Elternabend – Die Vorstellungsrunde

Die Elternschaft an sich, bringt neben dem puren Glück die Kinder knuddeln zu dürfen, auch die Verpflichtungen mit sich, die Kleinen zu füttern, artgerecht zu kleiden und für eine gute Ausbildung zu sorgen. Diese Ausbildung soll dann dafür sorgen, dass diese Kinder gut und abgesichert durchs Leben kommen und wiederum sie in die Lage versetzen, selbst Kinder zu zeugen, die sie dann knuddeln, füttern und ausbilden lassen können.

Das ist was wir Eltern wollen, oder?

Ein Nebenprodukt dieses immerwährenden Kreislaufs ist das zweifelhafte Privileg der Teilnahme an Schulfesten, Schulausflügen und Elternabenden.

Wenn bei uns in der Vorstadt Elternabend-Woche ist, legen alle weiterführenden Schulen die Elternabende auf den gleichen Termin, was in etwa die logistischen Fähigkeiten des gesamten Lehrer- und Direktorenkollegiums in unserer Vorstadt wiederspiegelt. Hat man nämlich wie wir, oder auch ein paar unserer Freunde, mehrere Kinder auf unterschiedliche Schulen verteilt, müssten wir uns, um uns überall als engagierte Eltern zu präsentieren, klonen können.

Scotty kann uns nicht beamen

Können wir aber nicht und deshalb ließen wir entweder mal einen dieser unterhaltsamen Abende ausfallen, oder teilten uns auf und traten ohne unsere bessere Hälfte in die jeweilige Kampfarena.

Das brachte mir in der Schule, in der ich nicht antrat, den Ruf einer Rabenmutter ein und mein Mann heimste zeitgleich ein paar Flirtversuche von einigen der anwesenden Solomamis ein. Mein Solo in der anderen Schule brachte mir, die Welt ist ungerecht, leider keine Schäkereien ein. Mich bedachte man mit einem abschätzigen Wenn-Du-nicht-so-ein-Drachen-wärst-wäre-Dein Gatte-sicherlich-hier-Seitenblick. Ich kann hier leider nicht niederschreiben, was ich davon hielt, sonst müsste ich mir mit der Schreibhand den Mund mit Seife auswaschen.

Mein Apotheker hat auch Kinder auf diesen Schulen

Dieses eine Mal waren wir jedoch zusammen unterwegs gewesen. Gottseidank war ich auf diesen Abend gut vorbereitet. Mein Apotheker und ich hatten am Tag zuvor ein Überlebens-Kit zusammengestellt:
20 Kopfschmerztabletten 600 Gramm Ibuprofen Minimum, Rescue Tropfen (schaden können sie ja nicht), Knetball für die Führhand bei aufkeimender Aggression, Hühneraugenpflaster, weil mein Mann mir voraussichtlich mindestens drei Mal auf den Fuß treten wird, um mich ruhig zu stellen. 

Papis Prinzessin und was bekomme ich?

Da saßen wir nun alle, auf unbequemen Holzstühlen. Vor uns standen auf den verschmierten Tischen, Namensschilder, von unseren Kindern liebevoll bemalt. Auf meinem Schild stand in großen schwarzen Buchstaben MAUSI* und das „I“ war verziert mit lustigen Schielaugen. In der unteren, rechten Ecke hatte meine Tochter noch etwas mit Kugelschreiber dazugekritzelt: „Hände weg von meinen Heften, Mutter!!!!!“. Wie niedlich! Auf das Schild für meinen Mann hatte sie in Pink, mit Filzstift die Worte „Papas Prinzessin“ gemalt. Mein Mann schaute beglückt. Das Leben ist sooo ungerecht…

Neue Lehrer, neues Glück oder neue Probleme

Voller Ungeduld warteten wir auf unsere Programmmacher. Es sollte sich ein neues Lehrerteam präsentieren. Davon Einer komplett unerfahren, was das Klassenlehrerdasein betrifft, der Zweite hatte immerhin schon ein Jahr als Kopilot hinter sich. Man hatte ja bereits das eine oder andere, gerüchteweise, von den beiden gehört. Es dürfte spannend werden.

Da kamen sie durch die Tür, jung und dynamisch. Das Profi-Lehrerteam stellte sich vor. „N’Abääänd – mein Name ist Horst Drömldoof und ich bin ihr Lehrer… äh, also der von ihren Kindern. Am besten wir machen eine Vorstellungsrunde. Wer will denn mal anfangen?“ Und dann noch, viel zu spät, um noch höflich zu wirken: „Oh, ach ja, das ist mein Kollege Herr Straithforeward. “ (Anm. d. Red.: Den Original Wortlaut haben wir unkorrigiert beibehalten)
Der ganze Auftritt erinnerte ein wenig an den Ablauf in einer Selbsthilfegruppe …, „Ich bin der Mattis, ich bin ein anonymer Elternversteher….“

Freiwillig sagt hier Keiner was

Der Herr Drömeldoof hatte noch viel zu lernen. In eine Elternrunde so trocken hinein zu fragen, wer denn mal anfangen wolle, und auf Antwort zu hoffen, ist in etwa so erfolgversprechend, wie darauf zu hoffen, dass Donald Trump freiwillig auf die Präsidentschaft verzichtet. Oder anders ausgedrückt, eher würde sich eines unserer Kinder im Matheunterricht melden. Nach einer sehr peinlichen Pause, nahm dann Straightforeward das Ruder in seine Hände: „Also dann beginne ich mal hier vorn, dann geht es rechts rüber, da hinten links weiter, zur rechten Seite und dann so weiter. Bitteschön.“

Er zeigte mit dem Zeigefinger auf einen verdutzten Vater in der ersten Reihe und zeichnete dann zwei anschauliche Karajanbögen in die Luft. Mein Mann raunte mir augenblicklich zu: „Das machst Du!“ Na, danke auch, das Leben ist so … na, Ihr wisst schon. Da wir in Reihe drei saßen, hatten wir ausgiebig Zeit zu lauschen, was die anderen Eltern so sagten. Wenn Ihr mich fragt, es war entschieden zu viel. Es war allerdings schon spannend, welche Charaktere sich hier zusammengefunden hatten.

Der Jochen möchte das alles etwas schneller

Vater Nummer 1, der aus der ersten Reihe, kam gleich zum Punkt. „Ich bin Jochen, Benjamins Vater und ich wäre dankbar, wenn wir das hier kurz machen könnten und möglichst zügig zum Abarbeiten der Tagesordnungspunkte kommen könnten – (peinliche Stille) – äh, das war‘s schon.“ Wie drollig dachte ich bei mir, das war bestimmt sein erster Elternabend. Denn wir erfahrenen Eltern wussten, dass bisher noch jeder Versuch, so einen Elternabend zu beschleunigen, kläglich gescheitert war.

Oh, natürlich hochbegabt – was sonst

Die Vorstellungsrunde ging weiter und der Abend entwickelte sich irgendwie schräg. Es wurde mehr oder weniger eine Mischung aus Cabaret, Straßentheater und unfreiwilliger Situationskomik. Inzwischen waren wir in Reihe Zwei angekommen. Das Wort ergriff Ulrike: „Also wir sind die Eltern von Anna-Sophie, der Paul und ich. Die Anna-Sophie ist hochbegabt.“ Ich verdrehte die Augen. Bisher hatten wir noch in jeder Klasse, mindestens ein hochbegabtes Kind gehabt oder eines, dass seine Eltern dafür hielten. Zutreffend war es bisher nur ein einziges Mal gewesen. Doch lauschen wir Ulrike: „Wir glauben ohnehin, dass Anna-Sophie mindestens eine Klasse überspringen sollte.“ *augenroll Ich glaubte zu diesem Zeitpunkt fest daran, dass Anna-Sophie ihr Elternhaus schnellstens verlassen sollte, aus gesundheitlichen Gründen, aber mich fragt ja keiner.

Die Alleskönner, können sich einbringen – von mir aus

Es ging weiter. „Wir sind der Fritz und die Beate, uns gehört der Max. Also wenn Ihr hier bei irgendwelchen Festen mal Hilfe braucht, meine Frau bastelt und näht und kann klasse backen.“ Das mit dem Backen glaubte ich sofort, hatte der Fritz doch, links und rechts von der Hüfte, ein paar komfortable Extraröllchen angelagert. Was Beate jetzt noch nicht wusste war, dass ihr Mann ihr mit seiner Begeisterung für ihre Kreativität, den Vorsitz sämtlicher Back-, Bastel- und Festausschüsse in den kommenden zwei Jahren eingebrockt hatte.

Ich bin sicher: Das ist der Beginn einer wundervollen Freundschaft

Neben ihnen räusperte sich ein Mann, er war der Nächste. „Ich bin der Vater von Lucia, also auch der Vater, sozusagen der zweite Mann ihrer Mutter, der Anton, also der erste Mann, von Lucias Mama und ich, wir machen das zusammen, also alle drei, mit Lucia natürlich. Alles ganz unkompliziert.“ Irgendwie war mir diese Familie auf Anhieb sympathisch. Mensch, dachte ich spontan, die laden wir bald mal ein, alle.

Es bleibt einem aber auch nichts erspart

Dann kam Melissa, die Mama von Viola. Melissa kannte ich schon aus dem Kindergarten. Melissa kann alles und weiß alles. Sie kann Euch für jeden Fleck das entsprechende Fleckentferner-Prozedere herunterbeten und kennt sich als Bastelqueen mit Klebstoffen aller Art bestens aus. Ich hatte ja den Verdacht, dass sie damals an den Klebstofftuben auch ein wenig herumgeschnüffelt hatte. Viola wird natürlich nachhaltig, vegan ernährt, trinkt nur biologisch kontrolliertes Wasser und trägt Socken aus Merinowolle, die alle fair getradet sind und muss dreimal in der Woche zum Geigenunterricht, obwohl sie lieber Gitarre spielen lernen würde. 

Melissa reißt alles an sich, insbesondere die Erfolge anderer. Außerdem mischt sie sich gerne in Dinge ein, die sie überhaupt gar nichts angehen. Wenn Ihr jetzt den Eindruck gewonnen habt, ich würde Melissa nicht mögen – stimmt auffällig, sie ist ein falsches Aas. Juhuuuu, unsere Kinder sind wieder in einer Klasse, der Feind ist gesichtet – nicht die Mädchen, sondern wir Mütter. Aber das nur ganz nebenbei.

Das Bildungsbürgertum schlägt gnadenlos zu

Es folgten Martina, die sicherstellen wollte, dass ihr Sohnemann Tillmann, die im Kindergarten erworbenen Englischkenntnisse im Englischunterricht zum besten geben darf, damit man „ihn dort wissenstechnisch abholen“ könnte. Ihre Sitznachbarin Susanne wollte gerne wissen, ob es an der Schule eine ausgebildete Krankenschwester gäbe – wir sollten bald alle mitbekommen, warum das für sie wichtig war.

Safety first! Wie viele Alarmsorten braucht der Durchschnittsschüler

Fritjof war der Letzte vor mir und erkundigte sich, ob die Brandschutzvorschriften in unserer Schule eingehalten würden und ob es einen „Amokalarm“ gäbe, der sich vom gemeinen Feueralarm unterscheiden würde – ähja. Dann war ich dran. Ich lächelte ermüdet in die Runde und weil ich das Gefühl hatte, dass es Zeit für etwas Volkstümelei wurde, sagte ich, nur so zum Spaß: „Moooiiiiin. Wi sün Mausis Öllern und totaaal gessspannt, wie es hier weitergeht. Bietet die Schule eigentlich auch Plattdeutsch an?“ Mein Mann biss sich auf die Unterlippe und unterdrückte einen Lacher. In der Reihe hinter uns wurde gekichert.

Der perplexe Straightforeward notierte „Plattdeutsch?“ an der Tafel und murmelte etwas von einer Nachmittag-AG, sprach diesen Punkt während des restlichen Abends aber nicht mehr an. Als sich alle Eltern vorgestellt hatten, machte uns Herr Drömeldoof auf das Catering aufmerksam. „Also, wir haben ein paar Snacks auf den Tischen verteilt und an der Tafel gibt es Tee und Kaffee.“

Fortsetzung folgt

Ich blickte auf unseren Tisch … aber davon will ich Euch im nächsten Teil meiner Elternabend-Geschichten erzählen.

Kleiner Nachtrag:

Soeben erreicht mich die Mail eines befreundeten Anwalts, dem ich meine Geschichten manchmal vorab zum Lesen gebe. Er rät mir, den Namen von Lehrer Drömeldoof zu ändern. Nur für den unwahrscheinlichen Fall, dass die betreffende Person sich zu erkennen glaubt und not amused ist. Also ganz offiziell: Drömeldoof heißt ab sofort Drögeraus. So, netter werde ich nicht.

Demnächst auf diesem Blog: Elternabend – Das Klassenzimmer

13 Gedanken zu “Elternabend – Die Vorstellungsrunde

  1. Muhahahaha! Wunderbar geschrieben! Vielen Dank! Aber ward ihr schon mal auf einem Elternstammtisch? Schulfest? Warten mit anderen Erziehungsberechtigten vor der Turnhalle, bis der Nachmittagskurs in Rhythmischer Bändergymnastik vorüber ist? Oder wenn sich das Kind nicht mit dem falschen Kind, aber mit dem Kinder der blöden Eltern anfreundet?
    Im Übrigen bin ich sowas von froh, dass meine Kinder längst erwachsen sind. Und es erfüllt mich mit einer gewissen Genugtuung, dass sich in den letzten Jahren kaum was verändert hat.
    LG
    Sabienes

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