Das mißverstandene NEIN!

Foto: pixaby

Ich bin nun schon älter und meine Töchter sind junge Frauen. Ich hätte mir wirklich gewünscht, dass wir in unserer Gesellschaft weiter wären, als es augenscheinlich der Fall ist. Wünschenswert wäre eine Gesellschaft in der emanzipierte Frauen der Regelfall wären, genauso wie emanzipierte Männer, für die der Begriff Respekt nicht nur untereinander etwas gilt. Ich wünschte mir eine Welt, in der das Miteinander im Vordergrund steht und nicht der Machtkampf zwischen den Geschlechtern, eine Welt in der meine Töchter nicht um ihre körperliche Unversehrtheit oder sexuelle Selbstbestimmtheit fürchten müssten.

Vor allem aber wäre mir wichtig gewesen, meine Töchter in eine Erwachsenenwelt zu schicken, in der sie Schutz und Solidarität finden könnten, wären sie sexuellen Übergriffen ausgesetzt gewesen, in der man ihnen Glauben schenken würde, wenn sie von solchen Übergriffen erzählen würden. Die Ereignisse um einen bekannten deutschen Comedian, dem von seiner Ex-Freundin sexuelle Übergriffe vorgeworfen wurden, zeigen zurzeit erschreckend deutlich, wie wenig unsere Gesellschaft in der Lage ist, Frauen auf angemessene Art und Weise zu begegnen, die von so einschneidenden und schrecklichen Ereignissen berichten.

Der SPIEGEL hat ausführlich über diesen Fall berichtet. Den gesamten Spiegel-Artikel findet ihr HIER. Die junge Frau hatte Anzeige erstattet und die Staatsanwaltschaft hatte den Vorwurf überprüft. Wie der SPIEGEL berichtete, habe die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen wegen Vergewaltigung eingestellt, „weil sie nicht davon ausgehe, dass der Beschuldigte aufgrund der vorliegenden Beweise verurteilt werden würde.“ So und nun dürft ihr mal raten, auf welche Art und Weise dieses Juristendeutsch in der öffentlichen Diskussion interpretiert wird….

Angefangen mit dem beschuldigten Comedian, der sich noch vor der SPIEGEL-Veröffentlichung entschloss, seine bis dahin gewahrte Anonymität aufzugeben und sich auf Instagram in einem Video an seine Fans und Kollegen wandte und sagte: “ … eine Staatsanwaltschaft hat das dann geprüft, sogar eine Generalstaatsanwaltschaft … das ist also in zwei Instanzen geprüft worden … und beide kamen zu dem exakt gleichen Ergebnis, nämlich dass hier kein Tatverdacht vorliegt …“ Was soll ich sagen – ES LEBE DER KLEINE UNTERSCHIED!

Was der Comedian den Staatsanwaltschaften da in den Mund legt, klingt quasi wie ein Freispruch. Das ist aber nicht das, was der SPIEGEL aus der Ermittlungsakte, die der Redaktion nach eigenem Bekunden vorlag, zitiert hat. Nicht davon auszugehen, dass der Beschuldigte aufgrund der vorliegenden Beweise, verurteilt werden würde, heißt NICHT, dass die Frau lügt, etwas erfunden hat oder wie die Verteidigung des Comedians behauptet, „Scheinerinnerungen“ hat. Es bedeutet lediglich, dass zurzeit aufgrund der vorliegenden Beweise kein Urteil gefällt werden kann. Es bedeutet aber auch, dass das Ermittlungsverfahren unter bestimmten Bedingungen wieder eröffnet werden könnte, wenn sich die Beweislage, etwa durch neue Zeugenaussagen, ändern würde. Dieser Einstellungsbescheid stellt weder die Schuld noch die Unschuld eines Beschuldigten fest.

Solche Fehlinterpretationen, warum auch immer man sie veröffentlichen mag, gehören zu den Dingen, die man in solchen Fällen regelmäßig in den sozialen Medien findet. Es wird mit juristischen Begriffen herumhantiert, dass einem schwindelig werden kann, in der Regel leider ohne dass die Nutzer dieser Begriffe wissen, was sie bedeuten, welche rechtlichen Wirkungsraum sie haben und welche rechtlichen Folgen sich daraus ergeben könnten.

Genauso unerklärlich ist mir der Reflex, sich mit Schmackes schützend vor den potentiellen Täter zu werfen und gleichzeitig das potentielle Opfer zu verunglimpfen, ohne zum Beispiel Einblick in die Ermittlungsakte gehabt zu haben. Da genügt offenbar ein „Ich kenne dich schon jahrelang“ für eine Expertise und ein „Bro, ich glaube dir jedes Wort“. Ich frage mich in diesen Fällen immer, warum man sich als Kumpel nicht mal die 4 bis 5 Sekunden nimmt, zu überlegen, was man mit solchen Aussagen, die ja immer implizieren, das potentielle Opfer habe gelogen, wohl mit einer missbrauchten Frau macht, wenn bei dem Lieblings-Buddy wirklich mal etwas schief gelaufen sein sollte.

Bitte nicht falsch verstehen, ich habe großes Verständnis dafür, dass man als Freund*in eines Beschuldigten erst einmal aus allen Wolken fällt und ungläubig ist, weil man diese Person anders kennengelernt hat. Dann sollten diese Menschen ihre Solidarität aber so ausdrücken, dass sie nicht gleichzeitig das potentielle Opfer verunglimpfen. In diesem Zusammenhang wird von Laien oft die „Unschuldsvermutung“, wieder ein juristisches Prinzip, zitiert. Und sie haben recht, ein Täter hat ein Anrecht darauf als unschuldig zu gelten, bis in einem Prozess etwas anderes bewiesen wurde und er rechtskräftig verurteilt wurde (stark vereinfacht dargestellt). Die Unschuldsvermutung fordert, dass dem beschuldigten Mann aus der momentanen Situation keine Nachteile entstehen dürfen. Die Unschuldsvermutung ist aber ganz klar kein Freispruch vom Tatvorwurf und das interpretieren Viele leider falsch.

Was Freunde und Unterstützer potentieller Täter dabei leider häufig außer Acht lassen ist, dass diese Unschuldsvermutung auch für das potentielle Opfer gilt. Genau deshalb sollten diese Leute, die ja auch nur Außenstehende sind und beim Geschehen nicht dabei waren, es tunlichst unterlassen das potentielle Opfer als Lügnerin zu bezeichnen, auch nicht zwischen den Zeilen. Deshalb könnten sie den „Bro“, wenn sie es ernst meinten mit ihrer Freundschaft, trotzdem stärken. Zum Beispiel wenn sie sagen würden: „Junge, egal was damals zwischen euch passiert ist, du bekommst von mir die Hilfe, die du brauchst.“ Habe ich in der Art aber noch von niemandem gehört. Vielleicht weil sich so die Grundbedingungen für die Unterstützung zu drastisch verschieben würden?

Und alles das kann geschehen, weil sich in unserer Gesellschaft immer noch hartnäckig das Gerücht hält, dass wenn es darum geht, Grenzen einzuhalten und Respekt zu zeigen, ein NEIN nicht immer so ernst gemeint ist, dass Frauen eigentlich selber gar nicht wüssten, was sie wollten und was nicht. Solange Befindlichkeits-Sprüche wie, „man weiß ja bald gar nicht mehr, was man darf und was nicht“, gesellschaftstauglich bleiben und dazu führen, dass Männer für ihre Übergriffigkeiten nicht zur Rechenschaft gezogen werden, haben wir noch eine Menge Aufklärungsarbeit vor uns.

Wenn, wie in dem Kölner Fall, die Frau berichtet, der Mann habe sie gepackt und auf dem Bett hin- und her geschüttelt und er habe das hinterher damit begründet, er habe alle negativen Gedanken (sie hatte nein gesagt) aus ihr herausschütteln wollen, wie kann man das auch nur für eine Sekunde als akzeptables Verhalten ansehen. Selbst die abgeschwächte Form, die der Comedian eingeräumt hatte, er habe sie „ganz fest umarmt“ damit alles Negative aus ihr verschwinden würde, ändert an der Ungeheuerlichkeit nichts. Welche abgehobene Arroganz, die Frau sagt nein und anstatt zu sagen, „okay Schatz, dann ein anderes Mal“, treibt man ihr das einfach aus.

Ich frage mich tatsächlich, wie es immer noch sein kann, dass softpornografische Männerfantasien, wie etwa die Behauptung „ein besonderer Blick der Frau habe ihn dazu animiert“, trotz des deutlich ausgesprochenen NEINS, erst richtig loszulegen, mehr Glauben und Verständnis entgegengebracht wird, als der schlüssigen Schilderung einer Frau, darüber wie ein Mann sie brutal missbraucht hat.

Für diejenigen die es nicht verstehen (wollen?), ich erkläre euch das Mal. Im Grunde ist das ganz einfach. Egal wo, egal wann, egal in welcher Situation, ein NEIN ist ein NEIN und keine beliebig interpretierbare Verwirrung eines Mädchens oder einer Frau. Ein NEIN lässt keinen Raum für Irrtümer.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s