut, was möchten sie denn?“ Die alte Frau war sichtlich verunsichert. Ich sah ihn verwundert an, hinter mir gab eine andere Kundin ein entrüstetes Schnauben von sich. „Äh, ja also … ich … können Sie mir bitte sagen, welche Füllungen die einzelnen Schokoladensterne haben?“ Der Verkäufer stöhnte auf, machte eine wischende Geste über der Auslage und sagte genervt: „Eierlikör, Nougat, Pistaziencreme, Krokant, Baileys…“ Ohne die alte Dame eines weiteren Blickes zu würdigen, griff er nach einem Zellofantütchen und einer kleinen Zange und fuhr die Ärmste an: „So, kann es JETZT losgehen?“

Die Alten schauen himmelwärts …

Die Dame brauchte etwas Zeit und sie tat mir langsam auch schon leid. Ich finde, so ein Einkauf sollte doch Spaß machen und keinen Stress verursachen. „Ja bitte, also ich möchte zwei solche Tütchen voll haben und sie können alles mischen, was keinen Alkohol beinhaltet“, antwortete sie und wirkte etwas durcheinander. „Wieviel Gramm“, zischte er ihr zu. „Ach, junger Mann, das kann ich doch nicht schätzen, machen Sie beide Tüten einfach voll“, sagte die Kundin und guckte mittlerweile sehr traurig. Der junge Mann guckte extrem genervt und sagte: „Also wieviel Sterne jetzt, vier, fünf oder mehr…“ Die alte Dame sah jetzt aus, als würde sie jede Sekunde in Tränen ausbrechen.

Ihr Hirten erwacht …

Mir wurde es jetzt zu viel. Was fiel diesem untauglichen Exemplar eines Süßwarenverkäufers eigentlich ein. Ich stellte mich neben die alte Dame und sagte scharf: „Wo liegt eigentlich Ihr Problem? Die Dame hat doch deutlich, für alle anderen hier verständlich, gesagt, dass sie die Tüten voll machen sollen. Wenn Sie das nicht hinkriegen, komme ich gerne rum zu Ihnen, und erledige das für Sie.“

„Ich werde hier schon den ganzen Tag von Kunden überrannt. Stellen Sie sich das mal nicht so einfach vor“, versuchte er sich zu verteidigen. Sich einfach zu entschuldigen wäre sicherlich die bessere Lösung gewesen. Denn jetzt meldete sich auch die Frau hinter mir zu Wort. „Och herrje … freuen Sie sich doch darüber … die Weihnachtszeit ist ihre beste Verkaufszeit … der Umsatz in dieser Zeit sichert Ihnen doch ihren Arbeitsplatz, versuchen sie es doch mal so zu sehen.“

So tröstet in Freude, auf Bethlehems Weide …

Murrend schaufelte der Verkäufer mit dem Erziehungsdefizit Schokosterne in die Tüten, kassierte und überreichte der älteren Dame ihre Urenkelpräsente. Der Frau ging es sichtlich besser, die Schützenhilfe hatte ihr gut getan. Als ich an der Reihe war, sah ich „dem Feind“ gerade in die Augen und sagte: „So ich hätte gerne zwei Tüten voll, von den Schokosternen, nur die ohne Alkohol. Wieviel Gramm sind das wohl?“ Hinter mir konnte die andere Kundin nur mit Mühe ein Lachen unterdrücken. 

… gesegnet seid ihr alten Leute …

Ich weiß, dass es nicht immer leicht ist, im Einzelhandel zu arbeiten. Manche Kunden sind nervig, arrogant und vielleicht sogar übergriffig. Trotzdem erwarte ich professionelles Verhalten, wenn es dann noch freundlich ist, freue ich mich. Und wenn man mal einen schlechten Tag hat, dann sollte man sich als Sparringspartner doch bitte nicht eine 85jährige Frau aussuchen. Das finde ich feige.

Nach diesem Erlebnis, habe ich mich zu Hause erst einmal mit meinen Schokosternchen und einer guten, dampfenden Tasse Kaffee aufs Sofa gekuschelt. Nach ein paar Schlucken entspannte ich mich und so langsam zog sie bei mir zuhause ein, die Weihnachtsstimmung. 

Nachbarn sind ein bisschen wie Gelenkschmerzen…

Aaarghh, was war denn das für ein schriller Ton? Es war Sonntagmorgen, 7.00 Uhr!!!! Hatte da tatsächlich jemand an der Haustür geklingelt? Da schon wieder ein, zwei, drei… FÜNF Mal.

Frau Nörgel agiert sehr bedürfnisorientiert

Ich schnellte hoch und dachte: Das muss die Feuerwehr sein, oder die Polizei, sonst würde sich das niemand trauen. Dohoooch, meine Nachbarin Frau Nörgel, aus der Häuserreihe hinter uns, traute sich das.

Ohne guten Morgen zu sagen, sprudelte es ansatzlos aus ihr heraus: „Ich habe einen Gärtner beauftragt.  Das ist ja eine Zumutung, sie haben ja sicher nichts dagegen, sind bestimmt froh – da kommt eine Hecke hin.“ Sprach es, machte auf dem Treppenabsatz kehrt und entschwand im Morgennebel.

Dichte Nebelschwaden lagen über meinem Bewusstsein…

Ich stand da, wie vom Blitz getroffen. Langsam, gaaanz langsam, drangen die Worte meiner Nachbarin in mein noch ziemlich verschlafenes Bewusstsein. Hecke? Ich bin eine Zumutung?? Und ich bin froh darüber??? Während mein, vor sich hindösendes Selbst, sich aus der Twilightzone ins Jetzt vorarbeitete, ging mein Körper in die Küche und machte dem Rest von mir einen Kaffee.

Hecke? Oh ja, die Hecke

Hecke, Hecke…. langsam dämmerte es mir. Wir hatten gestern die Hecke hinter unserem Grundstück komplett heruntergeschnitten. Sie war völlig verwildert, von Totholz durchzogen und hatte unseren Holzzaun komplett überwuchert. Der erste Schluck Kaffee rann meinen Hals herunter. Ahhh, Koffein durchflutete meine Adern, Adrenalinausschüttung, Wiederbelebung – ICH WAR WACH!

Das Bermudadreieck der Nachbarschaft

NACHBARN!!! Nachbarn sind ein bisschen wie Gelenkschmerzen. Man hat sie, sie sind ständig da und es gibt kein wirklich wirksames Gegenmittel. Manche haben Glück und haben nette Nachbarn. Aus Nachbarschaft kann Freundschaft entstehen….

Meine Nachbarin Frau Nörgel und ich waren keine Freunde. Und die Umfragewerte 2019 sagten, dieser Trend würde sich verstärken. Überhaupt hatten mein Mann und ich das Gefühl, was die Nachbarschaft betrifft, hatten wir das Bermuda-Dreieck bei uns in der Straße erwischt. Die Netten wohnten eindeutig auf der anderen Seite vom Ring.

Ich stelle vor – La Nörgel

Meine Nachbarin, Frau Nörgel war eine Frau in den blühenden Siebzigern. Das drahtige Persönchen war etwa 1,60 groß. Ihre pechschwarz gefärbten Haare, trug sie als schicke Ponyfrisur. Während sie redete, warf sie ihren Haarkranz keck nach hinten und erinnerte mich dabei ein wenig an die Sängerin Mireille Matthieu – den Spatz von Avignon … oder an den Schauspieler Robert Wagner, als er den Prinz Eisenherz spielte. Aber ich schweife ab.

Frau Nörgel legte Wert darauf, geistig nicht einzurosten. Sie besuchte regelmäßig Vorlesungen in Archäologie, an der Hamburger Uni und hielt sich auch sonst auf dem Laufenden. Sie bewegte das Leben und das Leben der anderen bewegte sie und für alles Weitere hatte sie ihren Neffen, der ist Gärtner…

Friede, Freude, Heckenfetischisten

Zwei Tage später sehe ich, wie Frau Nörgel aus ihrer Haustür trat und meine Gartengrenze anvisierte. Das Frühstücksbrötchen hatte sie noch nicht ganz verdaut und schon war sie wieder aktiv, meine Nachbarin. In grünen Gummistiefeln und Aldi-Wachsjacke stand sie vor meinem Gartenzaun und wartete. Da fuhr er auch schon vor, der Sohn ihres Bruders. Er hat eine ganze Wagenladung Gartengeräte bei sich.

Seine Tante wiest ihm, armewedelnd einen Parkplatz zu. Dann lud der Landschaftsspezialist seine Gerätschaften vom Laster. Ich war schon gespannt, was jetzt wohl kommen mochte. In Erwartung eines netten Gesprächs, stand ich an unserem Zaun und wartete darauf, etwas zu hören wie: „Guten Morgen Frau Jaklitsch. Wo an ihre Grundstücksgrenze dürfen wir die Bäumchen denn pflanzen?“ Aber nichts dergleichen …

Schwerstarbeiter quasseln nich‘

Ächzend, mich keines Blickes würdigend, schleppte der Gärtner meiner Nachbarin nicht weniger als 10 mannshohe Kirschlorbeerbüsche vor meinen Gartenzaun und die dort heruntergeschnittene Hecke.

Das ist echt viel Grünzeug, dachte ich. Zog man in Betracht, dass von der 18 Meter breiten Pflanz-Strecke, noch etwa zwei Meter Gartenweg und der Durchmesser eines städtischen Abwassersiels abgezogen werden mussten, passten vielleicht gerade die Hälfte der Lorbeerbüsche in eine Reihe.

Ich holte mir einen Kaffee, stellte ihn auf meine gelbe Tonne und wartete auf die längst fällige Erklärung der Garten-Guerillas… Als Neffe Nörgel wortlos zum Spaten griff und loslegen wollte,holte ich tief Luft und fragte mal ganz unverbindlich nach: „Wo sollen die denn alle Platz finden?“

Don’t insult my Gartenzaun

„Meine Tante will zwei Reihen, damit sie ihren hässlichen Zaun nicht mehr sehen muss“, antwortete der Berufsneffe brummig. Ja, ne is klar, nur keine Hemmungen junger Mann, dachte ich. Mein inneres Oooohmmmmm rang nach Fassung.

Ich merke, dass das Koffein langsam seine Pflicht tat, meine Schläfen begannen zu pochen. Langsam stützte ich mich auf meinem Bonanza-Zaun ab. Mir war schon klar, dass ich mit meinem 70er-Jahre-Zaun bei einem Schönheitswettbewerb keinen Blumenpott gewinnen würde. Aber so nicht, mein Lieber, dachte ich.  Mein Zaun gehört zur Familie!!! Ich holte hörbar Luft. Einatmen …, ausatmen …, einatmen …, ausatmen …

Meine Augen verengten sich zu Schlitzen, meine Stimme wurde betont freundlich: „Passen Sie mal auf, Sie Experte. Das ist ein original Bonanza-Zaun aus den Siebzigern. Sozusagen eine Gartenskulptur! Uhuuuund der wird hier noch stehen, wenn Ihre Tante ihre Siebziger schon längst verlassen hat!“ Es geht doch nichts über eine gepflegte, sachliche Konversation zwischen Erwachsenen.

Ein Gespräch unter Erwachsenen

Was nun folgte, waren Verhandlungen, geprägt von großer Offenheit. Ehrlicher Umgang ist so wichtig, wenn ein Gespräch zielführend enden soll.

Ein Gespräch, auch zwischen Nachbarn, ist laut Wikipedia eine Unterhaltung. An der Gesprächsausübung sind alle beteiligt. Innerhalb dieser Unterhaltung lösen sich unterschiedliche Gesprächsstrukturen ab: Dialog, Geplauder, Zuhören… und ich möchte noch aus meiner Sicht hinzufügen – EXPLODIEREN!!!

Frau Nörgel mischte sich ein und ich dachte, ich höre nicht richtig. „Pflanz’ die Büsche doch einfach davor, Fred“, wies meine Nachbarin ihren Neffen an. Fred der Gärtner zauderte nicht lange und rammte seinen Spaten direkt vor meiner zurückgeschnittenen Hecke in den Mutterboden. „Moooooment mal“, unterbrach ich seinen Arbeitseifer, “das ist doch wohl nicht Ihr ernst, Herr Fred!“ Er guckte mich verständnislos an…

Schlicht und einfach – ein Therapieversuch

Gärtner-Freddy verstand ganz offenkundig nicht, worin der Kern meines Protestes lag und sagte: „Meine Tante will das so!“ Ummpfff!

„Schauen Sie mal“, sagte ich mit meiner Klangschalen-Therapie-Stimme, „die alte Hecke wird wieder ausschlagen, das wissen sie als gelernter Gärtner doch. Und das IST NICHT SCHÖN und unheimlich schwer sauber zu halten – nicht wahr???“ Das sei ihm egal, antwortete der Neffe, er wolle sich das mit seiner Tante nicht verderben. Junge, dachte ich bei mir, hast Du Todesehnsucht? Laut sagte ich: „Sie hören sofort auf zu graben und sperren mal ihre Ohren auf – Beide!“

Die Behördenkeule – völlig wirkungslos

Und: „Der Grünstreifen gehört der Stadt, ist also öffentliches Gelände und darf nicht so zugewuchert werden. Zwischen unseren Häusern müssen mindestens 4 Meter Rettungsgasse freibleiben, damit alte und gebrechliche Menschen, wie ihre Tante ins Krankenhaus abtransportiert werden können.“ Frau Nörgel japst nach Luft…

„Eeeerstens“, kontert Nörgel junior, „ist meine Tante gar nicht krank und überhaupt, wer sagt denn das? Ähh, also das mit dem Abstand?“, will Fred der Gärtner. „Die Baumschutzverordnung, die Hamburger Behörde fürs Management für öffentliche Räume und der gesunde Menschenverstand ….“, antworte ich mit zusammengepressten Zähnen.

Kann man optisch denken?

Mein Gegenüber legte die Stirn in Falten, kräuselte seinen Mund und gab einen leisen Zischlaut von sich. Freddy der Hecken-Fetischist dachte offensichtlich angestrengt nach. „Okiiiidokiiiii“, sagte er. Hoffnung keimte in mir auf. Hatte er verstanden? Würde er nachgeben?

Nein, nicht wirklich. „Na gut BESTE FRAU (das bin dann wohl ich), dann setz ich eben nur eine Reihe. DU (das bin dann wohl auch ich) musst dann eben die alte Hecke kurzhalten.“ Ich lief rot an, mein inneres Oooohmmmmm prügelte auf den Beruhigungsgong ein, vergeblich. Jetzt wollte ich ihm richtig wehtun….

„Jetzt passen Sie mal auf Sie distanzloser Blumenzwiebel-Werfer. Es heißt immer noch Frau Jaklitsch und SIE! Weiß ihr Chef eigentlich, welchen Murks Sie hier in seinem Namen verzapfen?“, schleuderte ich ihm entgegen.

Betretenes Schweigen beim Gartenexperten. Da hatte ich wohl einen Nerv getroffen. Trotzdem buddelte er unbeirrt weiter. Ich fasste einen Entschluss: Erstens brauchte ich einen Schnaps, zweitens musste ich unbedingt die Mistforke wieder abstellen und drittens ….

Busch-Wars – oder die Rache der Eingepflanzten.

Wortlos griff ich zu meinem Handy, machte ein paar Fotos. Von meinem Zaun, der alten Hecke, den neuen Büschen und nahm eine Weile auf Video auf, wie Freddy der Nörgel-Gärtner, hinter meinem Grundstück einen kleinen Regenwald pflanzte. Mit yodaesker Gleichmütigkeit ignorierte ich sein dümmliches Grinsen. Auf seinem Pritschenwagen prangte das Logo seiner Firma, darunter stand auch die Telefonnummer. Ich wählte…

So nämlich!

Die nächste halbe Stunde, verschickte ich ein paar E-Mails und verbrachte meine Zeit im lockeren Gespräch mit Nörgel-Freddys Chef. Kurz darauf klingelte das Handy des Gärtner-Neffens. In den nächsten fünf Minuten wechselte seine Gesichtsfarbe mehrfach von krebsrot zu aschfahl. „Ja Chef…“, stammelte er.

Meine Verhandlungen hatten folgendes Ergebnis hervorgebracht: Fred der Gärtner musste meine alte Hecke ausgraben, danach setzte er in gebührendem Abstand zu meinem Bonanza-Denkmal, fünf Büsche und transportierte nach getaner Arbeit, alles was störte, lautlos und unauffällig, im Pritschenwagen seines Chefs ab. Kosten? Nicht meine Baustelle.

Um es mal mit Yoda zu sagen: „Die Macht des Bonanza-Zauns ich hatte, zerstören sie Dich kann…“

Montagsmontage, gibts denn sowas?

Wir alle kennen das ja, wie das ist, wenn man ein Montagsauto gekauft hat. Nichts funktioniert zuverlässig. Wichtige Bauteile des Fahrzeugs, müssen einen Tag nach Ablauf der Garantie für horrende Summen ausgetauscht werden und natürlich haucht der Wagen seinen letzten Atemzug, im klirrend, kalten Winter nachts auf eine einsamen, unbeleuchteten Landstraße, aus.

Nachts allein in der Walachei

Ich weiß, wovon ich spreche, mir passiert immer so etwas. Weil ich auf der einsamsten und auch unheimlichsten Straße in Stormarn liegen blieb, noch dazu in einem der weit verstreuten Funklöcher, blieb mir nichts anderes übrig, als einen zweistündigen, kalten Spaziergang hinter mich zu bringen, bis mein Handy wieder funktionierte und ich mir Hilfe rufen konnte. So wie diese Erfahrung war am Montag der ganze Tag.

Geblendet von soviel Aufmerksamkeit

Ich musste zu einem frühen Termin und musste feststellen, dass das Scheinwerferlicht auf der Fahrerseite defekt war. Natürlich führte mich mein Weg zum Kunden vorbei an zwei! Polizeiwachen. Ich schwitze Blut, wurde aber nicht angehalten. Ganz anders lief es aber auf der Straße. Gerade an diesem Montagmorgen schienen alle anderen Fahrer knallwach und aufmerksam zu sein. Nach etwa fünf Minuten hatte ich soviel Abblendlicht auf die Pupillen bekommen, dass nur mit Mühe der Versuchung widerstand, morgens im Dunkeln eine Sonnenbrille aufzusetzen.

Schnell noch ein paar Besorgungen

Der Unterricht verlief im Vergleich dazu, nahezu reibungslos. Nach meiner Hundestunde wollte ich noch ein paar Sachen aus unserer örtlichen Apotheke besorgen. Eigentlich eine ganz einfache Sache, wenig gefahrenträchtig, möchte man meinen. Ich stellte mich auf den Bitte-wahren-Sie-die-Diskretion-Punkt und wartete, dass eine der fünf Kassen frei werden würde. Genau in der Mitte ging eine ältere Dame, nachdem sie der netten Apothekerin von der Klassenarbeit ihres Enkels, den Macken ihres Hundes und den neuen Nachbarn mit dem komischen Auto erzählt hatte.

Ein Lungenvolumen, wie eine Operndiva

Ich war dran, hinter mir standen etwa 10 Personen, die auf Bedienung warteten. Und zur Info, mit Diskretionsabstand meint man in unserer Vorstadtapotheke stattliche 1,20 Meter. Ich sagte also recht verhalten: „Bitte zwei Schachteln Pflaster, etwas Vitamin B12 und eine Salbe gegen Lippenherpes.“ Die nette Apothekerin sah mich an, holte tief Luft und posaunte: „Wie war das? LippenHERPES!!!!????“ Der Chor der himmlischen Engel verfügte über kein größeres Stimmenvolumen, als diese Frau, herrgottnochmal.

Wenn „in der Erde versinken“ eine gute Alternative ist

Ich beugte mich etwas vor, und wiederholte mein Anliegen. Daraufhin sprintete die Gute von einem Regal zum anderen und ließ mir auf ihre unnachahmliche Weise noch ein paar Infos zukommen. „Also wir haben gegen HERPES! Salben aber auch Gels mit verschiedener Wirkstoffstärke. Die hier hilft, wenn der HERPES! noch nicht so schlimm ist und diese, wenn der HERPES! schon vollständig ausgebrochen ist. Da muss man stärkere Geschütze auffahren.“ Sie schaute mich zufrieden an, Aufklärung war ganz klar ihre Passion.

Ich konnte hören, wie hinter mir jemand kicherte und ein anderer ein Lachen unterdrückte. Mir wurde heiß und jedes Mal, wenn die nette Apothekerin das Wort HERPES! intonierte, schrumpfte ich gefühlt um fünf Zentimeter. Ich räusperte mich und antwortete: „Ähm, also … ich denke, die Erste wird reichen, danke.“ Nachdem wir nun die volle Aufmerksamkeit aller Anwesenden hatten, durfte ich endlich bezahlen.

Selbstverleugnung für Anfänger

„Haben Sie eine Kundenkarte bei uns“, fragte die nette Apothekerin und dann, „wie war bitte ihr Name?“ Im Augenwinkel konnte ich wahrnehmen, wie sich nun auch die Letzten gespannt zu uns umdrehten. Ich holte Luft und sagte inbrünstig: „SCHRÖDER, mein Name ist SCHRÖDER und ich zahle bar.“ Ja, ja, ich weiß … da ich nun in unserem Dorf relativ bekannt bin, war das zugegebenermaßen ein recht schlapper Versuch von Identitätsverschleierung.

Ich bezahlte, und wollte gerade gehen, als mir die nette Apothekerin, mit der Macht der Engelschöre noch ein, „Ist aber nicht im Intimbereich anzuwenden, gell“, hinterher schmetterte. Irgendjemand in der Apotheke begann schallend zu lachen, was mir die Gelegenheit gab, mich dünne zu machen. Was war nur mit dem heutigen Montag los, dachte ich. Ich hungerte nach einem positiven Erlebnis und … ging in den Supermarkt.

Eine kleine Verschnaufpause

Nicht einmal die Hälfte des Tages war geschafft und ich hatte jetzt schon das Gefühl, ich würde durch klumpigen Pudding waten. Im Supermarkt, so hatte ich das Gefühl, wurde es dann besser. Ich traf meine Freundin Paula vor der Käsetheke. Wir umarmten und unterhielten uns. Ich entspannte mich wieder ein wenig. Der Rest des Einkaufs verlief … ich würde sagen, unkoordiniert aber ohne größere Vorkommnisse.

Mein kleiner Pausensnack

Da ich schon bald eine weitere Hundestunde geben musste, wollte ich Zeit sparen und mir zuhause kein Essen machen müssen. Deshalb ging ich zur Salatbar und stellte mir aus den frischen Zutaten einen leckeren, griechischen Salat zusammen. Ich liebe Feta und Thunfisch. Zuletzt goss ich noch zwei Kellen von der leckeren Knoblauchsoße über den Salat.

Der Montagsmontagbann schien gebrochen. Zuhause angekommen übernahm meine Tochter das Auspacken der Einkaufstaschen. Ich will mal unerwähnt lassen, dass ihr auf dem letzten Meter zum Kühlschrank die Einkaufstüte gerissen ist. Es war ja alles heil geblieben. Außerdem wäre das ja dann ihr Montagsmontagerlebnis.

Der pure Genuss – nicht!

Ich hatte mir meinen knackigen Salat inzwischen auf einem Teller angerichtet und freute mich auf einen kurzen, ruhigen Moment vor der nächsten Stunde. Eine Frau und ihr Salat, frei nach Hemingway, sozusagen… Ich packte die Gabel voll, schob das Essen in den Mund. Doch der leicht scharfe Genuss, das feine Zusammenspiel von frischer Gurke, schwarzen Oliven und dem leckeren Knoblauchdressing wollte sich einfach nicht einstellen. Es schmeckte … absolut ekelig … ich spuckte alles wieder aus.

Noch während ich meinen Mund und meine Zunge reinigte, sagte meine Kundin per Whats App ab und ich fand das gar nicht schlimm. Ich war fertig mit diesem Montagsmontag! Der sollte ja nicht noch mal ankommen und was von mir wollen! An dieser Stelle habe ich noch einen wichtigen Gourmet-Tipp für euch. Thunfisch mit Vanillesoße ist nur für Hartgesottene und Brille auf, an der Salattheke. Die Geschmacksnerven werden es euch danken.

Elternabend – Das Bewertungssystem

Nichts ist so unterhaltsam und schön wie ein Elternabend, abgesehen davon, sich bei einem Helene Fischer Konzert in der ersten Reihe einen Tinitus einzuhandeln.

Sie/Er machte sich mit großem Eifer an die Erledigung seiner Aufgaben… (Zeugnistext, Quelle unbekannt)

Die Leistungsbewertung unserer Kinder war an unserer Schule schon immer ein sehr emotionsgeladenes Thema. Und wenn ich ehrlich bin, beneidete ich Klassenlehrer Drögeraus nicht für seine Aufgabe, uns Eltern, das von der Schulbehörde, neu eingeführte Bewertungssystem zu erklären. Als das neue Zensurenschema auf dem neuen Smartboard erschien, hörte ich schon ein leises Pfeifen im inneren Gehörgang.

Man muss sich Folgendes vor Augen halten. Zu Beginn eines jeden neuen Schuljahres und auch während dieser Zeit, wird diese arme, arme, gebeutelte Schulbehörde *ironieaufvollentouren von den Eltern traktiert. Das Benotungssystem sei unübersichtlich, nicht geeignet für individuelle Auswertungen, zu altbacken, zu schwammig, zu leicht zu missbrauchen, sollte strenger sein oder es sei gänzlich überflüssig.

Engagierte Eltern sind etwas Wundervolles

(Unser Schuldirektor)

Eltern wollen weniger Notendruck für ihre Kinder, die Schule soll ein positiver Erlebnisraum sein. Die gewählten Elternvertreter reichen Gutachten darüber ein, dass die Vergabe einer „Drei“ für eine nur so mittelgute Klassenarbeit stigmatisierend für die Kinder sei, eine „Vier“ hingegen bereits Körperverletzung. Das könne die Elternschaft so nicht mehr dulden und rufe deshalb bei Nichtänderung, zur Eltern-Vollversammlung auf dem Gänsemarkt zusammen – so nämlich.

Die Hardcore-Montesoriker unter den Erziehungsberechtigten fordern sogar die totale Ausradierung eines numerischen Bewertungssystems und wünschen sich für jedes Kind, für jeden Test, jedes Referat und jeden Pups, den der Nachwuchs im Klassenzimmer abliefere, eine individuell abgefasste, schriftliche Bewertung vom aktiven Lehrkörper.

Wir Lehrer haben auch Familie!

(Unser Klassenlehrer)

Das wiederum treibt dann die Lehrer und die dazugehörigen Berufsverbände auf die Barrikaden, denn dafür sei man schließlich nicht Beamter geworden, dass sei zu viel Arbeit, nicht zu schaffen – der Gruppenburnout stehe schon am Schulgatter und winke aufgeregt mit bunten Fähnchen.

The Schulbehörde strikes back

(Han Solo)

Man stelle sich mal diese Misere vor, vor der der Hamburger Senat und seine Beamten in der Schulbehörde stehen. Wie will man da allen berechtigten Interessen gerecht werden? Einerseits hat die Behörde als Dienstherr eine Verpflichtung den Lehrern gegenüber, andererseits will man in der nächsten PISA-Studie ein besseres Ergebnis abliefern und den Bayern nicht wieder die Gelegenheit geben, Plakate mit der Aufschrift „Der Norden ist doof“ herzustellen.

Fällt euch auch was auf? Rischtiiiig! Die Kinder werden bei all diesen Überlegungen schon gar nicht mehr erwähnt. Wir, das heißt unsere Kinder und wir, müssen uns jetzt mit dem herumschlagen, das dabei rauskommt, wenn man in Hamburger Behörden, Beamte fortwährend unter Druck setzt. Was unsere Behörde unseren Kindern nach Klasse 5 und einer laaaangen Sommerpause vor die Füße geworfen hatte, brachte sogar die Lehrer ins Schlingern.

Nichts bleibt wie es ist

(Marc Aurel)

Klassenlehrer Helmut Drögeraus stellte sich vorne an die Tafel, und bevor er überhaupt noch ein Wort gesagt hatte, zuckte er entschuldigend mit den Schultern. Dann erklärte er uns, dass die Schulabschlüsse an den Stadtteilschulen fortan „Erster Schulabschluss“- formerly known as Hauptschulabschluss – und „Mittlerer Schulabschluss“ – formerly known as Realschulabschluss – heißen sollten.

Diese beiden Schulabschlüsse werden als ESA und MSA in die Hamburger Schulgeschichte eingehen. Nur das Abitur sollte weiterhin Abitur heißen, was eigentlich ein wenig enttäuschend war. Dafür hätten sich die Beteiligten nun wirklich auch etwas Nettes, Schwungvolles ausdenken können. In den Stadtteilschulen, eine etwas unübersichtliche Zusammenführung, der vormals bestehenden Haupt- und Realschulen, dann auferstanden aus der Asche, der zwischendurch existierenden Gemeinschaftsschulen, mussten die Schüler für jeden dieser Schulabschlüsse fortan eine Prüfung ablegen, die sich gewaschen hatte.

Wer’s glaubt hat selber Schuld

(Alle Eltern)

Offizielle Argumentation: So würden die Schüler schon mal die Gelegenheit bekommen, sich dem Stress einer realen Prüfungssituation zu stellen. In Wahrheit, das behaupte ich jetzt einfach mal, sollte gesiebt werden. In unserer Klasse, hat letztlich nur 1/3 der Schüler die Zulassung zur Oberstufe bekommen und somit jetzt die Möglichkeit das Abitur zu machen. Ein Schelm, der Böses dabei denkt.

In den Gymnasien gibt es diese Zwischenprüfungen übrigens nicht. Gymnasiasten haben in Hamburg den MSA automatisch mit dem Bestehen der 10. Klasse geschafft. Dafür hat man in den Stadtteilschulen ein Jahr länger Zeit, das Abitur zu machen. Na, da sage ich doch, ein Hoch auf die Gleichbehandlung und Chancengleichheit für unsere Kinder. *yayyyy

Stellt Euch einfach vor, Wilhelm Tell hätte damals nicht getroffen…

(Ich)

Zu den Themen Chancengleichheit und Transparenz sei am Rande noch zu erwähnen, dass es in Zukunft E- und G-Noten geben sollte. Also Unterricht auf E = erhöhtem Niveau, Ziel ist das Abitur, und auf G = grundlegendem Niveau, Ziel sind die beiden anderen Abschlüsse. Ein Beispiel: Bekommt ein Schüler, sagen wir in Deutsch, eine G2, bedeutet das auf Gymnasialniveau eine „5“ und auf Realschulniveau eine „4“. Schreibt er eine E3, bedeutet das auf Gymnasialniveau eine „3“, auf Realschulniveau ist die gleiche Note aber mit einer „2“ vergleichbar. An dieser Stelle darf man als Außenstehender straffrei fragen, ob „Die da“ in der Schulbehörde eigentlich noch alle Tassen im Schrank haben.

Die Gefahr für G-Abschliesser, nämlich dass die Firmen, bei denen diese Schüler sich auf Lehrstellen bewerben, diesen Schulabschluss als zweitklassig einstufen, sehen die Schulbehördler nicht. Was von Dagmar, der Inhaberin einer ortsansässigen Schneiderei so kommentiert wurde: „Absolut weltfremd, natürlich schauen wir, auch erst einmal ob sich auch Abiturienten bei uns bewerben. Als ob Bildungsniveau in unserem Beruf nicht so wichtig wäre.“

Herr, vergib Ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun

(Jesus)

Doch zurück zu unserer Veranstaltung. Lehrer Straightforeward stand vor dem Smartboard mit einem Zeigestock in der Hand und begann mit seinen Ausführungen zum Prüfungssystem: „Also in Stufe 9 kann man den ESA erreichen oder eine Prognose für den MSA in Stufe 10.“ Äh, ja. Uhuuuund weiter geht’s: „Wer durchschnittlich G2 Noten in den Fächern hat, hat den ESA nicht automatisch, äh, oder doch? Da hake ich noch mal nach.“ Ein Vater, der drei Stühle neben mir saß, war eingenickt. Ich hörte ein leises Schnarchen und wartete darauf, dass der Mann jede Minute vom Stuhl rutschen würde.

„Müssen denn wirklich alle Kinder die Prüfungen für den ESA schreiben“, fragte Ulrike, die Mutter der hochbegabten Anne-Sophie. Ihr Ton ließ keinen Zweifel daran, dass die Teilnahme ihrer Tochter an diesem „Niedrig-Niveau-Test“, unter ihrer Würde wäre und einen dunklen Fleck auf der Familienbiografie hinterlassen würde. Diese Frage brachte unseren Deutschlehrer in Erklärungsnöte, er wusste es offensichtlich nicht.

Der rote Faden zieht sich zurück…

(frei nach Goethes Wahlverwandtschaften)

Straightforeward dachte daraufhin laut nach, was die Verwirrung nur noch steigerte: „Also, wenn man den ESA schreibt und besteht, ist alles gut, wenn man eine gute MSA-Prognose hat, braucht man das aber wohl nicht … oder … was wäre, wenn man auf den ESA verzichtet, wegen einer guten MSA-Prognose? Dann aber schlechter werden würde und den MSA nicht schafft? Kann man dann den ESA nachschreiben oder besser den MSA wiederholen … Helmut, hilf mal, weißt Du das?“ Ich hatte kurz den Eindruck, der Mann würde gleich in Tränen ausbrechen.

Unmut ist des Lehrers Lohn

(deutsches Sprichwort frei interpretiert)

Das Publikum hatte mit dem weinerlichen Straightforward kein großes Mitleid und wurde ungeduldig. Es entstand ein allgemeines Geraune: „Schlecht vorbereitet … sowas müssen die Lehrer doch wissen … selber keinen ESA in der Tasche, oder was … wenn die das schon nicht kapieren … wie wollen die zwei Ahnungslosen faire Noten geben …“ Aus der letzten Reihe meldete sich Knut. Knut war Unternehmer, er besaß ein gut gehendes IT-Unternehemn. „Wenn ich meinen Job so oberflächlich erledigen würde, wie Sie hier Ihre Vorbereitungen, zu diesem wichtigen Thema, wäre ich längst pleite. Sowas können sich auch nur Beamte leisten…“, stichelte er.

Ich kann auch anders!

(Lehrer Drögeraus)

Helmut Drögeraus griff ein: „Meine Herrschaften, bitte … Ruhe bitte, so kommen wir doch nicht weiter …“ Er machte ein Gesicht, als wolle er den Papp-Eisenbahn-Waggon mit der Aufschrift, „Wir lassen den Lehrer aussprechen“ von der Wand reißen, um damit die Eltern in der ersten Reihe zu züchtigen. „Wir machen es so“, rief er in die Menge, „alle Schüler aus meiner Klasse schreiben den ESA auf jeden Fall mit. Dann geht nichts schief.“  

Drögeraus sah mit starrem Blick in die Menge und wir Eltern hatten in diesem Moment das subjektive Gefühl, dass wir uns durch unsere Insubordination ein sattes Nachsitzen eingehandelt hatten.  Wir wussten, ein paar unangenehme Themen standen noch an, die Elternvertreterwahl, das Benehmen unserer Kinder, Klassenkasse, Klassenreise, Ausflüge und die vielen Gelegenheiten, bei denen wir Eltern uns einbringen dürfen, finanziell genauso wie mit unserer Manpower. Ich saß da und schickte ein stilles Stoßgebet gen Himmel: „Lieber Gott, mach dass der Hausmeister heute eine Ausnahme macht und die Heizung nicht um 22.00 Uhr abstellt.“

Demnächst auf diesem Blog: Elternabend – Die Wahl der Elternvertreter

Abkürzungen oder alle Wege führen nach Rom

Foto: Pixabay
Foto: Pixabay

Man sagt ja, alle Wege führen nach Rom. Diese Redensart meint in der Regel, dass alle Bemühungen, egal wie effizient, mühevoll oder ungewöhnlich sie sind, zum Ziel führen und darum auch Anerkennung verdienen.

Manchmal habe ich da meine Zweifel. Nämlich immer dann, wenn man den Satz beim eigentlichen Wortsinn nimmt, fällt mir auf, dass Frauen und Männer, in der Praxis, etwas ganz Unterschiedliches daraus machen.

Orientierungssinn, Dein Name ist „Mann“

Eine Sache, die Männer ja angeblich mit der Muttermilch eingesogen haben, ist ein untrüglicher Orientierungssinn. Das jedenfalls ist ihre feste Überzeugung, mein Mann ist da keine Ausnahme. Wann immer eine Autofahrt ansteht, und zwar auch wenn ich am Steuer sitze, übernimmt mein Musterexemplar, mit den Worten „Ich kenne da eine Abkürzung“ die Navigation. Der eigentlich simple Weg von A nach B führt bei ihm aus ungeklärten Gründen über X, Y und Z.

Das Wort Abkürzung scheint ein außerordentlich dehnbarer Begriff zu sein. Oder anders ausgedrückt, Männer und Frauen stellen sich unter einer „Abkürzung“ etwas vollkommen Unterschiedliches vor.

Vernunft, Dein Name ist „Frau“

Wir Frauen folgen vernünftiger Weise der eigentlichen Wortbedeutung. Das heißt schlicht, der Fahrweg soll verkürzt werden, Kilometer und vor allem Zeit sollen eingespart werden. Diese weibliche, sehr vernünftige Sichtweise sichert das Einhalten von Terminen und Verabredungen. Außerdem, warum die schöne Zeit für die Anfahrt verplempern? Ich genieße lieber jede Minute an meinem Wunschort.

Abkürzungen bedeuten Abenteuer

Mein Mann hingegen verblüfft mich jedes Mal wieder mit seinen Begründungen, dafür abstruse Schleichwege über Schotter oder Kopfsteinpflaster zu nutzen. Glaubt mir, wenn man auf dem Weg zum Strand, gefühlte 10 Kilometer, auf einem Sandweg, im Schritttempo hinter einem Güllewagen herfahren musste, kostete das fast mehr Selbstbeherrschung als der liebe Gott mir einst mitgegeben hatte.

Ich habe ihn dann freundlich auf seinen Irrtum angesprochen: „Wir wären wohl doch besser geradeaus gefahren.“ Einsicht wäre das gewesen, was die Situation entzerrt hätte. Einsicht? Pah, nicht von meinem Mann!

Bruder Grimm denkt sich was aus

Während der Güllegestank sich inzwischen durch unsere Klimaanlage gearbeitet hatte, sich in jeder unserer Poren festgesetzt hatte und unseren Ausflug auf eine ganz besondere Weise, zu einem sehr individuellen Erlebnis werden ließ, dozierte mein Gatte darüber, warum nun gerade diese Strecke die Beste und Kürzeste gewesen sei. Als ich ihm so zuhörte, fragte ich mich, ob er vielleicht der letzte Überlebende der Gebrüder Grimm sei, so märchenhaft waren seine Erzählungen.  

Es war ein mal ein Plan …

Sein erstes Argument aus Grimms Märchenkiste: „Auf den Hauptstraßen herrscht viel zu starker Verkehr. Dem sind wir erfolgreich ausgewichen.“ Erfolg ist wohl auch so ein Wort, dass beliebig interpretierbar ist, dachte ich bei mir. Die Wahrheit war, dass wir gar nicht wissen konnten, ob es um 7.00 Uhr morgens einen Stau auf unserer Autobahn gegeben hätte. Ich schätze mal, eher nicht. Unser Plan, schon früh am Strand zu sein, bevor die Touristen ihn überschwemmen, zerplatzte mit jeder wabernden Güllewolke wie eine bunte Seifenblase.

Die Parfumerie „Nature“ hat da was im Angebot

Sein zweites Argument aus Grimms Märchenkiste: „Was willst Du eigentlich? Diese Strecke ist landschaftlich viel schöner.“ Ich bin ja nun weit davon entfernt, ein Spielverderber zu sein. Aber das Fahren, zwischen zwei Maisfeldern, in einer meterhohen Wolke aufgewirbelten Sandes, eingehüllt vom betörenden Duft „Eau de Kuhdunk“, ist nicht sehr anregend oder gar schön.  Es war eher so, dass meine Sehnsucht nach frischer Seeluft ins Unermessliche wuchs, gefolgt von dem Bedürfnis nach einem Sauerstoffgerät.

Und wenn sie nicht gestorben sind …

Sein drittes Argument aus der Grimmschen Märchenkiste war dann mein absoluter Favorit: „Ich fahre immer so!“ Na wenn das so ist, da kann man wohl nichts machen. Ich weiß wann es Zeit ist, zu kapitulieren. Und wenn wir nicht gestorben sind, dann fahren wir wohl bald wieder hinter einem Güllewagen her …

Gescheitert an Bukarest’s Beauty

Nu isses da, das neue Blog. Ich weiß, es ist nicht perfekt, wie mir meine Tochter Mausi gerade in ihrer unnachahmlich, offen-brutalen Art bestätigte: „Hmmm, selbst gebaut. Dafür, dass Du in technischen Dingen sonst ziemlich blö … äh, also nicht so ganz auf dem Laufenden bist, echt schon ganz gut, Mama.“

Mich kann das gerade gar nicht aufregen, denn wie Mausi schon sagte, ich habe „Taufrisch war gestern“ selbst gebaut. Tusch! Bierflasche köpfen, Prost! Natürlich ist mir klar, dass ich noch einige Dinge ändern und ergänzen muss. Beim Headerbild zum Beispiel habe ich mich bei WordPress im Archiv bedient. Da muss noch etwas Individuelleres hin, ein paar Ideen habe ich schon.

Ein neues „Über-mich-Bild“ braucht die Seite auch, und zwar ganz dringend. Das ist nicht so schnell hinzuzaubern, wie ich dachte. Zwar wohnt mein Fotograf mit mir zusammen und ist durchaus willig. Aber, jetzt kommt es: Es ist zu heiß in Hamburg. Man will ja auf dem Foto, mit dem man sich der geneigten Lesergemeinde als New-Bloggerkid-on-the-Block vorstellt, nicht aussehen wie die glänzende Speckschwarte eines frisch aufgeschnittenen Katenschinkens.

Ich habe alles versucht, glaubt mir bitte. Am Freitag habe ich mich in der örtlichen Drogerie für diesen Fototermin beraten lassen. Die Verkäuferinnen dort lieben mich, sie wissen nämlich, dass sie mir jeden Mist andrehen können. Außerdem bestücke ich Jahr für Jahr zwei!!! Adventskalender mit Produkten aus diesem Laden. Was man nicht alles so macht, damit einen die Töchter auch mal anlächeln.

Kurz bevor ich die Parfümerie verließ, warf mir die Fachfrau an der Kasse noch zwei Tübchen, mit dem Hinweis, „Das hilft gegen die Falten um die Augen herum. Wenden Sie das mal ruhig morgens UND abends an“, ins Täschchen. Ich dachte still: „Danke, Du Arschgeige.“ Laut aber sagte ich: „Oh, vielen Dank, sie sind meine Lebensretterin.“ Ich rang mir ein schiefes Lächeln ab, dann rauschte ich davon. War vielleicht etwas zu dick aufgetragen.  

Ich kam also mit einer Papiertüte voller chemischer Substanzen nach Hause, die ich mir gleich mit Schwung ins Gesicht schmieren wollte. Das alles nur für EIN gutes Foto. Also was hatte ich da: Abdeckcreme, Concealer, Wimperntusche, Gesichtspuder, soweit war alles klar. Dann war da noch eine Lidschattenpalette namens „Bukarest Beauty“, die mir im Laden schon ein gehöriges Maß an Skepsis abgerungen hatte. Die Farben variierten von dunklen Brauntönen, über ein changierendes Jagdgrün, hin zu einem Ockerton, der einer leichten Übelkeit auch Erinnerungen an Tante Hildas Erbsensuppe wach werden ließen.

Egal, ich legte los. Zum Schluss griff ich nach einem Kosmetikpinsel den mein Nachbar Jürgen, er ist Maler, wohl als Quast bezeichnen würde. Mit diesem Megapuschel fuhr ich über das Gesicht. Im Fachjargon nennt man das Verschatten, das hatte mir die Verkäuferin im Shop so erklärt. Ich öffnete vorsichtig die Augen und … heiliger Bimbam. Mein Mann, der Fotograf hatte gesagt, dass beim Fotografieren noch viel Farbe verloren ginge. Darauf musste ich wohl hoffen.

Jetzt ging ich die Treppen herunter. Das Foto sollte im Garten gemacht werden. Doch schon auf halber Treppenstrecke lief mir das Wasser nur so runter. Glaubt mir die Schminke, die Temperaturen von über 35 Grad standhalten kann, wurde noch nicht erfunden.

Unten angekommen, sah mein Mann mich entsetzt an. Ein Blick in meinen Handspiegel machte klar warum. Die Farben Bukarests hatten sich in meinem Gesicht selbständig gemacht. Nicht nur die Wimperntusche war verlaufen und lief in langen Tränenspuren über die Wangen, Richtung Mund und Kinn. Nein, auch der angeblich wasserfeste Lidschatten zog gemütlich seine Bahnen durch mein Gesicht. Freundlich ausgedrückt, sah ich aus wie ein Andy-Warhol-Kunstwerk – eines der aussortierten.

Wir haben dann im Familienrat beschlossen, dass es wohl besser wäre, erst einmal die alten Fotos zu verwenden, bis sich das Wetter wieder im Griff hat. Ich bitte Euch deshalb also noch um etwas Geduld und Verständnis. Das einzige, was man bei diesem Wetter machen könnte, wären Strandfotos und das möchte ich nicht … aus Gründen …