Wie weit darf man gehen … ein Pferd und eine Reiterin im Ausnahmezustand

Foto: pixaby

Man hätte ihr das Gold nicht mehr nehmen können…, hieß es übereinstimmend in der Olympia-Berichterstattung. Die Rede ist von Annika Schleu, sie führte nach dem Fechten und dem Schwimmwettbewerb mit 551 Punkten. Hätte sie ein gutes Ergebnis beim Sprungwettbewerb hinzufügen können, wäre ihr die Goldmedaille sicher gewesen. Und dann bekam sie DIESES Pferd. Saint Boy, so hieß das Pferd, war panisch, außer Rand uns Band, nicht mehr zu lenken. Die Reiterin selbst, verlor die Nerven und brach auf dem Rücken des Pferdes, in einen Weinkrampf aus.

Von Zorn und Frustration überwältigt

Angestachelt von der Bundestrainerin, schlug sie wiederholt mit der Gerte auf das Pferd ein, gab ihm die Sporen. Bundestrainerin Kim Raisner feuerte sie an: „Hau mal richtig darauf.“ Und unterstützte ihre Aufforderung mit einem Faustschlag auf die linke Flanke des Pferdes. Doch Saint Boy geriet in Panik und zeigte den Pferdeexperten, dass man mit einem Fluchttier so nicht umgehen darf. Er verweigerte, wie schon bei einer russischen Reiterin vorher, die Hindernisse und rannte mit der heulenden Schleu auf dem Rücken in den nächsten Ochser.

Goldmedaille verloren, den guten Ruf gleich mit

Scheu musste den Springwettbewerb abbrechen … aus der Traum vom Gold. Die Athletin völlig aufgelöst, ob dieses Verlustes, ohne den Blick auf das Leiden ihres Pferdes zu richten. Vor der letzten Disziplin, dem sogenannten Laser Run, einem Kombinationswettkampf, in dem die Disziplinen Laufen und Schießen direkt nacheinander durchgeführt werden, habe sie, so Scheu, ihre Armbanduhr, bei den Trainern abgegeben: „Ich hatte schon gesehen, dass da fiese Nachrichten in meine Richtung angekommen waren. Das war schon heftig … das wollte ich mir vor dem Wettkampf nicht antun…“ Das Prinzip von Rücksichtnahme war ihr also bekannt, sie kam nur nicht auf die Idee, dass Saint Boy das in gleichem Maße verdient hatte wie sie … traurig.

Shitstorm und Drohungen

Um es deutlich zu machen. Dass die Reiterin jetzt in den sozialen Medien bedroht und beschimpft wird finde ich nicht angemessen und es hilft den Pferden nicht. Eine sachliche, an der Realität orientierte Kritik muss aber möglich sein. Wenn Gewalt ausgeübt wird, dann darf man das auch deutlich verurteilen, sonst ändert sich für die Zukunft nichts.

Keine Einsicht, keine Reue

Was mich bei diesem olympischen Reitdrama in der Nachbetrachtung am meisten schockiert und angewidert hat, ist das absolut fehlende Reflektionsvermögen bei der Reiterin Scheu: Die deutschen Reiter seien als einfühlsame Reiter bekannt, die mit den Pferden bonden könnten … sie sei zu keinem Zeitpunkt brutal zu dem Pferd gewesen … die Gerte sei abgepolstert gewesen … man hätte ihr ein Tauschpferd zugestehen sollen … der Tierarzt hätte den Wallach nicht … und letztlich habe sie nur auf Anweisung der Bundestrainerin gehandelt …

Sie sei unter extremen Stress an ihre mentalen Grenzen gestoßen, ist zwar ein Erklärungsversuch für ihr Verhalten, kann aber keine akzeptable Entschuldigung für Gewalttätigkeit sein. Ein Pferd ist ein schätzenswertes Lebewesen und kein Tennisschläger, den mann wütend in die Ecke knallen kann, wenn es mal nicht so läuft, wie geplant.

Das Pferd als unpersönliches Sportgerät

In allen Interviews redet Annika Schleu immer nur von „dem Pferd“, niemals nennt sie den Wallach, den sie geschlagen hatte beim Namen … emphatisch wirkt das nicht. Es wirkt auch nicht so, als habe sie besonders viel Ahnung von Pferden oder wenigstens etwas Zuneigung zu den Tieren. Moderner Fünfkampf habe nichts mit Reitsport zu tun, die Pferde seien nur Transportmittel für die Teilnehmer, eine Bindung zwischen Reiter und Pferd bestünde nicht, kein Vertrauen, man könne „denen“ ebenso einen Roller in die Hand geben, kommentierte Goldmedaillengewinnerin Isabell Werth die Vorgänge beim modernen Fünfkampf und man möchte ihr beipflichten.

Sicher ist, dass das Reglement dieser Sportart grundlegend überdacht werden muss. Die modernen Fünfkämpfer reisen nicht mit eigenen Pferden zu solchen Wettkämpfen an. Die Tiere auf denen sie reiten müssen, sind ihnen gänzlich fremd, trotzdem müssen sie auf dem Parcour zusammen Hochleistungen erbringen. Die Pferde werden den Sportlern zugelost. In der Theorie könnte eine Reiterin wie Annika Schleu auch auf ein Ersatzpferd zugreifen. Allerdings müsste der Turniertierarzt das zugeloste Pferd vorher als nicht einsatzfähig einstufen. Das hat der zuständige Tierarzt in Tokio nicht getan.

Verantwortungsgefühl ist der Schlüssel

Vor diesem Hintergrund scheint es, als sei Annika Schleu Gefangene eines schlechten Regelwerks. Irgendwie ist es sicherlich auch so. Doch das entbindet sie und ihre Kollegen doch nicht von der moralischen Verpflichtung, sich auch um das Wohl der Pferde auf denen sie reiten zu kümmern. In diesem Fall, wäre es nicht wie Schleu es darstellte „die eleganteste Lösung“ gewesen, ihr ein Tauschpferd zur Verfügung zu stellen. Nein. Die eleganteste Lösung wäre es gewesen, sie hätte die Kraft gehabt den Sprungwettbewerb abzubrechen, bevor auch nur der erste Hieb mit der Gerte auf das Hinterteil ihres Pferdes niedergesaust wäre. Das Ergebnis wäre dasselbe gewesen. Keine Goldmedaille aber dafür eine unbeschädigte Reputation.

Es wird Zeit, dass alle an dieser Sportart Beteiligten ihre Verantwortung sehen und ausfüllen. Der Verband, der die Regeln ändern muss, aber auch die Athleten, die sich nicht länger hinter einem mangelhaften Regelwerk verstecken dürfen und nicht zuletzt die Pferdebesitzer, die ihre Tiere für diese Tortur zur Verfügung stellen. Solange das nicht erledigt wurde, sollte der Moderne Fünfkampf, wie ich finde, aus dem olympischen Programm genommen werden.

Was wäre wenn…

Bei allem sollten aber auch wir Zuschauer ehrlich mit uns selber bleiben. Denn was wäre gewesen, wenn Annika Schleu vom Pferd gestiegen wäre und den Wettbewerb abgebrochen hätte? Nun, ich denke, sie hätte wahrscheinlich große Schwierigkeiten in den eigenen Reihen, die Sportberichterstattung wäre gespalten und in den sozialen Medien würden sich Einige aufführen, als habe sie ihnen das Konto leergeräumt … Da fängt dann unsere Verantwortung an, solche Sportler, die auch mal auf eigenen Ruhm verzichten könnten, mit unseren Reaktionen zu stärken.

14 Gedanken zu “Wie weit darf man gehen … ein Pferd und eine Reiterin im Ausnahmezustand

  1. Ich habe es im FS gesehen und gleich gedacht, das darf doch nicht wahr sein. Weitere Äußerungen möchte ich nicht machen. Aber so etwas darf nicht passieren. Wie auch immer die Ausreden sind, ich habe dafür kein Verständnis. Schade, dass Pferde nicht sprechen können. Ich habe aber in die Augen des Tieres gesehen. Das hat gereicht.

    Gefällt 1 Person

  2. Ich war fassungslos, als ich das Interview dieser Person gesehen habe. Ebenso fassungslos, über das Geschehene. Meiner Meinung nach darf sie kein Pferd mehr besteigen, und für mich gehören diese Sportarten, wo Pferde in solchen Disziplinen zu Leistungen getrieben werden, nicht nur überdacht, sondern verboten.

    Gefällt 1 Person

      • Schade nur, dass es immer wieder erst zu solchen inakzeptablen Vorfällen kommen muss. Es macht den Eindruck, als ob nur die (gerechte) Empörung der Medien und der Zuschauer zu Umdenken bei den Funktionären führt. Letztlich die Angst, finanzielle Einbußen zu haben.
        Persönliche Erfahrung: Unsere Tochter war im Reitverein, um die Grundlagen im Reiten und Umgang mit den Tieren zu lernen. Es ist auch nicht so, dass sie überhaupt nichts davon mitgenommen hat, aber als klar wurde, dass sie weder Dressur noch Springreiten möchte, sondern einfach eine gute Zeit mit dem Tier verbringen will, wurde sie in der Abteilung nicht mehr gefördert. Es beginnt früh…

        Gefällt 1 Person

  3. Jede Diskusscheibe, jedes Paar Sprintschuhe, jedes Skateboard und jede Hose der Turnerinnen wird mehr wertgeschätzt, als eines dieser Pferde. Sie scheinen nicht mal ein Sportgerät zu sein, dass man schließlich pflegen muss, um zum Erfolg zu kommen.

    Sie sind noch eine Stufe darunter: ein Hindernis auf dem Weg zum Sieg, der sonst völlig im Können der Athletinnen liegt. Die Pferde sind wie ein nicht beeinflussbarer Stolperstein, ein Ballast!

    Diese Tiere gehören nicht in diesen Sport. Sollen die Ladies doch Skateboard fahren. Das Board können sie dann nachher gegen die Wand werfen und die Fehler am Ende ausschließlich bei sich selbst suchen!

    Gefällt 2 Personen

  4. Wer bitte stellt denn sein Pferd für so etwas zur Verfügung? Da werden Tiere wie Sportgeräte von Ihren Besitzern ausgeliehen? Hauptsache die Kohle stimmt… und das nennt sich dann auch noch Sport. Es geht doch nur um Medaillen und Erfolge. Schon das Gezeter in der Presse darüber wie schlecht „wir“ diesmal abgeschnitten haben. Kein Wunder, dass die Athleten ausrasten, wenn der Erfolg in Gefahr gerät. Traurig.

    Gefällt 1 Person

    • Ja, der berühmt berüchtigte Medaillenspiegel als Ausdruck dafür, ob wir als Nation erfolgreich waren oder nicht. Ich finde das sehr bedenklich. Ich wünschte mir, dass man mehr darüber nachdenken würde, ob „der Sport“ alles dafür tut, dass unsere Sportler diese Lebensphase auch gesund und ohne Langzeitfolgen überstehen. Wie sieht es mit dieser Verantwortung aus?

      Gefällt 1 Person

      • Immerhin machen inzwischen mehr SportlerInnen ihre psychischen Probleme öffentliche. Vor denen habe ich sehr viel Respekt. Auch ein Jahrzehnt nach dem Suizid von Robert Enke sehen Funktionäre und Manager immer noch eher das Kapital als die Menschen. Traurig…

        Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s