Sentimental Journey oder Opas Regentonne darf nicht sterben

Mein Mann sitzt auf der Terasse und hört mich, wie ich auf meiner Computertastatur tippe. Er fragt: „Was machst Du gerade?“ Ich antworte: „Ich schreibe über unsere Regentonne.“ Er dreht sich um und wirft mir einen sehr besorgten Blick zu. Sagen tut er nichts, denn er hat schon lange verstanden, wann es besser ist, die Dinge einfach laufen zu lassen. Guter Mann!

Wie sollte ich ihm auch auf die Schnelle erklären, warum mir an einer angerosteten Regentonne, von der gefühlte 5 Schichten Farbanstrich abblättern, so viel liegt. Das ist so ein sentimentales Ding hatte ich gesagt, als wir das Eisenfass aus dem Garten meiner Mutter geholt hatten. „Hmmm“, hatte er dazu gesagt, seinen Blick skeptisch auf mein Objekt der Begierde gerichtet. Meine Mutter wollte das, aus ihrer Sicht, nutzlose und hässliche „Genöök“ entsorgen. Dieser Gedanke hatte meiner Seele einen schmerzhaften Stich versetzt. Schwer zu verstehen – ich weiß.

Nun steht sie in unserem Garten und wartet darauf, dass mir ein zündender Gedanke kommt, welche Rolle sie später in unserem kleinen Gartenparadies spielen darf.

Gonna make a sentimental journey, gonna set my heart at ease …

(Text und Song: Warner Chappell Music Inc.)

Mit der Sentimentalität ist es ja manchmal eine ganz merkwürdige Sache. Während es bei den meisten Menschen Gedanken an ihre erste Liebe, den ersten Kuss oder DAS erste Mal braucht, um sentimental zu werden, genügt bei mir schon ein Blick auf die alte Regentonne meines Opas. Sie ist schon sehr alt und stand ursprünglich bei meinen Großeltern im Garten. Mein Großvater hatte sie einmal getreu seinem Motto „Nur nichts umkommen lassen“, von einer Baustelle mitgebracht.

Mein Opa war Tischler und in der Nachkriegszeit machten er und seine Jungs beim Wiederaufbau unserer schönen Stadt für manches Großprojekt die Fenster, Türen oder Treppen. Wenn Material auf dem Bau entsorgt werden sollte, dann packte mein Großvater zu – natürlich mit Erlaubnis! Oft wurde, wie wir in Hamburg sagen, dabei so’n büschen geschintscht. „Du kannst das einpacken Hans, wenn Du den ander’n Kroam ook wechbringst.“ Eine Hand wusch die andere. Die Tonne, sollte eigentlich auf den Müll. Zuhause überlegte mein Großvater es sich anders. „De Tünn is heil, die geit noch“, sagte er.

Gonna make a sentimental Journey, to renew old memories…

(Text und Song: Warner Chappell Music Inc.)

Ein geeigneter Platz für die Tonne, war schnell gefunden. Hinter dem Wohnhaus meiner Großeltern stand noch ein kleineres zweistöckiges Gerätehaus. In der unteren Etage, war im hinteren Teil der Öltank für die Heizungsanlage eingelagert, im vorderen Teil hatten Rasenmäher, Fahrräder, Heckenschere und alle anderen Gerätschaften ihren Platz. Im Spitzdach des Häuschens, wohnten die Brieftauben meines Großvaters. Er war ein leidenschaftlicher Taubenzüchter. 

An der Rückwand des Gerätehäuschens rankte eine wunderschöne dunkelrote Kletterrose die Wand hoch. Gleich daneben war das Fallrohr der Regenrinne und dort sollte die Regentonne ihren Dienst antreten.

Im Innenhof wurde die Tonne gesäubert, mit Rostschutz versehen und bekam dann ihren ersten Anstrich. Dann stand sie da, in Omas Rosenbeet. Von dem Moment an hatten mein Großvater und ich ein Ritual. Jeden Abend im Hochsommer gingen wir mit unseren Gießkannen zu unserer Regentonne und schöpften Wasser ab. Dann gossen wir die Rosen, Gladiolen, Primeln und was sonst noch so blühte auf Omas reich bepflanzten Beeten. Mein Großvater erklärte mir dann, wie man die einzelnen Pflanzen, die wir begossen hatten, weiter pflegen musste, wie man Samenkapseln abnahm und wann man die neu gewonnenen Samen aussäen musste, damit der Garten im neuen Jahr wieder so schön wurde, wie im vergangenen.

Never thought my heart could be so yearny, why did I decide to roam …

(Text und Song: Warner Chappell Music Inc.)

Als meine Großeltern ihr großes Grundstück verkaufen mussten, weil die Stadt direkt vor ihrem Haus eine Brücke baute, brach für mich meine kleine, heile Welt zusammen.  Meine Großeltern, beide schon über siebzig Jahre alt, kauften sich ein neues, kleineres Grundstück und bauten darauf noch einmal ein Haus. Das war ein schwieriges Unterfangen.  Welche Erinnerungen konnte man in diesem doch schon fortgeschrittenen Alter hinter sich lassen, ohne daran zu zerbrechen? Das alte Haus hatte mein Urgroßvater mit seinen eigenen Händen gebaut und es war dank der guten Pflege meiner Großeltern, noch immer gut in Schuss. Es war eigentlich unersetzbar.

Got my bag, got my reservation, spent each dime I could afford
Like a child in wild anticipation, long to hear that all aboard…

(Text und Song: Warner Chappell Music Inc.)

Doch ich schweife ab. Natürlich nahm Opa die Regentonne mit in seinen neuen Garten. Im hinteren Grundstücksteil hatte er ein Holzhäuschen für seine Tauben gebaut, seine geliebten Tiere zogen natürlich mit ins neue Leben. Die Tonne bekam ihren Platz neben dem Taubenhäuschen und fing nun das Regenwasser auf, dass dort auf das Dach prasselte. So konnten mein Großvater und ich unser Blumen-Gieß-Ritual fortsetzen. Die Regentonne war für mich immer ein wenig mehr als altes Eisen, sie symbolisierte für mich ein Stückchen vom alten Paradies.

Als meine Großeltern verstorben waren, zog meine Mutter in das neue Haus ein. Sie verkaufte die Tauben, was ich verstehen konnte. Wenn diese Tiere nicht die eigene Leidenschaft sind, machen sie einfach zu viel Arbeit. Dann funktionierte sie das Taubenhäuschen zu einem Geräteschuppen um. Das ist bis heute so. Als sie als nächstes die alte Regentonne entsorgen wollte, protestierte ich. Damals studierte ich noch, hatte keinen eigenen Garten und war darauf angewiesen, dass meine Mutter das gute Stück für mich aufhob. Und das tat sie. Eigentlich wundert mich das bis heute, denn meistens setzte sie sich über solche Sentimentalitäten hinweg.

Countin‘ every mile of railroad track that takes me back, gotta take that sentimental journey, sentimental journey home …

(Text und Song: Warner Chappell Music Inc.)

Irgendwann hatte meine Mutter Opas Regentonne dann in Rente geschickt und ein moderneres Wiederverwertungssystem für Regenwasser installiert. Aber sie hatte sie aufbewahrt. Also stand die Regentonne ein paar Jahre gesäubert und gut eingepackt auf der hinteren Terrasse meiner Mutter und wartete darauf, dass ich sie dort wegholte. Jetzt steht sie in der Arbeitsecke unseres Gartens, immer noch gut eingepackt und wartet zusammen mit meinem Mann darauf, dass mir ein zündender Gedanke kommt, was ich nun aus ihr machen werde.

Mir schwirren ein paar wilde Ideen durch den Kopf, ein konkreter Plan fehlt noch, die Entscheidung ist noch offen. Natürlich könnte ich sie schlicht wieder als Regentonne in Gebrauch nehmen, ich möchte aber eine Lösung finden, die ein wenig kreativer ist. Ich könnte einen Bartisch aus ihr machen oder sie bepflanzen, irgendetwas mit Wasser vielleicht … da hinten liegt doch noch ein alter Quellstein … Ihr seht, da sind noch viele Einfälle zu sondieren …

Ach, wisst ihr was – helft mir doch einfach. Schreibt mir eure Ideen zu Opas Regentonne doch einfach in die Kommentare. Mich würde das wirklich freuen…

Glossar

Genöök: Im Norden meint man damit umgangssprachlich unnützes Zeug.

schintschen: Ursprünglich meint das Wort das Handeln und die illegalen Tauschgeschäfte auf dem Schwarzmarkt in der Nachkriegszeit.

Ein Baum voller Erinnerungen

Wie wird wohl dieses Jahr euer Weihnachtsbaum aussehen? Die ersten Möglichkeiten müssen schon bei der Auswahl des Baumes abgewogen werden. Soll er deckenhoch, bodentief sein oder auf einem Tisch stehen? Wird es eine Nordmanntanne, eine Nobilis oder eine Kiefer, mit Ballen oder ohne?

Trendy Tanne in der Nachbarschaft

Glänzt er mit roten und goldenen Kugeln und Omis Lametta? Jede Familie hat da wohl ihre Vorlieben oder ihre Traditionen. Für meine Nachbarin lässt sich bei der Auswahl des Baumschmucks vom aktuellen Designtrend leiten. In diesem Jahr erstrahlt ihr Baum – très chique – in den Modefarben Grau, Schwarz und Weiß. Unterstützt von ein paar geschmackvoll verteilten weißen Engelsflügeln.

Buntes Sammelsurium bei uns

Unser Baum ist nicht schick. Das war er eigentlich nie. Unser Baum ist üppig und macht Spaß. Er ist prall behangen mit glitzernden Motivkugeln, kleinen Holzfiguren und selbstgebastelten Strohsternen. Viele dieser Stücke sind Geschenke gewesen und wurden schon häufig repariert und wieder zusammengeklebt. Mit vielen von ihnen sind schöne Erinnerungen verbunden. 

Der Tannenbaum als dreidimensionales Memoboard

Unser Weihnachtsbaum ist gewissermaßen ein dreidimensionales Memoboard. Da warenOnkel Christophs Besuch im vergangenen Jahr, Oma Delis Paket aus Österreich, bis an den Rand gefüllt, mit köstlichen Weihnachtskeksen. Oder die die turbulente Schneeballschlacht, als unsere Kinder noch klein waren, in unserem Garten. Schon beim Schmücken führen wir diese Weißt-du-noch-Gespräche, und jedem fällt etwas dazu ein. Manchmal, lockert ein Eierpunsch, oder ein steifer Grog die Stimmung noch zusätzlich auf. (Die Lütten sind jetzt ja schon groß…)

Es gibt immer dieses eine, besondere Stück

Meine besondere Liebe gilt einigen uralten Dekostücken, die ich noch als an den Tannenbäumen meiner Großeltern bewundern konnte. Ein aus Holz geschnitzter Eisbär ist mein Liebling. Wenn ich ihn in meinen Händen halte, erinnere ich mich an die liebevolle Stimme meiner Oma. Mein Großvater hatte ihn für meine Großmutter geschnitzt und kunstvoll bemalt. Meine Großmutter hatte ihn mir an unserem letzten, gemeinsamen Weihnachtsfest geschenkt. Er hilft mir, mich zu erinnern, an das gemeinsame Backen mit meiner Omi und die alten Familiengeschichten, die sie mir währenddessen erzählte. Einige dieser Geschichten, habe ich meinen Töchtern auch schon weitererzählt. 

Mein Eisbär bekommt ein Makeover

Dieses Jahr werde ich mir meinen geschnitzten Eisbären einmal vornehmen. Er braucht ein wenig neue Farbe und auch ein bisschen mehr Glitzer bevor er in den Weihnachtsbaum gehängt werden kann. Und irgendwann werde ich ihn weiter verschenken, an meine Enkelkinder.

Ich wünsche euch ein wunderschönes Weihnachtsfest, mit Menschen, die ihr liebt und die euch lieben. Ein paar entspannte Feiertage und viele schöne Erinnerungen. Vielleicht habt ihr ja Lust ein paar von euren schönsten Weihnachtsimpressionen in die Kommentare zu schreiben. Mich würde das sehr freuen.

Vorstadtliebe – Wie alles begann

In mir schlägt ein großes, weltoffenes Herz mit einer kleinen Extrakammer für Spießigkeit, die manchmal ihren ganz eigenen, eigenwilligen Takt anschlägt. Anders ist es wohl nicht zu erklären, denn schon als Kind wollte ich hier wohnen und leben.

Kennengelernt habe ich „meinen“ Vorort durch die zahlreichen Besuche des Volksdorfer Wochenmarktes mit meinem Großvater. Der mochte diesen Markt nämlich ab und an lieber als den in Alt-Rahlstedt. Dort wohnte er nämlich.

Das kann natürlich auch daran gelegen haben, dass mein Großvater als der ansässige Tischler, in seiner Gegend bekannt war, wie ein bunter Hund. Dass meine Großmutter dort ein kleines Ladengeschäft mit Tabakwaren, Zeitungen und allerlei Süßigkeiten betrieb, trug natürlich auch dazu bei. Für meinen Großvater und mich bedeutete das, dass wir von unseren Marktbesuchen manchmal erst zuhause waren, wenn die Markthändler ihre Stände schon abbauten. Musste meine Oma deswegen das Essen warmhalten, war die Ka… am Dampfen.

Mein Opa wurde dauernd angesprochen, „Hans, meine Haus-, Schuppen- Klotür klemmt … hast Du nachher mal n‘ büschen Zeit …“, jeder hatte ein handwerkliches Problem, dass gelöst werden wollte. Wenn mein Opa also seine Ruhe haben wollte, schmiss er sich in Schale, ließ den Transporter stehen und fuhr mit mir im schicken Sonntagsauto, einem Ford Granada zum Wochenmarkt in Volksdorf.

Ich habe die Fahrten sehr genossen, es war alles so schön grün, die Häuser wunderschön. In diesem Ort war es ruhig – ich liebte das. Vorerst verschlug es mich aber in andere Gegenden. Ich wohnte während meines Jurastudiums in Hamburg Barmbek. Dort blieb ich auch noch wohnen, als ich dann als freie Journalistin für das Hamburger Abendblatt in Stormarn arbeitete.

Als klar war, dass ich für mein Volontariat beim Axel Springer Verlag ins Ruhrgebiet ziehen musste, tat ich das Naheliegende. Ich gab meine Barmbeker Wohnung auf, zog zu meinem Freund. Der wohnte – nennt es Zufall oder Schicksal – in Volksdorf. Für die nächsten zweieinhalb Jahre, solange dauerte mein Volontariat, suchte ich mir in Essen eine kleine Zweitwohnung.

Ich war also irgendwie angekommen in der Hamburger Vorstadt. Das hatte, abgesehen von meiner Affinität zu diesem Ort, natürlich auch mit meinem Freund zu tun. Die nächsten zwei Jahre arbeitete ich unter der Woche im Ruhrgebiet und fuhr jedes freie Wochenende nach Hamburg zurück. Kräfteaufreibend? Und wie? Aber in der Nachbetrachtung war es das einzig Richtige. Noch während des Voluntariats heirateten wir und ein paar Jahre später bekamen wir zwei wundervolle Töchter, die uns in der folgenden Zeit noch das Fürchten lehren sollten….