Himmel, Donner, Hagelsturm…

Berg und Tal Report 3

Und weiter geht es mit meinen Reisegeschichten ins verschwägerte Nachbarland … ja, ja, Schatz, ich weiß Du bist ein Steirer, es ist Heimat. In dieser Geschichte erfahrt Ihr wieder etwas mehr über das emotionale Nord-Süd-Gefälle in der Seelenlandschaft meiner Familie. Ein wirklich wichtiger Aspekt ist das Wetter. Ich selber habe ein wenig Zeit gebraucht, zu erkennen, dass Regen nicht gleich Regen, Wind nicht gleich Wind und vor allen Hagel nicht gleich Hagel ist. An dieser Stelle richte ich mich an alle angehenden Meteorologen … die Steiermark ist für Euch wie geschaffen…

Trotzt allem würde ich immer noch behaupten wollen, dass dieser Urlaub etwas beschauliches hatte. Vielleicht noch nicht in dieser Folge, also nicht ausschließlich. Finley wuchs über sich hinaus … nein, das war jetzt nicht sarkastisch gemeint … dieses Mal jedenfalls, ist er pappsatt geworden, das Hundi. Natürlich kann ich nicht einen ganzen Sommerurlaub in einem Blogbeitrag zusammenfassen, deshalb müsst Ihr jetzt ganz stark bleiben, es erwarten Euch noch ein paar Folgen. Freut Euch also auf den Beginn einer wundervollen Reise ins Jodelala-Land und lasst Euch nicht die Stimmung verhageln …

„Der Berg ruft“

(Zitat: Louis Trenker 1892 – 1990)

Wenn ein Steirer sagt, „Es kummt a G‘witter“, verändert er seinen ganzen Habitus. Als meine Schwiegermutter das zum ersten Mal zu mir sagte, bekam sie einen leicht gequälten, sorgenvollen Gesichtsausdruck und ihre Pupillen weiteten sich angstvoll. Dann drehte sie sich zu mir um, dämpfte die Stimme und fügte noch hinzu, „An Hoagel wiads a geb’n“. Danach folgten herzerweichende Seufzer, ein paar dahin gehauchte „Jööö’s“, danach erfolgte ein wortloser aber sehr effektvoller Abgang. Da stand ich dann mit diesem Steirerlatein und meiner norddeutschen Seele und dachte … jaaa, und … dann hagelt es eben, meine Güte, das haben wir in Hamburg ganzjährig jeden zweiten Tag, kein Grund theatralisch zu werden.

Doch dann, als hätte die Schwiegermutti es bestellt, färbte sich der Himmel so schwarz, wie in einem Harry-Potter-Film. Ich meine den Teil, in dem die Dementoren auszogen, den guten Hexen, Zauberern und Muggeln die Seele und alles Glücksempfinden aus dem Körper zu saugen. Und als wäre das noch nicht genug gewesen, „Drama-Baby“, schossen Hagelkörner, groß wie Tennisbälle vom Himmel und demolierten im Umkreis von etlichen Kilometern alles, woran das Steirerherz so hing. Die Kürbis- und Obsternte war ernsthaft gefährdet, bei meinen Schwiegereltern waren Fenster und das Dach stark beschädigt worden. Das Gewächshaus war eingeschlagen und im Hochbeet weinte der Feldsalat leise vor sich hin.

„Du sollst die Bergkameradschaft in hohen Ehren halten“

(Zitat: Louis Trenker 1892 – 1990)

Im Stillen leistete ich zähneknirschend Abbitte bei meiner Schwiegermutter und fing an, die Berge von Hagelkörnern mit dem Schneeschieber vom Pool wegzuschaufeln. Mein Autodach hatte ein paar hässliche Dellen davongetragen, die mich fortan immer ermahnten, dass ich besser auf meine Schwiegermutter hören sollte. Jedes ihrer „Jöööö’s“ und jeder jammervolle Seufzer hatten ihre volle Berechtigung gehabt.

„Das allerwichtigste beim Bergsteigen ist, dass man lange lebt“

(Zitat: Louis Trenker 1892 – 1990)

Genauso war es an jenem Tag im Sommer wieder. Meine persönlich Wetterwarnstation, die Schwiegermutti war nicht dabei. Wir saßen mit unserer Tante und unserem Cousin ganz gemütlich im Garten beim Egidiwirt und waren dabei wunderbar zu essen. Unser Sitzplatz lag unter einer herrlichen Pergola, die mit Wein berankt war, die ersten Reben waren schon zu erkennen. Finley hatte es sich gleich neben mir bequem gemacht und lag im Schatten zweier großer Hortensienbüsche. Hach, so stellt klein Erna aus Hamburg sich die Steiermark vor. Doch noch bevor wir aufgegessen hatten, schwärmten die Dementoren aus und brachten die Dunkelheit mit sich. Ich überlegte schon, ob es nicht besser wäre ins Haus zu wechseln. Aber der nette Kellner vom Egidiwirt ließ vom Chef ausrichten: „Naaa, Ihr könnt’s scho sitz‘n bleib’n, des Dach hoalt des aus …“

Was soll ich sagen – es hielt nicht. Schon die ersten Hagelbrocken erzeugten Risse im Plexiglasdach. Finley blieb erstaunlich ruhig, aber er setzte sich auf und warf mir diesen Es-ist Zeit-zu-gehen-Blick zu. Wir wechselten in den Schankraum, dort hatten die Einheimischen inzwischen den Ausnahmezustand ausgerufen. Jeder von Ihnen fragte sich, ob er zuhause alle Fenster geschlossen hatte oder ob nun Bäche von Eiswasser durch ihre Flure und Zimmer flossen.

„Du sollst die Schutzhütte achten, als wäre sie Haus und Heim“

(Zitat: Louis Trenker 1892 – 1990)

„Mei und die Mutter is ganz alloa daheim“, rief eine Frau am Nebentisch. Die Feuerwehr war schon alarmiert und fuhr laufend irgendwelche Einsätze. Die Männer im Schrankraum liefen immer wieder unruhig zur Tür, um einen besorgten Blick auf ihre blitzblank geputzten Autos zu werfen. Wir Norddeutschen hingegen saßen mit stoischer „Es-is-wie-es-is-Haltung“ am Tisch und aßen fertig. Schließlich waren wir inzwischen dellenfest.

Finley entdeckte in diesen Momenten sein bisher verborgenes Talent zum Therapiehund und ging abwechselnd immer zu Denjenigen, die am aufgeregtesten waren. Dann setzte er sich neben sie, stupste sie kurz an und ließ sie sich ihren Stress wegstreicheln. Natürlich ganz uneigennützig, mein Bärchen. Die unzähligen „Mei is der liab“, „Bist a Guada“, „So an Bärli“, „Mogst a Wuascht?“, „Mogst an Kaas?“, dürften bis zum nächsten Steiermark-Urlaub als Sympathievorrat ausreichen.

Gleichzeitig entfaltete sich vor der Tür der Wirtschaft ein Szenario, dass es in Norddeutschland leicht in die Acht-Uhr-Nachrichten geschafft hätte. Bäche von Wasser stürzten die Straße herunter, es kübelte aus Eimern, Hagel, Regen, Schnee, alles durcheinander. Ab und an sah man, wie ein Gartenstuhl oder ein Sonnenschirm von den Wassermassen mitgerissen wurde. Das Wetter machte so laute und bedrohliche Geräusche, dass man sein eigenes Wort nicht verstehen konnte. Radio Steiermark gab alle halbe Stunde eine Warnmeldung heraus.

„Ich brauche keinen Arzt. Ich habe Humor“

(Zitat: Louis Trenker 1892 – 1990)

Und ich schaute sehnsüchtig durch das Fenster auf mein Auto, das gegenüber, schutzlos beim Hofer auf dem Parkplatz stand. Ach ja … hinten war das Fenster heruntergekurbelt … nur ein wenig … Während mein Wagen, seine steirische Taufe bekam, erinnerte ich mich an ein anderes Unwetter. Die Zustände erinnerten mich an den Tornado in Meiendorf und Volksdorf, zwei Jahre zuvor. Da ich die Stimmung in der Wirtschaft auch ein wenig auflockern und die Anwesenden a Bisserl aufmuntern wollte, zeigte ich den Egidigästen meine Tornado-Videos aus Hamburg. So nach dem Motto „Den haben wir schließlich auch überstanden“. Tja, nur soviel dazu, es hat nicht funktioniert, das Aufmuntern.

„Du sollst in den Bergen deine Erziehung und Bildung nicht vergessen“

(Zitat: Louis Trenker 1892 – 1990)

Mein Berlingo hatte jetzt also auch steirische Hagel-Dellen auf dem Dach und der Motorhaube. Ich betrachtete das inzwischen als den steirischen Ritterschlag für meine Autos. Die Rückbank war patschnass … aber hey … inzwischen war es schon wieder warm. Die kommenden zwei Tage stellten wir das Auto in die pralle Sonne, alle Schotten auf und der Rücksitz trocknete wieder. Ein feiner Wasserrand auf den Sitzpolstern, erinnert uns bis heute an jenes Unwetter, irgendein Andenken bringt man ja immer mit aus dem Sommerurlaub.

Auf der Rückfahrt nach St. Lorenzen, betrachteten wir die Landschaft, der Sturm hatte seine Spuren hinterlassen, einige Straßen waren vorübergehend gesperrt. Da saßen wir nun in Shorts und Flipflops und blickten auf Berge von Eis, schräger konnte es kaum noch werden. Auf dem Rücksitz philosophierten meine Pubertiere vor sich hin.

Die Ältere, Mausi sagte: „Alter, das war ja echt heftig.“

Motte: „Kannst Du wohl sagen.“

Finley: „Fiiiep.“

Mausi: „Eigentlich haben wir ja immer Unwetter, wenn wir hierherfahren.“

Motte: „Nö, eigentlich immer nur wenn Mama mitfährt.“

Finley: „Fie…hihihi…hiiiiip.“

Es wiad an Hoagel geb’n…

(Zitat: Schwiegermutti, alterslos)

Das war ja wieder klar. Jetzt war ich auch noch fürs steirische Wetter verantwortlich. Das ging doch wirklich zu weit. Manchmal denke ich allerdings, dass meine Schwiegermutter da auch einen Zusammenhang zwischen mir und den steirischen Unwettern sieht. Oder wie sonst kann ich mir erklären, dass sie jedes Mal, kaum dass ich angekommen bin, sorgenvoll wispert: „Es wiad an Hoagel geb’n…“

Anmerkung der Redaktion:

In dieser Folge wurde kein Name verändert und keine Begebenheit verfälscht oder übertrieben. Es ist alles genauso passiert. Leute das ist mein Leben in Hügeln. Wenn ich damit klarkomme, schafft Ihr das auch. Kleine Info im Sinne der Bergsteigerzunft … ja, ich kenne JEDEN Louis-Trenker-Film, ich weiß genau, wen ich zitiere (Glockenläuten im Hintergrund…). Finley hat in der Wirtschaft schon mal die nächsten 100 Sozialstunden vorgearbeitet … man weiß ja nie, Hund auch nicht … Und an meine liebe Familie: Ihr wisst, ich meine es nicht böse, ich will nur spielen… Ich schreibe das nur schon mal vorsorglich für die noch folgenden Teile der Urlaubsgeschichten.

In der nächsten Woche: Holladriiiööö, Heidifeeling, Herrliche Ruhe … Berg und Tal Report 4

4 Gedanken zu “Himmel, Donner, Hagelsturm…

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