Nachbarn sind ein bisschen wie Gelenkschmerzen…

Aaarghh, was war denn das für ein schriller Ton? Es war Sonntagmorgen, 7.00 Uhr!!!! Hatte da tatsächlich jemand an der Haustür geklingelt? Da schon wieder ein, zwei, drei… FÜNF Mal.

Frau Nörgel agiert sehr bedürfnisorientiert

Ich schnellte hoch und dachte: Das muss die Feuerwehr sein, oder die Polizei, sonst würde sich das niemand trauen. Dohoooch, meine Nachbarin Frau Nörgel, aus der Häuserreihe hinter uns, traute sich das.

Ohne guten Morgen zu sagen, sprudelte es ansatzlos aus ihr heraus: „Ich habe einen Gärtner beauftragt.  Das ist ja eine Zumutung, sie haben ja sicher nichts dagegen, sind bestimmt froh – da kommt eine Hecke hin.“ Sprach es, machte auf dem Treppenabsatz kehrt und entschwand im Morgennebel.

Dichte Nebelschwaden lagen über meinem Bewusstsein…

Ich stand da, wie vom Blitz getroffen. Langsam, gaaanz langsam, drangen die Worte meiner Nachbarin in mein noch ziemlich verschlafenes Bewusstsein. Hecke? Ich bin eine Zumutung?? Und ich bin froh darüber??? Während mein, vor sich hindösendes Selbst, sich aus der Twilightzone ins Jetzt vorarbeitete, ging mein Körper in die Küche und machte dem Rest von mir einen Kaffee.

Hecke? Oh ja, die Hecke

Hecke, Hecke…. langsam dämmerte es mir. Wir hatten gestern die Hecke hinter unserem Grundstück komplett heruntergeschnitten. Sie war völlig verwildert, von Totholz durchzogen und hatte unseren Holzzaun komplett überwuchert. Der erste Schluck Kaffee rann meinen Hals herunter. Ahhh, Koffein durchflutete meine Adern, Adrenalinausschüttung, Wiederbelebung – ICH WAR WACH!

Das Bermudadreieck der Nachbarschaft

NACHBARN!!! Nachbarn sind ein bisschen wie Gelenkschmerzen. Man hat sie, sie sind ständig da und es gibt kein wirklich wirksames Gegenmittel. Manche haben Glück und haben nette Nachbarn. Aus Nachbarschaft kann Freundschaft entstehen….

Meine Nachbarin Frau Nörgel und ich waren keine Freunde. Und die Umfragewerte 2019 sagten, dieser Trend würde sich verstärken. Überhaupt hatten mein Mann und ich das Gefühl, was die Nachbarschaft betrifft, hatten wir das Bermuda-Dreieck bei uns in der Straße erwischt. Die Netten wohnten eindeutig auf der anderen Seite vom Ring.

Ich stelle vor – La Nörgel

Meine Nachbarin, Frau Nörgel war eine Frau in den blühenden Siebzigern. Das drahtige Persönchen war etwa 1,60 groß. Ihre pechschwarz gefärbten Haare, trug sie als schicke Ponyfrisur. Während sie redete, warf sie ihren Haarkranz keck nach hinten und erinnerte mich dabei ein wenig an die Sängerin Mireille Matthieu – den Spatz von Avignon … oder an den Schauspieler Robert Wagner, als er den Prinz Eisenherz spielte. Aber ich schweife ab.

Frau Nörgel legte Wert darauf, geistig nicht einzurosten. Sie besuchte regelmäßig Vorlesungen in Archäologie, an der Hamburger Uni und hielt sich auch sonst auf dem Laufenden. Sie bewegte das Leben und das Leben der anderen bewegte sie und für alles Weitere hatte sie ihren Neffen, der ist Gärtner…

Friede, Freude, Heckenfetischisten

Zwei Tage später sehe ich, wie Frau Nörgel aus ihrer Haustür trat und meine Gartengrenze anvisierte. Das Frühstücksbrötchen hatte sie noch nicht ganz verdaut und schon war sie wieder aktiv, meine Nachbarin. In grünen Gummistiefeln und Aldi-Wachsjacke stand sie vor meinem Gartenzaun und wartete. Da fuhr er auch schon vor, der Sohn ihres Bruders. Er hat eine ganze Wagenladung Gartengeräte bei sich.

Seine Tante wiest ihm, armewedelnd einen Parkplatz zu. Dann lud der Landschaftsspezialist seine Gerätschaften vom Laster. Ich war schon gespannt, was jetzt wohl kommen mochte. In Erwartung eines netten Gesprächs, stand ich an unserem Zaun und wartete darauf, etwas zu hören wie: „Guten Morgen Frau Jaklitsch. Wo an ihre Grundstücksgrenze dürfen wir die Bäumchen denn pflanzen?“ Aber nichts dergleichen …

Schwerstarbeiter quasseln nich‘

Ächzend, mich keines Blickes würdigend, schleppte der Gärtner meiner Nachbarin nicht weniger als 10 mannshohe Kirschlorbeerbüsche vor meinen Gartenzaun und die dort heruntergeschnittene Hecke.

Das ist echt viel Grünzeug, dachte ich. Zog man in Betracht, dass von der 18 Meter breiten Pflanz-Strecke, noch etwa zwei Meter Gartenweg und der Durchmesser eines städtischen Abwassersiels abgezogen werden mussten, passten vielleicht gerade die Hälfte der Lorbeerbüsche in eine Reihe.

Ich holte mir einen Kaffee, stellte ihn auf meine gelbe Tonne und wartete auf die längst fällige Erklärung der Garten-Guerillas… Als Neffe Nörgel wortlos zum Spaten griff und loslegen wollte,holte ich tief Luft und fragte mal ganz unverbindlich nach: „Wo sollen die denn alle Platz finden?“

Don’t insult my Gartenzaun

„Meine Tante will zwei Reihen, damit sie ihren hässlichen Zaun nicht mehr sehen muss“, antwortete der Berufsneffe brummig. Ja, ne is klar, nur keine Hemmungen junger Mann, dachte ich. Mein inneres Oooohmmmmm rang nach Fassung.

Ich merke, dass das Koffein langsam seine Pflicht tat, meine Schläfen begannen zu pochen. Langsam stützte ich mich auf meinem Bonanza-Zaun ab. Mir war schon klar, dass ich mit meinem 70er-Jahre-Zaun bei einem Schönheitswettbewerb keinen Blumenpott gewinnen würde. Aber so nicht, mein Lieber, dachte ich.  Mein Zaun gehört zur Familie!!! Ich holte hörbar Luft. Einatmen …, ausatmen …, einatmen …, ausatmen …

Meine Augen verengten sich zu Schlitzen, meine Stimme wurde betont freundlich: „Passen Sie mal auf, Sie Experte. Das ist ein original Bonanza-Zaun aus den Siebzigern. Sozusagen eine Gartenskulptur! Uhuuuund der wird hier noch stehen, wenn Ihre Tante ihre Siebziger schon längst verlassen hat!“ Es geht doch nichts über eine gepflegte, sachliche Konversation zwischen Erwachsenen.

Ein Gespräch unter Erwachsenen

Was nun folgte, waren Verhandlungen, geprägt von großer Offenheit. Ehrlicher Umgang ist so wichtig, wenn ein Gespräch zielführend enden soll.

Ein Gespräch, auch zwischen Nachbarn, ist laut Wikipedia eine Unterhaltung. An der Gesprächsausübung sind alle beteiligt. Innerhalb dieser Unterhaltung lösen sich unterschiedliche Gesprächsstrukturen ab: Dialog, Geplauder, Zuhören… und ich möchte noch aus meiner Sicht hinzufügen – EXPLODIEREN!!!

Frau Nörgel mischte sich ein und ich dachte, ich höre nicht richtig. „Pflanz’ die Büsche doch einfach davor, Fred“, wies meine Nachbarin ihren Neffen an. Fred der Gärtner zauderte nicht lange und rammte seinen Spaten direkt vor meiner zurückgeschnittenen Hecke in den Mutterboden. „Moooooment mal“, unterbrach ich seinen Arbeitseifer, “das ist doch wohl nicht Ihr ernst, Herr Fred!“ Er guckte mich verständnislos an…

Schlicht und einfach – ein Therapieversuch

Gärtner-Freddy verstand ganz offenkundig nicht, worin der Kern meines Protestes lag und sagte: „Meine Tante will das so!“ Ummpfff!

„Schauen Sie mal“, sagte ich mit meiner Klangschalen-Therapie-Stimme, „die alte Hecke wird wieder ausschlagen, das wissen sie als gelernter Gärtner doch. Und das IST NICHT SCHÖN und unheimlich schwer sauber zu halten – nicht wahr???“ Das sei ihm egal, antwortete der Neffe, er wolle sich das mit seiner Tante nicht verderben. Junge, dachte ich bei mir, hast Du Todesehnsucht? Laut sagte ich: „Sie hören sofort auf zu graben und sperren mal ihre Ohren auf – Beide!“

Die Behördenkeule – völlig wirkungslos

Und: „Der Grünstreifen gehört der Stadt, ist also öffentliches Gelände und darf nicht so zugewuchert werden. Zwischen unseren Häusern müssen mindestens 4 Meter Rettungsgasse freibleiben, damit alte und gebrechliche Menschen, wie ihre Tante ins Krankenhaus abtransportiert werden können.“ Frau Nörgel japst nach Luft…

„Eeeerstens“, kontert Nörgel junior, „ist meine Tante gar nicht krank und überhaupt, wer sagt denn das? Ähh, also das mit dem Abstand?“, will Fred der Gärtner. „Die Baumschutzverordnung, die Hamburger Behörde fürs Management für öffentliche Räume und der gesunde Menschenverstand ….“, antworte ich mit zusammengepressten Zähnen.

Kann man optisch denken?

Mein Gegenüber legte die Stirn in Falten, kräuselte seinen Mund und gab einen leisen Zischlaut von sich. Freddy der Hecken-Fetischist dachte offensichtlich angestrengt nach. „Okiiiidokiiiii“, sagte er. Hoffnung keimte in mir auf. Hatte er verstanden? Würde er nachgeben?

Nein, nicht wirklich. „Na gut BESTE FRAU (das bin dann wohl ich), dann setz ich eben nur eine Reihe. DU (das bin dann wohl auch ich) musst dann eben die alte Hecke kurzhalten.“ Ich lief rot an, mein inneres Oooohmmmmm prügelte auf den Beruhigungsgong ein, vergeblich. Jetzt wollte ich ihm richtig wehtun….

„Jetzt passen Sie mal auf Sie distanzloser Blumenzwiebel-Werfer. Es heißt immer noch Frau Jaklitsch und SIE! Weiß ihr Chef eigentlich, welchen Murks Sie hier in seinem Namen verzapfen?“, schleuderte ich ihm entgegen.

Betretenes Schweigen beim Gartenexperten. Da hatte ich wohl einen Nerv getroffen. Trotzdem buddelte er unbeirrt weiter. Ich fasste einen Entschluss: Erstens brauchte ich einen Schnaps, zweitens musste ich unbedingt die Mistforke wieder abstellen und drittens ….

Busch-Wars – oder die Rache der Eingepflanzten.

Wortlos griff ich zu meinem Handy, machte ein paar Fotos. Von meinem Zaun, der alten Hecke, den neuen Büschen und nahm eine Weile auf Video auf, wie Freddy der Nörgel-Gärtner, hinter meinem Grundstück einen kleinen Regenwald pflanzte. Mit yodaesker Gleichmütigkeit ignorierte ich sein dümmliches Grinsen. Auf seinem Pritschenwagen prangte das Logo seiner Firma, darunter stand auch die Telefonnummer. Ich wählte…

So nämlich!

Die nächste halbe Stunde, verschickte ich ein paar E-Mails und verbrachte meine Zeit im lockeren Gespräch mit Nörgel-Freddys Chef. Kurz darauf klingelte das Handy des Gärtner-Neffens. In den nächsten fünf Minuten wechselte seine Gesichtsfarbe mehrfach von krebsrot zu aschfahl. „Ja Chef…“, stammelte er.

Meine Verhandlungen hatten folgendes Ergebnis hervorgebracht: Fred der Gärtner musste meine alte Hecke ausgraben, danach setzte er in gebührendem Abstand zu meinem Bonanza-Denkmal, fünf Büsche und transportierte nach getaner Arbeit, alles was störte, lautlos und unauffällig, im Pritschenwagen seines Chefs ab. Kosten? Nicht meine Baustelle.

Um es mal mit Yoda zu sagen: „Die Macht des Bonanza-Zauns ich hatte, zerstören sie Dich kann…“

5 Gedanken zu “Nachbarn sind ein bisschen wie Gelenkschmerzen…

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