Elternabend – Das Bewertungssystem

Nichts ist so unterhaltsam und schön wie ein Elternabend, abgesehen davon, sich bei einem Helene Fischer Konzert in der ersten Reihe einen Tinitus einzuhandeln.

Sie/Er machte sich mit großem Eifer an die Erledigung seiner Aufgaben… (Zeugnistext, Quelle unbekannt)

Die Leistungsbewertung unserer Kinder war an unserer Schule schon immer ein sehr emotionsgeladenes Thema. Und wenn ich ehrlich bin, beneidete ich Klassenlehrer Drögeraus nicht für seine Aufgabe, uns Eltern, das von der Schulbehörde, neu eingeführte Bewertungssystem zu erklären. Als das neue Zensurenschema auf dem neuen Smartboard erschien, hörte ich schon ein leises Pfeifen im inneren Gehörgang.

Man muss sich Folgendes vor Augen halten. Zu Beginn eines jeden neuen Schuljahres und auch während dieser Zeit, wird diese arme, arme, gebeutelte Schulbehörde *ironieaufvollentouren von den Eltern traktiert. Das Benotungssystem sei unübersichtlich, nicht geeignet für individuelle Auswertungen, zu altbacken, zu schwammig, zu leicht zu missbrauchen, sollte strenger sein oder es sei gänzlich überflüssig.

Engagierte Eltern sind etwas Wundervolles

(Unser Schuldirektor)

Eltern wollen weniger Notendruck für ihre Kinder, die Schule soll ein positiver Erlebnisraum sein. Die gewählten Elternvertreter reichen Gutachten darüber ein, dass die Vergabe einer „Drei“ für eine nur so mittelgute Klassenarbeit stigmatisierend für die Kinder sei, eine „Vier“ hingegen bereits Körperverletzung. Das könne die Elternschaft so nicht mehr dulden und rufe deshalb bei Nichtänderung, zur Eltern-Vollversammlung auf dem Gänsemarkt zusammen – so nämlich.

Die Hardcore-Montesoriker unter den Erziehungsberechtigten fordern sogar die totale Ausradierung eines numerischen Bewertungssystems und wünschen sich für jedes Kind, für jeden Test, jedes Referat und jeden Pups, den der Nachwuchs im Klassenzimmer abliefere, eine individuell abgefasste, schriftliche Bewertung vom aktiven Lehrkörper.

Wir Lehrer haben auch Familie!

(Unser Klassenlehrer)

Das wiederum treibt dann die Lehrer und die dazugehörigen Berufsverbände auf die Barrikaden, denn dafür sei man schließlich nicht Beamter geworden, dass sei zu viel Arbeit, nicht zu schaffen – der Gruppenburnout stehe schon am Schulgatter und winke aufgeregt mit bunten Fähnchen.

The Schulbehörde strikes back

(Han Solo)

Man stelle sich mal diese Misere vor, vor der der Hamburger Senat und seine Beamten in der Schulbehörde stehen. Wie will man da allen berechtigten Interessen gerecht werden? Einerseits hat die Behörde als Dienstherr eine Verpflichtung den Lehrern gegenüber, andererseits will man in der nächsten PISA-Studie ein besseres Ergebnis abliefern und den Bayern nicht wieder die Gelegenheit geben, Plakate mit der Aufschrift „Der Norden ist doof“ herzustellen.

Fällt euch auch was auf? Rischtiiiig! Die Kinder werden bei all diesen Überlegungen schon gar nicht mehr erwähnt. Wir, das heißt unsere Kinder und wir, müssen uns jetzt mit dem herumschlagen, das dabei rauskommt, wenn man in Hamburger Behörden, Beamte fortwährend unter Druck setzt. Was unsere Behörde unseren Kindern nach Klasse 5 und einer laaaangen Sommerpause vor die Füße geworfen hatte, brachte sogar die Lehrer ins Schlingern.

Nichts bleibt wie es ist

(Marc Aurel)

Klassenlehrer Helmut Drögeraus stellte sich vorne an die Tafel, und bevor er überhaupt noch ein Wort gesagt hatte, zuckte er entschuldigend mit den Schultern. Dann erklärte er uns, dass die Schulabschlüsse an den Stadtteilschulen fortan „Erster Schulabschluss“- formerly known as Hauptschulabschluss – und „Mittlerer Schulabschluss“ – formerly known as Realschulabschluss – heißen sollten.

Diese beiden Schulabschlüsse werden als ESA und MSA in die Hamburger Schulgeschichte eingehen. Nur das Abitur sollte weiterhin Abitur heißen, was eigentlich ein wenig enttäuschend war. Dafür hätten sich die Beteiligten nun wirklich auch etwas Nettes, Schwungvolles ausdenken können. In den Stadtteilschulen, eine etwas unübersichtliche Zusammenführung, der vormals bestehenden Haupt- und Realschulen, dann auferstanden aus der Asche, der zwischendurch existierenden Gemeinschaftsschulen, mussten die Schüler für jeden dieser Schulabschlüsse fortan eine Prüfung ablegen, die sich gewaschen hatte.

Wer’s glaubt hat selber Schuld

(Alle Eltern)

Offizielle Argumentation: So würden die Schüler schon mal die Gelegenheit bekommen, sich dem Stress einer realen Prüfungssituation zu stellen. In Wahrheit, das behaupte ich jetzt einfach mal, sollte gesiebt werden. In unserer Klasse, hat letztlich nur 1/3 der Schüler die Zulassung zur Oberstufe bekommen und somit jetzt die Möglichkeit das Abitur zu machen. Ein Schelm, der Böses dabei denkt.

In den Gymnasien gibt es diese Zwischenprüfungen übrigens nicht. Gymnasiasten haben in Hamburg den MSA automatisch mit dem Bestehen der 10. Klasse geschafft. Dafür hat man in den Stadtteilschulen ein Jahr länger Zeit, das Abitur zu machen. Na, da sage ich doch, ein Hoch auf die Gleichbehandlung und Chancengleichheit für unsere Kinder. *yayyyy

Stellt Euch einfach vor, Wilhelm Tell hätte damals nicht getroffen…

(Ich)

Zu den Themen Chancengleichheit und Transparenz sei am Rande noch zu erwähnen, dass es in Zukunft E- und G-Noten geben sollte. Also Unterricht auf E = erhöhtem Niveau, Ziel ist das Abitur, und auf G = grundlegendem Niveau, Ziel sind die beiden anderen Abschlüsse. Ein Beispiel: Bekommt ein Schüler, sagen wir in Deutsch, eine G2, bedeutet das auf Gymnasialniveau eine „5“ und auf Realschulniveau eine „4“. Schreibt er eine E3, bedeutet das auf Gymnasialniveau eine „3“, auf Realschulniveau ist die gleiche Note aber mit einer „2“ vergleichbar. An dieser Stelle darf man als Außenstehender straffrei fragen, ob „Die da“ in der Schulbehörde eigentlich noch alle Tassen im Schrank haben.

Die Gefahr für G-Abschliesser, nämlich dass die Firmen, bei denen diese Schüler sich auf Lehrstellen bewerben, diesen Schulabschluss als zweitklassig einstufen, sehen die Schulbehördler nicht. Was von Dagmar, der Inhaberin einer ortsansässigen Schneiderei so kommentiert wurde: „Absolut weltfremd, natürlich schauen wir, auch erst einmal ob sich auch Abiturienten bei uns bewerben. Als ob Bildungsniveau in unserem Beruf nicht so wichtig wäre.“

Herr, vergib Ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun

(Jesus)

Doch zurück zu unserer Veranstaltung. Lehrer Straightforeward stand vor dem Smartboard mit einem Zeigestock in der Hand und begann mit seinen Ausführungen zum Prüfungssystem: „Also in Stufe 9 kann man den ESA erreichen oder eine Prognose für den MSA in Stufe 10.“ Äh, ja. Uhuuuund weiter geht’s: „Wer durchschnittlich G2 Noten in den Fächern hat, hat den ESA nicht automatisch, äh, oder doch? Da hake ich noch mal nach.“ Ein Vater, der drei Stühle neben mir saß, war eingenickt. Ich hörte ein leises Schnarchen und wartete darauf, dass der Mann jede Minute vom Stuhl rutschen würde.

„Müssen denn wirklich alle Kinder die Prüfungen für den ESA schreiben“, fragte Ulrike, die Mutter der hochbegabten Anne-Sophie. Ihr Ton ließ keinen Zweifel daran, dass die Teilnahme ihrer Tochter an diesem „Niedrig-Niveau-Test“, unter ihrer Würde wäre und einen dunklen Fleck auf der Familienbiografie hinterlassen würde. Diese Frage brachte unseren Deutschlehrer in Erklärungsnöte, er wusste es offensichtlich nicht.

Der rote Faden zieht sich zurück…

(frei nach Goethes Wahlverwandtschaften)

Straightforeward dachte daraufhin laut nach, was die Verwirrung nur noch steigerte: „Also, wenn man den ESA schreibt und besteht, ist alles gut, wenn man eine gute MSA-Prognose hat, braucht man das aber wohl nicht … oder … was wäre, wenn man auf den ESA verzichtet, wegen einer guten MSA-Prognose? Dann aber schlechter werden würde und den MSA nicht schafft? Kann man dann den ESA nachschreiben oder besser den MSA wiederholen … Helmut, hilf mal, weißt Du das?“ Ich hatte kurz den Eindruck, der Mann würde gleich in Tränen ausbrechen.

Unmut ist des Lehrers Lohn

(deutsches Sprichwort frei interpretiert)

Das Publikum hatte mit dem weinerlichen Straightforward kein großes Mitleid und wurde ungeduldig. Es entstand ein allgemeines Geraune: „Schlecht vorbereitet … sowas müssen die Lehrer doch wissen … selber keinen ESA in der Tasche, oder was … wenn die das schon nicht kapieren … wie wollen die zwei Ahnungslosen faire Noten geben …“ Aus der letzten Reihe meldete sich Knut. Knut war Unternehmer, er besaß ein gut gehendes IT-Unternehemn. „Wenn ich meinen Job so oberflächlich erledigen würde, wie Sie hier Ihre Vorbereitungen, zu diesem wichtigen Thema, wäre ich längst pleite. Sowas können sich auch nur Beamte leisten…“, stichelte er.

Ich kann auch anders!

(Lehrer Drögeraus)

Helmut Drögeraus griff ein: „Meine Herrschaften, bitte … Ruhe bitte, so kommen wir doch nicht weiter …“ Er machte ein Gesicht, als wolle er den Papp-Eisenbahn-Waggon mit der Aufschrift, „Wir lassen den Lehrer aussprechen“ von der Wand reißen, um damit die Eltern in der ersten Reihe zu züchtigen. „Wir machen es so“, rief er in die Menge, „alle Schüler aus meiner Klasse schreiben den ESA auf jeden Fall mit. Dann geht nichts schief.“  

Drögeraus sah mit starrem Blick in die Menge und wir Eltern hatten in diesem Moment das subjektive Gefühl, dass wir uns durch unsere Insubordination ein sattes Nachsitzen eingehandelt hatten.  Wir wussten, ein paar unangenehme Themen standen noch an, die Elternvertreterwahl, das Benehmen unserer Kinder, Klassenkasse, Klassenreise, Ausflüge und die vielen Gelegenheiten, bei denen wir Eltern uns einbringen dürfen, finanziell genauso wie mit unserer Manpower. Ich saß da und schickte ein stilles Stoßgebet gen Himmel: „Lieber Gott, mach dass der Hausmeister heute eine Ausnahme macht und die Heizung nicht um 22.00 Uhr abstellt.“

Demnächst auf diesem Blog: Elternabend – Die Wahl der Elternvertreter

2 Gedanken zu “Elternabend – Das Bewertungssystem

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