Fesselspiele in der Vorstadt

Mein Mann und ich sind gute Eltern, wir haben alles im Griff … schon immer … na ja, meistens … wir geben uns Mühe …

Pubertät ist, wenn Eltern ständig alles missverstehen

Wir haben zwei Töchter, die unsere Eltern-Skills, seit sie auf der Welt sind, fast täglich auf die Probe stellen. Als unsere ältere Tochter, nennen wir sie Mausi im zarten Alter von zwölf Jahren verkündete, sie wolle ab sofort mehr Verantwortung übernehmen, hatte ich mich ehrlich gefreut. Bedeutete das, Pünktlichkeit, Fleiß ohne Druck, oder gar ein ordentlich aufgeräumtes Zimmer?

Mitnichten! Als ich vor meinem inneren Auge noch der Vision eines in Rosa getauchten, staubgesaugten Mädchentraums nachhing, eröffnete Mausi uns, sie wolle zukünftig die beiden Nachbarjungen babysitten. Schließlich wolle deren Mutter ja auch mal was für sich selbst tun und nicht immer nur die Kinder hüten.

Was für die Nachbarin gut ist, muss nicht gut sein für Mami

An dieser Stelle sei nur ganz, ganz kurz erwähnt, dass Mausi eine kleine Schwester hatte und sich eher hätte vierteilen lassen, als auch nur eine Minute auf ihr eigenes Fleisch und Blut zu achten. Das ich mich mal um mich selber kümmern wollen würde, kam ihr gar nicht in den Sinn. In ihren Augen hatte ich mit der Kinderbetreuung meine Berufung gefunden und sollte gefälligst meinen Pflichten nachkommen.

Kleiner Tipp: Wir machen alles anders als unsere Eltern – nicht gut …

Doch zurück zur Babysitter-Idee. Mein Mann und ich hatten doch einige Zweifel. War es klug, einer Zwölfjährigen die Aufsicht über zwei achtjährige, extrem aufgeweckte Zwillingsjungen zu übergeben? Mausi jedenfalls hielt das Ganze für eine Spitzenidee: „Das wird cool, und mein Taschengeld kann ich auch aufbessern.“ „Wie niedlich“, dachte ich noch, „sie will mit verdienen…“

Wir ließen sie gewähren, weil sie so zuversichtlich war und auch ein bisschen, weil wir nicht so spießig sein wollten, wie unsere eigenen Eltern…“ Kleiner Tipp für Neu-Eltern: Letzteres darf niemals … ich wiederhole, NIEMALS die Grundlage für eine eurer elterlichen Entscheidungen sein – glaubt mir.

Trotz der gemeinsamen Entscheidung, das flaue Gefühl bei mir im Magen blieb. Damals arbeitete ich noch zu festen Tagen bei einer Hamburger Tageszeitung. Ich saß in der Redaktion und hörte nichts von Zuhause. Aber wie heißt es so schön, keine Nachrichten sind gute Nachrichten – dachte ich jedenfalls.

Hatte er H a n d s c h e l l e n gesagt?

Als ich abends von der Arbeit kam, erwarteten mich eine kleinlaute Mausi. Mein Ehemann lief hektisch hin und her. Das war ungewöhnlich, denn meinen Mann kann so leicht nichts aus der Ruhe bringen.

Ich stand an der offenen Haustür, spitzte meine Lippen in Erwartung eines herzlichen Begrüßungsküsschens. Doch stattdessen rief mir mein Mann ohne weitere Erklärungen die Worte, „Keine Zeit, ich muss die Handschellen durchsägen“, zu. Ich blieb wie angewurzelt stehen. Hatte er soeben HANDSCHELLEN gesagt? Jahaaa, hatte er!!!!

Mausi wird ausgetrickst

Wie sich nun herausstellte, hatten die Zwillinge die Erziehungsversuche meiner Tochter schnell sattgehabt. „Und dann haben sie gesagt, sie wollen verkleiden spielen“, erzählte Mausi. Malte und Torben wollten Räuber und Polizei spielen. Mausi ließ sich nicht lange bitten, „brach“ ins Jugendzimmer ein, und klaute ein paar Playmo-Sachen.

Darauf hatte die Brut meiner Nachbarin offensichtlich nur gewartet. Mausi wurde überwältigt und verhaftet. Kompliziert wurde die Sache, weil sie dafür die echten Handschellen ihres Polizisten-Papis verwendet hatten. Der hatte die Handschellen, wohl als Souvenir bei seinen Jungs gelassen, als er die Mutter seiner Buben vor ein paar Monaten verlassen hatte. Kriegt man für sowas eigentlich den Pensionsanspruch gestrichen?

Wo ist dieser „EINE“ Polizist, wenn man ihn braucht?

Um die Sache für uns „Hinterbliebene“ noch spannender zu gestalten, war er dann nach Kiel gezogen, stand also zum Aufschließen der Fesseln nicht zur Verfügung.

Mein Mann hatte inzwischen sein Heimwerker-Werkzeug an den Handschellen stupfgesägt und stand erschöpft und schweißgebadet vor mir. Mausi blickte ihren Vater, den Helden ihrer Kindheit, an und sagte mit tränenerstickter Stimme: „Du willst jetzt doch wohl nicht aufgeben?“ Sein hilfloses Schulterzucken löste bei ihr einen Heulkrampf apokalyptischen Ausmaßes aus.

Mama macht das schon – nicht

Ich hatte das dringende Bedürfnis etwas Zuversicht zu versprühen und sagte mit meiner Mutti-macht-das-schon-Stimme: „Ich organisiere uns jetzt mal Hilfe.“ Ich schob das Kind aus dem Haus und sagte: „Mausi, wir gehen jetzt mal zu Hans, vielleicht hat der ja eine Idee, wie wir Dich befreien können.“ Doch Mausi sträubt sich: „Ne, kommt nicht in Frage. Das ist doch voll peinlich, wenn meine Freunde mich so sehen.“ Seufzend warf ich ihr eine Jacke über die gefesselten Hände und zerrte sie mit den Worten, „Du musst ihnen ja nicht zuwinken“, in die laue Abendluft. Und was macht sie? Richtig … sie winkt … und leise klötern die Handschellen im Abendwind …

Wer den Schaden hat braucht auf den Spott ….

Hans wohnt bei uns in der Straße und ist der Ehemann meiner Freundin Swantje. Was aber noch viel wichtiger ist, er ist tatsächlich … täterätätätätääää … Polizist.

Ich klingelte an seiner Haustür, Hans öffnete und freute sich, uns zu sehen. „Hey, na wie geht’s?“ Ich zog wortlos die Jacke zur Seite und was macht er? Hans brüllte vor Lachen: „Hahahaaaaa … ernstes Problem, … gurgelhääää … echte Hamburger Acht … …, chhh geh ma gucken, … hmmmpfffhahahaha …“ Drehte sich um und ging in den Keller. Mausi und ich setzten uns dann mal ins Wohnzimmer und warteten auf Befreiung.“

Wenig später kam Hans mit einer Pappschachtel aus dem Keller zurück. In dieser Schachtel lagen unzählige Schlüssel unterschiedlichster Grössen. „Da sind auch noch ein paar alte Schlüssel für Fesseln dabei“, erklärte er uns, „Vielleicht haben wir ja Glück und einer passt.“

Bange machen gilt … doch funktioniert

Hatten wir nicht! Hans riet uns zur nächsten Polizeiwache zu fahren und die Kollegen dort zu bitten, ihre Schlüssel an unseren Handschellen auszuprobieren. „Wenn das nicht klappt“, so Hans, „dann hilft nur noch die Feuerwehr mit ihrer Flex, … hmmmpfffhahahaaa …“ Ich fühlte, wie Mausis angstgeweitete Augen, Löcher in meinen Nacken brannten …

„Komm Mausi, wir versuchen noch Jemanden zu finden, der die Sch…dinger durchsägen kann“, versuchte ich meine Kleine zu beruhigen. Weil sich unser Mißgeschick in der Siedlung bereits herumgesprochen hatte, wartete hinter jeder Haustür, an der wir klingelten schon ein eifriger Heimwerker mit seinem persönlichen Super-Werkzeug.

Nachbarschafts-Werkzeug-Börse – sie lassen uns nicht im Stich

Nachdem nun unsere gesamte Siedlung mit ihren Laub-, Eisen- und Sonst- noch-irgendwas-Sägen an Mausis Armschmuck gescheitert waren und mein Nachbar Jens mit seiner Brechstange vor uns stand, warf Mausi mir ihren DAS-wirst-du-doch-nicht-zulassen-Mutti-Blick zu. Hab’ ich dann auch nicht – obwohl ich schwer in Versuchung war …

Hilft nix, hilft die Polizei

Also packten mein Mann und ich unsere kleine Gefangene ins Auto und fuhren auf das nächstgelegene Polizeirevier. Aus Sicht der diensttuenden Polizisten musste es wohl so ausgesehen haben: Zwei Erwachsene betreten die Wache, am Poppenbütteler Bahnhof in Begleitung einer minderjährigen Schutzbefohlenen. Die Schutzbefohlene zeigte auf Knopfdruck einen bemerkenswerten Hang zur Theatralik und bricht in Tränen aus. Die weibliche Begleitperson entblößt die Hände der Schutzbefohlenen. DAS KIND IST GEFESSELT!!!

BTK auf hamburgisch, da kennt unsere Polizei keine Gnade

Mann oh Mann, können Hamburger Polizisten schnell sein….

In einer Nanosekunde beamten sich zwei Beamte zwischen uns und Mausi.  Eine dritte Polizistin hockte sich vor mein Kind und sagte mitfühlend: „Du bist jetzt sicher. Wie ist das denn passiert?“ Mausi indes, genoss sichtlich die Aufmerksamkeit. Ist doch schön, wenn man elf Jahre alt ist und ernst genommen wird.

Zwischen der Abgabe herzzerreißender Schluchzer, gab sie zu Protokoll:“uääähh…..maxundmoritzhuäähhmichgefsseltunddannnichtwiederaufgeschlossen … heulschluchzhuähhhundMAMA-AUCH-NICHT!…*schneuzzufriedenguck.“ Na danke auch, Tochter!  Plötzlich war Mutti eine der Hauptverdächtigen…

Freundlichkeit bringt einen nicht immer weiter

„Schatzilein, kannst Du der netten Polizistin bitte vielleicht noch sagen, dass Mami für das alles gar nichts kann“, säuselte ich meinem Denunzianten-Kind zu. „SIE habe ich gar nicht gefragt“, donnerte mich die, eben noch so nette, Polizistin an. Ich erstarre, schaue mich vorsichtig um. Was wäre dachte ich, wenn ich jetzt einfach abhauen würde? Das Kind war in guten Händen, der Mann bleibt zum Verhaften vor Ort und ich fahre mit dem Bus nach Hause und kratze schon mal Mausis Taschengeld für die Kaution zusammen….

Mein Mann, mein Prinz, mein Retter

Endlich, die Stimme der Vernunft – mein Mann meldete sich zu Wort: „Bevor das hier aus dem Ruder läuft Herrschaften (hihihi, hat er echt gesagt), erzähle ich Ihnen mal was passiert ist. Also vorab, meine Frau hat uns bloß gefahren.“ Mein HELD!!! Dann reportierte er den Ablauf der Geschehnisse und Mausi nickte beflissen dazu. Ich verschob meine Flucht…

Humor haben sie ja

Die Stimmung im Revier änderte sich schlagartig. Nachdem die diensthabenden Beamten *gluckskicherbrüll ein paar Handyfotos von Familie Fesseldoof fürs nächste Polizei-Grill-Fest gemacht hatten, probierten nach und nach alle Polizisten ihre Handschellenschlüssel aus.

An dieser Stelle ist es wohl mal angebracht den Beamten der drei Schichten zwischen 19.00 Uhr und 2.30 Uhr für die liebevolle Versorgung mit Kaffee, Limo, Keksen und einem Daunenkissen für unsere kleine Delinquentin zu danken. Und mit dem letzten Schwung abgekämpfter Beamter kam er dann durch die Tür, der Schlüssel, der die Freiheit brachte … Klick, Aufatmen….

Das war ein harter Tag

Zuhause angekommen, fiel unsere Tochter todmüde ins Bett. Mausi hatte gelernt, dass man als Zwölfjährige zwar unglaublich cool ist, aber trotzdem von Achtjährigen überlistet werden kann.

Am nächsten Morgen überlegte ich, wie wir uns beim Revier unseres Vertrauens bedanken könnten. Ich schlug vor, ich könnte zwei bis drei Kuchen backen und dort vorbeibringen. „Nein bloß nicht“, riefen beide Töchter, „die sind doch so nett da!“ Tja, das mit dem Backen ist auch so ein Thema bei uns zu Hause.

Aber davon erzähle ich Euch vielleicht ein anderes Mal.

Glossar

Hamburger Acht: Handschellen, auch Handfesseln oder Handschließen, im früheren Polizei- und Vollzugsdienst als Fesselzange (für beidarmige Fesselung) bezeichnet, umgangssprachlich auch Acht oder Achter genannt.

6 Gedanken zu “Fesselspiele in der Vorstadt

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