Abkürzungen oder alle Wege führen nach Rom

Foto: Pixabay
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Man sagt ja, alle Wege führen nach Rom. Diese Redensart meint in der Regel, dass alle Bemühungen, egal wie effizient, mühevoll oder ungewöhnlich sie sind, zum Ziel führen und darum auch Anerkennung verdienen.

Manchmal habe ich da meine Zweifel. Nämlich immer dann, wenn man den Satz beim eigentlichen Wortsinn nimmt, fällt mir auf, dass Frauen und Männer, in der Praxis, etwas ganz Unterschiedliches daraus machen.

Orientierungssinn, Dein Name ist „Mann“

Eine Sache, die Männer ja angeblich mit der Muttermilch eingesogen haben, ist ein untrüglicher Orientierungssinn. Das jedenfalls ist ihre feste Überzeugung, mein Mann ist da keine Ausnahme. Wann immer eine Autofahrt ansteht, und zwar auch wenn ich am Steuer sitze, übernimmt mein Musterexemplar, mit den Worten „Ich kenne da eine Abkürzung“ die Navigation. Der eigentlich simple Weg von A nach B führt bei ihm aus ungeklärten Gründen über X, Y und Z.

Das Wort Abkürzung scheint ein außerordentlich dehnbarer Begriff zu sein. Oder anders ausgedrückt, Männer und Frauen stellen sich unter einer „Abkürzung“ etwas vollkommen Unterschiedliches vor.

Vernunft, Dein Name ist „Frau“

Wir Frauen folgen vernünftiger Weise der eigentlichen Wortbedeutung. Das heißt schlicht, der Fahrweg soll verkürzt werden, Kilometer und vor allem Zeit sollen eingespart werden. Diese weibliche, sehr vernünftige Sichtweise sichert das Einhalten von Terminen und Verabredungen. Außerdem, warum die schöne Zeit für die Anfahrt verplempern? Ich genieße lieber jede Minute an meinem Wunschort.

Abkürzungen bedeuten Abenteuer

Mein Mann hingegen verblüfft mich jedes Mal wieder mit seinen Begründungen, dafür abstruse Schleichwege über Schotter oder Kopfsteinpflaster zu nutzen. Glaubt mir, wenn man auf dem Weg zum Strand, gefühlte 10 Kilometer, auf einem Sandweg, im Schritttempo hinter einem Güllewagen herfahren musste, kostete das fast mehr Selbstbeherrschung als der liebe Gott mir einst mitgegeben hatte.

Ich habe ihn dann freundlich auf seinen Irrtum angesprochen: „Wir wären wohl doch besser geradeaus gefahren.“ Einsicht wäre das gewesen, was die Situation entzerrt hätte. Einsicht? Pah, nicht von meinem Mann!

Bruder Grimm denkt sich was aus

Während der Güllegestank sich inzwischen durch unsere Klimaanlage gearbeitet hatte, sich in jeder unserer Poren festgesetzt hatte und unseren Ausflug auf eine ganz besondere Weise, zu einem sehr individuellen Erlebnis werden ließ, dozierte mein Gatte darüber, warum nun gerade diese Strecke die Beste und Kürzeste gewesen sei. Als ich ihm so zuhörte, fragte ich mich, ob er vielleicht der letzte Überlebende der Gebrüder Grimm sei, so märchenhaft waren seine Erzählungen.  

Es war ein mal ein Plan …

Sein erstes Argument aus Grimms Märchenkiste: „Auf den Hauptstraßen herrscht viel zu starker Verkehr. Dem sind wir erfolgreich ausgewichen.“ Erfolg ist wohl auch so ein Wort, dass beliebig interpretierbar ist, dachte ich bei mir. Die Wahrheit war, dass wir gar nicht wissen konnten, ob es um 7.00 Uhr morgens einen Stau auf unserer Autobahn gegeben hätte. Ich schätze mal, eher nicht. Unser Plan, schon früh am Strand zu sein, bevor die Touristen ihn überschwemmen, zerplatzte mit jeder wabernden Güllewolke wie eine bunte Seifenblase.

Die Parfumerie „Nature“ hat da was im Angebot

Sein zweites Argument aus Grimms Märchenkiste: „Was willst Du eigentlich? Diese Strecke ist landschaftlich viel schöner.“ Ich bin ja nun weit davon entfernt, ein Spielverderber zu sein. Aber das Fahren, zwischen zwei Maisfeldern, in einer meterhohen Wolke aufgewirbelten Sandes, eingehüllt vom betörenden Duft „Eau de Kuhdunk“, ist nicht sehr anregend oder gar schön.  Es war eher so, dass meine Sehnsucht nach frischer Seeluft ins Unermessliche wuchs, gefolgt von dem Bedürfnis nach einem Sauerstoffgerät.

Und wenn sie nicht gestorben sind …

Sein drittes Argument aus der Grimmschen Märchenkiste war dann mein absoluter Favorit: „Ich fahre immer so!“ Na wenn das so ist, da kann man wohl nichts machen. Ich weiß wann es Zeit ist, zu kapitulieren. Und wenn wir nicht gestorben sind, dann fahren wir wohl bald wieder hinter einem Güllewagen her …

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