Sentimental Journey oder Opas Regentonne darf nicht sterben

Mein Mann sitzt auf der Terasse und hört mich, wie ich auf meiner Computertastatur tippe. Er fragt: „Was machst Du gerade?“ Ich antworte: „Ich schreibe über unsere Regentonne.“ Er dreht sich um und wirft mir einen sehr besorgten Blick zu. Sagen tut er nichts, denn er hat schon lange verstanden, wann es besser ist, die Dinge einfach laufen zu lassen. Guter Mann!

Wie sollte ich ihm auch auf die Schnelle erklären, warum mir an einer angerosteten Regentonne, von der gefühlte 5 Schichten Farbanstrich abblättern, so viel liegt. Das ist so ein sentimentales Ding hatte ich gesagt, als wir das Eisenfass aus dem Garten meiner Mutter geholt hatten. „Hmmm“, hatte er dazu gesagt, seinen Blick skeptisch auf mein Objekt der Begierde gerichtet. Meine Mutter wollte das, aus ihrer Sicht, nutzlose und hässliche „Genöök“ entsorgen. Dieser Gedanke hatte meiner Seele einen schmerzhaften Stich versetzt. Schwer zu verstehen – ich weiß.

Nun steht sie in unserem Garten und wartet darauf, dass mir ein zündender Gedanke kommt, welche Rolle sie später in unserem kleinen Gartenparadies spielen darf.

Gonna make a sentimental journey, gonna set my heart at ease …

(Text und Song: Warner Chappell Music Inc.)

Mit der Sentimentalität ist es ja manchmal eine ganz merkwürdige Sache. Während es bei den meisten Menschen Gedanken an ihre erste Liebe, den ersten Kuss oder DAS erste Mal braucht, um sentimental zu werden, genügt bei mir schon ein Blick auf die alte Regentonne meines Opas. Sie ist schon sehr alt und stand ursprünglich bei meinen Großeltern im Garten. Mein Großvater hatte sie einmal getreu seinem Motto „Nur nichts umkommen lassen“, von einer Baustelle mitgebracht.

Mein Opa war Tischler und in der Nachkriegszeit machten er und seine Jungs beim Wiederaufbau unserer schönen Stadt für manches Großprojekt die Fenster, Türen oder Treppen. Wenn Material auf dem Bau entsorgt werden sollte, dann packte mein Großvater zu – natürlich mit Erlaubnis! Oft wurde, wie wir in Hamburg sagen, dabei so’n büschen geschintscht. „Du kannst das einpacken Hans, wenn Du den ander’n Kroam ook wechbringst.“ Eine Hand wusch die andere. Die Tonne, sollte eigentlich auf den Müll. Zuhause überlegte mein Großvater es sich anders. „De Tünn is heil, die geit noch“, sagte er.

Gonna make a sentimental Journey, to renew old memories…

(Text und Song: Warner Chappell Music Inc.)

Ein geeigneter Platz für die Tonne, war schnell gefunden. Hinter dem Wohnhaus meiner Großeltern stand noch ein kleineres zweistöckiges Gerätehaus. In der unteren Etage, war im hinteren Teil der Öltank für die Heizungsanlage eingelagert, im vorderen Teil hatten Rasenmäher, Fahrräder, Heckenschere und alle anderen Gerätschaften ihren Platz. Im Spitzdach des Häuschens, wohnten die Brieftauben meines Großvaters. Er war ein leidenschaftlicher Taubenzüchter. 

An der Rückwand des Gerätehäuschens rankte eine wunderschöne dunkelrote Kletterrose die Wand hoch. Gleich daneben war das Fallrohr der Regenrinne und dort sollte die Regentonne ihren Dienst antreten.

Im Innenhof wurde die Tonne gesäubert, mit Rostschutz versehen und bekam dann ihren ersten Anstrich. Dann stand sie da, in Omas Rosenbeet. Von dem Moment an hatten mein Großvater und ich ein Ritual. Jeden Abend im Hochsommer gingen wir mit unseren Gießkannen zu unserer Regentonne und schöpften Wasser ab. Dann gossen wir die Rosen, Gladiolen, Primeln und was sonst noch so blühte auf Omas reich bepflanzten Beeten. Mein Großvater erklärte mir dann, wie man die einzelnen Pflanzen, die wir begossen hatten, weiter pflegen musste, wie man Samenkapseln abnahm und wann man die neu gewonnenen Samen aussäen musste, damit der Garten im neuen Jahr wieder so schön wurde, wie im vergangenen.

Never thought my heart could be so yearny, why did I decide to roam …

(Text und Song: Warner Chappell Music Inc.)

Als meine Großeltern ihr großes Grundstück verkaufen mussten, weil die Stadt direkt vor ihrem Haus eine Brücke baute, brach für mich meine kleine, heile Welt zusammen.  Meine Großeltern, beide schon über siebzig Jahre alt, kauften sich ein neues, kleineres Grundstück und bauten darauf noch einmal ein Haus. Das war ein schwieriges Unterfangen.  Welche Erinnerungen konnte man in diesem doch schon fortgeschrittenen Alter hinter sich lassen, ohne daran zu zerbrechen? Das alte Haus hatte mein Urgroßvater mit seinen eigenen Händen gebaut und es war dank der guten Pflege meiner Großeltern, noch immer gut in Schuss. Es war eigentlich unersetzbar.

Got my bag, got my reservation, spent each dime I could afford
Like a child in wild anticipation, long to hear that all aboard…

(Text und Song: Warner Chappell Music Inc.)

Doch ich schweife ab. Natürlich nahm Opa die Regentonne mit in seinen neuen Garten. Im hinteren Grundstücksteil hatte er ein Holzhäuschen für seine Tauben gebaut, seine geliebten Tiere zogen natürlich mit ins neue Leben. Die Tonne bekam ihren Platz neben dem Taubenhäuschen und fing nun das Regenwasser auf, dass dort auf das Dach prasselte. So konnten mein Großvater und ich unser Blumen-Gieß-Ritual fortsetzen. Die Regentonne war für mich immer ein wenig mehr als altes Eisen, sie symbolisierte für mich ein Stückchen vom alten Paradies.

Als meine Großeltern verstorben waren, zog meine Mutter in das neue Haus ein. Sie verkaufte die Tauben, was ich verstehen konnte. Wenn diese Tiere nicht die eigene Leidenschaft sind, machen sie einfach zu viel Arbeit. Dann funktionierte sie das Taubenhäuschen zu einem Geräteschuppen um. Das ist bis heute so. Als sie als nächstes die alte Regentonne entsorgen wollte, protestierte ich. Damals studierte ich noch, hatte keinen eigenen Garten und war darauf angewiesen, dass meine Mutter das gute Stück für mich aufhob. Und das tat sie. Eigentlich wundert mich das bis heute, denn meistens setzte sie sich über solche Sentimentalitäten hinweg.

Countin‘ every mile of railroad track that takes me back, gotta take that sentimental journey, sentimental journey home …

(Text und Song: Warner Chappell Music Inc.)

Irgendwann hatte meine Mutter Opas Regentonne dann in Rente geschickt und ein moderneres Wiederverwertungssystem für Regenwasser installiert. Aber sie hatte sie aufbewahrt. Also stand die Regentonne ein paar Jahre gesäubert und gut eingepackt auf der hinteren Terrasse meiner Mutter und wartete darauf, dass ich sie dort wegholte. Jetzt steht sie in der Arbeitsecke unseres Gartens, immer noch gut eingepackt und wartet zusammen mit meinem Mann darauf, dass mir ein zündender Gedanke kommt, was ich nun aus ihr machen werde.

Mir schwirren ein paar wilde Ideen durch den Kopf, ein konkreter Plan fehlt noch, die Entscheidung ist noch offen. Natürlich könnte ich sie schlicht wieder als Regentonne in Gebrauch nehmen, ich möchte aber eine Lösung finden, die ein wenig kreativer ist. Ich könnte einen Bartisch aus ihr machen oder sie bepflanzen, irgendetwas mit Wasser vielleicht … da hinten liegt doch noch ein alter Quellstein … Ihr seht, da sind noch viele Einfälle zu sondieren …

Ach, wisst ihr was – helft mir doch einfach. Schreibt mir eure Ideen zu Opas Regentonne doch einfach in die Kommentare. Mich würde das wirklich freuen…

Glossar

Genöök: Im Norden meint man damit umgangssprachlich unnützes Zeug.

schintschen: Ursprünglich meint das Wort das Handeln und die illegalen Tauschgeschäfte auf dem Schwarzmarkt in der Nachkriegszeit.

Meine Mutter, die Rotkohl-Saison oder Fruchtfolge mal anders

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Laut Wikipedia ist Rotkohl eine Kohlart des Kopfkohls, die als Gemüsezubereitung auch Rotkraut oder Blaukraut genannt wird. Und jetzt kommt es: Der Rotkohl ist ein typisches Wintergemüse. Er wird im Frühjahr ausgesät oder gepflanzt und im späten Herbst geerntet. Nicht, wenn es nach meiner Mutter gehen würde. Aus ihrer Sicht haben Rotkohlköpfe in den Auslagen der Geschäfte zu liegen, solange es ihr nach dem Gemüse gelüstet, nämlich ganzjährig.

Rotkohl forever … Sitzblockaden sind in Planung

Da sich die Natur und unsere Bauern nicht darum scheren, was meine Mutter so möchte, gibt es aus ihrer Sicht zwischen April und September eine sechs Monate währende, nicht hinzunehmende, Versorgungslücke. Da ich zurzeit ja die Einkäufe tätige, werden die Diskussionen darüber, wie man diesen Engpass überwinden könne, mit mir geführt, und nicht etwa mit Denjenigen, die enger dran sind am Ackerbau, nämlich den Bauern, den Supermarktleitern, dem Landwirtschaftsministerium oder der EU.

Altersweisheit deluxe = Eigensinn

Schon beim Erstellen des Einkaufszettels werde ich in das erste Kohlgespräch hineingezogen.

Meine Mutter: „Ja und dann brauche ich noch einen schönen, großen Rotkohl…“

Ich: „Mama, die Rotkohlsaison ist vorbei. Den gibt es nicht mehr frisch …“

Meine Mutter: „Ach was, man muss nur etwas suchen, dann findet man noch welchen…“

Ich: „???“

Gestatten: Bauer Remmelmann, Rotkohlspezialist – Nicht

Gleich darauf listet sie mir ein paar zauberhafte, nicht nahe gelegene Geheimtipps auf, wo ich ihrer Meinung nach, den Kohl ganzjährig abgreifen könne. Da wäre zum Beispiel Bauer Remmelmann in Stapelfeld, der habe sich auf Kohl spezialisiert, behauptet jedenfalls meine Mutter. Bauer Remmelmann weiß davon nichts, weder vom Rotkohl in den Sommermonaten, noch von einer Spezialisierung, ich habe das überprüft.

Das Leben besteht aus Alternativen

Dann der EDEKA in Wandsbek, dort könne man immer Rotkohl kaufen. Was mir allerdings der Marktleiter vor Ort so nicht bestätigen wollte, er beziehe seine Kohlköpfe regional aus Stapelfeld vom Bauer Remmelmann. Verfügbarkeit, siehe oben. 

Dann, so meine Mutter weiter, gäbe es noch einen kleinen Gemüsehöker in Rahlstedt, den Gemüsestand aus Vierlanden, auf dem Rahlstedter Wochenmarkt, den freien Verkauf an der Bushaltestelle bei Siek, da wo es rechts Richtung Ahrensburg geht und zu allerletzt noch das Hochbeet ihrer Nachbarin, zwei Häuser weiter. Und während ich mir das alles anhörte, und mir bildlich vorstellte, wie meine 86 Jahre alte Mutter, ihr Essen im Morgengrauen aus dem Hochbeet der Nachbarin stibitzt, beschlich mich der Eindruck, dass wir meine Mutter über die vergangenen Jahre, viel zu lange unbeobachtet gelassen hatten. Vielleicht sollte ich mal Ihr Vorstrafenregister überprüfen…

Kochen wie bei Oma

Neulich hatte ich meiner Mutter, in einem Anfall seltener Naivität, statt des frischen Kohlkopfes zwei Gläser wohl vorpräparierten Rotkohls einer gängigen, lebensmittelrechtlich überprüften Firma, mitgebracht. Eieieieieiiiii … Retortenkohl, so meine Mutter, ich würde ihr doch wohl nicht einen so maschinell vorverkochten Brei anbieten wollen. Der Geschmacksunterschied sei kollossal. „Ich koche das noch wie meine Mutter, Birgit“, sagte sie, „das schmeckt so lecker, das kann man in der Fabrik so gar nicht hinkriegen.“

Und das war der Moment, in dem ich sie am liebsten in den Arm genommen hätte. Denn in diesem Punkt waren wir uns einig, die Rezepte meiner Großmutter sind unerreicht. Meine Oma war eine leidenschaftliche und begnadete Köchin. Ihre Rezepte versprachen typische Hausmannskost. Sie erinnern mich daran, wie schön und unbeschwert meine Kindheit war, wenn ich bei meinen Großeltern war. 

Meine Oma hat jeden Tag frisch gekocht. Das Gemüse, Kräuter und das Obst kamen überwiegend aus dem großen Garten. Manch moderner Ernährungswissenschaftler würde bei diversen Zutaten vielleicht ein bisschen die Stirn runzeln. Aber wenn man ein paar wenige Zutaten weglässt oder ersetzt, ich denke da zum Beispiel an die Benutzung von fettem Speck, dann sind Omas Gerichte auch heute noch unerreicht.

Internet, bloß nicht – das ist wie fremde Leute im Haus

Doch dieser Moment seltener, nostalgischer Gemeinsamkeit mit meiner Mutter, löste leider nicht mein Problem. Einmal schlug ich meiner Mutter vor, den Rotkohl via Internet, aus einer anderen Klimazone zuschicken zu lassen. Sie brauche dafür nur einen Internetanschluss. An dieser Stelle stellt Ihr euch bitte vor, wie ich hysterisch kichere … Gedankennotiz für mich: Vermische niemals zwei Highprofile-Reizthemen in einer Diskussion, Birgit. DU WILLST DAS NICHT!!!

Einen Internetanschluss möchte meine Mutter nicht. Sie weigert sich seit Jahren standhaft – neumodscher Kram, eben. Sie sagt, das sei, als habe man fremde Leute im Haus. Außerdem, ihr erinnert Euch, die eingebaute Computerkamera, die Hacker, der Geheimdienst, Putin und jetzt womöglich auch noch Philipp Amthor … eine kleine Ausführung zum Verhältnis meiner Mutter zum Internet findet Ihr HIER.

Sich herauswinden = nervenschonend und lebensverlängernd

Also was macht man, wenn man auf Granit beißt und weder mit Vernunft, Faktenwissen noch mit lebensnahen Lösungsvorschlägen weiterkommt? Richtig, man windet sich heraus. Ich baute vor. Immer wenn meine Mutter mal selbst einkaufen wollte, sagte ich beiläufig: „Oh, schau doch gleich mal nach, ob Dein Supermarkt Rotkohl hat, hier bei uns gibt es den gerade nicht.“ 

Als ich letzte Woche den Einkauf für sie erledigt habe, habe ich einfach einen Wirsingkohl in die Einkaufstasche gelegt. Dazu eine Karteikarte mit folgender Nachricht:

ACHTUNG MAMA!!! Es gibt bis zum September keinen frischen Rotkohl. Ich bitte um Alternativvorschläge. Zurzeit ist Saison für Wirsingkohl, Spitzkohl, Blumenkohl und Kohlrabi.

Die Reaktion meiner Mutter auf den Wirsingkohl und den Reminder steht noch aus…

Lasst Blumen sprechen…

Meine Mutter shanghait die örtliche Gärtnerei

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Gestern war ich den halben Tag in der Gärtnerei … mit MEINER MUTTER! Es war schön, irgendwie … aber auch sehr anstrengend. Wie alles in ihrem Leben, hatte meine Mutter diesen Besuch generalstabsmäßig vorbereitet. Ausgestattet mit einer Atemschutzmaske, FFP2 – natürlich, einer doppelten Lage Gummihandschuhe und einem drei Seiten langen Einkaufszettel.

Ein paar Kleinigkeiten…

„Ich hätte Lust mal ein bisschen was im Garten zu machen“, hatte sie gesagt. „Ich brauche nur ein paar Kleinigkeiten“, hatte sie gesagt. Ich falle immer wieder darauf rein. KLEINIGKEITEN GIBT ES IM LEBEN DEINER MUTTER NICHT, BIRGIT!!! Merk Dir das endlich.

Die erste Wagenladung bestand aus fünf Säcken Erde, zwei Säcken Rasendünger, 20 rotblühenden Beetnelken und drei großen Hortensien. Die Säcke verstaute ich auf der Ladefläche meines Berlingos, den Rest verpackte meine Mutter in ihrem Opel.

„Zeit ist das, was man von der Uhr abliest“ (Albert Einstein)

 Doch vor dem Einpacken stand das Kassenritual:

Meine Mutter hatte ihre Handtasche quer vor ihrem Bauch hängen. „So kann mir niemand einfach so mein Portemonnaie klauen“, erklärte sie und ließ ihren misstrauischen Blick über die anderen 80jährigen gleiten, die mit ihr in der 20 Meter langen Kassenschlange standen und aufs Abkassieren warteten. 

„Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“ (Meine Oma)

Ich bin stolz auf mich, denn ich habe schon vor langer Zeit gelernt, dass es klüger ist, nichts auf solche Bemerkung zu erwidern. Denn wenn man es in einem unbedachten Moment doch tut, dann löst man eine Informations-Lawine über Kriminalstatistiken und Inhaltsangaben von Beiträgen aus STERN-TV, RTL am Mittag und XY… Ungelöst aus, die alle Belegen sollen, dass die Welt an sich schlecht ist. Gefolgt von der Schlussfolgerung, dass die Gauner dieser Hemisphäre es explizit und ausschließlich auf ihre Börse abgesehen haben. Punkt. 

Empathie die unbekannte Kernkompetenz

Endlich waren wir an der Reihe. Wir fuhren die Wagen nacheinander in die Kassenbucht und zwei nette Damen begannen unsere Ware einzuscannen. Ich persönlich fand ja, dass es recht schnell ging. Meiner 85jährigen Mutter ging es aber nicht schnell genug. „Also, man sollte meinen, dass Sie an einem Tag, an dem soviel los ist, jemanden an die Kasse stellen, der damit umgehen kann“, sagte sie halblaut zu mir. Die junge Frau hinter dem Tresen errötete, ich errötete auch – ein dreifach Hoch auf die Maskenpflicht. „Es ist zurzeit für niemanden einfach, Mama“, sagte ich beschwichtigend.

„Ach was, wir müssen hier noch ein paar Mal durch die Kasse, da könnte es wirklich ein bisschen zügiger gehen“, sagte sie. Während in meinem Kopf noch die Worte „ein paar Mal durch die Kasse“ widerhallten, holte meine Mutter ihre EC-Karte aus der Tasche um zu bezahlen. Oder sollte ich besser sagen, sie grub sie aus? Denn in ihrer Handtasche gab es mehr Geheimfächer und Reißverschlüsse, als in Mary Poppins Reisetasche. 

„Lebenskünstler leben von der Zeit, die andere nicht haben“

(Michael Douglas)

Sie öffnete die rechte Innenseitentasche, holte eine Brieftasche heraus. Aus dieser Brieftasche zog sie eine schwarze Plastikhülle in der sich ihre EC-Karte in der Originalhülle der Bank befand. Und diese Frau hatte allen Ernstes Angst vor Taschendieben. Die einzig sichere Methode, an die EC-Karte meiner Mutter zu kommen, solange sie sich in ihrer Handtasche befand, war sich das alte, zähe Weib unter den Arm zu klemmen und mitsamt der Handtasche das Weite zu suchen.

Zögernd legte meine Mutter die Karte nun in die graue Steingutschale, die dafür vorgesehen war. Die Kassiererin nahm sie sich heraus und zog sie durch den Scanner. Meine Mutter nahm die Karte entgegen, steckte sie in die Originalhülle der Bank, diese in die schwarze Plastikhülle, diese steckte sie in die Brieftasche, die verschwand wiederum in der rechten Innenseitentasche der Handtasche und während sie den Reißverschluss zuzog, feierten hinter uns, zwei in der Warteschlange stehende 79jährige, in ihren 80zigsten hinein.

Immer straight das Ziel vor Augen

Das alles ließ meine Mutter ungerührt. Aus ihrer Sicht war ihr Verhalten logisch begründbar und deshalb von allen Umstehenden in Kauf zu nehmen. Frischen Mutes schob sie ihren entladenen Einkaufswagen ein weiteres Mal durch die Drehtür um danach ins Blumenmeer unserer Vorortgärtnerei abzutauchen. Denn ein 900 Quadratmeter großer Garten und zwei Gräber warteten darauf bepflanzt zu werden. Ich folgte ihr und half ihr dabei sich im Folgenden 50 fleißige Lieschen in rosa und weiß, 25 rote Begonien und 20 gelbe Begonien in unsere Wagen zu laden, dann – Kassenritual! Umpacken.

Abstandsregeln, ja, Hygienevorschriften, absolut ja,

Richtungsvorgaben, so lala…

Wir durchpflügten die Gärtnerei danach noch drei Mal. Jedes Mal entdeckte meine Mutter neue Abkürzungen. Wegumleitungsschilder des Betriebsvorstandes wurden im Besten Fall einfach ignoriert, im offensivsten Fall einfach in die gewünschte Richtung gedreht. Mir stand der kalte Angstschweiß auf der Stirn, immer wenn ich dachte, jetzt erwischen sie uns, dann wieselte meine Mutter schon durch die nächste Ausstellungsreihe und fischte ihren Altersgenossen die üppigsten Exemplare Blühpflanzen vor der Nase weg.

Sorry, entschuldigung, pardon, verontschuldiging, disculpe, mi scusi…

Ich schwankte zwischen Fremdschämen und Bewunderung für soviel, ich nenne es mal Bravour. In mir wuchs der Wunsch eine kurze Rede zu halten, mich bei den übrigen Kunden zu entschuldigen, für die leeren Blumen-Regale, für von uns verursachte Wartezeiten und für arthroserelevante Ausweichmanöver, die meine Mutter ihnen abverlangt hatte. Ich tat es natürlich nicht … also, eine Rede halten … schämen schon.

Nachdem ich den ganzen Kladderadatsch im Garten meiner Mutter abgeladen hatte, fuhr ich nach Hause. Ich war groggy, vollständige Sätze wollten mir einfach nicht mehr über die Lippen kommen. Ich schnappte mir eine heiße Tasse Kaffee und legte mich für den Rest des Tages auf mein kuscheliges Sofa und sah zu wie sich, in der Netflix-Serie „Last Viking“, Männer und Frauen durch die Zeitgeschichte metzelten. Das entsprach in etwa meiner inneren Verfassung.

Bis ich mich traue, mich wieder in meiner Lieblingsgärtnerei blicken zu lassen, müssen noch ein paar Tage verstreichen. Viel war ja dank Maskenpflicht nicht von meinem Gesicht zu erkennen. Unser örtliches Gartenunternehmen dürfte aktuell ohnehin einen Versorgungsengpass haben. Soviel ist schon mal sicher, liebe Ortsansässige, Fleißige Lieschen und Begonien sind aus…

Omas Einkaufszettel – Mein Corona-Lieferservice

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Es ist Dienstag und das bedeutet, am nächsten Tag ist Mittwoch. Das allein ist keine Neuigkeit aber ich habe mal irgendwo gelesen, dass man den Spannungsbogen einer Geschichte langsam aufbauen muss. An dieser Stelle ertönt in Billig-TV-Produktionen immer ein leises, dahinplätscherndes Musikthema, als begleitende Hintergrundmusik. Also in Zeiten von Corona ist der Mittwoch einer unserer fest installierten Familien-Einkaufstage. 

Meine Mutter hat so ihre Vorstellungen

Und ein bevorstehender Einkaufstag heißt für mich persönlich, dass ich ein längeres Telefonat mit MEINER MUTTER führen muss. Die Hintergrundmusik steigert langsam ihr Tempo und wird lauter. Zweck dieses Telefonates wird sein, dass ich versuche mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln herauszufinden, was ich für die Oma meiner Kinder einkaufen muss, damit sie gut über die kommende Woche versorgt ist. 

Einen Einkaufszettel für meine Mutter zu erstellen, gestaltet sich in etwa so erfolgversprechend, als wolle man ein Hulahula-Seminar in Einklang mit einer Bundeswehr-Grundausbildung bringen. Für meine Töchter, sind diese Telefonate kleine Highlights im Corona-Alltag geworden. Wenn Oma anruft, stelle ich das Handy laut und meine Mädchen kugeln sich nach kürzester Zeit unter dem Tisch.

MEINE MUTTER und die Digitalisierung

Jetzt werdet Ihr euch sicherlich fragen, wo das Problem ist. Warum schickt die alte Frau ihren Einkaufszettel nicht über WhatsApp? Nun meine Mutter hat kein Internet und ein Klapphandy aus einem Land vor unserer Zeit. 

In der Konsequenz heißt das, wir müssen miteinander reden – immer. SMSsen liest sie nicht, genauso wenig wie sie Nachrichten abhört, die wir ihr auf die Mailbox gesprochen haben. Denn sie „kann den Ordner nicht finden“ egal wie oft wir ihr zeigen, wie das funktioniert. E-Mails, ebenso Fehlanzeige und die Erwähnung von Onlinebanking löst einen Schwall von wüsten Verdächtigungen und Abhörfantasien aus, der die Whistleblower der letzten 20 Jahre blass aussehen lassen.

Hallooo, ist da jemand???

Aber zurück zum Einkauf, es klingelt. Meine Mutter meldete sich: „Hallo???“ Mehr sagt sie nie, denn sie denkt strategisch. Gefällt ihr nicht, wen sie am Telefon hat, hat sie immer noch die Option „Falsch verbunden“ zu rufen und aufzulegen. Ist mir übrigens auch schon passiert. Ich antwortete schnell: „Mama, ich bin es. Wie geht es Dir?“

MEINE MUTTER: „Birgit, (Kunstpause) bist Du das?“ Ich seufzte innerlich auf und verdrehte die Augen. Wer denn sonst, dachte ich, nennt Dich Mama. Eines meiner 20 nicht vorhandenen Geschwister? Und nein, sie ist nicht tüddelig, nur schwierig. Ich antwortete: „Ja Mama, Deine einzige Tochter. Hast Du dir schon aufgeschrieben, was wir für Dich einkaufen sollen?“

Vorbereitung ist alles

Es raschelte am anderen Ende und los ging es. Neben mir lagen ein DinA4-Block und Stifte in verschiedenen Farben. In den nun folgenden Momenten schrieb ich einfach nur ALLES mit, was meine Mutter mir diktierte. Ab und an versah ich die Liste mit kleinen Zeichnungen oder Anmerkungen. Eine gute Methode mein Seelenheil im Gleichgewicht zu halten.

Antibiotisch … antibakteriell … wer weiß das schon

Meine Mutter holte tief Luft: „Zuerst mal möchte ich solche Einmalhandschuhe, die müssen aber antibiotisch sein, also so … dings … abweisend … Du weißt schon…“

Ja, darunter konnte ich mir noch etwas vorstellen. Ich unterdrückte den Einwand, dass alle anderen diese Handschuhe jetzt auch wollten und sagte nur: „Hmmm, alles klar …“

Deadlines kenne ich nur von der Zeitung

Meine Mutter: „Dann Senseo Kaffee … den roten … ich will ja keinen Herzinfarkt haben.“

Nein, das wünschte ich mir auch nicht, glaubt mir das bitte. Trotzdem übernahm mein Galgenhumor für drei Sekunden die Kontrolle. Ich hatte sofort sämtliche Szenen aus gefühlt 25 Staffeln Greys Anatomie vor Augen. Eben noch bewegt sich die Herzkurve gleichmäßig, doch DANN … eine gerade Linie … ein langer Piiiiiepton … deathline … it’s over…  Die Realität sieht anders aus. Puhhh, noch mal Glück gehabt.

Sonderwünsche versüssen das Leben

Meine Mutter redete ohnehin unbeirrt weiter: „2 x Wiener Würstchen im Glas … mit Naturdarm, die dürfen nicht nach Knoblauch schmecken.“ Okidokiiii, ich hatte zwar keine Ahnung, wie ich den Geschmack überprüfen sollte aber das wird trotzdem machbar sein, dachte ich bei mir.

Meine Mutter orderte als nächstes: „20 Scheiben, Sonnenblumen-Schwarzbrot … dünne Scheiben, keine Klotzen!“  SELBSTVERSTÄNDLICH nicht … Klotzen, wer möchte die schon zum Früstück … NIEMAND! 

Vereinigtes Europa für ein Originalbaguette

Und dann sagte meine Mutter: „Außerdem noch ein Baguette … aus Frankreich! … nur das Original … Du weißt schon, aus der Dorfbäckerei, gleich wenn man aus Rahlstedt rausfährt, auf der rechten Seite … da wo Opa immer mit Dir hingefahren ist, als Du noch klein warst.“

Mais Oui Maman, naturellement … gedaaanklisch nahm isch Embryohaltung ein und zermarterte mir le cerveau darüber, wo mein Opapa überall mit mir hingefahren war, als ich noch petite war. Nicht nach Fronkereische, soviel war klar. Ein Baguette aus Dat Backhuus wird es auch tun, dachte ich bockig und wollte schon zusammenpacken. 

Ich kauf‘ mir eine Dechiffriermaschine

Doch dann holte meine Mutter zum ultimativen Schlag aus und bestellte: „3 mal diese bittere Schwartenmarmelade in so einem komischen Eisenfässchen.“ Take that, Tochter!!!

Ich dachte, „??? WTF???“ das nannte ich mal eine 1A_Verschlüsselung. Help!!!  Egal, ich war trainiert für solche Situationen. Sag etwas Neutrales, flüsterte mir meine innere Stimme zu, etwas Belangloses, dass immer passt. Ich atmete tief durch und sagte dann: „Oh, ich weiß nicht, ob die im Supermarkt schon beliefert worden sind. Mal schauen, ob die die Marmelade überhaupt da haben… Genial, oder?

Möge die Macht mit mir sein

Ich ging also zu unserem kleinen Supermarkt im Ort. Die sind eigentlich immer gut sortiert. Da stand ich nun im Gang der Gänge und studierte die dort angebotenen Marmeladen. Hhhmmm, dachte ich … Erdbeer …Himbeer und da stand das Wort „Bittere …“ auf einer Metallverpackung. Sollte das vielleicht der gewünschte Brotaufstrich sein? Und vor meinem inneren Auge erschien Yedi-Meister Yoda, zeigte mit dem Finger auf mich und flüsterte: „Die Macht des Entschlüsselns ist stark, in Dieser da…“ Ich packte drei Metalldosen ein und ging sehr zufrieden zur Kasse. Für dieses Mal hatte ich es wohl geschafft.

Und für diejenigen, die es interessiert, hier nun die Auflösung: Das ist ‚Bittere Schwartenmarmelde in so einem komischen Eisenfässchen‘. Bitteschön.

Einmal Vor- und Hauptwäsche, bitte – aber Zackzack

Erinnert Ihr euch noch an MEINE MUTTER? Sie hatte sich eine neue Dunstabzugshaube im benachbarten Großmarkt gekauft. Bei der Montage gab es einige Irrungen und Wirrungen. Im Ergebnis hatte mein Mann die Montage des neuen Küchengerätes vervollständigt, weil die Montageprofis vom Markt dazu nicht in der Lage waren.

Meine Mutter konnte das – natürlich – nicht einfach so im Raum stehen lassen und rief den zuständigen Sacharbeiter im Markt mehrfach an, um ihm den verkorksten Ablauf seines Dienstes am Kunden, minutiös zu schildern. Immer wieder! Nach dem dritten Anruf ließ der arme Mann sich verleugnen. Ich erwarte täglich die Zustellung eines gerichtlichen Kontaktverbotes.

Pausenbrot ganz umsonst geschmiert…

Wir hätten wirklich alle eine Pause verdient gehabt. Aber der liebe Gott und die Waschmaschine meiner Mutter hatten andere Pläne. Noch bevor die neue Dunstabzugshaube zur Familienunterhaltung beigetragen hatte, hatte sich die nächste Katastrophe angekündigt. 

Mein Handy klingelte, meine Mutter rief an: „Hallo, störe ich? *ReineRethorikAlso meine Waschmaschine läuft nicht, wegen E03.“ Okaaayyy, ich ließ natürlich geistig alles fallen und liegen, was bis zu diesem Moment mein Leben ausgemacht hatte und versuchte zu verstehen. Sie erklärte dann, dass das Wasser nicht abfließen würde und auf der Digitalanzeige der Fehlercode E03 aufleuchten würde. Ich erklärte ihr, wie sie das Flusensieb reinigen könne und das Problem war vorerst behoben.

Heiteres Problemeraten…

Jetzt, drei Wochen später ruft meine Mutter an: „Hallo, also jetzt ist es soweit.“ PAUSE… Ich bündelte meine Kräfte und versuchte mich zu konzentrieren und sagte: „Aha.“ Das passt immer. Parallel zermarterte ich mir das Gehirn, was sie wohl meinen könnte. Ich gebe zu, die Waschmaschine hatte ich nicht mehr auf dem Schirm.

Zuviel „Herzlichkeit“ kann lähmen…

Meine Mutter: „Herrje, wenn man Dir schon mal was erzählt…“, dann, das obligatorische „Wenn man dich schon mal braucht“. Mütterliches Finale: „Jetzt ist sie kaputt … endgültig!“ Ich: „Okay, ähm was genau ist denn kaputt“, fragte ich ins Blaue hinein. Meine Mutter: „Sie steht unter Wasser, schleudert nicht und der Keller wird nass.“ Endlich machte es Klick bei mir. Ich: „Oh, die Waschmaschine …“ 

Die Meisterin des geseufzten Tadels

Am anderen Ende der Leitung hörte ich ein gequältes, tadelndes Seufzen. Ich nannte es immer das Folterseufzen, denn es war viel mehr als ein Lautgeben. In diesem Seufzer steckten, wie auf einem Mikrochip gespeichert, ihre Unzufriedenheit mit mir als Tochter, alle Unzulänglichkeiten, die ich aus ihrer Sicht so durchs Leben schob und all Ihre Hoffnungslosigkeit darüber, mich doch noch auf Linie zu schubsen. 

In Manchem komme ich nach meinem Vater

Ich ignorierte den Folterseufzer und gab Anweisungen. Eine Taktik, die ich von meinem Vater abgeschaut hatte, der aus mir unerfindlichen Gründen, bis zu seinem Ende, an der Seite dieser Frau ausgehalten hatte. Je ungerechter, emotionaler und aggressiver sie wurde, desto sachlicher und problemlösungsorientierter war er. Ich liebte diesen Mann heiß und innig, eigentlich tue ich das immer noch.

Problemlösung im Stakkatotempo

Ich sagte: „Zuerst musst Du die Maschine abstellen und dann musst Du das Rädchen auf „Abpumpen“ stellen. Wenn wir Glück haben, funktioniert das. Wir hatten Glück. Dann kam meine Mutter zurück an ihr Telefon. „So“, sagte sie, „Ich brauche eine neue Waschmaschine. Wann kannst Du hier sein. Dieses Mal gehe ich nicht alleine los.“ Ich: „Du, Mama so schnell geht das nicht. Ich muss heute arbeiten. Ich kann heute gar nicht mehr. Wie wäre es denn morgen?“

Chaosgretel im Feldeinsatz

Meine Mutter: „Hätte ich mir ja gleich denken können. Dir ist hoffentlich klar, wie dringend ich eine neue Maschine brauche.“ Na klar, dachte ich still bei mir. Das Wäscheaufkommen einer alleine lebenden Person, die zudem noch eine Haushaltshilfe beschäftigte, kann schon einen existenzbedrohlichen Umfang annehmen. 

Dagegen sah ich mit meinem Vierpersonenhaushalt, ohne Haushaltshilfe, berufstätig mit Hund echt blass aus. Die spinnt doch wohl! Atme Birgit, atme… Im Folgenden machte ihr sehr klar, dass „am nächsten Tag“ der Dringlichkeit angemessen war und ich ansonsten erst wieder in einer Woche könne. Take that, MUTTER! Zu meinem Erstaunen gab sie dann nach.

Verkäufer-Stampede in der Haushaltsabteilung

Am nächsten Morgen fuhren wir also in den Großmarkt, um eine Waschmaschine auszusuchen. Wir gingen durch die Tür, schwenkten links ein und ich konnte gerade noch sehen, wie drei Verkäufer dieser Abteilung in den Personalbereich verschwanden. Ein Schelm, der … na, Ihr wisst schon. Meine Mutter und ich schlenderten durch die Gänge und betrachteten das Angebot an Waschmaschinen.

Dann kam der einzige noch verbliebene Verkäufer zu uns und fragte, was er für uns tun könnte. Zugegeben, ich hatte es verdrängt, dass meine Mutter noch eine Rechnung offen hatte, mit diesem Großhandel. Es brach förmlich aus ihr heraus. „Dieses Mal muss aber alles reibungslos laufen und schicken Sie mir bitte nicht wieder so unhöfliche, schlecht ausgebildete Leute, wie beim letzten Mal “, schleuderte sie dem armen Mann entgegen. Er guckte irritiert und schaute mich fragend an.

Der letzte Fight an der Waschstation

Ich lächelte schief und versuchte die Aufmerksamkeit wieder auf unser aktuelles Anliegen zu leiten. „Wir suchen eine Waschmaschine für meine Mutter. Leicht zu bedienen, 9kg Fassungsvermögen, energieeffizient und wenn möglich ein Top-Angebot, wenn Sie zurzeit eines haben, bitte.“ Er reagierte sofort und sagte: „Sie stehen direkt davor.“ Meine Mutter vergaß, was sie gerade sagen wollte und begutachtete die Maschine.

„Das ist die gleiche Marke, wie meine Alte. Mit der war ich eigentlich immer sehr zufrieden – bis sie kaputtgegangen ist“, kommentierte sie und drehte an den Rädchen und drückte in Sekundenschnelle alle vorhandenen Knöpfe. Einzugreifen wäre zwecklos gewesen. Die neue Maschine stand nun hell erleuchtet vor uns und das Display blinkte wild, wie die Lichtorgel in einer 70er-Jahre-Disco. Auf der Oberlippe des Verkäufers schimmerten ein paar Schweißtropfen. Er tat mir fast ein bisschen leid.

Manchmal muss man sie einfach machen lassen

Meine Mutter wiederholte ihr Verhalten noch an vier weiteren Waschmaschinen. Mir ist bis heute total schleierhaft, welche Informationen sie daraus gezogen hat, aber offensichtlich war dieses Handeln ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur richtigen Maschine. Plötzlich stand sie wieder vor der ersten Maschine, zeigt auf sie und sagte mit Bestimmtheit – „DIEDA“. 

Den vom Verkäufer vorgeschlagenen Liefertermin in der folgenden Woche, schmetterte meine Mutter mit einem entrüsteten Schnauben ab. Liefertermine, die später lagen als „Gestern“ waren für sie schon immer inakzeptabel. Eine Adelheid Groth lässt man nicht warten. Wir einigten uns nach einigem Hin und Her auf den folgenden Samstag. Natürlich musste ich beim Einbau dabei sein. Ich machte das auch wirklich gerne – für das Lieferpersonal….

Dunstabzugshauben-Update

MEINE MUTTER!

MEINE MUTTER! Die Frau ist unglaublich. Nachdem sie die übliche Kunstpause eingelegt hat, in der ich mir ausreichend darüber klar werden sollte, dass ich erstens eine schlechte Tochter bin, man sich auf mich niiiie verlassen konnte und einen Weg finden sollte, wie ich DAS wieder gut machen konnte, ist sie nun ihrer mütterlichen Meldepflicht Nachkommen. Sie hat angerufen.

WAS KÖNNEN WIR SONST NOCH FÜR SIE TUN?

Der Verkäufer vom Fachmarkt habe bei ihr angerufen, berichtet sie. 
Nachdem er ihr wortreich sein Beileid zu den vermurksten Abläufen des Dunstabzugshauben-Dramas erklärt hatte, habe er folgendes Angebot gemacht. Der Fachmarkt würde einen Tischler vorbeischicken, der sei by the way der Nachbar seines Chefs. Der Tischler würde den Hängeschrank so zurecht sägen, dass die gekaufte Haube drunter passe und dann alles wieder hübsch machen.

NICHT MIT MUTTI IHR LIEBEN…

Die Kosten für den Einsatz, so meine Mutter, wolle der Fachmarkt zur Hälfte übernehmen, sozusagen als Bonus für das Erlittene. Ich musste schmunzeln, denn ich konnte mir vorstellen, wie das Gespräch mit dem armen Verkäufer weiterging. Punkt 2 der Mama-Betriebsanleitung, greife niemals, niemals in Mutters Portemonnaie. Es sei denn, du wärst interessiert an einer Spontanamputation deiner Gliedmaßen. Da hatte der Fachmarkt seine Rechnung aber ohne Adelheid Groth* geschrieben.

NO MONEY, NO CRY….


Das Endergebnis sieht jetzt so aus. Der Tischler kommt und alles läuft so, wie der nette Verkäufer es gesagt hat, bis auf ein klitzekleines Detail. MEINE MUTTER zahlt keinen Cent dafür, natürlich nicht, warum auch. Handwerk kann gerne goldenen Boden behalten, das Material für die Vergoldung würde aber auf keinen Fall von ihr kommen.

RESPEKT MAMA

Die Frau ist unglaublich. Sie hat also Folgendes geschafft. Zuerst hat sie dem Fachmarkt die Montage der Dunstabzugshaube, inklusive der Mitnahme der alten Abzugshaube, aus dem Kreuz geleiert. Das alles gehört dort üblicherweise gar nicht zum Servicepaket. Dann ist alles schief gelaufen, nach den Ursachen wurde nicht geforscht, das wäre wohl nicht im Interesse meiner Mutter gewesen. Dann hat sie den Fachmarkt dazu gebracht, Handwerker für sie zu organisieren und die Kosten für alles zu tragen. Alle Achtung, Mutti, das muss dir erst mal einer nachmachen.

STECKBRIEF

Zu eurem Schutz: Seht ihr im Raum Wandsbek, Hamburg, eine kleine, drahtige Frau um die 85 Jahre, rotblond gefärbte Haare, die Lippen leicht aufeinandergepresst.

GEHT IN DECKUNG! Die Handwerker sind im Übrigen immer noch nicht wieder aufgetaucht…

MEINE MUTTER!

Das Dunstabzugshauben-Drama

Mein Verhältnis zu meiner Mutter ist … komplex. Meine Mutter hat, was unsere Beziehung betrifft, ihre ganz eigene Sicht. Da steht Zwecktauglichkeit eindeutig vor menschlicher Wärme, Nutzen vor Emotionen und der äußere Schein hat einen großen Vorsprung vor der Realität.

Deshalb bin ich sicherlich auch keine Tochter wie jede andere. Ich wollte es sein, sehr lange wollte ich das. Aus heutiger Sicht muss ich sagen, ich habe das viel zu lange versucht. Ich bin ihr einziges Kind, was aus ihrer schrägen Sicht auf die Dinge, irgendwie auch meine Schuld ist.

 Niemals genug sein

Ich bin die Tochter, die eigentlich ein Sohn werden sollte, ein Fehlversuch. Aus heutiger Sicht weiß ich, wäre ich ein Sohn geworden, hätte sie kein Problem damit zu behaupten, sie habe sich immer eine Tochter gewünscht. Gottseidank, hatte ich noch meinen Vater und meine Großeltern. Sie sorgten für meine emotionalen Bedürfnisse und dennoch, es wäre schön gewesen…

Es war manchmal lustig, meistens jedoch anstrengend und schmerzhaft bei dieser Frau aufzuwachsen, und trotzdem möchte ich, dass es ihr gutgeht. Denn sie ist meine Mutter und ich bin anders als sie. Ich möchte nur nicht mehr dafür verantwortlich sein, dass sie glücklich wird. 

Humor macht einiges leichter

Inzwischen versuche ich ihre kinskiesken Auswüchse mit Humor zu nehmen. Ich versuche, aus den vielen inszenierten Alltagskatastrophen diejenigen herauszufiltern, bei denen sie meine Hilfe wirklich braucht. Der Dunstabzugshauben-Vorfall gehört zu diesen Situationen, die ich ausloten muss. Denn sonst wird meine Mutter zu einem Fulltimejob für mich.

DUNSTABZUGSHAUBEN-GATE

Das Telefon klingelt, meine Mutter ruft an: „Hallo, störe ich? *ReineRethorik Also meine Waschmaschine läuft nicht, wegen E03.“ Okaaayyy, ich lasse natürlich geistig den Griffel fallen und versuche zu verstehen. Sie erklärte dann, dass das Wasser nicht abfließen würde und auf der Digitalanzeige der Fehlercode E03 aufleuchten würde. Ich erklärte ihr, wie sie das Flusensieb reinigen kann und das Problem war schnell behoben.

Sie holt aus

Dann kam der eigentliche Grund für den Anruf. Ihre Dunstabzugshaube hat ihren Geist aufgegeben. Und damit ich die Gewichtung dieses Schicksalsschlages auch richtig einsortiere, folgten die üblichen Ausführungen über Lebenshaltungskosten in Mount-Everest-Höhe, immer ginge alles kaputt, das Leben sei so ungerecht, und niemand würde ihr die Müllsäcke an die Straße tragen.

Realitycheck

Nun, das kannte ich ja schon, aber für Euch rücke ich das mal gerade. Meine Mutter lebt allein in einem schuldenfreien 120 Quadratmeterhaus, sie hat zwei recht propere Renten zu ihrer Verfügung und hat bei der Müllabfuhr das Modell gebucht, bei dem ihr die netten Müllmänner Säcke und Tonnen zum Straßenrand transportieren und zurück.

Wir helfen immer gern

Also ich sagte Ihr zu, die Recherchen für eine neue Dunstabzugshaube zu übernehmen, das sei mit Internet, einfacher. Denn ihre Küche sei zwar super in Schuss aber doch sehr alt, so dass man da genau schauen müsse, ob ein modernes Modell auch passe. 

Und dann sagte ich noch, nimm meinen Mann mit zum Einkaufen, dann stimmen die technischen Daten. Habe ich gesagt. In den letzten Jahren hat sich da viel getan. Doch, habe ich gesagt. Und was macht sie?

SIE IST ALLEINE LOSGEZOGEN!

Jetzt liegt eine neue Dunstabzugshaube in der Küche, und die passt nicht unter die Umkofferung der Einbauküche. Der entsprechende Hängeschrank wurde von den Mitarbeitern des Fachmarktes „fachgerecht“ angesägt. Handwerker? Weit und breit nicht zu sehen…Aber hey, sie sagte, ich soll mich da raushalten…


Am Ende, das ist so sicher, wie das Amen in der Kirche, werde ich mich wieder mit allen auseinandersetzen müssen, um den Schaden gering zu halten. Nochmal hey, ich habe ja keine anderen Hobbys. Und wenn ihr jetzt denkt, „die arme, alte Frau“ macht das so, weil sie tüddelig ist, dann habt ihr weit gefehlt, es war noch nie anders mit ihr … 

Ooohmmm, für mich beginnt schon vor dem Frühling die Klangschalensaison…

Dunstabzugshauben-Upgrade

MEINE MUTTER! Again! Das Telefonprotokoll.

1. Anruf, 9.00 Uhr morgens:

Der Fachmarkt hat in Aussicht gestellt, dass er die gekaufte Dunstabzugshaube, sollte sie wirklich nicht passen, kostenfrei bei meiner Mutter abholt und gemeinsam mit ihr eine Passende aussucht und für sie bestellt und anliefert, auch kostenfrei.

Na, das ist doch schon was.

2. Anruf, 10.45 Uhr:

Da war noch was, geht auch schnell… Was fehlt, ist die Info, wann das Subunternehmen seine Handwerker vorbeischickt um das alles festzustellen. Meine Mutter soll die Bedienungsanleitung der alten Dunstabzugshaube bereithalten.

Unzufriedenheit schwingt mit, in der Stimme meiner Mutter. Ich kenne das. Sie hat eine Gabe die Dinge, die ihr zugestanden werden zu ignorieren und sich messerscharf auf die Dinge zu konzentrieren, die noch nicht im Idealbereich liegen. Ich meine ideal, nach ihrer Definition dieses Wortes.

3. Anruf, 11.00 Uhr:

Die Bedienungsanleitung hat sie – natürlich! Schließlich halte sie ja Ordnung. Ist im „Küchenordner“ abgeheftet. Ob ich weiß, wo sie den hingestellt hat?

Ich: „Äh, nein….“  

Sie: „Das hätte ich mir ja gleich denken können …“ *Seufz

Ich denke im Stillen, JA hättest Du aber ich kenne das ja schon… *Seufz

4. Anruf, 11.20 Uhr:

Sie könne den Ordner nicht finden, was mysteriös sei, weil sie ja IMMER perfekt Ordnung halten würde. Da sie ja nun nicht schuld sein kann, an der Misere, braucht es eine andere Schuldige – ratet mal wen – RISCHTISCH, ICKE!

Ich solle mal vorbeikommen und mit suchen. Ich sage nein, ich müsse arbeiten. Wütendes Schnauben am anderen Ende der Leitung. 

Sie: „Na, dann eben nicht.“ Aufgelegt.

Ich ziehe kurz in Erwägung ihre Nummer für diesen Tag zu blockieren, tue es aber nicht, weil sie erstens alt ist, ich Nerven wie Drahtseile habe und es könnte ja doch mal etwas sein…

5. Anruf, 12.00 Uhr:

„ICH. HABE. DEN. ORDNER. IMMER. NOCH. NICHT. GEFUNDEN!“ Ihre Stimmlage klingt wie eine schrille Trillerpfeife mit drohendem Unterton.

Ich: „Er kann ja nicht verschwunden sein. Jetzt koche Dir erst mal eine Tasse Kaffee und beruhige Dich. Es wird Dir wieder einfallen. Bis jetzt haben die Handwerker ja noch nicht einmal angerufen.“

Wer meine Mutter kennt weiß, dass sie nicht beruhigt werden will, sie will einfach nur Recht haben. Wer ihr nicht beipflichtet ist entweder dumm, unfähig oder feige. Ich war das alles schon und ich habe gelernt das möglichst abperlen zu lassen. 

Weil es für sie außer Frage steht, dass man ein ‚Nein‘ zu ihr ernst meinen könnte, fragt sie noch mal nach „Also, kommst Du jetzt?“

Ich antwortete. „Ich habe doch schon nein gesagt. Daran hat sich in den letzten 40 Minuten nichts geändert.“

Mit dem zu erwartenden „Wenn man Dich schon mal braucht…“ legte sie wieder auf.

Und wenn ich ehrlich bin, hoffte ich, es für diesen Tag geschafft zu haben.

6. Anruf, fünf Minuten später:

Ich meldete mich nur mit „Ja, hallo“ und hörte, wie meine eben noch hochgradig gestresste Mutter mit gutgelaunter Stimme sagte: „Hallo, Herr Jannis, also ich wäre dann zuhause, sie können ihre Leute vorbeischicken.“

Ich merkte, wie so ein heißes Gefühl in mir hochstieg, so ein Darth-Vader-ich-bin-Dein-Vater-Feeling.

Ich nahm mein Lichtschwert und einen tiefen Atemzug und sagte: „Hierrr sprrricht Deine Tooochtererer…!“

Man hörte nur noch ein ‚Huch‘ und ein Klicken. Friede kehrt ein….