Elternabend – Die Wahl der Elternvertreter

Einer meiner Lieblingsmomente auf jedem Elternabend ist, wenn der Klassenlehrer sich auf die Mutter aller Eltern-Abend-Fragen vorbereitet. Er fixiert die Elternschaft. Dann geht er, wie zufällig, langsam, schleichend auf die Tür des Klassenraumes zu. Ich erwarte jedes Mal, dass er den passenden Schlüssel zur Tür zückt und uns alle einsperrt. Abstimm-Lock-In sozusagen. Fluchtversuche wurden so, von vornherein im Keim erstickt.

Ein Amt, dem Ihr aus dem Weg gehen solltet

Lehrer Drögeraus räusperte sich, sein Blick sagte deutlich, „jetzt wollen wir doch mal sehen, wer hier wirklich bereit ist, sich zu engagieren“. Die Wahl der Elternvertreter stand an. Das wohl undankbarste, arbeitsintensivste, nervtötendste Amt, dass die Schule an Eltern zu vergeben hat. Ich weiß, wovon ich rede, ich hatte mich in der Grundschule unserer Töchter einmal dazu überreden lassen. ES WAR TRAUMATISCH. Jegliche Objektivität ging flöten und wich einer anarchistischen Guerillamentalität auf allen beteiligten Seiten.

Elternvertreter, die ideale Projektionsfläche für Unmut

Am Ende des Schuljahres ist man aus Elternsicht dann, Diejenige, die wichtige Anliegen der Eltern nicht durchgedrückt hatte, einen arschlangweiligen Schulausflug zugelassen hatte oder wie bei mir, als speziellen Fall, Diejenige, die den Hermann* getötet hatte. Aus Lehrersicht ist man wiederum Diejenige, bei deren Anblick, man sich in das Lehrerzimmer verdrückte. Pfft, als ob mich das jemals aufgehalten hätte. Man ist die Mutter, die für jeden Ausraster eines anderen Elternteils, jeden Leistungsabfall in der Klasse, das Benehmen der Schüler und das Unvermögen mancher Lehrer verantwortlich gemacht wird.

Aus Schaden wird man klüger

Nicht mehr mit mir! Das hatte ich mir geschworen, als meine beiden Töchter auf den weiterführenden Schulen eingeschult worden sind. Ich wollte es ab sofort harmonisch und friedlich – drollig, oder? Inzwischen stand Lehrer Drögeraus vor der Tür, räusperte sich mehrfach und sagte: „Ähm, also … ja, da wäre jetzt eine wichtige Entscheidung zu treffen … bezüglich, der Mitarbeit … also, es müssten sich von Ihnen … Wer von Ihnen wäre denn bereit, die Aufgabe des Elternvertreters im kommenden Schuljahr zu übernehmen?“

Simsalabim und weg waren sie

Ich schmiss gedanklich einen Harry-Potter-Tarnumhang über meinen Kopf. Faktisch sackte ich auf Knopfdruck in mich zusammen. Körpergrößen-Reduktion in Nanosekundenschnelle, der neue Mannschaftssport in den ersten drei Sitzreihen – Synchronschrumpfen, Haltungsnote 10! Erfreulicherweise gibt es in jedem Eltern-Genpool welche, die sich um das Amt des Elternvertreters reißen. 

Ausnahmen gibts immer

Die Familie Kümmermich zum Beispiel. Frau Kümmermich riss den linken Arm hoch, deutete zeitgleich mit dem rechten Zeigefinger auf ihren Gatten und brüllte in die Menge: „Mein Mann macht das!“

Herr Kümmermich errötete bis zum Doppelkinn, heftete seinen stechenden Blick auf vermeintliche Konkurrenten und sagte hoheitsvoll: „Nun, wenn es keine Einwände gibt, dann stehe ich selbstverständlich zur Verfügung.“ 
Alle nickten, wie es aussah, hatten wir einen Kandidaten.

Gegen jedes existierende Wahlrecht

Dann waren da ja noch die Elternvertreter vom letzten Jahr. Sie hatten einen guten Job gemacht. Also warum sollten wir nicht einfach mal überlegen, ob … Und dann beginnt das, was ich immer die Turbo-Demontage nenne. Nirgendwo sonst in dieser Republik wird demokratisches Wahlrecht, so mit Füssen getreten, wie bei der Elternvertreterwahl. Keiner der Anwesenden hatte Lust auf ein langwieriges Abstimmungsverfahren oder eventuelle Stichwahlen. Also stellte Straightforward die obligatorische Vertrauensfrage: „Vielleicht möchte ja einer der bisherigen Elternvertreter einfach weitermachen, oder vielleicht sogar alle?“ 

Schmeicheleien inklusive

Danach passierte Folgendes: Die noch amtierenden Elternvertreter zeigten ein breites, selbstzufriedenes Ich-wusste-das-ich-gefragt-werde-Lächeln. Dann sagte einer sofort zu, mit diesem besonderen Immer-gern-wenn-ich-helfen-kann-Timbre in der Stimme. In diesem Fall war das Frau Sonstkeinehobbys, die wie der Zufall es wollte, direkt neben Herrn Kümmermich saß.

Danke, aber Danke nein

Die anderen Drei wanden sich wie die Aale, und spulten die Zuhause vorbereiteten Absage-Entschuldigungen runter: Berufliche Veränderungen, Umzug in ein mit Internet unterversorgtes Gebiet, neuer Nachwuchs im Anmarsch … Keiner sagte, wie es wirklich war. Nämlich, dass sie lieber für den Rest ihres Lebens barfuß über glühende Kohlen tanzen würden, als sich diesen Mist auch nur für einen weiteren Tag aufzuladen!

Meine Spezialität: Der totale Boykott

Und dann, zu guter Letz, war da die große Gruppe der offenen Verweigerer. Dazu gehörten mein Mann und ich. Natürlich schlug Melissa mich vor, das tat sie immer, nur um mich zu ärgern. Ich lehnte höflich ab und murmelte unzusammenhängende Wortfetzen wie: … bin kein Organisationstalent, … dünnes Nervenkostüm, …muss zur Mutter-Kind-Kur, … organisiere dieses Jahr drei Großdemos gegen das Verbot von Hanfkeksen an öffentlichen Schulen …

Unterstrichen wurden meine Aussagen durch meinen Mann, der passend dazu wahlweise, bedeutungsschwer nickte, einen leidenden Gesichtsausdruck aufsetzte oder mit einem Seufzer meine Hand an seine Brust presste. Wir waren sowas von weg, von der Nominierungsliste …

Kobra, übernehmen Sie

Wie es aussah, hatten Herr Kümmermich und Frau Sonstkeinehobbys die Zeit effektiv genutzt und zwei weitere Mütter dazu bewegen können, sich mit Ihnen als Team zur Wahl zu stellen. Herr Kümmermich schob Drögeraus sanft zur Seite und übernahm mal schnell die Abendmoderation: „Also, wir Vier würden die Aufgaben der Elternvertreter übernehmen. Frau Sonstkeinehobbys und ich als Elternvertreter und Helga Auchmalwas und Gertraud Immerdabei als unsere Vertreter. Um die ganze Sache abzukürzen, frage ich jetzt mal, ist irgendwer dagegen“, er schaute über die Stuhlreihen und sein Blick ließ keine Zweifel aufkommen, dass man ihm besser geben sollte, wonach es ihm gelüstete. Klasse, dachte ich, der Hulk und seine Oger waren unsere Elternvertreter. Das konnte ja amüsant werden.

Demnächst auf diesem Blog: Elternabend – Ihre Kinder sind so…

Glossar:

Der Hermann*-Teig: Hermann, auch Glückskuchen, Glücksbrot und Vatikanbrot, ist ein Sauerteig aus Weizenmehl, der Milchsäurebakterien, Hefe und ein wenig Milch, Pflanzenöl oder Wasser enthält.  Der Teig ist die Grundlage für die sogenannten Hermannkuchen. Das Besondere daran ist, dass sich der Ansatz für den Hefeteig durch Fütterung vermehrt und dabei stabil bleibt. Das liegt an enzymatischen Reaktionen der Hefepilze, die den Teig verändern. (Quelle: Wikipedia)

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